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* * * * *
Weihnachtserzählungen
von
Adolf Schwayer
Mit Bildschmuck von Prof. Franz Kuna
Sechstes bis sechzehntes Tausend
Linz a. D., 1920
Verlag von R. Pirngruber
Alle Rechte vorbehalten.
Copyright by R. Pirngruber
Linz a. D., 1920
Druck von Franz Kling, Urfahr-Linz
Inhalt.
Seite
Im Sturm 3
Weihnachtszauber 23
Der Weg zurück 35
Wie Herr Schoißengeyer zu einem Christkindl kam 49
Assistent Frickenberg 66
Ein Egoist der Liebe 85
Frau Bettis Christgeschenk 97
Der Wohltäter 109
Am Wege 122
Das goldene Seil 134
Eine Insel der Seligen 148
Im Sturm.
Ihn fror in seinem dünnen Fähnchen, einem grauen fadenscheinigen
Havelock, der im Novembersturme flatterte wie eine altgediente
Kriegsflagge.
»Ist eine Kunst!« knurrte er und meinte damit den Sturm, den ungebärdig
wilden. Um die dürren Blätter von den zitternden Zweigen zu reißen und
die blassen Spätrosen zu erschrecken, die noch irgendwo draußen wehmütig
träumen mochten, bedurfte es dieses unsinnigen Grimmes nicht. Und um das
graue Wolkengesindel dort droben, das Schnee niederregnen ließ, vor sich
herzujagen, brauchte er die Backen auch nicht gar so voll zu nehmen, der
wüste Kraftgeselle, der!
Wildjauchzend fuhr der Verhöhnte um die Straßenecke und lehnte den
blassen jungen Mann, der durchaus kein Schwächling war an die Wand. Und
neben ihm klatschte ein schneefeuchtes Blatt an die triefende Mauer. So
klebten sie, Mann und Blatt, im gewaltsamen Drucke des Sturmes einen
Augenblick lang nebeneinander.
Da mußte er auflachen, ganz grimmig. Dann drohte er mit der Faust gegen
den grauen Himmel und drückte sich das Atemholen des Sturmes benützend,
sachte um die gefährliche Ecke.
Fest, krampfhaft fest, hielt dabei die schier erstarrte Faust das
Guldenstück, das er sich kurz vorher von einem Bundesbruder gepumpt
hatte. Zu den Taschen seiner Hose hatte er kein rechtes Vertrauen mehr
und die Geldbörse lag zu Hause lange gut. Die grinste ihn jedesmal, wenn
er sie hervorzog, gar zu höhnisch an: sie war leer wie das absolute
Nichts.
Auch sein Winterrock hatte es besser als er: der »studierte« einstweilen
auch und war hübsch warm aufgehoben -- wo, ist leicht zu erraten. Viel
weniger »schön« mochte er vielleicht nicht sein als der flatternde
Sommermantel da -- aber warm!
Wärme! Wärme mußte wenigstens seine Mutter haben. Darum hatte er ja den
Gulden gepumpt von dem flotten Farbenbruder, dem guten wohlgemästeten
Ritschmayer. Und der gab bereitwillig und gab lachend. Und das war schön
von ihm. Er wollte kein Mitleid sehen, kein Mitleid fühlen der trotzige
Lebenskünstler im Havelock. Das wußte der dicke gemütliche Ritschmayer;
darum gab er lachend, trotzdem ihm der »stiere« Theobald Volkmar noch
zehn Gulden schuldete, die er gebraucht hatte für die Taxe zum letzten
Rigorosum.
Jetzt jagte ihn der Sturm in eine Seitengasse. Wütend kehrte er um, rang
mit der in wilder Siegesfreude aufheulenden Windsbraut, schwamm geradezu
in Sturm und Schnee und Regen und schnaufte tief auf, als er wieder in
der Hauptstraße trottete.
Nur da nicht hinein! Nur da nicht durch! Dort drinnen in der Gasse stand
das große Zinshaus seines steinreichen Onkels. Das glotzte ihn immer so
höhnisch an mit seinen vielen Fenstern und seiner aufgeklebten protzigen
Zementfassade -- recht wie ein freches Emporkömmlingsgesicht.
Der, ja der hatte Wärme und Geld und alles was er wollte, der Bruder
seines armen toten Vaters, und brauchte für niemand mehr zu sorgen. Aber
er hatte sicherlich auch kein Mitleid, keines in den Zügen zur Schau
getragenes und keines im Herzen.
Was zum Teufel war es denn, was die beiden Brüder trennte?! Haß? Nein:
Stolz, Stolz war es, was den Vater trennte, und Trotz, was den Onkel
fernhielt. Weil der Vater das arme zarte Mädchen genommen hatte anstatt
die reiche derbknochige Schwägerin des Onkels. So fing's an. Dann kam
des Vaters Stolz ins Glühen und Brennen. Er werde schon zeigen, werde
schon beweisen, daß er ohne Mammon durchs Leben komme! Seines Lebens
Sonne sei die Liebe, seines Lebens Wonne die Arbeit!
»Bettelstolz!« hatte der Onkel gehöhnt. Und darauf flog seines Zimmers
Tür dröhnend zu -- zugeworfen von dem erzürnten Vater, dem sie gewiesen
worden war! Und es flog eine zweite Tür zu und eine dritte: die Herzen
der Brüder waren verschlossen für einander und für immer.
So mächtig sind Stolz und Trotz. O Sturm, was bist du für ein
jämmerlicher Kraftprotz gegen diese Giganten im Menschenherzen!
Aber des Vaters Sonne leuchtete und seine Wonne ging nie aus. Und ihr
gesellten sich froher fröhlicher Sinn bei und sonnenheitere Freude,
stille warme Lebensfreude, die über den Seelen von Vater und Mutter
lagen wie ein Sonnenglanz. Und in seinem Herzen, in seinem Hause blühte
und duftete die Wunderblume Zufriedenheit und waltete und webte still
der Zauber unbewußter Poesie: das stille echte Glück war zu Hause bei
Vater und Mutter und sein Sonnenglanz fiel auch auf ihn, den
heranwachsenden Sohn. -- Da mußte wohl eines Tages der Neid
vorbeigegangen sein an dem Hause des Glückes und es dem Bruder Hein
verraten haben. Und der kam und nahm den Vater mit und ließ Frau Sorge
zurück. Und die rief bald, ach! nur zu bald ihre unerbittliche Schwester
herbei -- die Not. Die wehrt den Leibern das tägliche Brot und bringt
der Seelen duftende Blüten langsam zum Verdorren ...
Allmählich verblaßte nach des Vaters Tode aller Glanz. Die Hilfsquellen
versiegten, das hinterlassene Geld ging aus. Gar viel war's ja nicht.
Nur der Stolz blieb dem Sohne als Erbe. Und _dieses_ Erbe konnten nicht
Not und nicht Hunger schmälern. Es mehrte sich noch und verstärkte sich
noch durch den Trotz. Diese beiden Tyrannen seines Herzens stellte er
dem Onkel entgegen, der, durch des Bruders jähen Tod weich gestimmt,
rasche Versöhnung suchte. Der Sohn aber wies ihn kalt ab: er, der dem
Bruder die Tür gewiesen habe, er hätte müssen den Weg zum Bruderherzen
im Leben finden und nicht nach dem Tode. Für dieses nachhinkende
Mitgefühl danke er!
Da hatte der gereizte Onkel ein böses Wort gesagt: auch wenn er einst
-- und das werde kommen! -- in Not und Elend vor ihm auf den Knien liegen
werde, würde er ihn nicht erhören und ihm nicht helfen, dem Starrkopf,
und wenn er zugrunde gehn sollte vor seinen Augen! Damit war's aus mit
den zweien, rundweg aus.
So ging in leuchtenden Bildern und ging mit Schaudern und Grimm die
Vergangenheit an dem jungen Manne vorüber, der mit dem Lebenssturme weit
härter zu ringen hatte, als jetzt mit dem wütigen Herbststurme.
Seine Mienen waren düsterer geworden als droben der graue Himmel. So
trat er in den kleinen Krämerladen in der Nähe seiner Wohnung, bestellte
Holz und Kohle und nahm einen kleinen Imbiß mit -- für die Mutter. Dabei
knurrte ihm der Magen just vor dem grinsenden Krämer boshafterweise so
laut, daß der Mann es hören konnte. Ueberstürzt eilte Theobald davon.
Als er in die Stube trat, die noch manch liebes altes,
erinnerunggeweihtes Möbelstück enthielt, lag auf seinem Angesichte ein
Lächeln, das so heiter scheinen sollte wie eitel Frühlingssonnenschein
und doch nur eines Lächelns herzberührendes Zerrbild war.
Die Mutter sah's und -- lächelte ihn gleichfalls an. Aber es war nicht
das wehmütige Lächeln, das wie sonst dem Sohne verriet, sie habe ihn
durchschaut bis auf seines Herzens dunkelsten Grund: scheu lächelte sie
heute und verlegen, schier schamhaft und doch so lieb, so unendlich
lieb, daß der erregte Sohn sie in seine Arme schloß und aufstöhnte,
aufschluchzte vor Freud und Weh.
Er riß sich rasch los und zog seinen Schatz hervor.
»Mutter -- da! Für dich!«
»Und du?«
»Hab schon gegessen -- im ... im Studentenheim ...«
Sie sah ihn forschend an und glaubte ihm nicht recht. Im Studentenheim
hatte man ihn neulich wie einen Bettler behandelt. Dahin ging er also
wohl nimmer. Und neu war ihr diese Selbstverleugnung an ihrem Sohne auch
nicht, neu war ihr auch nicht, daß er lieber Hunger litt, als sie darben
zu lassen. Er sei jünger -- sie müsse sich zuerst sattessen. Für ihn
tat's auch eine Krumme trockenen Brotes.
Sonst gab es immer gar seltsam lieben Zank nach solcher Opfertat des
Sohnes -- heute nahm sie das Päckchen wortlos hin, legte Wurst und
Schinken fein säuberlich auf einen Teller und sagte dann mit fast
schalkhaftem Lächeln -- wie gut stand das ihrem zarten Gesichtchen!
-- sie wolle schon essen -- o! -- sehr gern; denn sie, sie habe ja
wirklich ... Appetit. »Hunger«, sagte sie nie. Das Wort hatte einen gar
zu bitteren Beigeschmack, seitdem sie es seinem ganzen Grimme nach
kannte. Ja ja, sie werde schon essen, aber der Sohn müsse auch essen --
was viel besseres, viel feineres!
Damit ging sie an dem maßlos erstaunten Theo vorbei in die kleine
saubere Küche hinaus, und kam lächelnd zurück, eingehüllt in eine
duftige Wolke, die von der -- ja wahrhaftig! von der Bratenschüssel
aufstieg!
»Ja was ist denn das?«
»Rostbraten mit Essig gespritzt, mein lieber Theobald. Und geröstete
Kartoffeln dazu. Dein Lieblingsabendmahl!«
»Ja, wer hat denn ...«
»Iß nur und frage nicht! Iß! Glaubst du, ich hab deinen Magen nicht
knurren hören! O der! Der hat eine Aufrichtigkeit! Aber so komm doch!«
»Keinen Bissen nehm ich, bevor ich nicht weiß, woher das kommt!«
»Na, woher soll's denn kommen? Vom Fleischhauer!« scherzte die Mutter
gutlaunig.
»Mutter, du weißt! Sag mir's! Oder ich geh fort! Ist's vom Onkel?«
Wie seine Augen funkelten und seine Brauen sich zusammenzogen! Die
Mutter kannte das. Verlegen, so ganz wundersam verlegen stand sie eine
Weile da, zog an ihrer blühweißen Schürze und hauchte endlich hervor:
»Nein, nicht vom Onkel.«
»Von wem denn? Hast du ...« Er blickte im Zimmer musternd herum. Sie
wußte, was er meinte.
»Nein, auch nicht. Es ist von ... von Fräulein Erna.«
Wie von einem Peitschenhiebe getroffen, zuckte der junge Mann zusammen.
Bis in die Schnurrbartenden zitterte er. Erna war seines Hausherrn
feines und schönes Töchterlein -- und er liebte das schöne feine Kind in
aller Glut und Heimlichkeit.
»Almosen!« knurrte er und sank auf den Stuhl, daß er krachte.
Die Mutter stand betroffen da.
»Ich will keine Almosen!« brauste er auf, sprang empor und wollte nach
dem dampfenden Teller greifen. Er hätte ihn zu Boden geschmettert, wäre
nicht die Mutter blitzschnell dazwischengetreten. Hart war er an sie
herangekommen in seinem Ungestüm. Sie wankte, die zarte zierliche Frau,
und mußte sich an den Tischrand klammern, um nicht zu stürzen.
Da warf sich der Sohn auf den Stuhl zurück, ließ das Haupt auf den Tisch
sinken und schluchzte herzergreifend.
Nun wurde auch das Auge der Mutter feucht. Und sie ahnte nicht einmal,
was alles ihres Sohnes Seele in diesem Augenblick durchstürmte.
Langsam war sie auf ihn zugeschritten, legte ihre schmale weiße Hand auf
Theobalds zuckende Schulter und sagte mit der ganzen lieben Milde, die
sie erfüllte:
»Schau Theo, du sollst nicht so sein. Nicht gar so stolz und so viel
zornjäh.« Und als keine Antwort kam:
»Und das mit Fräulein Erna ist so einfach kommen und ist so schön von
ihr, so lieb. Hör doch nur! Heut kommt sie auf einmal da herein zu mir
in ihrer blonden Lieblichkeit -- wie ein Engel. Dann beginnt sie zu
plaudern und sagt mir, sie habe gestern in einer Familie von unserem
Vater reden hören -- so viel Gutes und so viel Schönes, daß sie sich
fest vorgenommen habe ...«
»Uns Almosen anzubieten!« stöhnte Theobald auf.
»O nein!« erwiderte die Mutter sanft und lächelte. »Daß es uns nicht
glänzend geht, ist ihr ja kein Geheimnis geblieben. Denk doch, wie
schwer wir immer den Zins zusammen bringen und nie zum Termin. Und daß
wir nichts dafür können für unser Kümmernis, das hat sie wohl selbst
geglaubt. Gestern aber, sagt sie, habe sie es bestimmt erfahren. Und da
ist sie gekommen und hat gesagt, sie habe bereits heute bei einigen
Familien angeklopft, damit du dort Stunden kriegst. Hast du doch jetzt
nur eine ... Ach, mein Gott! Fadenscheinige Kleider versperren einem die
Türen zu den Reichen! Und deinen Doktor willst du ja doch machen. Und
denk dir, gleich zwei haben zugesagt! Und wenn ... Ja siehst du, da hat
sie gezeigt, was für ein gutes Herz sie hat -- wenn ich vorläufig, hat
sie gemeint, Geld brauchen sollte -- sie, sie schieße mir gern etwas
vor. Und du -- du könntest es ja dann zurückerstatten, wenn ...«
»Das hat sie gesagt?« Theobald hatte sich aufgerichtet und schaute die
Mutter forschend an.
Sie hielt seine Blicke stilllächelnd aus und umschloß mit den ihren voll
Innigkeit des Sohnes schönen dunkelblonden Lockenkopf und freute sich
-- wie schon so oft! -- seines scharf geschnittenen edellinigen und kühnen
Schnittes. So schön war er und so stolz, so mannesmutig -- ach! so recht
eine wahre Mutterfreude und Muttersorg. Aber das bleich werden sehen und
darben sehen! Gott weiß es, was sie heimlich litt.
»Ja,« nickte sie dann, »das hat sie gesagt -- und getan.«
Er war aufgesprungen und ging einige Male durchs Zimmer, hastig,
unruhevoll, in voller Wucht. Und plötzlich packte er die Mutter, drückte
sie an sein Herz und wirbelte sie darauf urschnell im Zimmer herum. Es
war ein Glückseligkeitssturm, der mit jäher unbezwinglicher Gewalt durch
sein Inneres gebraust kam -- ein Hoffnungssturm sondergleichen.
Aber diesem Glutsturme folgte rasch die lähmende Ernüchterung und dieser
ein herb-süßes Bangen.
Still ließ er sich von der Mutter zum Abendessen führen, das fast
erkaltet war. Als er so dasaß und mit sichtlichem Hunger -- jetzt
schmeckte es ja nicht mehr so bitter, dieses harte Wort! -- und doch
ganz in Gedanken versunken aß, schaute ihn die Mutter lächelnd an. Und
aus ihren Augen leuchtete ein solches Uebermaß von Liebe und
Zärtlichkeit, daß es ihn heiß durchlief, ohne daß er aufgeschaut und den
Blick der Mutter in sich aufgenommen hätte. Er langte nur nach ihrer
Hand und streichelte sie zärtlich.
Da glitt wieder ein schier schalkhaftes Lächeln über das kleine feine
Gesicht der Mutter. Die hatte doch ihr Geheimnischen: sie hatte dem
Fräulein Erna ihre ganze Lebensgeschichte erzählt. Sonst tat sie das
nicht so leicht -- sie war auch ein wenig stolz! -- aber dem lieben
Mädchen gegenüber konnte sie nicht anders. Das verschwieg sie dem Sohne.
Wie würde der aufgefahren sein, wenn er anhören müßte, Erna habe sich
erboten, dem halsstarrigen Onkel ins Haus zu fallen! _Wie_ sie das
anstellen werde, wisse sie vorläufig selbst noch nicht, hatte sie,
schönen Eifers voll, ausgerufen, die Liebe, aber sie werde schon Mittel
und Wege finden! O ja, sie werde sie schon finden! Sie möchte denn doch
sehen, ob Milde und Nächstenliebe und bessere Einsicht nicht über Stolz
und Trotz siegten! Dabei setzte es auch einen kleinen Seitenhieb auf
Theobald ab und der Mutter scharfes Auge merkte gar wohl, wie eine
Glutwelle über des Mädchens Wangen flog -- merkte das trotz der
eingetretenen Dämmerung. Mutteraugen sehen durch Nacht und Finsternis
und sehen durch Berge und Wände.
Iß du nur ruhig weiter, dachte sie still bei sich, und such nur emsig
das letzte, letzte Restchen der seltenen Speise zusammen und tunke mit
dem frischen duftigen Brote nur so lange, bis die Teller dastehn, sauber
und blank, als kämen sie eben aus dem Schranke.
Als er dies stille Werk getan, lehnte er sich behaglich zurück und
blickte sehnsüchtig nach seiner Pfeife, der langen. Leise, ganz leise
seufzte er dabei auf. Er wußte ja, die Schachtel, die dort neben der
Pfeife stand, war leer -- blank leer wie sein Teller ... und seine
Tasche. Wie sollte er auch Tabak kaufen, wenn die Mutter, die liebe,
kaum zu essen hatte!
»Was der Mensch doch gleich genußsüchtig ist, wenn er den Magen voll
hat!« dachte er bei sich.
Die Mutter aber hatte den Sehnsuchtsblick bemerkt. Lächelnd stand sie
auf, holte Pfeife und Schachtel herbei und klappte diese vor dem
erstaunten Sohne auf -- plattvoll war sie mit duftendem Tabak,
plattvoll!
Da gab es wieder einen Sturm, einen Freudensturm.
»Und wie hast du denn gleich die richtige Mischung gefunden, Mutting?«
fragte er und dampfte gar behaglich darauf los.
»Ist's doch Vaters Mischung.«
Ein Hauch von Wehmut zog durch ihre Herzen, aber er trübte nicht: er
vertiefte nur die stille Freude der beiden guten liebevollen Menschen.
Und jetzt fühlte Theobald erst so recht, daß es warm war in dem kleinen
trauten Zimmerchen und sah, wie im Ofen schönfarbig die Glut verglimmte.
Draußen heulte der Sturm sein Siegeslied weiter und peitschte den
wasserschweren Schnee kraftfroh und hohnwild an die Fensterscheiben.
»Heul du nur zu!« dachte Theobald, »deine Musik hat das Schauerliche für
mich verloren -- bis auf weiteres.«
Leise vor sich hinpfeifend, stand er auf, holte ein Buch herbei, setzte
sich neben die Mutter hin und begann ihr vorzulesen, wie sie es liebte.
Sie nahm eine Näharbeit zur Hand und hörte, ganz Freude und ganz
Aufmerksamkeit, dem Sohne zu, der so schön und so eindrucksvoll vorlas.
Das war ein Abend wie schon lange keiner.
Nächsten Tages löste er seinen Winterrock aus und spottete nun der
Kälte, die dem Sturme gefolgt war.
Und Fräulein Erna hatte auch nicht in den Wind geredet: die Anträge auf
Stundenerteilung kamen. Gutbezahlte Stunden. Und taktvolle Leute. Die
Jungens ausgesuchte Dummlinge, aber seelengute Kerle.
Klopfenden Herzens hatte er ihr bei schicklicher Gelegenheit gedankt,
der guten Fee in seiner Not, und war glückselig erschrocken über den
holden Klang ihrer Stimme, die er zum erstenmal zu hören bekam. Und
hatte scharf gespäht und siegeskühn gehofft, ihre Wangen würden jäh
erglühen, süß verräterisch erglühen; aber sie blieben wie sie waren -- um
einen Schatten bleicher wurden sie eher. Da war er still und
nachdenklich von ihr gegangen und blieb still und nachdenklich die
ganzen Wochen hindurch, bis endlich die Zeit seligen Gebens
herangekommen war -- die Weihnachtszeit.
Einiges Geld hatte er sich ja abgezwackt. Klein nur konnte die Gabe für
Mütterchen werden -- aber er wußte: ihre Freude war groß auf alle Fälle.
Unter dem Geläute der Weihnachtsglocken ging er am heiligen Abend heim.
Leicht war sein Gepäck, aber voll sein Herz. Frohgemut blickte er auf zu
den Sternen. Ob wohl auch der Stern seiner Hoffnung aufgehn -- und ob er
Verkünder sein werde der Sonne seines Glückes ... Gott weiß es! Gott füg
es!
Unten sah er noch flüchtig auf seine Uhr, die er nach einigen Semestern
eifrigen »Studierens« wieder ihrer eigentlichen Bestimmung zugeführt
hatte. Es stimmte: sieben Uhr. Früher durfte er nicht kommen, hatte die
Mutter feierlich geboten -- und wieder so eigen gelächelt. Dabei zeigte
sie die Grübchen auf den Wangen, die es einst seinem Vater angetan
hatten.
Als er in den kleinen Vorraum trat, schimmerte durch die Türspalten
Lichterglanz. Er klopfte. Die Mutter öffnete und meldete wichtig und
geheimnisvoll: das Christkind sei gekommen.
Staunend sah er den Baum stehn, der größer war und reicher, als er
hoffen konnte. Weh und wohl wurde ihm dabei ums Herz -- ist's Ernas
Christkind? Kommt sie vielleicht heute selbst herauf und gibt das
Herrlichste, das ihm auf Erden beschieden werden konnte?
Unbemerkt legte er seine Gaben neben die andern, die geheimnisvoll
verdeckt waren, unter den Baum; beklommen sah er die Mutter an, die
offenbar etwas sagen wollte, was ihr leicht vom Herzen, aber schwer über
die Lippen ging. Die leuchtenden Augen kündeten es an, die zuckenden
Finger redeten es schon.
»Was ist's?« fragte er unvermittelt und seine Stimme bebte.
»Fräulein Erna hat uns etwas gebracht,« sagte sie darauf stockend.
»Fräulein Erna?« Wieder war es Freud und Scham, Zorn und Jubel, was ihn
durchstürmte und quälte.
»Ja, Theobald, etwas, was du, was wir alle nicht erwarten konnten, nicht
erhoffen durften: Liebe und Versöhnung ...«
Da trat aus dem verhängten Alkoven -- der Onkel hervor, mehr verlegen
als freudig bewegt.
»Du!! Du hier!?« Freundlich klang das nicht.
»Ja, Theobald, ich. Fräulein Erna ist zu mir gekommen wie ein guter
Engel. Sie hat mich bekriegt und besiegt, gedemütigt und beschämt. Aber
sie hat mich auch emporgehoben und mir Freude gegeben. Und so bin ich
denn da und bitte dich, mir zu glauben, was ich sage. Wie es um euch
steht, hab ich erst durch sie erfahren. Und hätt' ich's gewußt -- wer
weiß! Kurz, sie hat's zustande gebracht. Theobald, laß alles vergessen
und laß uns wieder gut Freund sein. Gegenseitig wollen wir wieder alles
gut machen aneinander. Und dann« -- man sah's ihm an, wie es steinschwer
und widerwillig aus seinem Innern heraufkroch -- »und dann -- ich bitte
dich, verzeih mir, was ich deinem Vater und dir angetan hab!« Da war er
doch weicher geworden, als er hätte zeigen wollen. Aber Erna hat ihn ja
so gründlich zermürbt!
Rasch streckte er Theobald beide Hände hin. Und jäh und herzhaft, wie es
seiner leidenschaftlichen Natur eigen war, griff der Neffe danach. Ein
warmer kräftiger Druck, ein tiefes Versenken der Augenpaare -- und alles
war begraben und vergeben.
»Ich dank dir,« sagte der Onkel sodann ganz bewegt. Dann setzte er im
Tone der Bewunderung hinzu: »So hat sie also doch recht gehabt, die
Fräuln Erna! Sie hat gesagt, du wirst mir ohne viel Wesens zu machen die
Hand reichen, denn du bist nicht nur stolz, hat sie gesagt, sondern auch
gut.«
»Das hat sie gesagt?« Rasch ging er zum Baume, zog die Hüllen weg und
besah sich unter lebhaften überlauten Worten die Geschenke.
Die Mutter hatte den überstürzten Abbruch des gefürchteten
Zwiegespräches wohl bemerkt, sagte aber weiter kein Wort. Sie lächelte
nur still vor sich hin, umspielt und umschwirrt von heiteren sonnigen
Zukunftsgedanken -- einer schöner als der andere.
Theobald musterte die Geschenke und dachte: »Reiche Geschenke, schöne
Geschenke, überaus kostbar, überaus praktisch -- aber alle, alle vom
Onkel, keines von ihr ...« Schnell sah er das Unmögliche einer solchen
Handlungsweise des feinen taktvollen Mädchens ein und tröstete sich mit
dem Gedanken: es käme doch schließlich alles von ihr und durch sie.
Das gab ihm die Seelenruhe wieder. In heiterem Gespräch und mit noch
froheren Gedanken verbrachte er den Abend mit Mutter und Onkel, der ganz
verwandelt schien und nicht einmal eins über den Durst trank, wiewohl er
reichlich vorgesorgt hatte, daß es einen guten Tropfen gab. Diese
Selbstüberwindung war bewunderungswürdig.
Mit dem Entschlusse, nächsten Morgen zur schicklichen Stunde hinabzugehn
zu ihr und ihr zu danken, schlief Theobald ein. Er hätte nicht sagen
können, wann die Gebilde seiner glückbeflügelten Phantasie abgelöst
wurden von den Gebilden des Traumes und welche schöner und
glückverheißender waren.
Als er sich nächsten Morgens mit dem dunklen Anzuge, den der Onkel unter
den Baum gelegt hatte, fein herausputzte, umgaukelten sie ihn wieder,
diese Lichtbilder des Glückes und er wußte nicht mehr, was er gesonnen
im Wachen und was er gesponnen mit des Traumes Hilfe.
Die Mutter war, ganz eingehüllt in neues weiches Pelzwerk, in die Kirche
gegangen.
Eben wollte auch er nach dem Pelze langen, als draußen geläutet wurde.
Gleich darauf hörte er die Wohnungstür öffnen und im Vorraume leise
Schritte. Kam die Mutter schon zurück?
Da ging nach flüchtigem Klopfen die Tür auf und -- Erna stand vor ihm.
Sie schien ihm bleicher als sonst und einigermaßen verlegen. Gleich
darauf aber sagte sie mit der ihr eigenen Sicherheit:
»Guten Morgen, Herr Volkmar.«
Er erwiderte verlegen ihren Gruß und kam sich in dem neuen Anzuge
ungemein gespreizt vor. Stockend sprach er weiter:
»Die Mutter ist nicht daheim und ich -- ich wollte eben ... wollte eben
hinuntergehn zu Ihnen, Fräulein Erna, mich bedanken ...«
»Sie haben mir nichts zu danken, Herr Volkmar. Ich wollte, ich könnt ...«
Sie schwieg. Eine brennende Glut war in ihr bleiches Angesicht gestiegen
und rasch wieder versiegt. Starr und totenblaß war es nun geworden. Mit
ganz veränderter Stimme brachte sie nun mühsam hervor:
»Herr Volkmar, was ich Ihnen jetzt sagen muß, das durften Sie durch
niemand anderen hören als durch mich. Und Sie mußten es zuerst wissen.
Vielleicht sollte ich nicht so handeln, aber ich glaube, es muß so sein.
Darum bin ich gekommen.«
Er sah sie an und durch seinen Körper ging ein jähes seltsames Frösteln.
Sie hatte den Blick gesenkt und sprach das bedeutsame Wort tonlos aus:
»Ich habe mich gestern abend -- verlobt, Herr Volkmar.«
Wie er sich auch zusammennahm: es zuckte durch seinen Körper, als hätte
ihn ein Schlag ins Gesicht getroffen. Und ganz äußerlich fielen die
Worte von seinen Lippen:
»Ich gratuliere, Fräulein Erna.«
Sie sah ihn an, traurig-ernst und tief bewegt.
»Es soll kein Zwang sein zwischen uns, Herr Volkmar, und keine
Verstellung. Wenn ich Ihnen weh getan habe ...«
Da richtete er sich trotzig auf. Und hart und herb stieß er die Worte
hervor:
»Und deshalb haben Sie das alles getan? Aus Mitleid! Aus purem Mitleid!«
»Nein, Herr Volkmar!« entgegnete sie ernst und fest und ihre Stimme
bebte in verhaltener Erregung. »Nicht aus Mitleid! Ich hab's getan, weil
ich Sie hochschätze, weil ich Ihnen gut bin, Herr Volkmar. Ich habs
getan, weil ich Ihre Mutter lieb habe, so lieb haben kann, wie ich die
meine lieb hatte, und ich habs getan, weil ich nicht mitanschauen kann,
wenn gute edle Menschen leiden. Es fiel mir schwer, den ersten Schritt
zu tun -- weil ich sah, daß Sie mir gut sind. Aber ich ließ mich nicht
abschrecken. Das einmal erkannte Gute führ' ich aus, je früher, desto
besser. Das ist das schönste Vermächtnis meiner frühverstorbenen Mutter.
Verzeihen Sie also, wenn ich Ihren Stolz ...«
»Um Gottes willen, nicht weiter, Fräulein Erna! Ich, ich bitte Sie um
Verzeihung! Ich bin ja rauh geworden! Ich bitte Sie um Verzeihung!« Aus
seiner Stimme konnte sie seine gemarterte Seele herausklingen hören.
Unfähig, ein Wort hervorzubringen, reichte sie ihm wie bittend beide
Hände hin. Um ihre Lippen zuckte es.
Da kam es über ihn, er wußte nicht wie. Leidenschaftlich erfaßte er die
dargebotenen Hände, schlang seine Arme um das holdselige Kind, preßte es
an seine Brust und küßte es, küßte es mit der ganzen Gier eines nach
Glück und Liebe dürstenden Herzens.
Bleich und gelähmt von unsagbarem Schreck, lehnte sie eine Weile an
seiner Brust. Dann geschah etwas Unerwartetes: sie schlang plötzlich
ihre Arme um seinen Nacken und küßte ihn nicht minder heiß als er sie
geküßt hatte. Und unter stürzenden Tränen gestand sie ihm:
»Ich liebe dich. Ich liebe dich unaussprechlich!«
Da faßte er sie an der Schulter, schob sie von sich weg, und sah ihr ins
erglühte Angesicht wie ein Wahnsinniger.
»Du liebst mich ... Und doch hast du dich mit einem anderen verlobt!«
»Es war der letzte Wunsch meiner sterbenden Mutter. Sie glaubte fest,
ich werde glücklich sein mit dem ernsten stillen Vetter Alfred. Drei
Jahre schon verschiebe ich die offizielle Verlobung. Ich hab das getan,
weil ich an seiner Seite immer so still wurde, wie er selbst ist. Dem
Vater aber sagte ich immer, ich sei noch zu jung ...«
»Und jetzt, jetzt hast du's doch getan weil du mich ...«
»Weil ich gefürchtet hab, ich könne nicht mehr die Kraft aufbringen ...
O, wüßtest du, was ich gelitten hab die ganze Zeit her!«
»Das darf nicht sein! Das darf nicht geschehen! Du darfst nicht das
Opfer deiner Kindesliebe werden! Liebst du ihn denn, diesen stillen
Herrn Vetter?«
»Ich bin ihm gut, ja. Aber was Liebe ist, weiß ich erst durch dich.«
»Dann seh er sich vor, dieser Herr Vetter Schweigsam! Mein bist du! Mein
durch die Kraft und Heiligkeit unserer Liebe! Darum will ich dich
erkämpfen wenn's sein muß mit dem Einsatz meines Lebens!«
»Das wird nicht nötig sein!« sagte da plötzlich eine fremde
Männerstimme.
Erstaunt und betroffen sahen sich beide um.
»Alfred!« Bleich und starr stand sie da.
»Mein Herr! Mein Name ist Theobald Volkmar.« Mustergültig förmliche
Verbeugung, ein Blick, der alles sagte. Erwiederung weniger steif, aber
»tadellos«:
»Alfred Bründherr. Es braucht kein weiteres, Herr Volkmar. Ich bin
meiner Base unbemerkt nachgegangen. Zuerst aus Neckerei, dann aus
Neugierde. Dann dacht' ich, du könntest ja auch die liebe Frau Volkmar
kennen lernen -- tret ein und höre Ihre Stimme, mein Herr.« Kleine Pause.
Die Blicke aller am Boden.
Alfred Bründherr faßte sich zuerst: »Sie haben ganz recht, Herr Volkmar:
Erna darf nicht das Opfer ihrer Kindesliebe werden. Und ich,« hier wurde
seine feine Stimme schneidend, »ich will keine Frau, die mich nicht
liebt.«
»Hätt' er längst sehen können,« dachte Theobald bei sich und verbiß ein
Lächeln. Erna aber unterdrückte es nicht; mild lächelnd sah sie Alfred
an und fragte: »Sag mir, Alfred, fällt's dir sehr schwer? Aufrichtig!«
»Schwer wird's mir schon; aber sicherlich nicht so schwer, wie es diesem
Herrn da würde, mein' ich. Um es kurz zu machen: Ich gratuliere!«
»Und der Vater?« Die rasche Frage Ernas störte einigermaßen die
gegenseitigen, grausam-eleganten Verneigungen der beiden Herren. Alfred
lächelte verbindlich.
»Den werd ich schon vorbereiten,« meinte er überlegen. »So viel ich ihn
kenne, wird er dem -- wahren Glücke« -- es zuckte bei diesen Worten
seltsam um seine bärtigen Mundwinkel -- »seines Lieblings nicht im Wege
stehn.« Und bitter-ernst fügte er hinzu: »Es ist ja zum Glück das
Schwierigste nicht zu überwinden: unsere Verlobung ist noch nicht
veröffentlicht.«
»Das Schwierigste nennt er das! Und Glück!« blitzte es durch Theobald
und ein scharfes Wort drängte sich gegen seine Zungenspitze, ein Wort,
von dem er wußte, daß er es mit der Degenspitze werde einlösen müssen.
Aber wozu? Der Herr Vetter ist ja so entgegenkommend! Mit einem raschen
Blicke unendlichen Wohlwollens umfaßte er die geschmeidige Gestalt des
feinen glatten Mannes und sagte dann, in Miene und Ton und Gebärde voll
unverschämter Höflichkeit:
»Danke verbindlichst!« Dabei zwirbelte er hastig den blonden
Schnurrbart, so daß er fröhlich-frech und herausfordernd vorstach.
Der andere, der, wie der wunderschöne Durchzieher an seiner rechten
Wange zeigte, just auch kein Kneifer war, mußte wohl geahnt haben, was
im Geiste und Empfinden seines glücklichen Gegners während dieser
peinlichen Sekunden vorgehn mochte; denn er verneigte sich forsch und
klirrte hervor:
»Bitte sehr!« Dann ging er.
»Ein lieber Kerl!« rief Theobald mit einem Gemisch von Spott und
aufrichtiger Bewunderung, als der Mann draußen war.
»Ja,« sagte Erna ernst darauf, »er war immer streng »korrekt«. Und
leiser fügte sie hinzu. »Fast mehr, als gut ist.«
»Mehr, als gut ist!« wiederholte Theobald. »Um Gottes willen! Ein ganzes
Leben an der Seite dieses Mannes, Erna, ein ganzes Leben!«
»Es wär gewesen wie ein klarer wolkenloser Tag,« erwiderte sie ernst.
»Aber wie ein -- Wintertag. Du hast mir Sonne und Wärme gebracht,
Theobald! Wie werden wir glücklich sein! So glücklich, wie -- deine
Eltern waren ...«
Da nahm er sie, doppelt beseligt, in seine Arme.
Wieder ging die Tür auf. Schnell und erglühend löste sich Erna los und
eilte auf die frohbetroffene Frau zu.
»Mutter!« rief sie leise; aber es klang ein Jubel in ihrer Stimme.
»Mutter! Liebe, liebe Mutter!«
Sie ließ sich vor der kleinen zarten Frau nieder und küßte ihr
glückfeuchten Auges die schmalen Hände.
Abends waren sie alle drunten um den Christbaum versammelt, den Erna
geschmückt hatte.
Alfred Bründherr hatte alles aufs beste eingerenkt. Man feierte abermals
Verlobung. Der Vetter war so überaus »korrekt«, zu diesem Feste _nicht_
zu erscheinen. Aber er hinterließ ein schönes Wort: er beglückwünsche
Theobald, der sich sein Glück im Sturm erobert habe, und beglückwünsche
Erna zu ihrer zweifellos sonnigen Zukunft. Was aber auch kommen möge
-- sie könne ruhig sein: ihr Auserwählter werde aufrecht dastehn und sie
zu schützen und zu schirmen wissen in jedem Lebenssturme.
Weihnachtszauber.
Ungewöhnlich lange dauerte es diesmal. Das ganze schmucke neue Haus
duftete schon von Tannengrün und Wachskerzen und noch immer klang die
Glocke nicht, das liebe silberhelle Glöcklein, das nur einmal des Jahres
erklingt, nur einmal ruft und jubelt: am Christabend.
Wieder und wieder glaubten sie's zu hören. Dann sprangen sie auf,
lauschten und liefen vor die Tür. Enttäuscht kehrten sie zurück in das
trauliche Halbdunkel ihres Zimmers und überließen sich wieder der
drangvoll süßen Ungeduld und froherregenden Erwartungsfreude. Und immer
wieder ging die kindliche Phantasie, durchwärmt von heller Herzenslust
und durchschauert von ehrfürchtigen Empfindungen, ihre krausen Wege.
Tastend jetzt und zaghaft an dunklen verschlossenen Türen vorbei -- jetzt
jäh auffliegend ins Sonnenland des Märchenhaften, einer aufgescheuchten
Schar bunter Vöglein gleich, die im Sonnenglanz verschwinden, als hätt'
sich ihnen überschnell eine unsichtbare Pforte aufgetan und rasch wieder
geschlossen hinter den scheu Entflohenen.
Jetzt schlug die Uhr vom nahen Kirchturm die Stunde. Sie lauschten und
zählten.
»Sechs Uhr schon!« rief Klein-Elli betroffen. »Um die Zeit war das
Christkind immer schon da bei uns.«
»Ja, mein Gott,« meinte altklug der fast achtjährige Otto, der Aelteste,
»jetzt, wo wir da heraußen wohnen, wird's wohl noch später.«
»Ja«, hauchte Elli und ihre Augen wurden groß dabei.
Und Norbert, der jüngste, ließ sein Spielzeug fallen, starrte die beiden
Größeren schier angstvoll an und sagte traurig: »Noch später.«
Alle drei sehnten sich in dieser Stunde zurück in die enge, aber
trauliche Wohnung drinnen in dem großen Stadthause, hoch droben im
letzten Stockwerk. Erst als Otto daran erinnerte, daß der Vater nie so
heiter war wie jetzt, wo sie hier wohnten in den schönen Räumen des
kleinen eigenen Hauses -- erst dann versöhnten sich die kleinen
Zürnenden wieder mit dem neuen Heim, wo noch alles, neu und vornehm, sie
anrief. »Rühr mich nicht an! Streif nicht an mich an! Stoß mich nicht
ab!« Und scheu wichen sie all dem unvertrauten Neuen und Fremden aus und
gingen im Kreise um die Ecken. -- Wie war's doch drinnen in der Stadt
anders inmitten der lieben alten Möbel, die sie alle kannten und die
ihnen allerlei zu erzählen wußten aus der geheimnisvollen
Morgendämmerung ihres Daseins. Freilich, der Vater kam dort oft mit
trüben Mienen heim und ging stumm in sein Kämmerlein. Dann wanderte die
Mutter still von der Küche ins Zimmer und ruhelos wieder zurück. Sie
sah, was die Kleinen nicht sahen, aber in ihren reinen Herzen dunkel
ahnten: daß an ihres Mannes Seite eine graue Gestalt herangeschlichen
war und ihre dürre Hand, ach! so vertraut auf seine Schultern legte
-- die dürre kleine Hand, die so schwer wiegen und so unerbittlich
Lebensglanz und Freudenschimmer verwischen kann wie ein feuchter Schwamm
die Schriftzüge auf einer Tafel: die Hand der Frau Sorge. Und sie wußte
auch, was die Kinder nicht ahnten und ahnen sollten: daß oft an ihrer
bescheidenen Heimstatt Tür der Frau Sorge ungestümere Schwester pochte:
die Not.
Ein Glücksfall brachte mit einem Male Sonnenglanz in das nebelumflorte
Sorgenleben des kleinen kindergesegneten Beamten. Schier betäubt war er
von der Größe und Plötzlichkeit dieses Glücks. All die drückenden
Schulden konnte er bezahlen, seiner stillen Frau kaufen, was sie sich
heimlich oft gewünscht, und seine Kinder kleiden, schmuck und fein und
sauber, wie er es längst ersehnte. Und allen seinen eigenen Wünschen
Erfüllung bieten. Dabei ging er aber oft über das gebotene Maß vornehmen
Schönheitssinnes hinaus und verletzte dadurch das zarte Feinheitsgefühl
seines Weibes. Anfangs mit stillem Lächeln, bald aber mit Befremden und
endlich mit heimlichem Kummer merkte Frau Herma, wie ihr sonst so
bescheidener Mann immer mehr die unleidlichen Manieren eines
Emporkömmlings annahm und ein Wesens machte, das der Wirklichkeit gar
nicht entsprach. Daß sie fortan sorgenlos leben, daß sie sich dieses
Häuschen bauen und sich frohgemut der Stunde hingeben konnten -- das war
alles. Und das war viel, unendlich viel für Hermas seelenheitre Art;
aber es war wenig in den Augen der Welt, die nur aufs Aeußerliche sieht
und nicht ahnen kann, wie unsagbar reich ein armes Menschenherz sein
kann, tief drinnen in der Brust. Und Herma war reich gewesen von jeher
und hielt auch Konrad, ihren bisher so schweigsamen Mann, für innerlich
reich und seelentief. Und nun mußte sie sehen, wie er protzte, wie er
groß tat vor allen Leuten. Das tat ihr weh. Und sogar der Zweifel bekam
allgemach Gewalt über sie. Sie fragte sich, ob ihres Mannes Gemüt
wirklich so schlicht sei und so tief bescheiden, als es ihr bisher
schien und sie es liebte. Sollte es nur die Sorge, die Not kümmerlich
ins Blühen gebracht haben? War das schwere Schweigen nur eine Hülle, die
nichts verhüllte?
Heimlich wünschte sie oft, es wäre geblieben wie früher. Lieber ertragen
und dulden, lieber sich beugen in Sorgen und Kümmernissen -- aber
innerlich froh sein können, vertrauensstolz froh und stark in der
Ueberzeugung, in sich einen Schatz zu tragen, den uns niemand rauben
kann, in sich ein Feuer brennen zu wissen, das durch nichts auf dieser
Welt ganz erlöschen und ganz erkalten kann: die Liebe zueinander und das
große tiefe herzbeglückende Vertrauen, das solcher Liebe entspringt. Und
jetzt, wo alles Gute in ihnen sprießen, alles Edle blühen konnte, wo sie
aus dem Sumpfe kleinlicher gemeiner Alltagssorgen auf festes sicheres
Land gerettet waren -- jetzt sollte sie erkennen müssen, daß ihres
Mannes Gemüt seicht, seine Gesinnung oberflächlich sei? Auf wiederholte
Bemerkungen, die an sein Feingefühl gerichtet waren, hatte er nur ein
Lachen, das in seiner selbstsicheren Unbefangenheit Herma weher tat als
etwa eine schroffe Abweisung. War er wirklich nur und noch immer
glückberauscht oder stand ihr die herbste Enttäuschung ihres Lebens
bevor? Sie wollte abwarten, eh sie zum offenen Kampfe überging oder
-- still verzichtete.
Er aber lebte froh in den Tag hinein und ahnte wohl kaum, was seine Frau
heimlich so tief bedrückte. Erst am Weihnachtsabend, als Herma in voller
tiefer Stimmung in ihr Zimmer ging und erwartungsfroh jene Lade aufzog,
wo sie den lange treu bewahrten Christbaumschmuck verbarg und er, rasch
dazwischentretend, ihr verwehrte, den »alten Tand« nochmals auf den Baum
zu hängen, trübten ihm die ersten herben Tränen den Glanz seines jungen
Glücks. Herma, sein feinfühliges Weib, weinte sie -- jäh und
unbezwingbar. Er sah sie an wie vom Donner gerührt. Sie aber wischte
sich die salzige Flut rasch von den Wangen, schob die Lade zu und ging
von ihm weg -- still, wortlos, ohne ihn anzusehen. Ging hinüber, den
großen hohen Tannenbaum zu schmücken mit den neuen gleißenden Sachen,
die er heimgebracht hatte. Still verrichtete sie diese Arbeit an seiner
Seite, unfroh, mit unlustschweren Händen. Und wenn sich ihre Blicke
begegneten, senkten sie sich rasch oder glitten aneinander vorbei wie an
etwas Unliebem. Auch ihm ging nichts recht aus den Händen und in seine
Seele kam eine seltsame Unruhe, ein beklemmendes Mahnen und
beängstigendes Drängen -- die Vorboten der Reue.
Ueber all dem verging viel Zeit. Und darum währte es heute so
ungewöhnlich lange. Und mit den nun verpönten lieben alten Dingen
beschäftigte sich unterdessen die heißerregte Phantasie der Kinder. Seit
Jahren kehrten sie geheimnisvoll immer wieder, glänzten und strahlten,
glitzerten und funkelten aus dem Tannengrün und verschwanden nach dem
Heiligendreikönigtage ebenso geheimnisvoll wieder.
Wohin? Das Christkind habe sie wieder geholt, sagte die Mutter. Dem
Christkind gehören sie ganz allein und dieses bringe sie immer in
dasselbe Haus und verwechsle sie nie. Und je öfter es dieselben Sachen
den gleichen Kindern bringe, desto lieber habe es diese.
Und desto lieber gewannen sie auch die Kleinen. Mit heiliger Scheu sahen
sie jedesmal zu dem funkelnden Stern empor, der immer hoch oben am
Gipfel des Baumes prangte und sich oft seltsam leise bewegte, als wehe
überirdischer Hauch um ihn her oder aus ihm heraus. Und darunter das
Christkindlein mit dem Goldscheine um das blondgelockte Haupt. Es
lächelte und nickte grüßend herab; auf seinen lieblichen Wangen lag ein
rosiger Schimmer, aus seinen großen Blauaugen kam ein Leuchten
-- unfaßbar geheimnisvoll. Diese zwei Heiligtümer hatten die Kinder nie
in der Nähe geschaut, nie in den Händen gehabt. Und keines hätte es je
gewagt, auch nur den Wunsch zu äußern, sie herunterzuholen. In ein viel
vertraulicheres Verhältnis kamen sie allgemach zu den tiefer in den
Zweigen hängenden Schaustücken. Sie betasteten sie mit scheuer
Neugierde, streichelten sie, nahmen sie wohl öfter behutsam herab und
hingen sie aus eigenem Antriebe, oder bedeutsam von der Mutter gemahnt,
wieder an ihren Platz -- dorthin, wo sie mit zarten Fingern das
Christkindlein selbst gehangen hatte. Und jedes der Kinder nahm geistig
Besitz von einem bestimmten Gegenstande, der ihm besonders lieb war. Des
Sommers oft, wenn trübe Regentage sie in die Stube bannten, sprachen sie
unvermutet von all den geheimnisvollen Sachen. Elli am liebsten von
einer winzig kleinen Puppe, die, in einem zierlichen Körbchen weich
gebettet liegend, sie alljährlich so vertraulich anlächelte, als freute
sie sich des Wiedersehens so sehr wie Elli selbst.
Mit heißen Wangen und leuchtenden Augen phantasierte sie eben wieder von
ihrem kleinen Liebling und behauptete plötzlich, das liebe Püppchen sei
zweifellos ein Spielzeug, mit dem im Himmel droben Lilli, das
verstorbene Schwesterlein spielen dürfe inmitten einer Schar fröhlicher
Englein. Darum leuchte sie auch immer so himmlisch schön, die Puppe,
meinte sie ernsthaft.
Eine Pause trat ein. Alle drei sahen schaurigstill vor sich hin, als
sähen sie das von überirdischem Schimmer umflossene Schwesterlein vor
sich sitzen und mit den Englein spielen. Plötzlich brach Otto das
klingende singende Schweigen.
»Du Elli,« rief er lebhaft, »weißt du, was ich glaub, wo mein
Paradiesvogel immer ist?«
»Dein Paradiesvogel? Den kleinen meinst, den am Baum?«
»Ja, den. Der dem Christkind gehört und so viele Farben hat, so schöne.«
»Nun, wo soll er denn sein? Doch auch im Himmel droben beim Christkind
-- nicht?«
»O nein! Ich glaub daß der immer ein wirklicher lebendiger Vogel ist,
ein großer. Ja. Ich hab ihn einmal fliegen sehn.«
»Fliegen hast du ihn sehn?« rief Elli und der heilige Schauer des
Wunderbaren durchbebte sie.
»Ja!« sagte Otto, von einem heißen Drange fortgerissen. »Hoch am Himmel
droben ist er geflogen. Hoch über die Sterne hin! Und groß war er
-- groß! Und schön!«
Und das Traumbild einer weißen Glanznacht kühn mit Dichtung mengend,
fuhr er lebhaft fort:
»Und weißt du, wo er war? Auf der Erde herunten war er und hat
nachgeschaut, ob wir brav sind alle. Und wißt ihr, was er macht? Den
Regenbogen macht er! Ja! Mit seinem langen schönen Schweif macht er ihn.
Darum hat er so viele Farben -- weißt du?«
Er hatte sich ganz heiß geredet und fühlte sich unsagbar beglückt, als
er sah, wie Elli sprachlos dastand, des Erstaunens und Verwunderns
übervoll.
»Ja, glaubst du's vielleicht gar nicht«, rief der kleine Dichter endlich
gekränkt, als Elli gar nichts erwiderte und nur immer mit großen Augen
wie traumhaft vor sich hinschaute.
»Aber freilich glaub' ich's!« sagte sie jetzt voll Eifer. »Ich seh's ja!
Wirklich wahr -- ich seh's!«
Und Norbert, der mit glänzenden Blicken nach Otto geschaut, rief jetzt,
angeregt durch die kühne Phantasie Ottos, ganz erhitzt aus: »Ja, und wo
ist denn dann mein schöner Bibihahn immer?«
»O, wer weiß, wie's dem ergangen ist,« sagte Otto großartig kühl. »Du
hast ihm ja den Schnabel abgebrochen.«
»O nein!« verteidigte Elli den Jüngsten, dessen Gesicht sich weinerlich
verzog. »Wie der schöne kleine Hahn zum zweitenmal gekommen ist, hat er
den Schnabel schon gebrochen gehabt. Weißt du's denn nimmer?«
»Ja,« meinte nun Otto. »Wer weiß, wo der herumgerauft hat und mit wem?«
Und immer eifriger umspannen die drei erregten Kinder ihre Lieblinge mit
dem goldigen Gewebe naiver Legende. Auf dem klugen weißen Elefanten
ritten sie durch ferne Wunderländer, jagten auf der langbeinigen Giraffe
durch die schaurige Oede der Wüste und durchschwammen mit dem schwarzen
Walfisch, auf des Ungeheuers Rücken in einem zierlichen Häuschen
geborgen, das unendliche Meer. Immer heißer wurden ihre Wangen, immer
größer ihr Verlangen, wieder das zu sehen, was das Christkindlein nur
für sie bestimmt hatte und immer wieder nur ihnen brachte. Und sie
nahmen sich vor, mit den kleinen Dingelchen, die sie für verzauberte
Lebewesen hielten, recht lieb umzugehn und fragten sich, wo wohl dies
und das heuer hängen werde, erinnerten sich, wo es im vorigen Jahr hing
und früher. Immer wieder kamen sie auf ihre Lieblingsstücklein zurück
und erschraken bis in die Tiefe ihrer kleinen Seelen hinein, als sie
nach einem Ausruf Ottos sich vorstellten, was sie wohl täten, wenn die
kleine süße Puppe, wenn der prächtige Paradiesvogel oder der stolze
kampfmutige Hahn plötzlich in ihren Händen lebendig würden?
Stockenden Atems sahen sie einander an. Da schnarrte plötzlich die
elektrische Klingel, die über der Tür angebracht war und sie mit der
Bonne, die sie neuestens hatten, zu den Mahlzeiten rief.
»Zum Essen ruft der Vater -- und das Christkind?« Enttäuscht standen sie
ratlos da, Tränen stiegen sachte in ihre Augen. Und nochmals schrillte
die Glocke. Zugleich ging die Tür auf und Gisa, die Bonne rief herein:
»Ja, Kinder! Hört ihr denn nicht? Das Christkind läutet!«
Jetzt klang und sang und rief und jubelte aus dem großen schönen Zimmer
auch wirklich das silberhelle Glöcklein. Die Mutter konnt es sich nicht
versagen, es wenigstens in diesem Punkte zu guter Letzt zu halten wie
immer bisher. Das stimmte die Kinder wieder warm und erwartungsvoll
feierlich.
Sie stürmten in das Zimmer, traten ein -- und standen mäuschenstill vor
dem großen Baume, der schön und glänzend war wie keiner vorher. Aber von
des Baumes Wipfel herab schimmerte ein anderer Stern, schöner zwar, als
sie je einen sahen -- aber nicht der gewohnte, der liebe und
verheißungsvolle Stern. Und er hing steif und still und rührte sich
nicht, wie sie auch hinaufschauten. Und ein anderes Christkindlein
blickte nieder, lieblich wohl und überaus schön; aber es lächelte nicht
so vertraut, wie das, das immer von da droben niedergrüßte. Und in dem
Gezweige des Baumes fanden ihre scheu und ängstlich suchenden Blicke die
vielen lieben Dingelchen nicht: Elli nicht ihre Himmelspuppe, Otto
seinen vielfarbigen Vogel nicht und Norbert nicht seinen stolzen Hahn
mit dem abgebrochenen Schnabel.
Staunend, mißmutig fast, sah der Vater den Kindern zu, die hilflos
befangen vor der schönen Wirklichkeit dastanden und sich ihrer nicht
selbstvergessen freuen konnten, weil sie nicht umglänzt und umsponnen
war von der Poesie, in der ihre Seelen unbewußt schwelgten. Mit einem
scheuen Blick auf den Vater tat zwar Otto so, als ob's ihn über alle
Maßen freute; es kam ihm aber nicht recht vom Herzen.
Norbert war der erste, der laut jubelte, als ihm der Vater, ärgerlich
halb und halb verschämt, sagte, das große schöne Hutschpferd gehöre ihm.
Elli aber stand schier erschrocken vor einer Puppe, die fast größer war
als sie selbst und so hochmütig auf die Verschüchterte niederschaute wie
eine große vornehme Dame. Auch sie freute sich ihrer übrigen prächtigen
Geschenke wohl -- aber es war nicht die jubelnde Freude wie sonst, es
wollte nicht der beseligende Rausch der Selbstvergessenheit über sie und
ihre mitenttäuschten Brüderchen kommen.
Endlich fragte sie, ruhelos bedrängt, die Mutter heimlich und leise, so
daß es der Vater nicht hören sollte, aber doch wohl hörte: »Mutter, hat
uns denn das Christkind nimmer lieb?«