Die hochbeglückte Mutter aber schloß ihr Kind, das sie nie verloren

hatte und doch erst wieder zurückgewinnen mußte, in ihre Arme, küßte es,

nannte es mit den süßesten Kosenamen und wußte sich nicht zu fassen vor

namenloser Freude.

Klein-Elli lag still in ihren Kissen und lächelte glückselig zu ihr auf.

»Gelt, Mutter, du hast mir vorhin schon was vorgesungen? So wunderschön

hast du gesungen.«

Die Mutter nickte stumm. Und wieder lächelte Elli vor sich hin.

Plötzlich aber kam wieder Schreck und Starrheit in ihre Augen -- sie

hatte den Vater erblickt, der, von der Großmutter geführt, ans Bett

getreten war.

»Vater«, fragte Elli ängstlich, »darf die Mutter jetzt bei uns bleiben

-- immer?«

»Ja«, sagte dieser mit bebender Stimme. »Wir bitten sie darum und lassen

sie nimmer fort.«

Da jubelte die Kleine, legte ihre Aermchen um den Nacken der Mutter und

weinte und lachte. Der Vater aber hatte sich neben der Wiedergefundenen

niedergelassen, ergriff ihre zitternde heiße Hand und führte sie an

seine Lippen. In der Art, wie er das tat, lag sein ganzes Selbst, seine

ganze Seele mit all ihrer Wiedersehensfreude, ihrer Reue und ihrer

stolzen Ergebung.

Und als Frau Hilda sich niederbeugte und froh erschaudernd den Schnee

seiner Haare küßte und ihre Lippen zitternd die seinen suchten, da hatte

sie in ihrer Seele das erhebende Gefühl, einem Manne anzugehören, der

stolz und immer er selbst bleibe, wie er sich auch erniedrigen möge.

Die Großmutter aber war still hinausgegangen und hatte mit dem

Dienstmädchen rasch den Weihnachtsbaum geschmückt, der schon längst im

Hause war. Als sie mit dem schimmernden Baume ins Zimmer trat, da sah

sie, daß die Augen der drei im Glücke Wiedervereinten heller leuchteten,

als alle die Kerzen auf ihrem Baume.

Wie Herr Schoißengeyer zu einem Christkindl kam.

Im Hause Schoißengeyer war kritischer Tag -- ein böser Erinnerungstag

knapp vor Weihnachten. Von früh morgens bis abends war Herr

Schoißengeyer mit verdrossenen Mienen im Geschäfte herumgegangen

-- einsilbig, mürrisch, brummig. Recht machen konnte es ihm heute keiner.

Bei den Mahlzeiten naschte er nur ein wenig -- »grad, daß ma halt was

ißt«. Und nun saß er schon den ganzen Abend schweigend da und rauchte

seine liebe lange Pfeife. Die wenigstens schmeckte ihm -- wenn's nicht

ein großes Kummerrauchen war.

Frau Marie saß an ihrem Tischchen und arbeitete an irgend etwas. Sie

arbeitete überhaupt immer. Von Zeit zu Zeit warf sie einen scheuen

prüfenden Blick nach »dem Herrn«. Dann war's immer, als verbisse sie ein

Lächeln. Es war aber auch wirklich wahr: die Kummermiene stand Herrn

Schoißengeyer geradezu -- komisch. Sie wollte in dieses runde gesunde

Gesicht nicht passen. Die naiv-hochmütig steifen Linien, die das

gewohnte breite selbstbewußte Lächeln unverlöschlich um Mund und

Nasenflügel gezogen hatte, wollten sich durchaus nicht in Kummerfalten

verwandeln. Und doch währte Herrn Schoißengeyers Seelenweh nun schon ein

volles Jahr. Frau Marie sah ihn wieder an.

»Anton!«

»No?«

»Heut is sehr -- sehr kalt draußn«.

»Ja!«

»Und ins Schneim und Stöbern wills halt gar nit aufhörn. Wir wer'n heuer

bald Schneeverwehungen kriegen -- meinst nit?«

»Kann schon sein!«

Nein, so gings nicht. Da hieß es auf einen neuen Gesprächsstoff sinnen.

Es klopfte. Die Tür ging auf und Michl, der Geschäftsdiener, brachte

zwei mit der letzten Post angekommene Briefe. Einen an Herrn, den

anderen an Frau Schoißengeyer. »Der Herr« drehte den seinen bedächtig in

den Händen herum und brummte einmal über das andere Mal! »Die Schrift

söll i kenna.«

»So mach 'hn halt auf!«

»A so! Hm! Ja! Recht hast!« Er öffnete den Brief und meinte mit

Erstaunen in den Mienen, aber mit Gleichmut in der Stimme: »Vom Hannes

is er.« Das war sein älterer Bruder. Der hatte sein Lebtag kein

»schreibendes Geschäft« gehabt und schon mindestens fünfzehn Jahre nicht

mehr an den Bruder geschrieben. Das Lesen der krausen Schrift war recht

mühsam. Dennoch wurde Herrn Schoißengeyers Gesicht trotz zunehmenden

Staunens immer beruhigter. »Na also!« brummte er befriedigt. Frau Marie

achtete nicht darauf. Sie war ganz in _ihren_ Brief vertieft. Und ihr

Gesicht wurde immer trauriger, immer kummervoller.

»Aha!« dachte Schoißengeyer. »Weiß schon!«

Ihm hatte sein Bruder kurz mitgeteilt, daß der Eduard, ihr Neffe, nun

doch zu ihm komme -- zum Herrn Schoißengeyer nämlich. Der hatte vor

langer Zeit den Wunsch geäußert, sein Geschäft wieder einem

Schoißengeyer zu übertragen. Da ihm leider kein Sohn beschieden war,

dachte er an Eduard, seines jüngsten Bruders Rudolf Sohn. Doch der Junge

wollte durchaus studieren, wie sein Vater, der irgendwo Beamter war.

Eduard wies des Herrn Onkels großmütiges Anerbieten damals sehr lieb

zwar, aber ebenso entschieden zurück. Schriftlich natürlich; denn die

beiden Brüder verkehrten schon seit mehr als zwanzig Jahren nicht

miteinander.

Jetzt aber sagte sich Herr Schoißengeyer: »Habs eh gwißt, daß er am End

doh kimmt! Ewi Hunger leidn kann der Mensch ja doh nit!«

Die Beamtenfamilien hungerten nach seiner Ueberzeugung alle. Er allein

von seinen Brüdern hatte es »zu was Ordentlichen gebracht«. »Zu was

Ordentlichem« hieß: Geld, Wohlstand, Reichtum. Er war ein »großer

Weinhändler«, besaß eine umfangreiche Wirtschaft und betrieb nebstbei

Spekulationsgeschäfte, wenn sie sicher waren »und dabei was

herausschaute«.

Wann Eduard komme, sagte des Briefes kurze Nachschrift. »In Eduard

schick i dir gleich, in ein paar Tag ist er dort. Der Obige.«

»Na na!« brummte Herr Schoißengeyer mit behaglichem Lächeln. »Der packts

aber gach an!«

»Hm!«, machte er dann mit einem Blick auf »d' Frau«. _Der_ ihr Gesicht war

just nicht heiter. »Ja ja, der wird halt von der Thildl sein, der

Brief,« dachte er. Und laut brummte er:

»Na -- du? Was? Is halt doh so, wie i allweil gsagt hab' -- han?«

Frau Marie sah unter Tränen auf und nickte nur. Das »wurmte« Herrn

Schoißengeyer.

»Sigst dus!« rief er, »jetzt is's endli amal heraus! Allweil hats

gheißn: »I bitt di, sei doh stad! Sie is ja eh glückli!« Pah! glückli!

Mit so an! Mit so an Hungerleider -- mit so an Maler _kann_ ka Kind aus

an anständigen Haus glückli sein! Hab is nit allweil gsagt? Han? Jetzt

hast du's!« Frau Marie nickte nur wieder.

»Hab i nit recht ghabt? I!« Er war beinahe erfreut darüber, daß er recht

hatte. Und er sollte doch jetzt erst recht traurig sein, da es endlich

erwiesen war, daß Thilde wirklich »kreuzunglücklich« ist, wie er immer

behauptet hatte -- immer! Seine Frau -- du lieber Gott! die hatte

geglaubt, _er_ werde glauben was sie ihm vormache. Sie hatte sogar

geglaubt, er werde am Ende doch nachgeben -- er! Er nachgeben! Das hat

man von einem »richtigen« Schoißengeyer überhaupt noch _nie_ erlebt

-- wirds auch nie erleben! Aufgeregt wiegte er mit ungewohnt großen

Schritten seinen rundlichen Körper durch das Zimmer und schnaufte und

dampfte, daß es Frau Marie endlich doch zu viel wurde. Er wartete nur

auf ihr Losbrechen. Sie aber sagte bloß:

»Aber Toni!« Und es klang so kleinlaut, so lieb, so bittend. Aber das

verfing heute nicht. Je mehr man einem Starrkopf -- »Dickschädl« sagte

Frau Marie -- nachgibt, desto größer wird sein Eigensinn.

»Mm!« machte er nur -- dampfte weiter, stampfte weiter.

»Toni -- du!«

»Mm!«

»Du -- du, hörst -- heimkommen will's.«

»W--a--as?« Jetzt war es aus mit dem Rauchen und Laufen und Trotzen.

Kugelrund wurden seine Augen, kugelrund sein aufgesperrter Mund.

»Heimkommen will's -- ins Vaterhaus? Hawe die Ehre! Gelt, weil's Hunger

leidt, weil's kreuzunglückli is!«

Frau Marie nickte.

»Heut is grad ein Jahr, daß durchgangen is! Durchgangn! Dö Schand! I

wuna mi nur, daß i noh leb! Meina Seel!«

»Na weißt, Toni, durchgangen is eigentli nit!«

»Na sonst was!«

»Sie hat dir's ja vorher gsagt! Und schließlich haben's doch gheirat,

die zwei.«

»Ah so! Deswegn wird die Gschicht aber nit anders! Um ka Haar nit. Aus

is! I will nix mehr wissn von ihr! Sie is dem Windbeutl nachgrennt,

hat'n gheirat ohne Elternsegn, soll's a bei eahm bleibn! In _mein_

Haus ...«

»Aber Toni! I bitt di um allers in der Welt! Schau, jetzt, weil's wirkli

_unglückli_ is! Geh, hast denn gar ka Einseh'n, Mann? Hast denn gar ka

Herz mehr und ka Religion? Geh Toni, sei guat! du bist ja a guata Mann!

Schau, weißt, und es schadt dir, das ewige Aergern, das.«

»Freili schads mir! Freili! Ihr bringts mi noh unter d'Erdn! Du halt's

eh mit ihr -- du!«

Herr Schoißengeyer sah sie wild an. Dann rannte er wieder im Zimmer hin

und her -- dampfte, stampfte, brummte, fuchtelte mit den Händen herum,

schob das »Hausherrnkapperl« ins krause weiße Haar zurück, wieder vor,

kratzte sich hinter dem einen, dann hinter dem anderen Ohr, blieb

endlich stehn und rief, schon wieder rennend:

»Also meinetsweg'n: ja! Soll's in Gottsnam kemma! Gscheita is doh als

bei eahm!«

»O du guata guata Mann!«

Frau Marie war schluchzend aufgestanden, Herrn Schoißengeyer mit

ausgebreiteten Armen nachgerannt -- und an seine Brust gesunken.

»Na so was! Gehst denn nit! Was fallt dir denn ein!«

Sie drehte ihr gutmütiges Gesicht zu ihm auf und lächelte ihn unter

Tränen an.

»Ja Frau! Du lachst ja!« Ganz verblüfft war er.

»Weilst halt so viel guat bist!«

Und ehe er sich »derfangen« konnte, hatte Frau Marie ihre Arme um seinen

feisten Nacken geschlungen und ihm einen kräftigen Schmatz versetzt

-- auf den Mund! »Direkt« auf den Mund! So was! Ganz erschrocken riß er

sich los und wischte sich rasch und kräftig -- den Mund ab. Sprachlos

mit weit aufgerissenen Augen. Da mußte Frau Marie laut auflachen.

»Wie man bei solche Nachrichten lachen kann, versteh i nit!« Er drehte

sich ganz unglaublich schnell um und arbeitete sich brummend zur Tür

hinaus.

Bum! schlug diese polternd zu. So endete der kritische Tag. --

Herrn Schoißengeyers Augen wurden wieder kugelrund vor Erstaunen, als er

seinen Neffen Eduard sah. Der war pünktlich zwei Tage später

eingetroffen. Das war ein Mensch! In dem lebte alles! Und bildsauber war

er: kohlrabenschwarzes Haar, langen schwarzen Bart -- in der Form ein

wahrhaftiger Christusbart -- und Augen! Herrgott, das waren Augen! »Da

spritzt's Feuer nur so aussa!« meinte Herr Schoißengeyer und fügte in

Gedanken stolz dazu: »Ja mir Schoißengeyer -- mir san halt a Raß! Bluat

hab'n ma!«

Ueberhaupt war der ganze Mensch, der Eduard, recht nett und lieb und

überraschend anstellig. Ja selbst vom Geschäft verstand er, wie sich

bald zeigte, etwas ganz vorzüglich: das Weintrinken nämlich. Nicht am

Ende zu viel, das heißt: saufen -- nein! Dazu war er viel zu fein. Er

trank aber den Wein mit der Ruhe und mit den feierlichen Mienen eines

gewiegten Kenners, und gab Urteile ab, die »meistenteils« sogar richtig

waren. Er hatte sogleich heraus, daß der oder der Wein »verschnitten«

war, sprach über »Bukett« und »Kouleur« des Weines wie über ein

gelehrtes Buch, bezeichnete _die_ Sorte ganz richtig als zu »speer«,

_die_ hatte ihm zu viel »Reschn«, _die_ zu wenig »Altl« und alle --

vertrug er vorzüglich. Auch meinte er geheimnisvoll, nun sei er endlich

auf den richtigen Platz gestellt: da könne er seine -- chemischen

Studien praktisch verwerten.

»Du verfluchter Kerl du!« dachte Herr Schoißengeyer, »praktisch

verwerten! Na, ich werd dir geben, dir!«

Sein Geschäft war bisher ein solides. Er half sich höchstens mit

-- Wasser.

Eduards Stube war immer voll mit »Versuchsobjekten«, das heißt feinen

Weinen. Und voll war immer auch sein Kopf -- aber nicht vom Weine,

sondern von allerhand lustigen Schnurren und »Schnacksen«. Die bildeten

eine ständige siegesgewaltige Gefahr für Herrn Schoißengeyers stets

bewährte ernste Würde. Bisher lächelte er nur selbstbewußt: Eduard

lehrte ihn das unbefangene Lachen.

So war eine fröhliche Woche vergangen. Eines Abends aber wurde Herr

Schoißengeyer unbesiegbar ernst. Er schickte Eduard in den »weitesten«

Keller hinaus und wies ihm gewaltig viel Arbeit zu, die heute noch

fertig sein mußte.

An diesem Abend kam stillbescheiden Thilde heim -- die »Durchgebrannte«.

Herr Schoißengeyer »erwartete« die »arme reuige Sünderin« in seinem

Zimmer. Er war innerlich ganz ungeheuer aufgeregt und mächtig gerührt

-- aber zeigen? Nein! Um keinen Preis der Welt! Das gibts nicht! Nach

seiner Ueberzeugung braucht man Kindern nicht zu zeigen, _wie_ gern man

sie hat besonders -- »solchen« nicht. Hm! Auch war es doch gar zu schön

und eine herrlich würdevolle Rolle, so vom hohen moralischen

»Standpunkte« aus einer so armen zerknirschten Sünderin ernste

väterliche Lehren zu geben, ihr huldvollst zu verzeihen und sie dann

emporzuheben in die reine Höhe eigener Sittlichkeit und Moral.

Die Tür tat sich auf und die »reuige zerknirschte Sünderin« kam herein

ge--_gangen_! Wahrhaftig, sie ging ganz aufrecht, so groß sie war, ging,

anstatt demütig hereinzuschleichen oder gleich bei der Tür auf die Knie

niederzusinken. Nur den Kopf senkte sie tief herab zur Brust. Und

stattlich war sie -- Herrgott, war _die_ aber frauenhaft geworden! Herr

Schoißengeyer fühlte mehr Beängstigung als Freude über diesen Anblick.

Denn er wußte: wenn _die_ einmal zu reden anfängt, ist es mit seiner

Würde zu Ende. Die konnte so energisch reden, einem dabei so beharrlich

anschauen, daß einem der Zorn kommen mußte, ob man wollte oder nicht.

Finster drohend sah er sie an. Es begann schon zu »wurln« in ihm -- da

aber kam die Erlösung: Thilde, die Stattliche, die Gefürchtete, die

Streitbare, sie glitt lautlos vor ihm nieder, erfaßte seine Hände und

küßte sie. Dann schlug sie langsam den Blick ihrer großen dunklen Augen

auf und sagte nichts weiter als: »Verzeih mir, Vater«. Alles andere

sagten die Augen.

_Die_ Sprache verschlug dem gestrengen Herrn Vater die Rede. Mit aller

Anstrengung nur rettete er seine Würde und seinen väterlichen Ernst.

Gelassen, feierlich und strenge im Tone, voll Wohlwollen, voll

Herablassung in der Gebärde sprach er: »Steh auf, is alles wieder guat.«

Sie stand auf, ruhig, feierlich, sittsam. Wieder küßte sie stumm des

Vaters gütige Hand. Dem gefiel es im Laufe des Gespräches über die

Maßen, daß Thilde nichts von »ihm« sprach. Er hatte den Menschen nicht

»unters Gesicht« bekommen. Thilde lernte ihn in Wien kennen. Als sie kam

und bat, ob sie ihn dem Vater »bringen dürfe«, schrie dieser, er brauche

ihn nicht zu sehen, er wolle ihn nicht sehen, und wenn er dennoch käme,

dann -- nun ja, dann schmeiße er ihn hinaus. Da zog es der Maler vor,

die Gastfreundschaft des Hauses Schoißengeyer nicht in Anspruch zu

nehmen.

Weniger wollte es dem Vater gefallen, als er bald nach dem feierlichen

»Empfang« in seinem Zimmer Mutter und Tochter in Thildens »Kammerl«

droben fröhlich plaudern hörte -- sogar laut auflachte Thilde.

»Na wart'!« brummte er. »Du wirst jetzt kurz g'halt'n! Du wirst schaun!

Wannst aa a Frau bist -- i bi da Vata!«

Beim Abendessen große Vorstellung zwischen Thilde und Eduard -- große

Augen gegenseitig, großes Schweigen nachher. Selbst Eduard saß heute da,

als hätten auch ihm die dunklen Augen der jungen Frau »d' Red'

verschlagen«.

Der einzige Vergnügte war Herr Schoißengeyer selber.

»Herr Jemine! Das wär was!« dachte er sich. »Wenn am End die zwei ...!«

Ein Schoißengeyer sein Nachfolger -- Thilde dieses Nachfolgers Frau

-- Herrgott, das war was! Ja ja, der Eduard könnt schon derjenige sein,

der den andern aussticht bei der Thildl. Von dem Windbeutel, dem Maler,

brächt er sie dann schon los. In diesem Augenblick verzieh er ihr sogar,

daß sie dem »besseren Anstreicher« zulieb evangelisch geworden war.

Jetzt war das ganz gut. So ging das Losmachen leichter. Aber -- -- aber!

Was wird _er_ zu Thilde sagen, wenn er »das« hört von ihr?! Er war so

solid, der ganze liebe Mensch, und so moralisch -- o!

Aber Kopf hängen lassen, lang simulieren, -- nein! Gleich reden! Ist

besser, besonders bei so etwas. Sonst hinterbringen ihm's die Leut -- und

dann ist's noch schlimmer.

»Du, Eduard -- hm!«

»Was denn Onkel?«

»Waßt was -- gehn ma aufi in dein Zimmer -- da is ma zfad!«

»Bin dabei!«

»Alsdann gehn ma!«

Sie gingen. Draußen platzte der Herr Onkel pustend mit dem verhaltenen

Lachen hervor:

»Hast -- hast's gsehn! _Die_ Gsichter! Die dummen! Und die Augen! Zum

Zerkugeln!«

Eduard lachte aus voller Kehle mit. Herr Schoißengeyer mußte ihn mahnen,

sich zu »derfangen« -- denn beleidigen durfte man »die zwei faden

Frauenzimmer« schließlich doch nicht. Aber warum denn auch er so fad war

heut? fragte er Eduard. Der aber meinte lächelnd:

»Na und du? Warum denn du?«

»Ja i! I hab mein Grund!«

»Welchen, wenn man fragen darf?«

»Ja, das is eben! Kimm nur!«

Droben in Eduards Stube kam er vom Wein aufs Wetter, vom Wetter wieder

auf den Wein, von der Farbe des Weines endlich auf -- die Maler zu

sprechen. Und nun legte er los. So recht nach Herzenslust. Schließlich

verstieg er sich zu der Behauptung, daß »alle diese Maler« miteinander

nicht so viel wert seien als ein einziger von einem ehrlichen Handwerk.

Und überhaupt »alle diese Kinstler und Studierten«.

Eduard schnitt dabei ein Gesicht, als hätte er Essig getrunken. Der

Onkel begütigte rasch: »Nit harb sein, Edi -- bist an Ausnahm!«

»Werd mir's merken!« meinte Eduard darauf und lächelte breit. »Aber

jetzt komm endlich einmal auf deinen Grund!«

Herr Schoißengeyer kratzte sich verlegen hinter dem Ohr. Und je länger

er redete, desto kleinlauter wurde er, desto bedrückter. Denn Eduard saß

da wie ein Klotz, so unbeweglich und so teilnahmslos. Endlich war er

fertig mit seinen Geständnissen und Enthüllungen. Der heiße Schweiß

stand im auf der Stirn.

Aengstlich schaute er Eduard an. Der drehte sein Glas im Kreise. Eine

Weile rechts herum, eine Weile links herum. Schließlich schlürfte er

bedächtig vom goldigen Weine, hielt das Glas gegen das Licht und meinte

gelassen:

»Guter Jahrgang das! Poysdorfer dreiundneunziger -- nicht wahr?«

Herrn Schoißengeyer lief es kalt über den Rücken. Förmlich stecken

blieben ihm die Augen. Eduard schaute eine Weile ruhig vor sich hin,

zündete sich gemächlich eine frische Zigarre an und sagte dann genau in

demselben Tonfall, wie vorhin:

»Bedauerlich! Armes Mädl -- aber schön!«

»Nit wahr?«

»Sehr schön! Keinen schlechten Gusto der -- Herr Maler, hm!«

»Und du -- du bist ja ... hm! Wie sagst allweil: Du bist frei von allen

Vorurteilen ...«

»Das hat dir aber nie recht gefallen.«

»Mein Gott, i! I bin a alter Mann! Aber ...«

»Nun ja. Ich verurteile sie auch nicht!«

»Brav, Eduard! Bist mein Mann! Bist ein Prachtmensch! Geh kumm, heut

stech ma an Rüdesheimer an!«

Beim Rüdesheimer redeten sie noch lange und -- sehr gescheit.

So endete der erste Tag nach Thildens Heimkehr. --

»Ich verurteile sie auch nicht!« Hm hm! Ja ja! Das war nicht bloß

geredet! Er benahm sich auch ganz danach, der Eduard. Eine Freud war's!

Wie er sie nur oft anschaute! Und sie, sie schaute ihn auch an -- so

eigen. Hm. Und einmal wurde sie ganz rot, als er sie so anschaute und

ließ den Löffel in den Teller fallen vor lauter Verlegenheit. O! Wie wär

Herr Schoißengeyer da früher dreingefahren »in solche Unmoralitäten!«

Aber jetzt! Mein Gott, man wird eben auch nach und nach frei von -- den

Vorurteilen. Der Mensch lernt nie aus. Und dann handelt es sich doch um

die Zukunft seines -- Hauses ... und wenn man's genau nimmt, immerhin

auch um die seines Kindes. Jawohl!

Es machte ihm eine große heimliche Freude, den beiden aufzulauern, sie

möglicherweise zu ertappen, zu belauschen und dann zu tun, als hätt er

gar nichts bemerkt, gar nichts gehört. Freilich die jungen Leute waren

sehr vorsichtig. Herr Schoißengeyer fand dies auch ganz begreiflich und

war »allweil gut aufglegt«.

Als er aber eines Tages Eduard beobachtete, wie er der Thilde so

nachblickte, so -- so ... hm! Den Schnurrbart drehte er dabei, pfiff

leise vor sich hin und lächelte so -- so merkwürdig. Wirklich so

merkwürdig. Sonderbar! Höchst sonderbar! Da packte Herrn Schoißengeyer

der helle Zorn und -- die Angst. Wenn der Eduard am End, weil die Thilde

ja doch ... Das wär denn doch! Dann müßte er aber schon! Aber nein! Nein!

So schlecht ist der Mensch nicht. Der gewiß nicht. Er kennt ihn ja

schon: ein ehrlicher Kerl durch und durch! Nichts zu reden weiter.

So meinte auch »d' Frau«, als sie ihn bald danach fragte, ob er denn gar

nichts merke zwischen den Zweien? Frau Marie sah ihn dabei groß an und

lächelte dazu so -- nun auch so eigen, aber doch so lieb, daß er sie

hätte küssen mögen -- wenn sich dies für einen alten ehrsamen Mann

»überhaupt« geschickt hätte.

Das Hausgesinde war mit dem »alten ehrsamen Mann« jetzt sehr zufrieden.

Er tat gerade so, als ob er blind wäre gegen alle Fehler, ging oft leise

pfeifend durch die Räume, wo er sonst Furcht und Schreck verbreitete,

war sogar manchmal -- freigebig und lachte über die dümmsten Witze. Laut

sogar! Ganz gegen alle Würde. Aus alledem »spannten« die Leute etwas. Er

aber merkte, daß sie etwas spannten und war -- auch zufrieden.

So kam Weihnachten heran, die Zeit seligen Gebens und glückseligen

Nehmens, die stille Zeit des Friedens.

Und Friede sollte nun wohl bald einkehren in sein Haus und in sein Herz:

alles stand so, wie es sich Herr Schoißengeyer nicht besser wünschen

konnte.

Am heiligen Abend kam er etwas verspätet von seinen Einkaufgängen

zurück. In manchen Häusern des stillen Städtchens brannte schon der

Weihnachtsbaum.

Als er im Straßenlichte seines ehrsamen Firmaschildes verblichene

Goldbuchstaben schimmern sah, dachte er schmunzelnd:

»Na, vielleicht heißt es bald: »Anton Schoißengeyer und Neffe«.

Vielleicht schon von Neujahr an!«

Er schlich unbemerkt zu der Tür des Zimmers, wo seit alterszeiten her

der Christbaum für die kleinen Schoißengeyer aufgestellt wurde. Und wie

einstens der Knabe so stand nun der alte Mann und Vater an dieser

geheimnisvollen Tür -- und lauschte. Er hatte Eduards Stimme gehört und

gleich darauf Thildens helles Lachen. Jetzt aber rief sie ängstlich aus:

»Ach, Eduard! Ich kann dir gar nit sagen, wie mir ist! Was wird der

Vater sagen! Ach Gott, wenn nur _das_ schon überstanden wär!«

»Ja und Amen wird _er_ sagen, Thildchen! Mein liebes liebes Thildchen!«

Da hielts den Alten nimmer: vollbepackt, wie er war, stürmte er in das

halbdunkle Zimmer, ließ dort die Schachteln und »Packln« polternd

fallen, eilte auf die verblüfften jungen Leute zu und schloß sie in

_einer_ Umarmung an seine Brust.

»Kinder! Kinder!« Mehr brachte er nicht heraus. Dafür aber küßte er zum

erstenmal in seinem Leben ganz aus eigenem Antriebe seine zitternde

Thilde und auch den wahrhaftig mehr als erstaunt dreinblickenden Neffen.

»Ja und Amen! Meinen Segen, Kinder!« Und dann an der offenen Tür:

»Mutter! Frau, Frau! Schnell kimm! 's Christkindl is da! A Verlobung

hat's bracht! A Verlobung!«

Die Mutter kam jetzt sehr erhitzt herbeigerannt.

»Still sein jetzt!« befahl Schoißengeyer fröhlich. »Erst den Baum

anzünden! Dann _red_ i!«

Man gehorchte. Aber merkwürdig kleinlaut machten sich die drei an die

Arbeit. Und allen dreien zitterten die Hände. »Ja 's Glück! 's Glück!«

dachte Herr Schoißengeyer und stellte sich mit sehr viel

Selbstbewußtsein neben den im vollsten Lichterglanze prangenden Baum.

Jetzt aber kam das Zittern an ihn. Ja das Reden! Es ist halt doch immer

eine eigene Sache das! Er wischte sich die Stirn ab, räusperte sich und

begann endlich:

»Alsdann, daß i's kurz mach: ihr seid's verlobt ...« Er stockte: Wie die

Drei da wieder lächelten! Hm! Wenn die Angst lachen könnt, just so müßt

sie lachen, dachte er. Dann aber rief er beleidigt:

»Na! I red nix mehr! Oes lachts mi ja aus alle miteinander!«

»Aber nein, Vater!« sagte jetzt Thilde mutig. »Wir lachn ja nur, weil

-- weil ... Weißt Vater, weil _du uns_ zwei _verloben_ willst ...«

»_Uns_ zwei! _Uns_ zwei! Was sagst denn das so? Und is das was zum

Lachen?«

»Aber ja! Natürlich, Vater! Wir zwei, wir sind ja nämlich schon längst

-- verheiratet ...«

»Wa--as ...?«

»Ja, Vater! verzeih -- das ist nämlich _mein_ Eduard -- der Eduard

Flemming, der Maler ...«

Herr Schoißengeyer sah Thilde sehr bedenklich an und machte dann, gegen

die Mutter gewendet, eine Handbewegung nach der Stirn, als wollt er

sagen: »Mir scheint!«

Frau Marie aber trat zu ihm hin und sagte sehr lieb und sehr befangen:

»Ja, Toni -- es ist so, wie sie sagt.«

»Macht's kan dummen Spaß mit mir! Hört's! Der Hannes, mein Bruder hat

doch gschriebn!«

»War einverstanden!«

»Und der Rudolf, in Eduard sein Vater?«

Weihnachtserzählungen · 第 3 / 10 段