Die Mutter verstand, schloß das aufgeregte Töchterlein warm an ihre

Brust und flüsterte ihr zu, das Christkind wollte ganz gewiß nur sehen,

ob es den Kindern auch wirklich leid tue, wenn sie nicht mehr fänden,

was ihnen allein gehöre. Das sagte Elli schnell und insgeheim den

Brüdern. Die brachen in lautes Freudengeschrei aus und Otto wurde zum

Propheten: über eine Nacht, und das Christkind könne wiederbringen, was

sie so liebten -- heute noch vielleicht! Der Mutter Augen begannen zu

leuchten und froh und hell wurde wieder ihre Stimme. Lächelnd rief sie

den staunenden Gatten und die hoffnungsbelebten Kinder zum Abendmahle.

Als nachher die drei kleinen Ruhelosen wieder in das Zimmer traten, wo

der Baum stand, brach ein Jubel los sondergleichen: droben am Baumgipfel

glänzte der alte liebe Stern und wehte und bewegte sich seltsam

geheimnisvoll wie immer. Und unter ihm grüßte das liebe altgewohnte

Christkindlein nieder, fröhlich wie noch nie. Und Elli fand ihre Puppe,

Otto seinen flugkühnen Sonnenvogel und Norbert den stolzen Hahn mit dem

abgebrochenen Schnabel. Der Elefant war da, die langhalsige Giraffe, der

dräuende Wal und alles andere auch, wie immer zuvor. Und nun sank echte

tiefe heilige Weihnachtsstimmung in die Seelen der Kinder und der

Eltern.

Frau Herma aber ging leisen Schrittes und befreiten Herzens auf Konrad,

ihren Gatten zu, der, von den Rauchwolken seiner Zigarre schier

traumhaft umhüllt, in einer halbdunklen Zimmerecke sinnend saß. Wie

hatte er sich, gebefroh, auf diesen Weihnachtsabend gefreut -- den

ersten ohne Gegenwartssorgen und ohne Bangen für die Zukunft! Und jetzt?

Jetzt war ein Mißklang in den Festjubel gekommen, hatte ein kühler Hauch

den Glanz des Abends getrübt. Ein Mißklang? fragte er sich selbst und in

seinem Herzen regte es sich warm und weich; abwehrend aber stellten sich

trotzige Gedanken davor.

Da kam Frau Herma und lächelte ihn an. Wie leichtes Gewölk im

Sonnenbrande verschwanden nun jene glückfeindlichen Gedanken und sein

Herz tat sich auf -- weit und froh und tief. Aber er verhielt sich

still, sah nur das sonnige Lächeln, das er so sehr kannte. Hatte es ihm

doch früher so oft die Kraft gegeben, alles von sich abzuschütteln und

rüstig weiterzuschreiten -- trotzmutig der ungewissen Zukunft entgegen.

Sie erfaßte seine Hand und drückte sie warm. Dabei flüsterte sie: »So

soll es immer bleiben -- nicht wahr?«

»Ja!« antwortete er schnell und setzte hastig hinzu: »Ich schäme mich.

Früher war unser Empfinden bedroht von Sorg' und Kummer, die auf das

Gemüt wirken wie Frost und Reif auf die Blumen und Saaten -- und jetzt,

jetzt hätt' ich bald den Mehltau des platten Philistertums darüber

geschüttet. Verzeih mir! Es waren das die Bocksprünge des

Glückberauschten, der Uebermut des Befreiten. Du und die Kinder -- ihr

habt mich wieder auf den rechten Weg gebracht. Im Weihnachtszauber hab

ich mich wieder selbst gefunden.«

Frau Herma erwiderte nichts. Sie lehnte nur ihr Haupt an seine Brust und

drückte wieder seine Hand. Ihr Auge war feucht geworden und ihr Herz

erglühte in dem frohen Bewußtsein, ihr ungetrübtes Glück in ihrer und

ihres Mannes Brust vertrauensstark gefestigt zu wissen gegen alle Stürme

des Lebens.

Dieses großen stolzen Gefühles voll, gingen sie schweigend zu den

Kindern. Die saßen unter dem Baume und sprachen eifrig und

selbstvergessen von dem Märchenleben ihrer Lieblinge, die nun alle Jahre

getreulich wiederkamen. Und als die Kinder, herangewachsen, endlich

wußten, wer sie eigentlich immer wieder brachte und geheimnisvoll

verbarg, da hatten sie sie lieber als je zuvor.

Der Weg zurück.

Den Weg wieder finden zu ihnen zurück! Von ihnen weg war er

sonnig-golden, war er blumenreich gewesen und schien unfehlbar ins Land

des heißersehnten Glückes zu führen. Jetzt aber führte er quer durch

eine unermeßlich weite totenstille, grauenhaft öde Ebene: durch das Land

der Hoffnungslosigkeit. Und weit draußen am unbestimmbaren Ende stand

ein kleines trautes Haus. Dort lebten die, die sie im Ueberschwange

ihrer Jugend, im heißen trügerischen Sehnsuchtstriebe nach erträumtem

Glück verlassen hatte: lebten Gatte und Kind. Und warteten auf sie.

Warteten? Warteten sie wirklich? Konnte, konnte es denn sein? Leise und

kühn und kühner wagte die todesbange Hoffnung in ihr zu flüstern: ja, es

_kann_ wohl sein. Es _wird_ so sein -- es ist wahrhaftig so! Du hast ihn

ja, schier selbst noch ein Kind, mit seiner Einwilligung verlassen. Und

er, er hat nichts begehrt, als daß Klein-Elli ihm bleibe. Und du -- ja,

du hast das zugegeben ...

Jählings blieb sie auf den verschneiten Wegen des Stadtparkes stehn und

starrte vor sich hin, als blickte sie in einen tiefen Abgrund.

Es ist ein Abgrund! Es ist der Abgrund, der euch trennt. So flüsterte

die mahnende Stimme wieder. Daß du ihn verlassen konntest, daß sich das

junge lebensfrohe Weib von dem unverstandenen, an Jahren weit älteren

Mann wegsehnte -- das begriff er ja, so bitter weh es ihm auch tat. Daß

aber die Mutter von ihrem Kinde so leichten Herzens fortgehn konnte: das

mußte ihn dir entfremden, das mußte ihm sagen: »Sie hat kein Herz, sie

ist ärmer als die Aermsten, denn sie kann nicht lieben. Und nun ist sie

dahingegangen, die arme Törin -- die Liebe zu suchen!«

Ja, so wird er bei sich denken; denn er weiß ja nicht, was du ihm

verborgen hast: daß es dir schier das Herz abdrückte, als er das Kind

zwischen dich und sich stellte und das arme süße Geschöpfchen, das mit

aller Glut seiner zarten Seele an dir hing, gebannt und bezwungen von

seinem machtvollen Blicke, sich auf seine Frage, bei wem es bleiben

wolle, für den Vater entschied -- mehr aus Furcht, denn aus Liebe.

Da hast du etwas getan, was du hättest nicht tun sollen: du hast, im

Innersten getroffen, wie fröhlich aufgelacht und hell gerufen: »So bin

ich doch wieder frei! Ganz frei!« Und dann sprachst du ein so

frohgemutes, ein so leichtherziges Lebewohl, als ginge es auf eine

Lustreise, von der du, wandermüde, frohen Herzens wieder zurückkommen

konntest zu ihm und dem armen mutterberaubten Kinde.

Siehst du, _das_ ist der Abgrund, den du ausfüllen müßtest, wolltest du

zurückkommen können zu ihm. Kommst du nun auch, eine Enttäuschte, rein

an Leib und Seele zurück, könnte er auch dem liebendem _Weibe_

verzeihen, was es auch begangen habe: der herzlosen _Mutter_ wird er die

Tür seines Hauses verschließen und sein Kind bewahren vor dem Anblicke

derer, die ihm hätte die unversiegbare Quelle sein sollen aller Liebe ...

Wieder blieb sie stehn. In der Hand trug sie Rosen, schöne blühende

Rosen. Diese sollten zuerst für sie sprechen, fand sie beim Anblick des

großstaunenden Kindes nicht sogleich Worte. Es liebte die Rosen so sehr.

Damals, ach! so flüsterte es wieder in ihr, damals blühten die Rosen in

seinem kleinen Garten und verbreiteten einen schweren süßen Duft. Und

auf diesen duftigen Fluten schwebte die trügerische Sehnsucht deiner

Jugend in die Ferne, eilte die heiße, in Gluten malende Phantasie in

einen anderen viel größeren Garten, wo die Rosen standen, vereint zu

einem farbenschönen duftwogenden Meere: in den Garten des Schlosses, wo

er wohnte, er, den du zu lieben glaubtest mehr als Kind und Gatten.

Und Sehnsucht und Phantasie wurden so machtvoll, daß du eines Abends

mitten im goldigglühenden Sonnenschein, umjubelt vom Amselschlage und

umwogt vom Dufte der Rosen, vor ihn hintratest und ihm sagtest:

»Ich muß fort von dir! Ich liebe einen andern und darf deshalb nicht

länger unter deinem Dache weilen.«

Erinnerst du dich an seine Züge? Wie sie jäh der tiefe gewaltige

Ueberraschungsschmerz verzerrte und wie mannesstolze Beherrschung den

Sieg über alle die sinneraubenden Gewalten in ihm davontrug ehe auch nur

ein einziges Wort sie dir verraten konnte? Und wie er im Gefühle dieses

Sieges über sich selbst dich so ohne Herbheit frei gab, wie es nur der

Edelsinnige vermag, und sich von dir wandte wie es nur der Starke kann.

Seine _Schwäche_, die du fürchtetest und doch wieder tief drinnen im

dunkelsten deiner Seele erhofftest und herbeisehntest -- seine Schwäche

und Hilflosigkeit, sein zitterndes Geständnis, er könne nicht sein ohne

dich: das alles zusammen hätte dich vielleicht wankend gemacht, dich,

die du _herrschen_ wolltest über ihn, nicht ihm untertänig sein, wie es

die Liebe tut, ohne sich zu erniedrigen. Seine _Stärke_ aber breitete

die Winterkälte des Trotzes in deiner noch unreifen Seele aus -- und du

gingst. Gingst stolz und hoffnungsfroh der erträumten Liebe entgegen.

Und du fandest den Mann deiner Sehnsucht in der Gewalt einer anderen und

fandest ihn kleinmütig, platt, alltäglich. Das reiche farbenbunte und

farbenprächtige Gewand, mit dem ihn deine Tyrannen, die selbstherrliche

Phantasie und die selbstgefällige Romantik, behangen hatten, war ihm

abgenommen worden von jenem schönen kaltberechnenden Weibe, in dessen

Banden er nun, ein jämmerlicher Schwächling, lag. Zu einem König

glaubtest du zu kommen und fandest einen Bettler, der nach Almosen

verlangte, als er, erratend warum du Mann und Kind verlassen hattest,

mit heißem Begehren zu dir kam. Da aber fand er dich stark und stolz,

wie der es gewesen war, dem du entflohen warst -- seiner Stärke willen.

Nun trugst du dein Weh und deine bittere Enttäuschung in der weiten

sommerschönen Welt umher, bis du in den Nebeln des Herbstes endlich

erkanntest: niemand hat dich enttäuscht als -- du dich selbst. Von

schlimmen Führern: von den Gespenstern deiner krankhaften Romantik, die

deine Jugend belebt und beherrscht hatte, wolltest du dich der Sonne

irdischen Glückes zuführen lassen -- und mußtest zu spät erkennen, daß

du diese Sonne hinter dir gelassen hattest, daß sie dir nur geschienen

hatte -- bei ihm.

Und nun erblühte dir allmählich das süßeste und zugleich herbste Wunder

deines Lebens: es wurde dir sonnig offenbar, daß du den und nur den

liebst, dem du so weh getan hattest.

Noch in der Stunde dieser frohen Erkenntnis trieb es dich fort aus dem

herbstumseufzten Heim deiner Jugend -- in die Stadt zurück, wo die

wohnten, die du liebtest. Weißt du noch, wie du, so ganz Sehnsucht, daß

all dein Denken ohnmächtig in dir war, in stiller Dämmerstunde bis an

das Haus deines Mannes flogst? Wie dir dann jäh die Hand erstarrte als

sie sich nach der Klinke streckte? Weißt du noch, wie sie mit einem Male

wieder in dir aufstand, die bittere Wahrheit, und du ihr ins herbe

Antlitz schauen mußtest: als reuiges _Weib_, als das gewesene Weib eines

anderen selbst durftest du's wagen, an diese Tür zu klopfen, durftest

hoffen, daß sie dir aufgetan werde -- als _Mutter_ aber, die herzlos ihr

Kind verließ, durftest du diese Schwelle nie und nimmermehr wieder

überschreiten. Das Paradies ist dir verschlossen. Der gesamten

Menschheit Los ist dein herbes Einzelschicksal.

So hatte die Stimme in ihr gemahnt und erinnert, gewarnt und geboten.

Die Sehnsucht aber hatte sie, ohne daß sie's selber merkte, doch wieder

-- wie so oft in den letzten Wochen -- hinausgeführt durch all die

Straßen und Gassen, hinaus bis an sein stilles kleines Haus. Das stand

tief in einem Garten, weiß von Schnee, voll weicher runder Linien und

seltsam umwoben vom geheimnisvollen Düster tiefer Winterdämmerung.

Einige Fenster schimmerten im milden traulichen Schein, der zu sagen

schien: Komm! Komm, du arme Verirrte. Und glaube: es gibt nichts, was

die Liebe nicht verzeihen und vergelten könnte.

Schon hatte sie die Gartenpforte geöffnet, da sprach eine andere Stimme

in ihr, die Hoffnung wohl war es: Laß es sein heute, komm morgen. Morgen

erglänzen die Fenster ringsum im Lichterglanze des Weihnachtsbaumes. Da

sind die Herzen aller empfänglicher für Versöhnung und Verzeihung; denn

es weht ja vom Himmel hoch hernieder der warme Hauch des Friedens. Da

aber regte sich wieder die erste Stimme in ihr, die wohl das Gewissen

sein mochte. Geh! rief sie, er wird dir nicht glauben, er wird es dir

schlimm anrechnen, daß du die heilige Stimmung dieses Abends benützt und

du just kommst, wenn die Herzen weicher schlagen und die Tore der

sehnenden Seelen weit offen stehn für alles, was Liebe ist und Liebe

-- _scheint_....

Sie wollte sich eben traurig abwenden, als hastig die Tür des Hauses im

Garten geöffnet wurde. Ein Mädchen stürzte daraus hervor. Die Stimme der

Mutter ihres Mannes mahnte ängstlich zur größten Eile.

Was geschehen sei? fragte sie das Mädchen, das ihr fremd war. Sie sei

-- eine Verwandte des Hauses und frage nicht müßig.

Die kleine Elli kränkle schon, seit die Mutter fort sei, entgegnete das

Mädchen vertrauensvoll. Und je näher die Weihnachtsfeiertage kämen,

desto mehr fragte das arme Kind, ob denn die Mutter noch immer nicht

komme? Und als ihr der Vater vor einigen Tagen in ganz ungewohnter und

unbegreiflicher Erregung rauh entgegenrief, die Mutter werde überhaupt

nicht mehr wiederkommen und Elli solle ihn nimmer um die Mutter befragen

-- da sei es totenbleich geworden. Und seit jenen Tagen liege es an

einem Nervenfieber darnieder. Das habe sich heute so sehr verschlimmert,

daß der Arzt sie nach einem zweiten Kollegen sandte. Von diesem weg

sollte sie in das Kloster, um dort eine Schwester zu holen, da der Vater

und die Großmutter in ihrer Aufgeregtheit nicht mehr fähig seien, das

Kind die Nächte hindurch allein zu pflegen.

Jäh schoß der toderschrockenen Mutter aus tiefster Seele ein Gedanke

auf. Sie wolle und müsse da helfen, sagte sie zu dem Mädchen. Es solle

nur nach dem zweiten Arzte laufen. Sie selbst aber wolle einen Wagen

nehmen und eine barmherzige Schwester schicken. So ginge es viel

schneller. Das Mädchen, froh, einen Gang weniger machen zu müssen, war

einverstanden.

Rasch ging die junge Frau auf die Straße und rief den ersten Wagen an.

Sie nannte ihm als Ziel ein vornehmes Modehaus.

In dem Geschäfte verlangte sie den Chef. Sie müsse um jeden Preis -- ein

Nonnenkostüm haben, das Kleid einer barmherzigen Schwester. Aengstlich

fragend hing ihr Blick an den Zügen des Mannes, der ihr in froher

Faschingszeit schon öfter die phantasievollsten Kostüme zusammenstellen

half. Er nickte. Es dürfte eines vorhanden sein in der Maskenabteilung

meinte er. Und es war so.

Rasch fuhr sie in ihre Wohnung. Dort kleidete sie sich um, entblößte

sich alles Schmuckes, schminkte ihre erglühten Wangen bleich, zog einige

künstliche Falten zwischen die Augenbrauen, drückte den Schleier des

frommen Kleides tief in die Stirn -- und besah sich ängstlich forschend

im Spiegel. Sie war beruhigt: man konnte sie nicht erkennen.

Um sich dem Kutscher nicht zu verraten, nahm sie einen Theaterschal um

den Kopf, umschloß sich mit einem dunklen Mantel und ließ sich in

höchster Eile zurückfahren in das Haus ihres Kindes.

Klopfenden Herzens trat sie ein. Still und ernst, ohne viel Worte, ohne

sie auch nur näher anzusehen, begrüßte man sie und führte sie in das

dämmerige Zimmer, wo sich die Kleine in den Gluten eines verzehrenden

Fiebers unruhig in den Kissen wälzte.

Mit machtvoll erzwungener Ruhe und ängstlich bedachtem Eifer ging sie an

ihr Werk, das ein Rettungswerk werden konnte für drei Menschen. Die

Großmutter sah ihr wohlgefällig zu. Sie pflege das Kind, sagte sie nach

geraumer Weile, nicht wie eine Schwester, sondern wie -- eine Mutter.

Eine Sturmflut von frohem Schreck und herben Tränen drängten ihr diese

Worte aus wehem Herzen herauf. Sie beugte sich rasch über ihr Kind und

küßte dessen brennendheiße Stirn. Die Großmutter ging. Sie war allein

mit dem Kinde, mit dem all ihr Glück leben oder sterben mußte.

Spät in der Nacht kam der Vater wieder ins Zimmer. Stumm und ängstlich

sah er ihr zu. Sie wagte kaum, zu ihm aufzuschauen. Und doch hatte sie

gesehen, daß seine Haare an den Schläfen weiß geworden waren und sein

Gesicht fahl und eingesunken. Sie hatte das entsetzliche Gefühl, hinter

ihm stehe der Tod und der werde mit der einen Hand nach dem kleinen

fieberbrennenden Herzen ihres Kindes langen und mit der anderen nach dem

erstarrenden Herzen dieses qual- und reuedurchwühlten Mannes. Sie hätte

ihn gern gebeten, er möge gehn; aber sie fürchtete, er müsse jetzt, wo

sie allein waren, ihre Stimme erkennen, die sie in diesem Augenblicke

wohl hätte nicht verstellen können. Endlich ging er mit einem tiefen

Aufatmen langsam und gebeugten Hauptes fort.

Als das Kind in seinen Fieberphantasien laut nach der Mutter rief,

beugte sie sich über das arme Würmchen und sagte ihm mit der Stimme der

Liebe und der namenlosen Angst, sie sei ja bei ihr, die Mutter, sie

pflege sie und gehe nimmer, nimmer von ihr fort. Dann nahm sie es an

sich, trug es im Zimmer umher und sang ihm mit leiser Stimme all die

Liedlein ins Ohr, die sie ihm einstens in glücklicheren Stunden gesungen

hatte. Und es schien, als zöge mit diesem Gesange und mit den Küssen der

Mutterliebe endlich Ruhe ein in die phantasiegepeinigte kleine

Kinderseele. Mit einem Male schaute sie, stiller geworden, die Mutter

lange starr und groß an. Dann stand eine Weile ein seltsames Lächeln auf

den fieberverdorrten Lippen und endlich drückte mit weichen Fingern der

Schlaf die großstaunenden Augen zu.

Am nächsten Vormittag führte man die lang widerstrebende Nonne endlich

in ein anderes Zimmer, damit sie ein wenig der Ruhe pflege.

Das Zimmer war das ihre und war ein Heiligtum geworden -- ein kleiner

schöner Tempel der Liebe und Pietät: alles stand und lag, wie sie es

verlassen hatte an jenem sonnigen Abend, und alles, was von ihr stammte,

auch die nichtigste Kleinigkeit, war hier von liebenden Händen

zartsinnig zusammengetragen. -- Sie wußte, von welchen Händen.

Umweht von dem Hauche seiner Liebe, war sie in die Knie gesunken und bat

Gott um die Kraft, das Werk vollenden zu dürfen, das sie so überschnell

begonnen hatte. Sie war so ganz ohne Erinnerung, ob sie es mit

vorgefaßtem Willen gewollt hatte, daß sie sich sagte: es sei das Werk

einer höheren Macht und es werde und müsse darum zu gutem und schönem,

zu beglückendem Ende führen.

In sich gefestigter, wagte sie es, ihre Schritte wieder in das

Krankenzimmer zu wenden. Zu ihrer unsagbaren Freude fand sie das Kind

noch immer schlafend.

Sie habe ein Wunder an der armen Kleinen geübt, sagte ihr die Großmutter

gerührt, ein Wunder, wie es sich der Arzt, der wußte, er habe es hier in

erster Linie mit einer kranken Seele zu tun, nur von der _Mutter_ des

Kindes erhofft hatte.

Wo die Mutter sei, wagte sie jetzt gepreßten Herzens zu fragen, um zu

erforschen, wie man über sie denke.

Die Mutter sei fort, entgegnete die Großmutter nach einigem Zögern, und

verdiene wohl gar nicht, daß man ihrer hier mit so viel Liebe gedenke.

Am meisten leide das zarte empfindsame Kind unter den traurigen

Verhältnissen. Es sehne sich immerwährend nach der Mutter, dürfe aber

vor dem Vater mit keinem Worte von ihr reden. Er selbst aber treibe

heimlich einen förmlichen Kult mit ihrem Andenken.

Die Nonne hatte tief das Haupt gesenkt und entgegnete mit leiser Stimme:

die Entflohene habe vielleicht schon längst bitter bereut und getraue

sich wohl nicht mehr zurück, weil sie als Mutter ihr Kind verlassen

konnte. Sie leide vielleicht nicht weniger als die hier

Zurückgebliebenen.

Erstaunt sah die Großmutter auf die unverhoffte Verteidigerin ihrer

Schwiegertochter herab. Dann entgegnete sie etwas hastig: wenn dem so

wäre, so hätte die Mutter einfach die Pflicht gehabt, den Weg

zurückzufinden, koste es sie, was es wolle.

Vielleicht fürchte sie, daß der Mann wohl dem Weibe, nicht aber auch der

leichtfertigen Mutter verzeihen könne, von der er glaube, sie sei

herzlos.

Wieder stutzte die Großmutter und sagte dann herb: da habe sie, die

Nonne, die ein sehr feines Unterscheidungsvermögen in Frauenliebe zu

besitzen scheine, wohl recht, wenn sie das annehme. Ihr Sohn denke und

fühle in der Tat so.

Da sank das Haupt der Nonne noch tiefer herab. Wenn die entflohene Frau

das wisse, flüsterte sie, dann sei sie wohl nach langem Kampfe dahin

gekommen, sich als Strafe gegen sich selbst -- die Entsagung

aufzuerlegen, wie schwer sie darunter auch leiden möge ... bis an ihr

Ende....

Entsagung? eiferte jetzt die Großmutter. Hier wäre es wohl die

menschlich schönere und größere Aufgabe gewesen, das verlorene Glück

zurückzugewinnen, weil sie damit zugleich die beiden Menschen beglücken

könne, die sie verlassen habe. Wo Entsagung einzig nur Zerstörerin sei,

da sei sie nach ihrer Meinung verwerflich, sei sie ebenso unmenschlich

wie unchristlich. So werde übrigens die junge Frau gar nicht denken;

denn für sie, die nicht lieben könne, bedürfe es ja keiner Entsagung.

Jetzt aber warf sich die vermeintliche Nonne der erschrockenen

Großmutter zu Füßen und rief, sich selbst vergessend, in ihrer

Herzensangst und Pein:

»Ich bin ja gekommen! Ich habe ja gelitten wie er! Wochenlang

umschleiche ich schon das Haus da und wage es nicht, den Fuß über die

Schwelle zu setzen, weil ich mich fürchte vor ihm! Ich bin nicht die

herzlose Mutter, für die er mich hält! Ich bin nur so gewesen damals,

weil ich mich nicht beugen wollte vor seiner Größe und vor seiner

Stärke! Denn _ich_ wollte _ihn_ beherrschen, _bemitleiden_ wollt' ich

ihn können, wie ich zu Hause meine schwachen Eltern beherrschte, und sie

bemitleidete und tröstend wieder aufrichtete, wenn sie sich meinethalben

kränkten. Glaube mir, ich habe gelitten die Zeit über und bereut und war

entschlossen, den Abgrund auszufüllen, den ich selbst aufgetan hatte

zwischen ihm und mir. Aber ich wußte nicht, wie ich es anfangen sollte,

daß er mir glauben könne, und meinte oft, darüber sterben zu müssen. Da

führte mir der glückliche Zufall das Mädchen entgegen, das um Arzt und

Klosterschwester geschickt wurde. Und mein guter Genius hat mir den

Gedanken eingegeben: sei _du_ die Schwester! Pflege dein Kind und suche

dir den Weg zu seinem Herzen -- dann gewinnst du vielleicht auch _sein_

Vertrauen und damit sein volles Herz wieder. Und wenn du siehst, daß dir

das nicht gelingen könne, dann gehe wieder still und unerkannt von

dannen, trage schweigend dein Los und büße deine Schuld bis ans Ende.«

Tieferschüttert hatte die Großmutter zugehört und hätte doch aufjubeln

mögen über die unverkennbare Echtheit und erschreckende Größe des

Schmerzes und der Reue der jungen Frau. Sie beugte sich liebevoll zu ihr

herab.

»Ja«, sagte sie milde, »diesen Plan hat dir dein guter Genius

eingegeben. Sei guten Mutes und zeige dich deiner armen Elli als

liebende Mutter. Die Sehnsucht nach dir zehrt an ihrem Leben. Sie wäre

wohl zugrunde gegangen an dieser Sehnsucht. Dein Anblick wird ihre

kleine wunde Seele gesunden. Das hoffte auch der Arzt mit voller

Zuversicht. Darum hat Herbert sich auch entschlossen, dich zu rufen. Er

telegraphierte an deine Eltern hinaus. Doch von dort kam die Antwort, du

seiest längst wieder in Wien. Ich suchte dich gestern, während du schon

da an dem Bette deines Kindes knietest, in deiner Wohnung auf. Dort

sagte man mir bestürzt, du seiest fort, man wisse nicht, wohin. Ich war

zu Tode erschrocken und wußte nicht, was ich mir denken sollte. Doch,

jetzt komm! Du findest in deinem Zimmer ein lichtes Hauskleid. Das ziehe

an und setze dich zu deinem Kinde, damit es dich sieht wenn es aufwacht.

Es hat geträumt von dir. Ich hab's belauscht. Während du dich

umkleidest, will ich zu Herbert hinüber und ihm sagen, was sich hier

Wundersames und Beglückendes zugetragen hat. Er wird erschüttert sein

und Gott danken, daß es so kam; denn er trägt ja zum großen Teil mit die

Schuld, daß Elli so krank wurde. Mit seinen Blicken hat er sie damals an

sich gebannt, als er sie zwischen dich und sich stellte und hat dich

nicht gerufen, wie sehr sich auch das Kind nach dir gesehnt hatte. Komm!

Es darf keine Minute versäumt werden. Das arme Kind soll, wenn es

aufwacht, finden, wovon es wohl glückselig geträumt hat.«

Und so fand es auch Klein-Elli, als sie aus ihrem stärkenden Schlaf

aufwachte. Weit riß sie ihre scheuen blauen Augen auf, als sie an ihrem

Bettlein eine junge schöne Frau sitzen sah anstatt der grauen Schwester

und starrte lange wie in seligem Schreck nach ihr.

Weihnachtserzählungen · 第 2 / 10 段