Der Verwalter meinte: »Tröste deine Frau, Bulram, und sage ihr, daß du

ihr einen schönen, bunten Colomboschal mitbringst. Halte dich morgen

früh bereit. Der Zug geht um neun Uhr von Nuwara-Eliya ab. Um sechs Uhr

früh müssen wir mit dem Dogcart hinüber zum Bahnhof der Ansiedlung

fahren.«

Am nächsten Morgen kletterte der Zug die Engpässe hinab durch schallende

Tunnel auf den schmalen Schleifenwegen der Bergwände hinunter in die

silbernen Täler von Ceylon.

Bulram hatte einen schönen halbkreisrunden Schildkrotkamm im schwarzen

Haar. Der Kamm hielt das Haar aus der Stirn zurück, und der Singhalese

sah glatt gekämmt aus wie ein europäisches Schulmädchen. Er wußte, daß

man in Colombo drunten das Haar zurückgestrichen trug, und hatte sich im

voraus großstädtisch frisiert. Um seine Beine schlug ein breites

braunrotes, zitronengelb getüpfeltes Tuch und war wie ein Frauenrock um

die Hüften von einem Ledergürtel zusammengehalten. Bulrams Oberkörper

steckte in einer weißen kurzen Leinwandjacke, welche von Taloras Händen

frisch gewaschen und frisch gebügelt war. Hinter seinem Ohr trug er zu

Ehren des Reisetages einen Büschel dunkelblauer Kornblumen. Sein breiter

goldner Ehering glänzte am großen Zeh seines rechten Fußes. Er ging

barfuß und zog seine Pantoffeln nur vor seinem Herrn an. In einem

kleinen grünbemalten Blechkoffer verwahrte Bulram nichts als seine

Pantoffeln. Aber er hatte fürsorglich an viele Einkäufe für Talora

gedacht und zum Schutze der Sachen gegen Insekten und Schlangen den

Blechkoffer vom Verwalter erhalten.

Bulrams Lunge hatte nie andre Luft als Höhenluft geschluckt. Der Zug

senkte sich jetzt aus den nebeligen Farrenkrautwäldern zu den hitzigen

Zimmetgärten Colombos hinunter, mit einer rasenden Schnelligkeit, wie

ein Ballonkorb, der aus den Wolken fällt. Die brandige Tropenluft schlug

Bulram wie roter Pfeffer um die Nase. Er mußte fortgesetzt niesen und

sich die Nasenspitze reiben. Er, der immer unter dem ätherischen Himmel

gelebt hatte, fühlte sich von Staub, Pflanzengerüchen und Erddünsten

gereizt, als ob man seinen Gliedern ungewohnte Kleider anzöge. Der Zug

fuhr zwischen protzigen Brotfruchtpalmen in die letzten Abgründe hinein.

Als ob die Erde fortgesetzt den Rädern auswiche, so raste die Wagenkette

zu Tal. Die Luft strotzte von den Gewürzen der Nelkenbäume und der

Kampferstämme. Palmenkronen überwölbten den Schienenweg,

menschenkopfgroße Früchte hingen in Bündeln; gelbe und braune

Mangofrüchte, die droben in Nuwara-Eliya nur blühen und niemals reifen,

hingen hier wie Gewichtsteine zwischen gesträubten Riesenblättern. Wenn

Bulram seinen Kopf zum Fenster hinausstreckte, glaubte er sich an den

Fruchthaufen zu stoßen. Wie überfüllte Fruchtkörbe standen die Muskat-

und Kokoswälder zu beiden Seiten des Bahngeleises.

Kaffeebraune, sehnige Singhalesen, dickblütig und üppig genährt, nackt

und nur von der Bräune ihres Leibes bekleidet, drängten sich auf den

Bahnstationen in den Tälern gleich Herden brauner, feister Maikäfer, die

durcheinanderkrabbeln.

Bulram verstand nicht, warum die Erde so viele Menschen hatte, so viele

Nasen, Ohren, Mäuler und Augen, die ihn anstarrten, als wäre sein

Gesicht eine Honigwabe, dran sich die Wespen hängen. Die Brust des

einsamen Bergsinghalesen fühlte sich vor den Menschenmassen wie ein

Kleefeld unter den Füßen einer Hammelherde. Blicke, Stimmen, Gerüche,

Schritte trampelten über die blaue Ätherruhe seines Herzens. Sein Auge

sah nichts mehr, und er fühlte sein Ohr von den Massengeräuschen

durchlöchert wie eine Schießscheibe nach dem Scheibenschießen.

Bulram versuchte, um sich zu beruhigen, die Gesichter der Menschen, die

auf der Tagesfahrt in seinen Wagen aus- und einstiegen, in Blumensorten

einzuteilen. Er sagte zu sich: dieser ist eine sanfte Primel, dieser

eine grelle Bohnenblüte, dieser eine Tomatenblüte, dieser eine Narzisse.

Aber die Blumenarten seines Gartens ohne Jahreszeiten, die er als

einzigen Maßstab hier an alles anlegen konnte, reichten nicht aus. Als

er abends um fünf Uhr an der Colombostation ankam, war er todmüde von

den tausend Vergleichen und schwindlig und hielt sich krampfhaft auf dem

Kutscherbock des Wagens fest, der mit ihm und seinem Herrn zum Galle

Face-Hotel an das Meer fuhr.

In diesem riesigen Steinhallenhotel an der Meeresbrandung, darinnen der

Meerdonner Tag und Nacht wie ein Ungeheuer brüllend durch die

Treppensäle, Korridore und Zimmer hallt, benahm sich Bulram wie ein

Mondsüchtiger, der im Schlaf auf einer Dachkante aufwacht, sich nicht

vor- noch rückwärts zu gehen traut und überall den Absturz fürchtet. Die

hundert weißgekleideten Reisenden im Hotel, die Europäer mit ihrer

weißen Haut, die vielen weißen Musselinkleider und die langen, weißen

Schleppen der Damen, erschienen Bulram wie irrsinnig gewordene weiße

fliegende Blütenbäume, helle Magnolien oder lichte Jasminbüsche, die

ohne Wurzeln durch die offenen Türen der Steinwände aus und ein wandern

konnten. Der scheue Bergsinghalese blieb vor Furcht wie ein Schatten an

den Wänden kleben. Sein Herr, der englische Verwalter, fand ihn mehrmals

im dunkeln Korridor hocken, vor den Menschen am ganzen Leibe zitternd.

Bulrams Augen starrten besonders vor der Tür des menschenüberfüllten

Speisesaals entsetzt aus dem Gesicht, wie einem, der zur Nachtstunde in

die Dschungel geraten ist, die Raubtierscharen zur Tränke ziehen sieht

und beim Anblick der Tigerfamilien ohnmächtig umfällt.

Eines Morgens war Bulram plötzlich verschwunden. Niemand, nicht das

Telephon, nicht die englische Colombopolizei, nicht Zeitungsannoncen

konnten den Verlornen zurückbringen. Acht Tage ließ der Verwalter nach

Bulram forschen. Dann reiste er nach Nuwara-Eliya heim, glaubend, der

Bergsinghalese habe sich heimlich aus dem Staub gemacht und sei vor

Menschenfurcht zurück auf die hohen Berge, in seinen Garten ohne

Jahreszeiten, zu seiner Frau Talora geflohen.

Aber Bulram war nicht zu Hause. Talora stand voll Harmlosigkeit, klar,

freundlich und sanft im Garten und lächelte wie eine Allwissende,

während der Verwalter tief bestürzt war, daß Bulram nicht zu finden sei.

Talora antwortete, wie die ewig wolkenlose Bläue lächelnd: »Er wird

kommen, Herr. Der Herr soll nicht um Bulram traurig sein.«

Der Engländer schaute sie sprachlos an. Er hatte geglaubt, die Frau des

Singhalesen müsse sich zu Boden werfen, weinen und sich die Haare

raufen. Statt dessen sagte sie nur ewig lächelnd: »Er kann nicht

verloren gehen, Herr. Bulram ist in meinem Herzen aufgehoben, Herr.«

Und Talora ging jetzt durch den Garten, hielt vom Morgen bis zum Abend

die Bewässerungsrohre in Ordnung, stellte die Wasserzerstäuber auf die

Rasenplätze und tat Bulrams Arbeit neben ihrer Hausarbeit, als wäre sie

Bulram selbst. Niemals zitterte ihre Hand vor Neugier nach dem verlornen

Mann, wenn sie dem Verwalter die Briefe des Postboten brachte. Niemals

sprang ihr Auge hell auf, wenn die elektrische Gartenglocke klingelte

und Fremde kamen, den Garten anzusehen; und es nicht Bulram war. Niemals

zitterte ihr Fuß, wenn sie abends in das leere Häuschen trat, und nie

ihr Finger, der morgens die Türklinke öffnete. Sie schien in einer

ewigen blauen Ruhe in der Ätherhöhe dieses Gartens Tag und Nacht mit

ihrem Mann unsichtbar zu verkehren, als gäbe es keine Nähe und keine

Ferne im Weltall bei dem trunknen Liebesbewußtsein ihrer Seele.

Ein halbes Jahr verging. Da sagte die Frau des englischen Verwalters zu

Talora: »Ich reise hinunter, um mir im englischen Bazar von Colombo

Kleider und Hüte zu kaufen. Ich kann dich mitnehmen. Vielleicht

kundschaften wir Frauen mit mehr Glück aus, was aus Bulram geworden

ist.« Die Dame reiste am nächsten Morgen mit Talora zusammen hinab an

die Küste.

Die Singhalesenfrau war niemals im Tal gewesen. Aber auf sie wirkte die

Talluft anders als auf ihren Mann Bulram. Sie, die stets stille,

abwesende, traumwandelnde, wurde nicht noch stiller, sondern wurde

gesprächig, lebte auf. Sie zeigte auf der Reise ihre Zahnreihen und ihr

rotes Zahnfleisch mit breitestem Lachen. Sie schmatzte mit den Lippen,

sie schnalzte mit der Zunge, und ihre Augen hingen ihr mit vielen

Blicken nach allen Seiten wie die Beeren von dunkeln Trauben in dem

Kopf. Ihr Mund schien alle Früchte der fruchtreifen Luft zu schmecken,

und ihre Backen wurden vom hitzigen Atem der Talwälder aufgebläht und

dick. Sie trug eine weiße Bluse mit bauschigen, kurzen Ärmeln. Je näher

der Zug aus der Berghöhe hinunter in die Colombohitze des

Tropennachmittags kam, desto unruhiger wurde Talora. Ihre nackten

Unterarme schoben ungeduldig die lockeren Brüste hinter dem Blusenstoff

hin und her, als wären das ein paar reife, unbequeme Früchte, die sie

ablegen wolle, sobald der Zug hielt.

Auch Talora war bald aus dem Hotel verschwunden. Ihre englische Herrin

glaubte, sie suche ihren Mann in der Stadt. Man wartete drei Tage,

suchte Talora, wie man Bulram gesucht hatte, aber die Singhalesin blieb

unauffindbar. --

Ein Jahr verging.

Die Meeresbrandung vor dem Galle Face-Hotel donnert unausgesetzt, die

Tropensonne rollt im Land über die Zimmetgärten, und wie eine riesige

Spiritusflamme brennt das rotviolette Morgenmeer.

Weit draußen im Hafenwasser steht ein großer Dampfer mit hohen

weißgetünchten Wänden. Er wirft seit Stunden gelben Qualm aus vier

Schornsteinen und ist zur Abfahrt bereit. Breite, schaukelnde Jollen und

ein kleines, spitziges Motorboot bringen Kofferladungen und Ladungen

voll weißgekleideter Tropenreisender an die Schiffswand. Jetzt wird die

weiße Landungsstiege an der Schiffswand hochgezogen, und Ankerketten

kreischen markerschütternde Schreie. Der Dampfer liegt noch immer still,

umgeben von dem kurzen und ruckweisen Gehüpf der Morgenwellen. Viele

Köpfe von Reisenden biegen sich über die weißgestrichnen Eisengeländer

der Schiffsstockwerke. Drunten reiten nackte, arme, braune Singhalesen

auf langen, gelben Holzbalken in der Flut um das Schiff. Statt eines

Ruders hat jeder Wasserreiter einen Kistendeckel oder ein Brett in der

Hand. Manchmal wirft ein Passagier eine kleine Silbermünze über Bord.

Dann schlüpfen alle die nackten, jungen Kerle wie glatte Seehunde von

ihren schwimmenden Balken und fahren in das durchsichtige, gläserne Meer

hinunter, wie auf einer grün angestrichnen Rutschbahn in die Tiefe.

Drunten werden ihre Gliedmaßen gespenstig wie Froschglieder, scheinen

sich aufzulösen und verschwinden. Nach einer Weile erscheinen sie im

Flaschengrün der Tiefe wieder, zappelnd und wie braunrote Schatten.

Schwarzglänzende, triefende Köpfe tauchen aus dem Wasser, und einer

zeigt das silberne Geldstück lachend zwischen seinen Zähnen. Dann

schwingt sich jeder auf seinen Baumstamm, und alle reiten wieder um die

Schiffswandung. Mit viel Geschrei winken sie hinauf und ermuntern die

Passagiere des abfahrenden Orientdampfers; und sobald ein Geldstück aufs

Wasser klatscht, verschwinden wieder alle Balkenreiter lautlos im Meer.

Bis zur Abfahrt des Dampfers vertreiben sich so die Reisenden die Zeit

mit Geldwerfen.

Bulram ist seit Monaten hier jeden Morgen auf einem Balkenstamm um die

ausländischen Dampfer geschwommen. Er holt sich durch gewandtes Tauchen

sein Geld aus dem Meer, das eilig verdiente Geld, das er nachts ebenso

eilig in den Spielhöllen bei braunen Dirnen und Reisbranntwein wieder

ausgibt. Seitdem Bulram die Zimmetluft von Colombo riecht, ist in ihm

der Gedanke an seine Berge, an Talora und an den Edengarten auf den

Bergen tiefer versunken als je ein Geldstück im Meer. Er lebt in Colombo

wie eine Fliege, die sich auf dem Zucker eines Fliegenpapiers berauscht

und vollsaugt. Wie ein samtner Panther streicht er sich nachts an den

nelkenölduftenden kleinen Dirnen in den Freudenhäusern, und am Tag

springt er nackt und blank in die Meerestiefe nach den blitzenden

Münzen. Er sticht unzählige Male in den Meeresgrund hinunter, rudert

seinen schwimmenden Balken abends mit einem Brett ans Land, rollt sich

dann wieder bei einem Nautsch-Girl auf einem Teppich wie ein Igel

zusammen und läßt das armselige Geschöpf, das er sich für die Nacht

gekauft, nicht mehr aus seinen Griffen, bis ihn die Frühluft weckt.

Heute ist wieder eine backofenwarme Nacht. Vanille- und Kampferbäume

pressen ihren Duft aus den Gärten über die Stadt. Am großen granitnen

Wellenbrecher entlang der Seeseite mussiert die Brandung und wirft hohe,

weiße Geiser in die Dunkelheit. Sterne hängen gleich glitzernden

Wasserblasen an der Nachtdecke. Die Front des Galle Face-Hotels ist

beleuchtet, wie ein großes Transparent. Unter den elektrischen

Bogenlampen der Strandpromenade tauchen vom Hotelportal her weiße Punkte

auf: die weißen Hemdbrüste vieler Herren im schwarzen Abendanzug,

Engländer und andre Europäer. Jeder Herr läßt sich von einem nackten

Kuli in einem kleinen Rikschawagen ziehen. Die Herren sind ohne Hut. Sie

machen vom Hotel nur einen kurzen Abendausflug in das Freudenviertel von

Colombo. Die Reihen der kleinen Wagen verschwinden schnell am Ende des

Strandweges hinter den Tenniswiesen in dunkeln Eingebornengassen.

Bulram drückt sich hier in einer der Gassen still an den Wänden hin. Er

ist in allen Häusern der Gasse wie der Mond bekannt. Die Wagenreihen mit

den ausländischen Herren im Abendfrack sind an ihm vorübergerollt und

halten jetzt vor ihm in der Straße.

Er sieht die Herren, von einem Hauseigentümer auf dem Straßenpflaster

empfangen, in einer Haustür verschwinden. Alle Läden der Häuser sind

geschlossen, und man hört nur gedämpft Kastanietten, Geigen, Tamburine,

einförmig wie die Musik summender Wasserkessel. Männer, welche kommen

und gehen, verschwinden wie die Katzen, lautlos, in den Haustüren und um

die Straßenecken.

Neben Bulram öffnet sich ein Erdgeschoßladen. Ein Frauenarm langt

heraus, und zwei Finger schnalzen. Bulram sieht im Halbdunkel unter dem

hellen Sternhimmel zwei große Reihen blendender Zähne und ein paar

nackte Brüste, die sich wie zwei kleine Säcke über das Fenstergesims

quetschen. Bulram kennt die Frau nicht, aber er fragt in das dunkle

Fenster: »Bist du frei?« Die Frau schnalzt mit der Zunge, und bei diesem

Laut beginnen vor Bulram alle Steine der Straße, alle Sternflecken am

Nachthimmel zu schaukeln.

Der Singhalese will in das Haus eintreten. Aber der Hauseigentümer sagt

ihm, er sei um eine Minute zu spät gekommen. Die an der Fensterecke sei

eben drinnen von einem englischen Kapitän gerufen worden. Bulram stellte

sich wieder unter das Fenster und wartete. Aber das Mädchen mit den

lachenden Zähnen und der schnalzenden Zunge öffnete nicht mehr den

Fensterladen und rief ihn nicht mehr. Acht Tage hielten Seeoffiziere und

Matrosen ausländischer Kriegsschiffe ihre nächtlichen Gelage in dem

Haus, und acht Tage lang wurde der armselige Singhalese vom

Hauseigentümer abgewiesen; er schlief acht Nächte unter dem Fenster und

blieb acht Nächte nüchtern. In der neunten Nacht, als die Dampfer den

Hafen verlassen hatten, öffnete sich wieder der Fensterladen. Zwei

nackte Brüste drückten sich über die Fensterbank, und helle Zähne

glitzerten in einem lachenden Mund; dem Singhalesen schoß sein hitziges

Blut wie Sternschnuppen vor die Augen. Bulram ging in das Haus, drückte

das Mädchen an sich und schloß dabei die Augen, wie es alle Orientalen

tun, wenn sie ernstlich glücklich sind. Er blieb dann Tag und Nacht bei

geschlossenen Fensterläden im Haus bei der Dirne.

Am vierten Abend saß der Hauseigentümer mit seinen Freunden wie immer

draußen auf den Steinstufen vor der Haustür. Es wetterleuchtete hinter

dem Hausdach. Da kam einer seiner Buben heraus und sagte ihm: »Herr, das

Zimmer des Mädchens, welche hinter dem Eckfenster wohnt, ist wie leer

gefegt. Das Mädchen, das sich dort seit ein paar Tagen mit einem

Singhalesen eingeschlossen hielt, ist verschwunden. Die Tür steht weit

offen, aber niemand hat weder sie noch den Singhalesen fortgehen sehen.

Vielleicht ist der Bursch ein Bergsinghalese gewesen und hat sich in

einen Nachtblitz verwandelt und hat das Mädchen auf einer glühenden

Wolke fort in die Berge geholt!«

In demselben Augenblick kreischte der Fensterladen an der Straßenecke in

den Eisenangeln, und der Hauseigentümer rief: »Verflucht! Sie sind

sicher miteinander durch das Fenster fortgesprungen. Verflucht! Sie ist

verschwunden, wie sie gekommen ist! Eines Abends stand sie mit

ausländischen Matrosen hier unter meiner Tür und trat ein und war viel

begehrt und nannte sich mit dem lockenden Namen »Talora«. Da auf den

Stufen stand sie damals vor mir. Es wetterleuchtete wie heute, als werfe

sie Feuer um sich und Feuer ins Haus, so kam sie. Nun sprang sie wie ein

Blitz wieder fort.« -- --

Nach Monaten klingelte abends die elektrische Glocke der Gartentür des

Edengartens, und als man öffnete, standen Bulram und Talora draußen.

Beide vergnügt, lautlos und sanft wie immer.

Der Verwalter fragte, und die Frau des Verwalters fragte, und alle

Gartenaufseher fragten, wo die beiden nach zwei Jahren herkämen. Sie

aber lächelten nur und deuteten in den wolkenlosen Himmel.

»Herr, er war im Himmel,« lächelte Talora, und Bulram nickte immer

wieder stumm Beifall, wenn seine Frau auf ihr Herz deutete und auf alle

Fragen nichts andres antwortete als: »Herr, er war im Himmel.«

Dann saßen beide wieder in dem Garten, knieten über den Blumenbeeten,

arbeiteten mit der Rasenschere und mit dem Rechen. -- Sie beugen sich

noch heute wolkenlos wie der Ätherhimmel von Nuwara-Eliya über die

Blumenreihen, dort oben in dem Garten ohne Jahreszeiten.

Im blauen Licht von Penang

Die malaiische Kurtisane Gabriela Tatoto, die in der Frühlingszeit auf

englischen Dampfern in der Malakkastraße und im chinesischen Meer von

Penang bis Hongkong reiste, lebte im Sommer ausruhend in ihrer Villa in

Penang. Ihr Haus lag wie ein einziger weißer Saal in einem tiefen

Rasengarten. Statt der Blumenbeete standen mannshohe bläuliche

Porzellanvasen in langen Reihen dem Gartengitter entlang, gelb- und

rotgefleckte Tigernelken wuchsen in Sträußen aus den Vasen. Schlanke

Wandererpalmen mit pechschwarzen Fächerblättern brüsteten sich wie

finstere Pfauen rund um die weiße Villa. Ein scharlachblühender

Elektrinenbaum spreizte sich am Garteneingang. Das rote Gekröse der

Blüten in der Luft leuchtete blutig wie die Schlachtbank eines Metzgers.

Der Garten schien das Seelenleben der Kurtisane in seinen Farben zu

spiegeln. Mit der Künstlichkeit der Porzellanvasen, mit der Düsterkeit

der Wandererpalmen und mit der rücksichtslosen lüsternen Röte der

Elektrinenbäume erinnerte er an seine Besitzerin.

In Penang herrscht über allen Dingen, über den Kalkwänden der Häuser,

über den breiten Blattflächen der Palmen und über der Haut der Menschen

ein ewig blaues Licht. Immer ist eine Bläue dort über allem wie ein

beständiger Mondschein mitten im Sonnenschein. Das blaue Licht von

Penang ist wie der bläuliche Schimmer einer unsichtbaren elektrischen

Bogenlampe, ist über den Springbrunnen der Gärten, über den

Pflastersteinen, über den Wasserspiegeln des Meeres und selbst über den

Panzerplatten der vorüberfahrenden Kriegsschiffe gleich wie ein

Phosphorleuchten mitten am Tage. Und die Bläue macht den Muschelkalk der

Häuserwände transparent, als könnten die Menschenschritte hier durch die

geisterhaften Wände gehen, als wäre die Stadt nur ein bläuliches

unwirkliches Schlafbild mitten unter der wachen Tropensonne. Niemand hat

das bläuliche Licht von Penang jemals erklärt, aber es ist immer da, und

die eingeborenen Photographen malen selbst auf die Ansichtskarten, auf

Gesichter und Landschaft, diesen Mondschein im Sonnenschein.

Auch Gabriela Tatotos weißes Landhaus lag im Gartengrün mitten am Tag

mit mondblauen Wänden, die wie zu stark geblaute Wäsche leuchteten.

Der malaiische Photograph Fuluo Holongku in Penang hatte dieses Haus

schon dutzendweise auf Ansichtskarten mit zarter Bläue bemalt, denn die

Kurtisane schenkte gern ihr Hausbild mit Gartenansicht an ihre Freunde.

Aber niemals verschenkte sie ihr eigenes Bild. Sie fürchtete sich,

abergläubisch wie alle Asiaten, vor dem bösen Blick fremder Augen -- vor

bösen Augen, -- die ihr Schaden bringen würden, und vor bösen Wünschen,

die sich auf ihr Bild richten könnten. Nur einmal hatte sich Gabriela

von Holongku photographieren lassen. Aber als er die Bilder ablieferte

und sie ihr Gesicht dutzendweise vor sich sah, erschrak sie, geriet in

Angst und verbrannte noch am Abend alle Bilder mit eigener Hand. Der

Photograph Holongku besaß trotzdem ein Bild von der Tatoto, ein Bild,

das die Kurtisane nackt zeigte, und das sie selbst noch niemals gesehen

hatte. Holongku trug dieses heimliche Bild in das Futter seines

Hausrockes eingenäht; denn es soll Glück bringen, das nackte Bild einer

Kurtisane stets bei sich zu tragen. Der Photograph war auf leichte Weise

in den Besitz dieses Bildes gekommen.

Gabriela hatte damals Holongku zu sich in die Villa gerufen, um sich

photographieren zu lassen. Es war zu Beginn der heißen Zeit, die

Kurtisane war schläfrig und von ihrer Hongkongreise eben erst

zurückgekehrt.

Die Tatoto lag in einem langen Strohsessel im schattigsten Zimmer des

Hauses. Die grünen Schutzdächer an den langen Fenstern waren

herabgeklappt, die Scheiben bis zur Diele geöffnet, aber die Kalkdecke

im Zimmer strahlte wie immer ihr bläuliches intensives Licht aus.

Gabrielas chinesischer orangefarbener Seidenmantel war weit geöffnet und

zeigte den schmalen Leib der Kurtisane wie das Fleisch einer

geschlitzten Mangofrucht in rotgelber Schale. Über den nackten Arm der

schönen Frau stieg behutsam mit den langsamsten Schritten der Welt ihr

Spielzeug, ein kleines Chamäleon, das wie ein winziges graues Gespenst

im Zimmer umging.

Der Photograph wurde in das Haus eingelassen, und da er bestellt war,

folgte ihm niemand von der Dienerschaft durch den Vorsaal. Er hob die

Strohmatte von der Tür und sah die nackte Kurtisane eingeschlafen.

Blitzschnell vereinigten sich in dem Malaien Gedanke und Wunsch, das

Bild der nackten Frau zu besitzen, um es bei sich zu tragen. Unhörbar

klappte er das Aluminiumgestell seiner kleinen Straßenkamera auf und

photographierte rasch, von der Türschwelle aus, die Schlafende. Er hätte

gern vorher von Gabrielas Oberarm das kleine häßliche Chamäleon

verscheucht, das dort auf drei Beinen stillstand und das vierte Bein wie

ein Jagdhund abwartend in die Luft streckte. Aber das kleine graue Tier

sah unter seinen Augenklappen regungslos in das blaue Licht der

Zimmerdecke und rührte sich nicht auf dem Arm der Schläferin.

Der malaiische Photograph kauerte nach einer Weile im Vorzimmer auf der

Diele und schien mit orientalischer Ruhe auf das Erwachen der Dame zu

warten. --

Lingam: Zwölf asiatische Novellen · 第 4 / 7 段