Dunkelkammer das kleine Bild der nackten Kurtisane auf der Platte
hervorrief. Am nächsten Morgen nähte er einen Papierabdruck davon in
seinen Hausrock und wußte jetzt, daß er zeitlebens Glück haben werde.
Nur durfte er von dem Bilde zu niemanden sprechen. Aber das Glück kam in
wahnwitziger Gestalt. Wollüstige hitzige Träume bedrängten den armen
Mann. Die nackte Tatoto kam nachts, wie in einem gelben Feuermantel, an
das Bett des Malaien und legte sich in seinem Schlaf zwischen ihn und
seine junge Frau. Und wenn er zugriff und die Kurtisane umarmen wollte,
hing ihm das steife grinsende Chamäleon am Herzen. Bei Tag ging die
nackte Tatoto vor ihm her über das bläuliche Pflaster von Penang.
Stundenlang starrte der junge Photograph geistesabwesend in das blaue
Licht von Penang und stand, wie ein Träumer im Mondschein, mitten im
Sonnenschein. Nur wenn er seinen Hausrock ablegte, darinnen Gabrielas
Bild eingenäht war, atmete er leichter. Öfters geschah es, daß Holongku
seinen europäischen Anzug anzog, seinen europäischen Strohhut aufsetzte
und zum Hafen ging, wenn ein ausländisches Postschiff signalisiert
wurde. Dann verkaufte er auf dem Promenadendeck des angekommenen
Dampfers bemalte Photographien und Postkarten von Penang an die
Weltreisenden. Für eine kurze Stunde legte er dann mit seinem Hausrock
seine unruhige Leidenschaft zu der Kurtisane ab.
Wenn Holongku im Hafen auf einem Dampfer war, saß seine junge
sechzehnjährige Frau vor dem Atelierhaus auf dem Treppenabsatz unter dem
Schlingpflanzendach. Die weißen Treppensteine leuchteten bläulich, und
Marmies weiße Augäpfel schimmerten ebenso bläulich. Die junge Frau
stellte jeden Nachmittag einen kleinen Tisch auf die schattige
Haustreppe und saß dort stundenlang und bemalte Dutzende von
Ansichtskarten, bis ihr Mann wiederkehrte. Marmie saß heute wieder an
ihrem gewohnten Platz, und hinter ihr funkelten die Atelierscheiben im
Gartengrün, wie die Fenster eines Aquariums. Marmie saß getreulich und
emsig über ihre Postkarten gebeugt. Ihr schwarzes glattgescheiteltes
Haar spiegelte bläuliche Glanzlichter. Dieses lackschwarze Haar wurde
oft drüben über der Straße von dem chinesischen Korbflechter Ling-Sung
beträumt.
Der Chinese hatte seine offene Korbflechterei dem Photographenhaus
gegenüber. Dort wurden aus weißem Rohr von vielen halbnackten Chinesen
große verschnörkelte Strohsessel und Strohsophas kunstvoll nach
englischen Vorlagen gearbeitet. Ling-Sung, der reiche Besitzer dieses
Geschäftes, saß nachmittags in der Straße in einem großen Schaukelstuhl.
Er war stets nur mit einer schwarzen Kalikohose bekleidet. Sein
Oberkörper war nackt. Er zeigte seine gelbe glänzende Bauchkugel der
Sonne und schlief unter einem getrockneten Palmfächerblatt, das er sich
über die Stirn gelegt hatte. Seine beiden vom Fett angeschwollenen
nackten Arme hingen zu beiden Seiten des Schaukelstuhles vom feisten
Leib herab. Die schwarze Kalikohose glühte wie schwarzer kochender
Asphalt in der Sonne, und die gelbe Leibkugel stand voll glitzernder
Schweißperlen und glänzte, wie eine fette geblähte Pastete. Wenn
Ling-Sung nicht schlief, schaukelte er, und sein langer Zopf hing hinter
der Stuhllehne bis auf das Pflaster und bewegte sich wie ein
Perpendikel. Um ihn arbeiteten seine Leute gebückt über das
Strohgeflecht, teils in der offenen Haushalle, teils auf der leeren
breiten Straße. Ling-Sung konnte stundenlang in seiner liegenden
Stellung schaukeln und zur Photographin hinüberstarren.
Er träumte sich dann nach China hin, in seine Heimatstadt, und von dort
wollte er sich später eine Chinesin zur Frau holen, schwarzhaarig wie
die Photographin drüben. Halb schlafend, halb träumend beging er in
erhitzten Gedanken, sorglos und unschuldig wie alle Schlafenden, manchen
Ehebruch mit der Photographin. Aber wenn er wieder erwachte, dachte er
nur nüchtern an seine Korbflechterei und kassierte emsig in der Stadt
ausstehende Gelder ein.
Auch der malaiische Photograph schuldete dem Chinesen einiges Geld, aber
Ling-Sung wartete großmütig, teils weil er Holongkus Nachbar war, teils
weil ihm die Frau des Photographen angenehme Träume umsonst gab.
Marmie, die Photographenfrau, saß jeden Nachmittag völlig ahnungslos auf
ihrer Treppe vor dem Tisch und bemalte ihre Ansichtskarten von Penang
mit bläulicher Farbe. Sie dachte mit keinem Gedanken an den Chinesen und
wartete nur auf die Heimkehr ihres Mannes, in den sie treu verliebt war.
Täglich ist in Penang eine schwüle Gewitterluft wie in einem Brutkasten,
und wie mit blauer Elektrizität geladen glühen alle Erdkörper.
Stundenlang über das Vergrößerungsglas einer Lupe gebückt, hatte Marmie
sich heute müde gemalt. Sie ging in den Hausgang und holte den Hausrock
ihres Mannes, legte ihn auf ihr Knie und wollte einen abgerissenen Knopf
annähen.
Die Zisternen im Garten rochen dumpf, und die glatten Blattflächen der
Fächerpalmen warfen grelle Glanzlichter, wie große weiße Brennspiegel.
Marmies Stirn schmerzte, und sie schloß nach dem Einfädeln der Nadel
einen Augenblick ihre Augen.
Dieser Augenblick aber wurde schnell zu einem Schlafbild von einigen
Sekunden, zu einem blitzschnellen Traum, der die Scheinzeit von Jahren
annahm.
Marmie träumte, der Chinese Ling-Sung verlangte plötzlich sein Geld. Er
stand vor ihr und klopfte auf den Tisch und forderte energisch die
Zahlung, weil er nach China reisen und sich verheiraten wollte. Marmie
bettelte für ihren Mann um Aufschub, aber Ling-Sung war unerbittlich.
Dreihundert Yen für Korbstühle und Sofas, die Ateliereinrichtung,
sollten sofort bezahlt werden. Sonst würde der Chinese heute abend den
Photographen schlachten lassen und ihn rösten, wie die Menschenfresser
in Sumatra drüben es tun, und mit seinen Verwandten zusammen Holongku
als Hochzeitsschmaus verzehren. Marmie sah schnell im Traum die
finsterbewaldete Küste von Sumatra über der Malakkastraße, wo
Menschenfresser heute noch Freunde und Verwandte schlachten, wie man
sich in Penang erzählt. Marmie schauderte und verwechselte im Traum
China mit Sumatra und glaubte fest, daß der Chinese dort hinüberreisen
würde und ihren Mann als Hochzeitsschmaus mitschleppen wollte, wenn er
nicht bezahlen würde.
Rasch fiel ihr ein Vermächtnis ihres Vaters ein. Dieser, ein Malaie,
hatte manchmal erzählt, daß man Menschen töten könne, wenn man ihr Bild
oder ihre Photographie mit einer Nadel durchsteche. Der Stich muß die
Brust treffen, und dabei soll man das malaiische Wort »Lulauû« laut und
deutlich aussprechen. Die Hand darf nicht zittern. Man muß die Nadel auf
der Photographie in die Herzgegend der betreffenden Person ansetzen und
beim Wort »Lulauû« durch das Bild stechen, aber die Nadel darf nicht
abbrechen.
Marmie beschloß im Schlaf den Chinesen Ling-Sung auf diese Weise zu
töten. Sie suchte in der Tischschublade nach seiner Photographie, denn
der Chinese hatte sich für seine Braut photographieren lassen. Und
Marmie versprach sich mit ihrer raschen Tat für ihren Mann schnelle
Hilfe vor dem chinesischen Menschenfresser.
Sie sah noch einmal Ling-Sung starr ins Auge und sagte: »Also, du gibst
meinem Mann keine längere Frist mehr, Ling-Sung?«
»Nein, die Hochzeit ist morgen,« sagte der Chinese, und sein gelber
Wanst glänzte feist in der Sonne wie die gelben Tonnen, die im Hafen von
Penang im Meerwasser schwimmen.
»Gut,« sagte Marmie entschlossen, nahm ihre Nähnadel und stach sie in
das Brustbild des Chinesen und rief laut: »Lulauû!«
Der Chinese wurde blauweiß, wie die Luft von Penang, und fiel steif vor
Marmie auf den Erdboden.
Tief seufzend und wie mit einer schweren Bürde beladen erwachte Marmie.
Sie hörte noch deutlich ihre Lippen »Lulauû« sagen. Ihr Ohr hörte noch
das Papier der Photographie unter dem Nadelstich knistern. Der Chinese
war umgefallen und ermordet von Marmie. Marmie erwachte jetzt
vollständig und lächelte über den seltsamen Traum.
Über der Straße lag wie immer friedlich atmend der feiste Chinese
Ling-Sung im Schaukelstuhl. Er ließ seinen Pastetenbauch braten, und um
ihn arbeiteten die Korbflechter mit ihren weißen Bambusrohren.
Marmie suchte nach ihrer Nadel, die sie im Schlaf verloren hatte. Sie
fand sie im Hausrock ihres Mannes stecken, als ob ihre Hand im Schlaf
genäht hätte.
Marmie erinnerte sich, daß ihr Mann gerade heute die Rechnung bei dem
Chinesen drüben bezahlt hatte; und es konnte keine Rede mehr von einer
Schuld sein. Sie nähte, erleichtert aufatmend, den Knopf an den
Hausrock, ging dann hinein und hängte den Rock im Hausflur an seinen
Platz. Darnach malte sie wieder emsig an ihren Postkarten weiter.
Nach einer Weile kam Holongku vom Hafen zurück. Die Ehegatten nickten
sich zu. Der Mann trat ins Haus, wechselte seinen Rock und ging dann in
das kleine dunkle Laboratorium zu seinen Chemikalien. Die Frau draußen
hörte ihn eine halbe Stunde mit Glasplatten und Flaschen hantieren. Dann
kam er wieder heraus auf die Treppe. Er stand sehr bleich vor Marmie,
strich sich mit den Händen über das Gesicht und sagte zu seiner Frau, er
fühle Übelkeit im Leibe. Ihm war, als röche das ganze Haus nach einem
ekelhaften Leichengeruch.
Marmie stand bestürzt auf und ging mit ihrem Mann durch die Zimmer und
durch den Garten. Sie suchten beide, ob nicht irgendwo eine verreckte
Eidechse oder ein toter Papagei in Verwesung hingeworfen seien. Sie
fanden nichts im Garten und gingen noch einmal durch die Zimmer im Haus.
Die Frau roch nirgends etwas, aber Holongku beruhigte sich nicht. Er
fand, daß der Leichengeruch in seinen Kleidern säße, und als sie gerade
in der Küche standen, schleuderte er den Hausrock ab und warf ihn auf
den kalten Herd. Da mußte Marmie lachen und lachte ihren Mann aus, und
dieser ging ohne Rock zurück an seine Arbeit.
Aber es dauerte nicht lange, da kam Marmie zu Holongku in das
Laboratorium und klagte über einen Brandgeruch im Hause.
Beide machten sich wieder auf die Suche, und als sie die Tür zur Küche
öffneten, schlug eine große Flamme vom Herd in die Luft, und der
Hausrock flog ihnen, verbrannt zu einem flachen schwarzen Aschenlappen,
vom Herd entgegen.
Sie stellten fest, daß noch etwas Glut im Aschenkasten gewesen war, und
daß der Hausrock, getränkt mit chemischen Dünsten, einen Funken geweckt
hatte und verglimmt war. --
Am nächsten Nachmittag, ehe der Photograph zum Hafen ging, kam der
Chinese Ling-Sung von drüben aus seinem Haus, kam herüber über die
Straße und blieb an den weißen Stufen des Treppenabsatzes stehen, wo
Marmie wie immer ihre Postkarten malte.
Die junge Frau sah erstaunt von ihrer Arbeit auf und dachte einen
Augenblick: »Der Chinese steht da wie gestern nachmittag, als ich von
ihm träumte und mit der Nadel sein Bild durchstach.«
Ling-Sung winkte dem Photographen und flüsterte ihm ins Ohr: »Die
Gabriela Tatoto ist gestern nachmittag in ihrem Landhaus gestorben. Eine
Schlange kam aus ihrem Garten und hat sie in die nackte Brust gebissen,
als sie auf ihrem Stuhle lag und schlief. Die Schlange wollte Jagd auf
das Chamäleon machen, das immer auf Gabrielas Arm saß. Aber die
Kurtisane erwachte und schlug im Schreck nach der giftigen Schlange, die
dann wütend zubiß. Die Tatoto ist kurz darnach am Giftbiß gestorben.
Alle Leute machen heute Jagd auf die Schlangen in ihren Gärten. Ich
möchte gern Ihr Mungos heute abend leihen, um auch meinen Garten
absuchen zu lassen.«
Der Photograph versprach Ling-Sung das Mungos für den Abend, und der
Chinese ging dankend und grüßend wieder hinüber.
Marmie lief in die Küche und holte das kleine Mungos von der Kette,
lockte es in den Garten und ließ das Tierchen, das der beste
Schlangenwächter ist, die Büsche absuchen.
Aber ihr Mann griff sich, als er allein war, an die Brust und atmete
erleichtert auf, da er das Bild der verführerischen Kurtisane nicht mehr
im Futter seines neuen Rockes fühlte, das Bild, das Marmie gestern im
Schlaf durchstochen hatte, und welches mit dem Rock am Herd verbrannt
war.
Holongku war von jetzt ab nie mehr abwesend und vergeistert und starrte
nicht mehr stundenlang in das blaue Licht von Penang, das wie Mondschein
im Sonnenschein ist.
Likse und Panulla
Likse, eine chinesische Wasserverkäuferin und Panulla, eine
singhalesische Straßendame, saßen im Haftlokal der Polizeistation auf
der »Gelben Straße« in Singapore.
Es ist morgens sechs Uhr. Beide Frauen sind in der Nacht betrunken von
der Straße aufgelesen und in das vergitterte Haftzimmer gesteckt worden.
Der einfenstrige Raum liegt im ersten Stock eines einstöckigen
indigoblauen Hauses. Das Gitterfenster reicht bis zur Diele. Likse und
Panulla sind von den Stühlen, auf denen sie geschlafen, aufgestanden.
Sie hocken am Boden bei dem Gitterfenster, schauen auf die lebhafte
Morgenstraße hinunter und warten auf ihre Haftentlassung.
Likses Kopf ist wie ein gelber, großer, ausgehöhlter Kürbis, in den man
ein Licht gestellt hat. Ihre Augäpfel leuchten noch prall von
übernächtiger Trunkenheit. Panulla hat noch rot und weiße Schminke und
Puderreste im Gesicht. Ihre Wangen sehen aus wie zwei künstlich gefärbte
Stücke Zucker. Beide Gesichter, das gelbe und das rosaweiße, kleben an
dem Gitter und verfolgen interessiert den Straßenlärm unten in der
»Gelben Straße« von Singapore.
Nackte Malaien, halbnackte, grobblau gekleidete Chinesen,
Bananenhändler, Wasserträger, Fischverkäufer, Garküchenkarren und
Rikschawagen rennen durcheinander, schieben und poltern über die
Pflastersteine. Räder und Menschenstimmen überlärmen sich mit ruckhaften
Sätzen. Die beiden Weiber am Gitterfenster begrüßen Bekannte unten,
Gesichter nicken herauf, Hände winken.
Vom dröhnenden Straßenleben zittern die Eisenstäbe des Gitters, daran
sich die Finger der beiden Frauen festhalten. Likse, die Chinesin, hat
weite, schwarze, glänzende Kalikohosen an und eine blaue schräggeknöpfte
Leinenjacke. Ihr lehmgelbes Gesicht grinst immer freundlichst. Ihre
eingedrückte Nase schnuppert zwischen den Eisenstäben sehnlichst nach
der Straße hinunter. Panulla in einem alten japanischen Krepp-Kimono von
rosagrauer Farbe, rote Ahornblätter darauf eingefärbt, hockt am Boden.
Ihr schmaler Hals dreht sich wie ein Reiherhals hin und her. Sie
verfolgt alle Vorübergehenden mit beweglichem Kopf, als möchte sie
gleich einer Störchin die Leute wie Frösche aus einem Sumpf zu sich
heraufangeln.
Die chinesische Likse ist grobknochig. Ihre derben Brüste und ihr Gesäß
sind dick wie Wassermelonen. Panulla aber ist wie ein Heupferdchen
schmal und wetzt ihre Kniee hüpfend am Gitter, wenn sie bekannte
Matrosen auf der Straße begrüßt.
Allmählich sammelt sich ein Bekanntenkreis von chinesischen Barbieren,
malaiischen Wagenziehern und chinesischen Kuliweibern unter dem Fenster
an. Unter viel Geschrei unterhalten sie sich mit den gefangenen Weibern.
Einer wirft ein paar Bananen hinauf, ein Fischhändler ein paar dünne
Fische. Die breitmäulige Likse verschlingt die lebenden rohen Fische.
Panulla lutscht an den Bananen.
Aus einer chinesischen Bar, über der Straße, kommt ein junger Mensch
gerannt. Er hat einen langen Bambusstab in der Hand; darauf ist ein
Stück Schwamm gebunden. Den feuchten Schwamm reicht er den gefangenen
Frauen hinauf.
Likse schnuppert und riecht sofort, daß der Schwamm in Branntwein
getaucht ist. Panulla errät den Branntwein aus Likses Augen, und beide
Weiber pressen gierig ihre offenen Mäuler durch die Gitterstäbe, um den
Branntweinschwamm zwischen die Lippen zu bekommen.
Kaum hat Likse den Schwamm mit der Nase berührt, versucht Panulla die
Chinesin zur Seite zu zerren. Die aber bleibt unerschütterlich auf ihren
zwei stämmigen Beinen stehen, schnappt nach dem Schwamm und saugt.
Der Bekanntenkreis unten brüllt ein heulendes Gelächter, denn Panulla
ist wie ein Affe auf Likses Schulter gesprungen und würgt Likse von
rückwärts am Hals, damit die Chinesin keinen Schluck Branntwein in den
Magen hinunterschlucken kann.
Likses gelbes Kürbisgesicht wird braun wie ein irdener Krug. Sie würgt
und schlingt und will Panulla abschütteln. Die dünne Malaiin hängt wie
eine Zange am Hals der dicken Chinesin. Likse fällt auf die Kniee,
prustet den Branntwein aus den Nasenlöchern, und immer noch reitet
Panulla auf der breiten Chinesin wie ein Jaguar, der sich in einen
Elefantenrücken eingebissen hat.
Die gelben Zuschauergesichter auf der Straße tanzen wie Reihen gelber
Lampions im Winde, und viele Köpfe stoßen im Gelächter zusammen.
Panulla hat endlich, über den Rücken der Chinesin hinweg, den Schwamm
durch das Gitter mit den Zähnen erschnappt, ihn mit dem Mund von der
Bambusstange gerissen, den Branntwein mit den Lippen ausgesogen und den
Schwamm dann blitzschnell zurück auf die Straße gespuckt.
Aber jetzt erhebt sich furchtbar die knochige Chinesin von der Erde,
schnaubend wie ein Flußpferd, das ans Land steigt. Ehe sich Panulla, die
am Gitter hängt, die Schreckensgesichter der Zuschauer unten auf der
Straße erklären kann, hat die mächtige Likse die Malaiin von rückwärts
am Haar zur Erde gerissen. Das Haar geht auf, und die chinesische
Wasserträgerin schleift die Straßendirne wie an einem schwarzen Strick
in den Hintergrund des schmalen Haftlokales.
Die Zuschauer stehen noch ein paar Augenblicke unten und warten. Ihre
gestreckten Hälse reichen nicht bis zum ersten Stock, um in die
Zimmertiefe zu schauen, und da weder Panulla noch Likse wieder am Gitter
erscheinen, gehen alle lachend auseinander; das Straßenleben eilt
eintönig lärmend wie vorher unterm Fenster vorüber.
Auf den Steinplatten hinten an der Zimmerwand liegt Panulla in der einen
Ecke wie eine fortgeworfene Puppe mit ausgerenkten Armen und komisch
verbogenen Beinen, als ob ihr ein Wirbelwind alle Glieder in den
Gelenkkugeln verdreht hätte. Ihr rosa Kimono liegt zerschlitzt in vielen
Fähnchen unter ihr. Als hat sie Lust zu lachen, verzerrt Panulla die
Mundwinkel und zeigt die Zunge wie einen blauen Lappen. Ihr Haarstrang
ist fest, gleich einer Henkerschnur, um ihren Hals geknotet. Die Malaiin
rührt sich nicht mehr.
In der anderen Ecke der Zimmertiefe ist Likse rückwärts über einen Stuhl
gestürzt. Ihre Beine stehen gespreizt in die Luft nach der Zimmerdecke.
Ihre gelben Waden schauen aus den schwarzen zurückgefallenen
Kalikohosen. Das gelbe Gesicht der Chinesin steht verkehrt auf dem
Fußboden und scheint wie eine leuchtende Lampe durch das dunkelblau
getünchte Zimmer. Die blaue Jacke ist von der linken Brust gerissen. Der
kleine Glaskopf einer Stecknadel blitzt neben der Brustwarze. Kaum ein
einziger kleiner Blutstropfen sammelt sich langsam um den
Stecknadelknopf und erstarrt zu einem winzigen roten Kreis.
Likse hat Panulla mit der Malaiin eigenem Haar erwürgt, und Panulla hat
der Chinesin im Kampf eine Stecknadel so tief in die Brust gestochen,
daß die Nadel das Herz traf und bis zum Nadelkopf im Fleisch stecken
blieb.
Likse und Panulla sind tot. Die Malaiin bekommt allmählich durch die
Totenstarre einen schiefen Ausdruck, als ob sie spottet.
Das Wagenrütteln der Straße erschüttert den Fußboden, und Likses
ausgestreckte Beine schaukeln in der Luft, als ob sich die Chinesin im
Kopfstehen übe.
Die erwürgte Malaiin hat eines ihrer verdrehten himmelnden Augen auf die
Beine der Chinesin in die Luft gerichtet. Das andere Auge sieht nach der
entgegengesetzten Seite zum Fenster.
»Schau, Likse! Jetzt kommt ein Monsungewitter!« grinste Panullas
Augapfel und verdunkelte sich bräunlichrot unterm Gewitterhimmel,
während ihr anderer Augapfel, beschienen von der Indigowand des Zimmers,
blau leuchtete.
Likses Beine wippten beim einsetzenden Sturmwind, der das Haus
schüttelte. Es war, als fluchte ihr offener Mund:
»Verdammt, ich habe meine Kinderwäsche noch auf dem Hausdach zum
Trocknen! Der Regen wird alles fortschwemmen. Ich muß heimrennen.« Und
Likses Beine wackelten noch lebhafter.
Panulla aber höhnte mit ihrem schiefen Blick stillschweigend: »Du wirst
lange zappeln können! Von selber stehst du nimmer auf, Likse. Du bist ja
mausetot, von mir, der Panulla, umgebracht, ehe du es ahntest, du
viereckiges Chinesentier! Der winzige gläserne Nadelkopf paßt dir
übrigens gut in deine Brustwarze.«
Die Chinesin grinste mit ihrem umgestürzten Gesicht, und aus ihren
Nasenlöchern trieb der aufsteigende Alkohol, den sie ausgeprustet hatte,
kleine lebende Blasen.
Panulla funkelte argwöhnisch mit ihrem blauen Augapfel: »Ich glaube gar,
du willst wieder atmen, Likse!«
Der erste Blitz bestrich Likses Gesicht noch gelber, so daß ihr breiter
offener Mund bis an die Ohren glänzend zu lachen schien.
Auf Panullas Stirn bildeten sich kleine glitzernde Schweißperlen, als ob
die Gedanken, die von ihr noch im Haftlokal umgingen, sich auf ihre
Stirnhaut niederschlugen und sich dort kristallisierten; und diese
glitzernden Gedanken wiederholten nochmals das Gespräch von heute nacht,
das Likse und Panulla hier im Haftzimmer vor Sonnenaufgang hatten.
»Der Mensch muß töten können,« hatte die Malaiin belehrend behauptet.
»Wer nicht töten kann, beleidigt den Tod und lebt nur halb.
Siehst du, Likse, die eine Hälfte des Mondes ist einmal schwarz und
jeden Monat einmal weiß. So muß der Mensch sein, Likse. So wie du auf
einer Stange zwei Eimer auf den Schultern über die Straße trägst und
sich die beiden Eimer an der Stange das Gleichgewicht halten müssen, so
balancieren Leben und Tod an der Weltstange. Jeder Teil der Welt will
seinen Teil von dir. Man muß leben können, man muß aber auch töten
können. Leben und Töten wollen gelernt sein. Hör zu!
Einmal lag ich mit einem reichen Mann in meinem Zimmer zu Bett. Um
Mitternacht erwachte ich und sah im Dunkeln ein grünes Licht durch das
Türbrett kommen. Ich glaubte, ich schliefe noch, und rieb mir die Augen.
Im Licht, das lautlos eintrat, sah ich die Schattengestalt einer Frau,
die glitt unhörbar, immer von dem grünen Licht umgeben, zu meinem
Waschtisch. Sie nahm meinen Kamm und kämmte damit ihr feuriges Haar. Ich
hörte deutlich die Funken knistern und sah den weißen glühenden Kopf des
Gespenstes im Spiegel über dem Waschtisch. Ich erkannte die Frau an
ihrem Spiegelbild wieder. Sie war eine Freundin von mir und hatte vor
mir in dem Zimmer gewohnt und dort ihre verliebten Besuche empfangen.
Sie war ganz natürlich gestorben und kam jetzt aus dem jenseitigen
Leben, um ihr Zimmer aufzusuchen, darin sie einmal einen jungen Mann
ermordet hatte, den sie dann, wie man sagt, im Hauskeller verscharrt
hat. Ich verstand ihre Erscheinung erst später und weiß jetzt, sie
machte ihren köstlichsten Morderinnerungen wollüstige Besuche.
Halbaufgerichtet im Bett schaute ich auf ihr Gesicht im Spiegel, während
sie sich noch immer mit meinem Kamm kämmte. Alle Gegenstände im Zimmer
waren von ihrer Gestalt beschienen. Ich genoß eine nie gekannte
Aufregung, und beim Anblick der glühenden Mörderin und bei dem wallenden
Licht, das sie ausstrahlte, wurde mein Blut wie betrunken. Ich grub
meine Fingernägel mit Angst und Genuß in den Hals des schlafenden Mannes
an meiner Seite und zerdrückte seinen Kehlkopf wie eine Nuß zwischen
meinen Fingern. Der Mann schlug ein paar Mal um sich. Das grüne feurige
Licht des Gespenstes kreiselte und verschwand durch das Türbrett. Es war
wieder dunkel im Zimmer, und der Mensch neben mir lag still. Ich zog
meine Hände von ihm zurück. Der Mann rührte sich nicht mehr.
Ich zündete zehn Streichhölzer nacheinander an. Beim ersten Streichholz
sah ich, daß seine Kinnlade ihm herunterhing; beim zweiten sah ich seine
Augen, die ihm wie gekochte weiße Fischaugen aus dem Kopf quollen.
Zehnmal sah ich immer ein neues Stück von dem Toten. Die ersten fünf
Male schauderte ich, aber die letzten fünf Male genoß ich den Toten
neben mir wie eine Mahlzeit von fünf leckeren Gerichten. Ich wunderte
mich, daß das Töten so unterhaltend war, und ich schlief kostbar
befriedigt neben der Leiche ein, befriedigter, als wenn der Mann gelebt
hätte.
Am Morgen wollte ich mit meinem vertrauten Hausdiener, der damals mein
leidenschaftlich Geliebter war, den erwürgten Mann im Keller begraben.
Emilio grub, und ich stand daneben und schaute zu. Kaum einen Fuß tief
stieß Emilios Schaufel auf ein Gerippe. Wir warfen die Knochen heraus,
gruben tiefer. Wieder lag ein Gerippe darunter, und noch tiefer noch ein
Gerippe. Ich bin sicher: hätten wir weiter gegraben, die ganze Erde wäre
mit Schichten von Menschengerippen ausgefüllt gewesen, denn alle Jahre,
alle Jahrhunderte hatten vor uns in dem Hause, wie wahrscheinlich in
allen Häusern der Stadt, gemordet und Gemordete begraben.
Früher war ich bei jedem Gewitter ängstlich. Jetzt fürchte ich keinen
Blitz mehr. Ich fühlte bei den elektrischen Schlägen ein Kitzeln in
meinen Fingern, wie damals, als ich den zappelnden Kehlkopf zerdrückte.
Und wenn die Blitze draußen morden, bin ich aufgeregter, als wenn mich
ein wilder Stier umarmen würde.
Gespenster sehe ich, wo ich gehe und stehe. Alle, die jemals gemordet
haben, sind eine große, wollüstige, unsterbliche Familie und verkehren
Tag und Nacht bei geschlossenen Türen und bei vergitterten Fenstern
miteinander.