Ich bin jetzt nie mehr allein. Ich sehe die Mörder aller Zeiten vor

Augen, wenn ich die Augen schließe. Ich sehe vor und zurück, -- alles

Blut, das geflossen ist, und alles Blut, das fließen wird.

Ob ich wache oder schlafe, es ist alles eins. Ich bin bei allen Morden

dabei, die geschehen, und mein Blut lebt belustigt seitdem, wie eine

brünstige Affenherde in meinem Leib.«

Der toten Panulla triefte, bei dem stummen Selbstgespräch ihrer alten

Gedanken, wie vor lauter Genuß, ein langer Speichelfaden aus dem Mund.

Likse steht immer noch auf dem Kopf. Der Donner draußen reibt sich an

den Hauswänden, und Likses Beine werden nicht müde, hoch über der

Stuhllehne zu wippen, als antworte sie auf Panullas Belehrung:

»Hei, Hö! Ich habe jetzt auch das Töten gelernt. Und, ich Likse, stelle

mich auf den Kopf vor Vergnügen darüber. Das Töten ist eine viel

lustigere Sache als das Wasserverkaufen. Und außerdem hast du doch nicht

allen Branntwein bekommen, siehst du, Panulla. Ich habe noch ein paar

Tropfen in der Nase.«

Likses Nasenlöcher trieben noch ein paar letzte große Blasen, welche

zersprangen.

Dann wurde das mimische Gespräch der Toten abgebrochen. Die Tür öffnete

sich, und die erstaunten Polizisten fanden die beiden Leichen der

Weiber, die eine wie eine verrenkte Marionette in die Ecke geworfen, die

andere wie eine kopfstehende Akrobatin vom Stuhl gefallen.

Niemand getraute sich während des Gewitters in das Zimmer zu treten und

die Toten zu holen. Die Polizisten blieben starr unter der Tür stehen,

wie Zuschauer vor einer Bühne. Nur die Monsunblitze, welche draußen in

der Stadt wie Mordbrenner rasten, rannten rotfeurig durch das Fenster

herein und um die beiden Leichen herum.

Der unbeerdigte Vater

Die Jadestraße von Kanton, die so genannt ist nach den Juwelenläden voll

von kostbarem Jadestein, ist die prachtstrotzendste Straße der Stadt.

Trittst du in diese Straße, die wie alle durch ein Holzgitter von der

Sargstraße, Metzgerstraße, Möbelstraße getrennt ist, glaubst du zuerst,

du seist in eine übersinnliche Welt geraten. Die Jadeläden sind über und

über vergoldet und von künstlichem vergoldeten Holzgitterwerk umrankt.

Keine Glasscheiben trennen die Ladenräume von der Straße. Waldäste,

vergoldete, und vergoldetes Blattgewirr, verschlungen in phantastischer

Figurenwelt, hängen wie goldene Gardinen die Läden halb zu. Die Straße

ist wie alle Kantonstraßen kaum für drei Menschen breit. Bei Regenwetter

feucht und halbdunkel wie ein langer Kanal; dann grinsen die goldnen

Ladenreihen wie spukhafte, goldene Scheiterhaufen, und smaragdgrün,

indigoblau und purpurrot leuchten die senkrechten Ladenschilder wie

unzählige Kulissen in der Straße. Drinnen laufen, lautlos gleich weißen

Mäusen, die Chinesen in weißen, lila und hellblauen Harlekinkleidern,

und ihre Köpfe erscheinen und verschwinden wie gelbe Vollmonde hinter

den goldenen Ranken und bunten Kulissenschildern. -- In dieser Gasse

hatte Hei-Hee seinen Laden, hier hatte er sein ganzes Leben lang gelebt

und war kaum je aus den Holzgittern der Straße hinausgekommen; erst

jetzt, wo er starb, verließ er seit Jahren zum ersten- und letztenmal

den Jadeladen. Sein Leichnam wurde zu den Grabkammern gebracht; das sind

kleine Häuser in einem besonderen Stadtviertel an den Mauern von Kanton,

wo die Toten auf die Beerdigung warten müssen.

Als Hei-Hees fünf Söhne die drei Särge des Vaters bestellt hatten, den

silbernen, den elfenbeinernen und den Sandelholzsarg, die genau

ineinander paßten, und darinnen man den reichen Jadehändler in der

Grabkammer aufgestellt hatte, und ein Bonze den Tag prophezeien sollte,

welcher der günstigste für die Beerdigung war, da fanden die Söhne

inzwischen, daß ihr Vater nicht der reiche Mann gewesen, für den ihn die

Leute bei Lebzeiten gehalten hatten. Nur Schuldscheine und kein Geld

fand sich im Laden, und alle Jadekunstschätze des toten Händlers

reichten knapp, um die Schulden zu decken, aber nicht um die drei

kostbaren Särge zu bezahlen. Die fünf Söhne überlegten eine ganze Nacht

und wachten im Sarghause bei der einbalsamierten Leiche des Vaters. Die

Sarghändler kamen am dritten Tage und sagten:

»Wir geben euch unbegrenzten Kredit auf die drei Särge, nur darf euer

Vater nicht mit den unbezahlten Särgen begraben werden und muß in der

Grabkammer bleiben, bis ihr die Sargkosten bezahlt habt.«

Das war nichts außergewöhnliches in Kanton, und es ereignete sich

öfters, daß die einbalsamierten Toten jahrelang liegen mußten, bis die

Angehörigen die teuern Sargkosten bezahlen konnten.

Hei-Hees Söhne fanden darum die Rede der Sarghändler recht und billig

und murrten nicht dagegen.

Die fünf Söhne berieten von neuem und der älteste sagte: »Ich werde nach

Japan reisen und will dort versuchen, alten chinesischen Jadestein

billig aufzukaufen und ihn dann in China, wo es jetzt immer weniger Jade

gibt, teuer zu verkaufen und will mir bald ein Vermögen machen, um den

Vater zu beerdigen.«

Der zweite der Brüder sagte: »Du wirst mit Jade nicht viel verdienen;

ich werde nach Hongkong reisen und einen großen Opiumhandel anfangen.

Mit meinem so erworbenen Vermögen werde ich die Särge eher bezahlen

können, als du.«

Der dritte sagte: »Jade und Opium stehen schlecht heute; ich werde nach

Shanghai reisen und dort an der ausländischen Börse Geldmakler werden.

Dort lehren uns die Fremden, deren Kriegsschiffe den Shanghaihafen

füllen, daß man ohne Waren schneller ein Vermögen an der Börse machen

kann als mit einem Lager von Jade und Opium. Ich werde mit

schnellerworbenem Geld den Vater früher beerdigen lassen können, als

ihr.«

Der vierte der Brüder weinte und seufzte: »Ich werde hier am Sarge

wachen, bis ihr drei wiederkommt, und werde jeden Morgen in die

Opfertassen frischen Tee auffüllen und Wachskerzen kaufen und

Sandelräucherwerk. Und der fünfte Bruder soll inzwischen den Laden hüten

und mit den Jaderesten handeln, die wir noch besitzen, um wenigstens das

Geld für die täglichen Ahnenopfer zu verdienen.«

So verabredeten es alle fünf und kehrten aus der Grabkammer zurück, um

den letzten Nachmittag im Jadeladen zusammen zu verbringen.

Keiner der fünf hatte an die einzige Schwester gedacht, an das junge

Mädchen, das ohne Vater und Mutter allein hinter dem Laden in den

Wohnzimmern zurückgeblieben war. Sie saß dort unbeachtet im hintersten

Zimmer, in der kreisrunden Tür, hinter dem Topfpflanzengarten und weinte

in ihren seidenen Ärmel.

»Die Mädchen dürfen weinen und wünschen, die Männer müssen handeln,«

hatten die Brüder einmal verächtlich zu ihr gesagt. Geweint hatte sie

schon viel; aber was sollte sie sich wünschen? Sie schaute in das leere

Haus, darinnen nur die dunkeln Perlmuttermöbel glitzerten. Verzweifelt

nahm sie ihren grünen Jadepfeil aus dem schwarzen Haar und wollte ihn

sich ins Herz stechen. Aber der glatte Pfeil sprang ihr aus den Händen,

fiel hinaus auf das Porzellanpflaster des Gartens und zerbrach.

»Ich wünsche also nicht zu sterben,« sagte sie zu sich, »ich wünsche

also weiter zu leben, sonst wäre der Pfeil nicht in meinen Händen

zerbrochen. Der Pfeil ist vor meinem Lebenswunsch ausgewichen.« Und das

Mädchen war froh, daß sie doch noch einen Wunsch zu leben hatte, denn

eigentlich starb sie nicht gern. »Aber was soll ich mit dem Lebenswunsch

anfangen,« dachte sie; »den Vater kann ich nicht begraben lassen, wie

die Brüder können, also ist mein Leben unnütz. Wenn ich doch den Vater

begraben lassen könnte, weil die Brüder jetzt kein Geld haben!«

Wie die junge Chinesin noch grübelte, was sie tun sollte, begann der

Fußboden zu zittern, die bunten Glasscheibenwände, welche die Wohnzimmer

voneinander trennten, begannen laut zu klirren, und im kleinen Gartenhof

ertönte ein hohler Metallklang. Das junge Mädchen blinzelte erstaunt. In

der Mitte des Hofes stand ein Silberbecken, darin sonst auf einer

Metallspitze eine kleine Silberkugel balancierte; die Kugel war mit

weithin tönendem Laut in das Becken gefallen. Das bedeutete Erdbeben,

und bei dem Metallton mußten alle Hausbewohner flüchten.

Das Mädchen hörte Geschrei an allen Enden, es sah die Leute und die

Dienerinnen kreischend durch das Haus fortstürzen. Die Wände schienen

plötzlich zu wandern, die Zimmerdecke hob und senkte sich, die

Blumentöpfe im Garten drehten sich alle im Kreis, die gelben und blauen

Porzellanpflastersteine tanzten auf den Wegen. Das junge Mädchen sprang

auf, aber wagte sich nicht vor und nicht zurück. Sie stand unter der Tür

und klatschte in die Hände, um sich die Furcht zu vertreiben. Dann wurde

die Luft grau voll Staub, daß sie nichts mehr sah. Die Ratten aus dem

Haus liefen an ihr hoch, und eine blieb auf ihrem Kopf fest sitzen. Da

rannte das Mädchen mit der Ratte auf dem Kopfe gerade aus, durch die

zerbrochenen Glaswände der Wohnzimmer; sie mußte über gestürzte Stühle

und große rollende Blumenvasen klettern. Sie lief blind durch die dicken

Staubwolken, darinnen Hunderte von unsichtbaren Gegenständen krachten

und stürzten. Sie wagte nicht mit den kleinen Händen nach der großen

Ratte auf ihrem Kopf zu greifen. Aus dem Jadeladen waren ihre fünf

Brüder in alle Winde fortgelaufen. Der rote Ahnenaltar am Eingang war

eingestürzt, das junge Mädchen sprang über die Trümmer und wäre längst

liegen geblieben, hätte sie nicht noch immer die Ratte auf ihrem Kopfe

gefühlt. Sie stürzte durch die staubgefüllten Straßen, wie von der Ratte

an den Haaren durch die Luft gezogen. Sie wußte nicht, daß sie durch

brennende Häuser, über Tote und Verwundete hinweglief, bis es totenstill

um sie wurde und sie sich auf einmal in dem Stadtviertel der

Gräberhäuser, in der Grabkammer ihres Vaters sah. Dort sprang die Ratte

mit einem Quietschlaut von dem Kopf des jungen Mädchens und grub sich

vor ihr in die vom Erdbeben aufgewühlte Erde.

Das Mädchen kauerte am Boden und bemerkte gar nicht, daß der Leichnam

ihres Vaters samt den drei Särgen verschwunden war. Als der Staub sich

gelegt hatte, erschienen nach Stunden ihre fünf Brüder, einer nach dem

andern, um nach dem toten Vater zu sehen. Aber wie erstaunten sie, als

der Tode nicht zu finden war, und als sie am aufgebrochenen Fußboden

entdeckten, daß die Erde ihren Vater samt seinen drei Särgen in die

Tiefe gerissen und begraben hatte.

Das junge Mädchen sah auf und sagte: »Ihr sollt nicht staunen, ich habe

als unnützes Mädchen gewünscht, den Vater zu begraben. Verzeiht mir, daß

mein Wunsch für mich gehandelt hat; ich weiß, daß ich als Mädchen kein

Recht zu handeln hatte.«

Da freuten sich die fünf Brüder und antworteten ihr: »Die Sarghändler

dürfen keinen Toten mehr ausgraben, der einmal unter der Erde ist. Wenn

du den Vater mit deinem stillen Wunsch begraben konntest, Schwester,

dann bist du als schwaches Mädchen stärker mit deinem Weinen und

Wünschen gewesen als wir Männer mit allem Handeln.«

Im Mandarinenklub

Lei-Futsche, einer der jüngsten und angesehensten der Mandarinen von

Shanghai, war am gleichen Tage wie der junge chinesische Kaiser geboren;

in derselben Stunde, in derselben Minute, und sein Horoskop, das ihm die

Sternkundigen aufstellten, stimmte eigentümlicherweise genau mit dem

kaiserlichen Horoskop überein. Das wußte aber außer Lei-Futsche und

seinem Freund Te-Po, dem Astrologen, niemand, und der Mandarin hütete

sich wohl, mit jemand anders als mit Te-Po darüber zu reden. Die

Kaiserin-Witwe, die damals statt des für immer als unmündig erklärten

Kaisers regierte, hätte Lei-Futsche seines Horoskopes halber sofort

gehaßt und gefürchtet, so wie sie den jungen Kaiser haßte. Eines

Nachmittags lud der Mandarin den Astrologen in den Mandarinenklub von

Shanghai ein, zu einer ganz außergewöhnlichen Stunde.

Te-Po erstaunte darüber. Er betrachtete auf seinen Sternkarten die

Stellungen der Sternhäuser und stutzte; er ersah, daß seinem Freund

heute der Tod drohte. Der Skorpion trat in das Haus des Planeten

Jupiter, und dieser Planet war von lauter totbringenden Sternen umstellt

und keine Rettung von irgendeinem günstigen Sternbild zu hoffen. Als

Te-Po noch über die Sternstellung grübelte, hörte er die Messingmusik

und die Trommler vor seiner Tür, und er zog sein enzianblaues

Seidenkleid über das lilaseidene Unterkleid und stieg in die gelbe

Sänfte, die ihm der Mandarin geschickt hatte.

Acht Sänftenträger, Soldaten, Trommler, Ausrufer rannten mit ihm in

langem Zug durch die winkeligen Shanghaistraßen. Sie kamen zuletzt durch

die Budenreihe der Bilderstraße, wo die Straßenmaler hinter den weißen

Reisbildern saßen; Bilder füllten, wie weiße lange Fahnen, von der Decke

bis zur Erde, jede der Buden. Und Te-Po dachte bei sich: Das Leben auf

dieser Welt ist wie eine Bilderbude. Jeder hängt in sein Herz eine Reihe

Erinnerungsbilder auf, wie die Straßenmaler tun, und die Bilder baumeln

vor den Augen wie die Reispapierblätter im Wind, bis wir die Augen für

immer schließen. Nicht einmal ein paar Bilder kann man in den Tod

mitnehmen, auch die Bilder bleiben zurück, wenn der Maler stirbt.

Vor dem schmalen Gasseneingang an der Mauer des Mandarinenklubs in einem

der engsten Shanghaiwinkel hielt die Sänfte. Im Mandarinenklub geben

sich die Aristokraten der Stadt ihre gegenseitigen Einladungen. Der Klub

besteht aus einem Gartenhof voll künstlicher Felsen; offene und

geschlossene Lusthäuser aus rotem lackierten Holz stehen auf den kleinen

künstlichen Gebirgen, zwischen Pflanzen und künstlichen Teichspiegeln.

Die geschweiften, grauen Ziegeldächer der Häuser füllen in der sorgsam

ausstudierten Wirrnis des engen Gartenraumes wie Riesenkähne den Himmel.

Te-Po, geleitet von den sich bückenden Dienern, trat durch die

unscheinbare Straßentüre ein. Zur linken Hand befindet sich die offene

Halle des Hausaltars; vergoldete Holzwände umschließen von drei Seiten

ein mächtiges goldenes Buddhabild. Die vierte Seite ist nach dem Hofraum

offen. Ein langer Tisch voll Opferspeisen, wie ein Bahnhofbüfett, steht

dort immer zur Schau, umgeben von einer Reihe brennender Kerzen. Te-Po

bemerkte, daß der Opfertisch heute besonders reich mit gebratenen

Ferkeln, gebräunten und dampfenden Gänsen und Hühnern angefüllt war. Der

Fettgeruch vom Altar schlug ihm warm wie der Dunst einer Garküche

entgegen. Te-Po verstand, daß wahrscheinlich sein Freund, der Mandarin,

diese üppigen Opferspeisen in der unbewußten Vorahnung des Todes

gestiftet hatte. Der Gartenraum glitzerte maigrün im blauen Nachmittag.

Nicht höher als mannshoch über den Teichen stehen die roten Balustraden

der hölzernen Lusthäuser. Durch das Gewirr der künstlich ausgesägten und

ausgehöhlten Felsen führen winzige Steinstufen hinauf. Der ganze Hof aus

Steingebirgen hat kaum einige fünfzig Schritte im Umfang. Aber die

Lusthäuser auf den Anhöhen verstellen mit ihren Giebeln die hohe

Umrahmungsmauer des Hofes so geschickt, daß man sich in einem

meilenweiten Felsenchaos glaubt. Manchmal schiebt sich eine Mauer mit

gipsernem und rotbemaltem Drachenkopf herein in die Wirrnis, und die

Teiche liegen wie schwarze Abgründe eng gezwängt vor den kulissenartigen

Gebirgen; im pechschwarzen Wasser glänzen die goldenen Dachrinnen, die

roten Balustraden, grüne Maiblätter und hohe Schilfstände. Der Mandarin

Lei-Futsche empfing seinen Freund im Pavillon gegenüber der Halle des

Hausaltars. Obgleich beide langjährige Freunde waren, verbeugten sie

sich eine lange Weile nach chinesischer Sitte, als ob sie sich eben erst

kennen gelernt hätten. Sie lächelten fortwährend, ohne daß der eine dem

andern seine Sorgen verriet, und sagten einander schöne Sätze, Anfänge

von Gedichten und wohlwollende Sprüche.

»Ist die blaue Luft nicht die Wohltat des Himmels an die Erde!« wisperte

der Mandarin und zog die vielen Ö-Laute der chinesischen Sprache singend

hinaus. Sein Freund Te-Po antwortete ihm ebenso: »Und ist die Luft nicht

das Reich der Singvögel, der Drachen und Gedanken! Mögen die Singvögel

heute alle Drachen aus der Luft verbannen und mit deinen Gedanken um die

Wette singen!« Der Mandarin komplimentierte unter zierlichen

Verbeugungen seinen Freund zu der schwarzpolierten Opiumbank, die wie

ein niedriges, viereckiges Podium im Hintergrund des Pavillons stand.

Auf zwei dünnen, kupferroten Seidenkissen nahmen die beiden Herren Platz

und zogen ihre Beine hoch. Der Mandarin klatschte in die Hände. Ein

Diener, in langem himmelblauem Hemd, das bis an die Diele reichte, trat

ein, stellte neben jeden Herrn zwei zugedeckte Teetassen und dazu zwei

Schalen gebackener Mandelkerne. Die Herren hoben zum Gruß die Teetasse

hoch, und jeder schob mit dem Porzellandeckel vorsichtig das heuartige

Teekraut, das in der Tasse schwamm, zur Seite, und jeder schlürfte ein

wenig von dem heißen, grünen Teesaft. Ein zweiter Diener hatte

inzwischen eine kleine silberne Spirituslampe zwischen die Herren

gestellt und überreichte zwei lange Opiumpfeifen aus Elfenbein. Jeder

der Herren zündete eine winzige Opiumkugel, welche auf dem Pfeifenkopf

lag, an der Flamme an, und jeder sog sein Opium mit ein paar langsamen

Zügen auf; es war nur eine Erfrischungspfeife, keine Schlafpfeife,

welche die beiden Herren rauchten. Sie gaben ihre Pfeifen dem Diener

zurück, und unten aus dem Garten tauchten die Köpfe von zwei

zehnjährigen Mädchen auf und das Gesicht einer blassen Frau. Die Frau

war in dunkelblaue, fast schwarze Seide gekleidet, die Mädchen in

hellblaue Seide, ähnlich den Dienern.

Die Diener führten wichtig und behutsam die kleinen Damen die

Felsenstufen herauf. Die drei weiblichen Geschöpfe hatten künstlich

verkrüppelte Huffüße und trippelten mit den Füßen kurz wie Ziegen

aufstoßend herein. Ihre grünseidenen Schuhe hatten einen weißen Absatz

in der Mitte unter dem Fuß, so daß jedes Weiblein wie auf kleinen weißen

Stelzen balancierte.

Die drei Damen hatten sich etwas verspätet und fürchteten sich

jedenfalls vor der Ungnade des Mandarins. Der aber rief ihnen

freundliche Sätze zu: »Hat deine Zunge heute die schönsten Flügel

mitgebracht?« fragte er die dunkelblau gekleidete Frau. Diese verbeugte

sich fortwährend zitternd und lächelnd, ihr Haar war fest gebürstet und

gescheitelt, glatt wie schwarzer Lack. Es war Mi-Lee, die

Historiensängerin, welche bei Gastmählern im Mandarinenklub alte Sagen

und Heldenlieder vortrug. Ihr Gesicht wurde immer blässer, je mehr sie

sich verbeugte, und war in dem dämmerigen Pavillon wie ein Silbergerät,

das auch noch im Schatten leuchtet.

Dann ließ sich die blasse Mi-Lee auf einen Schemel nieder, und die

beiden Mädchen saßen zu ihren Füßen bei Saiteninstrumenten, die ihnen

die Diener brachten. Mi-Lee hüstelte und begann mit ihrem kleinen,

weißen Taschentuch den Mädchen zu winken. Die schlugen die Saiten an,

als ob viele Gläser klirrten, und unter ihren Fingern sprang ein Gegirr

von Tönen in die Luft, als ob ein Haufen wilder Insekten surrte und

schwirrte. Die brummende und rasselnde Musik füllte den Pavillon, und

die Töne tanzten wie ein pfeifender Kreisel. Das hohle Dach des

Lusthauses gab wie eine Muschel das Gesumm hundertfach zurück.

Eingesponnen von Musik, Opium und Teeduft, saßen die beiden Herren auf

ihrer gemeinsamen Bank. Jeder von ihnen knabberte geröstete Mandelkerne

zwischen den Vorderzähnen, und jeder sah belustigt aus, und keiner

zeigte seine trauernden Gedanken dem andern. Mi-Lee wurde blasser von

Sekunde zu Sekunde und erschien dem Astrologen zuletzt wie eins der

weißen Reispapierbilder aus der Budenstraße. Die Historiensängerin

neigte den Kopf, drückte die Augen zu, stützte das Kinn in die Hand, die

das Taschentuch hielt, und begann mit näselnder Stimme wie eine

Singorgel zu erzählen: »Der Vogel Blaufeder kam in den kaiserlichen

Garten, flog auf das Porzellanhaus des Kaisers, das hinter dem

Schildkrötenteich liegt.« -- »Wer muß heute sterben?« fragte der junge

Kaiser seinen Eunuchen, »der Vogel Blaufeder schreit über den Teich, das

ist ein Zeichen, daß von der Kaiserfamilie heute ein Mitglied stirbt!«

-- »Wer muß heute sterben?« fragte der Eunuch und gab die Frage an die

Ohrmuschel des Türhüters weiter. Der Türhüter, der den jungen,

gefangenen Kaiser eingeschlossen hält, fragte: »Wer muß heute sterben?«

und er betrachtete den kaiserlichen Gärtner, der zwischen den roten

Fuchsien im Garten unter den Fenstern saß. »Wer muß heute sterben?«

fragte der Gärtner mit den Augen seine Frau, die bei der Lieblingsfrau

der drei Gemahlinnen des Kaisers Dienerin war.

Die Gärtnersfrau zitterte und ließ ihr Teetäßlein fallen, daß es zu

Porzellanstaub zerbrach. Das Täßlein hatte ihr ihre junge kaiserliche

Herrin geschenkt. Die Gärtnersfrau schaute erschrocken zu ihrem Mann,

und ihre Augäpfel verschwanden, und vieläugige Tränen schauten ihren

Mann an. Ihre Tränen glitzerten wie die Splitter von der Porzellantasse

der Kaiserin, und der Gärtner riß sich an der Gartenschere, mit der er

die Fuchsie beschnitt, und trocknete das Blut seines Fingers an seinem

schwarzen Zopf ab, der sich über seine Schulter auf dem Achatsand des

Gartens ringelte. Der Türhüter sah durch das Fenster verständnisvoll den

Gärtner an, der sich geschnitten hatte. Der Türhüter biß die Zähne

aufeinander, daß es knirschte und der Eunuch des Kaisers sich nach ihm

umsah. Der Eunuch wurde noch gelber als die Seide des Kaisers und

erzitterte am ganzen Leib, da er über den Türhüter und Gärtner und über

die Gärtnersfrau fort die kleine Tasse der Kaiserin in Splittern sah.

Der Kaiser aber stand auf, trat an das Fenster, warf sein Taschentuch

hinaus in den Gartenwind, damit das Tuch den Vogel Blaufeder verjage.

Der Vogel flog nicht fort, sondern blieb und schrie bis zum Nachmittag,

bis zur Stunde, da die alte Kaiserinwitwe mit ihrem Hofstaat in den

Garten des jungen Kaisers trat und vor den Augen des Kaisers die erste

der drei jungen Kaiserinnen, die der Kaiser am liebsten hatte, in dem

Wasser des Schildkrötenteichs vom Eunuchen, dem Türhüter und Gärtner

ertränken ließ.

Mi-Lee, die Historiensängerin, war alt geworden, als sie das Lied der

grausamen Kaiserin vor dem Mandarinen und seinem Freund zu Ende gesungen

hatte. Gestützt auf die Diener, blasser, als sie gekommen, verließ sie

das Lusthaus im Mandarinenklub. Lei-Futsche hatte ihr dieses Gedicht

selbst aufgeschrieben und vor ein paar Tagen zugesandt. Sie wußte, daß

der Tod darauf stand, wenn sie eine Legende aus dem Kaiserhaus

öffentlich sang. Aber Mi-Lee kannte den Mandarinen, und ihm zuliebe, auf

die Gefahr des Sterbens hin, sang sie das Lied.

Einer muß heute sterben, wußte sie, als sie fortging, entweder

diejenige, die gesungen hat oder einer von denen, die zugehört haben.

Die Kulis brachten ihren Herrn, den Mandarinen, eine Stunde später in

der Sänfte nach Haus; aber als sie die Sänfte im Hofe seiner Wohnung

niedersetzten, saß er tot darin und stieg nicht mehr aus.

In derselben Nacht noch wurde der Sterndeuter von den Ausrufern,

Trommlern und von Holzklappern geweckt, welche mit großem Lärm den Tod

des jungen Kaisers noch vor Mitternacht in den Straßen von Shanghai

ausriefen.

Te-Po denkt noch heute darüber nach, ob sein Freund, der Mandarin

Lei-Futsche, zum Gefolge der Kaiserseele gehörte, weil er mit dem Kaiser

zu gleicher Zeit geboren wurde und mit dem Kaiser zugleich gestorben

ist.

Die Auferstehung allen Fleisches

Lingam: Zwölf asiatische Novellen · 第 6 / 7 段