Kimgun wünschte von Herzen, daß er nur ein Truthahn, eine Ziege oder ein

wilder Tempelhund sein dürfte, die sich zu Dutzenden in den goldenen

Gassen herumtrieben, ihr sattes Leben hatten zwischen den heiligen

Buddhabildern, unter den erzenen Glockenreihen und vor den Glasschränken

voll goldener Holzschnitzwerke, und selbst ihre Notdurft an goldenen

Säulenschäften verrichten durften. Kimgun wagte nicht die in senfgelbe

Mäntel gekleideten heiligen, kahlköpfigen Mönche anzureden, auch nicht

die kleinen birmanischen Fräuleins in weißseidenen Jacken und schmalen

rotbraunen Röcken, die als Verkäuferinnen hinter Blumentischen standen.

Nicht einmal mit den leprakranken Bettlern, die auf den Treppenabsätzen

der roten Säulenstiege saßen, und die weiß von Aussatz waren, als wären

sie mit Mehl bestreut, nicht mit den Niedrigsten hier in dem goldenen

Heiligtum wagte Kimgun sich zu vergleichen.

Seufzend ging Kimgun am dritten Tage von der Tempelanhöhe die rote

Stiege hinab und unten durch die Gartenwege nach der Stadt Rangoon, wo

überall die rosarote Akazie zierlich blühte. Er fand sich durch die

breiten Geschäftsstraßen der englischen Bazarhäuser kaum vorwärts, bis

er im Hafen zufällig einen Mann aus seinem Orte traf, der ihm die

Flußschiffer zeigte, die bereits vor zwei Tagen die große Glocke aus dem

Wasser an das Land gebracht hatten. Kimgun war stolz, daß die Glocke von

den Burmesen und nicht von den fremden Engländern gerettet worden war,

und er vergaß in seiner Freude, daß er nicht mitgeholfen hatte. Sein

Wunsch, mitzuhelfen, war aber so groß gewesen, daß er sich jetzt

einbildete, er habe sich bei der Bergung der Glocke am meisten

angestrengt. Er kam zur Uferstelle, wo die Riesenglocke wie ein

schwarzes, eisernes Haus stand. Man hatte ein Gerüst aufgeschlagen,

darauf viele Kulis herumkletterten, welche das Metall vom Wasserschlamm

säuberten. Der Kuli Kimgun nahm sofort sein armseliges Turbantuch vom

Kopf und begann aus Leibeskräften mit den andern Arbeitern die bronzene

Glocke zu putzen. Er kletterte auf das Bambusgerüst hinauf und

balanzierte droben, als wäre er auf einer seiner höchsten Dorfpalmen. Er

saß auf der äußersten Gerüstspitze, wohin sich keiner getraute, und

sprang an dem obersten Rand der Glocke herum, wie eine Gazelle an einem

Abgrund. Er verarbeitete seinen ganzen Turbanfetzen zu Lumpen und

schämte sich nicht und nahm das Gürteltuch ab und putzte auch das in

Fetzen, und als er nichts mehr hatte, säuberte er nackt mit der bloßen

Hand weiter. Um ihn flogen der Flußschlamm und der Muschelkalk, so

atemlos putzte er. Und da er von der tagelangen Wanderung endlich müde

wurde, legte er sich oben in eine eingegrabene Windung der Glocke,

schmiegte sich glücklich an das platte Metall, und niemand konnte von

unten den einschlafenden Kimgun sehen. Am Abend hatte man das Gerüst

abgenommen und Kimgun lag auf der turmhohen Glocke, ohne daß es jemand

wußte, und schlief weiter. Am nächsten Morgen kamen die birmanischen

Abgeordneten, die Großen und Reichen des Landes. Man hatte Höhlungen

unter die Glocke gegraben und Walzen darunter geschoben und bewegte mit

tausend Arbeitern das Glockenungeheuer langsam vorwärts. Die Beamten

folgten im Zuge, und viel Musik und viel festlich gekleidetes

Volksgewimmel begleitete die gerettete Glocke. Als der Zug das erste

Haus der Stadt erreichen sollte, erwachte Kimgun und begriff erst gar

nichts. Er glaubte, er hänge an einer Palme, die sich im Winde bewegte.

Aber dann hörte er die Menschenmenge unten mit Trommeln, Pauken und

Zimbeln rumoren, fühlte das von der Sonne erhitzte heiße dröhnende

Glockenmetall und verstand, daß er auf der wandernden Glocke war. Er

schämte sich und blieb wie ein Kaninchen geduckt oben liegen. Als man

jetzt an das erste Haus der Stadt kam, wußte Kimgun, daß die Leute auf

den Dächern ihn bemerken würden. Er setzte sich aufrecht und tat, als

gehöre das zur Festordnung, daß er oben auf der Glocke saß. Er nahm die

Stellung eines sitzenden Gottes ein, faltete die Hände und betete. Von

der Straße konnte ihn immer noch niemand sehen, auch wenn er aufrecht

saß; so hoch war die Glocke. Die Leute auf den Dächern glaubten, daß

Kimgun der Hauptmann der Flußschiffer sei, und daß man ihm besonders die

Rettung der Glocke zu verdanken hätte. Viele Leute zogen ihre kostbaren

Ringe von den Fingern, und wie Regentropfen aus den Dachrinnen, so

fielen Smaragden und Türkisen, besonders aber birmanische Rubinen auf

Kimgun herab. Der Rubinenkönig, der reichste Mann von Birma, stand auf

dem Dach des ausländischen Hotels. Er war aus dem Norden von seinen

Rubinenfeldern zur Glockenfeier gekommen, und als er Kimgun oben auf der

Glocke in betender Stellung sah, warf er sein prächtigstes und weitestes

Rubinhalsband hinunter, daß es dem nackten Kuli um die Schultern fiel

und er geschmückter war als der reichste Mann in Birma. Kimgun rührte

sich nicht, er hörte nur den klingelnden Edelsteinregen und wußte nicht,

daß das alles ihm galt. Er glaubte, es gehöre zur Ehre der geretteten

Glocke. Als die Glocke auf den Walzen schwankend und bebend ganz dicht

um die Ecke eines Hauses bog, sprang von einem Balkon ein feines

birmanisches Mädchen zu Kimgun auf die Glocke. Sie war kaum sechzehn

Jahre alt. Sie kniete sich demütig nieder, klatschte in die Hände und

begann gleichfalls neben dem Kuli zu beten. Kimgun sah nicht auf; er

dachte, daß er unsichtbar bleibe wenn er sich nicht rühre. Er war vom

Taumel des Räucherwerks, von den Trommeln und Flöten und dem betenden

Sang der Volksmenge wieder abwesend gemacht, als ob er eingeschlafen

wäre. Unten am Pagodenberg hielt die Glocke zwischen den Stadtgärten im

Abend. Die Korkbäume und Kokospalmen bogen sich über die Glockenwölbung,

und immer noch kniete der Kuli Kimgun regungslos neben dem feinen

Fräulein, das sich in den vermeintlichen Retter der Glocke verliebt

hatte. -- Die Glocke stand jetzt still. Eine Ehrenwache blieb zur Nacht

am Platz, und die Volksmenge lagerte sich neben den Rasenwegen um große

Feuerhaufen, musizierte, kochte und tanzte und erwartete den nächsten

Tag, wo die Glocke hinauf auf die Anhöhe zur Shwe Dagon-Pagode gebracht

werden sollte. Der Essensgeruch, der Fettdunst gebratener Poularden und

der Duft von gebackenen Bananen stiegen bis zur hohen Glockenwölbung und

weckten den armen hungrigen Kimgun aus seinem Gebetstaumel auf. Er

betrachtete das kleine Mädchen neben sich. Sie war zart, in eine

rosaseidene Jacke und in einen grünseidenen Festrock gekleidet, mit

silbernen Filigranblumen im schwarzen, hochfrisierten, parfümierten Haar

und mit Rubinen und Goldringen in den feinen Ohrmuscheln. Kimgun,

hungrig geworden, blähte die Nasenflügel bei dem Essensdampf auf, griff

in den nächsten Palmenzweig und schwang sich wie ein Affe in die Krone.

Von dort reichte er, ohne ein Wort zu reden, dem Mädchen den Arm

herunter, zog sie zu sich herauf und sprang mit ihr wie von einer

schwankenden Brücke hinüber in die weißen Äste eines Gummibaumes und

ließ sich, mit dem Mädchen auf der Schulter, an den Luftwurzeln und an

Stricken von Schlingpflanzen in das Gartendickicht hinab. Breitlappige

Bananenstauden versteckten die beiden. Kimgun bemerkte jetzt erst in den

Lichtstreifen der Nachtfeuer, die durch die Blattspalten fielen, daß er

splitternackt war. Das junge Mädchen erriet an seinen Augen, was er

dachte, und reichte ihm den papierdünnen, teerosengelben Seidenschal von

ihren Schultern. Der arme Kuli bekleidete seine Hüften mit dem Schal,

und dann traten beide Hand in Hand unbemerkt hinaus aus den Blättern

unter die Leute.

Kimgun ging zu einem der fliegenden Händler, die mit Fackeln und

Garküchenwagen am Wege standen. Er kaufte ein paar geröstete Bananen und

warf dafür die lange Rubinenkette hin, die ihm um den Hals schlenkerte.

Das feine junge Mädchen an seiner Seite, das den Wert der Kette kannte,

zuckte erstaunt zusammen, dachte aber, ein heiliger Mann tut was er

will, und bewunderte Kimgun nur noch mehr. Der Händler glaubte in der

Dunkelheit, die Rubinen seien rotes Glas, ließ Kimgun einige Bananen

nehmen und hängte sich die Kette grinsend um. Kimgun kannte weder

Rubinen noch andere Edelsteine; er hatte in seinem Heimatdorf sein Leben

lang nur den wertlosen Sand des Irawaddystromes gesehen. Der arme Kuli

und das feine Mädchen setzten sich auf den Rasen und aßen schweigend

ihre Bananen. Kimgun dachte, daß es unter dem heiligen Hügel der Shwe

Dagon-Pagode so und nicht anders sein müsse, und war gar nicht erstaunt

über das feine Geschöpf, das ihm zugesprungen war. --

Kaum ein Jahr ist nach dieser Nacht vergangen. Das junge Mädchen hatte

damals dem armen Kimgun ihren Schmuck zum Verkauf gegeben, und beide

wohnten seitdem verheiratet in einem Stranddorf, in einer eigenen

selbstgeflochtenen Mattenhütte, draußen vor Rangoon, wo die Lotsen und

Flußschiffer leben. Die junge Frau war nie mehr zurück in die Stadt zu

ihren Eltern gegangen, und Kimgun hatte nie mehr seit seinem

Hochzeitstag eine Arbeit getan. Beide lebten immer noch von dem Ertrag,

den die Edelsteine des Mädchens eingebracht hatten, von billigen

Reisportionen und billigen Seemuscheln. Kimgun lag im Strandsand auf

gedörrtem Tang unter den Strandpalmen, auf die er nie mehr kletterte,

und er sah zu, wie seine Frau schwanger wurde und die Hausarbeit

besorgte. Jeden zweiten Tag ging er hinauf in die goldenen Gassen zu der

Shwe Dagon-Pagode, und alle Mönche der Pagode kannten ihn, als wären sie

seine Brüder. Seine Frau ging niemals mit in das Heiligtum, sie

fürchtete, dort einem ihrer Familienangehörigen zu begegnen. Als sie

kurz vor der Geburt stand, verließ Kimgun kaum noch seinen

Schlummerplatz in dem Schatten der Strandpalmen. Er stand nur noch auf

und begrüßte morgens den Zug der Bettelmönche, der bei Sonnenaufgang

durch jedes Dorf kam und stillschweigend um den Tagesreis bettelte.

Jeder Mönch, in seinen gelben Mantel gewickelt, trug einen mächtigen

Bronzetopf vor sich her, und aus jeder Haustür kam die Hausfrau und

schüttete ein wenig von ihrem Reisvorrat in einen der Töpfe. Kimgun sah

zu, wie seine Frau aus der Hütte trat und ihren Reis gab. Für Kimguns

Frau war das einzige Stück Welt, das sie täglich in ihrer

Schwangerschaft zu sehen bekam, die Reihe gelbgekleideter Mönche mit

ihren großen Bronzetöpfen unter dem Arm. Eines Tages regnete es, und die

Mönche hatten ihre Manteltücher über den Kopf gezogen, und die Töpfe

wurden in den Augen des schwangeren Weibes wie zu abgeschlagenen

Riesenköpfen. Einen Augenblick glaubte sie, eine Reihe geköpfter

Menschen vor sich zu sehen, von denen jeder seinen Riesenkopf unter dem

Arme trug. Als der Frau die Stunde der Geburt kam, gebar sie ein

winziges senfgelbes Wesen, an dessen dünnem Hals ein ungeheurer

Wasserkopf hing. Die Glieder des kleinen Leibes zappelten wie ein paar

Würzelein an dem Kopf, wie an einer dicken Blumenzwiebel die

Wurzelfasern. Das junge Weib starb an den Qualen der schmerzhaften

Geburt des Riesenkopfes, der ihr den Leib zerriß.

Kimgun aber trug nach dem Tode seiner Frau das Kind, das er zärtlich

liebte, hinauf in die Pagodengassen und zeigte es seinen Freunden, den

Mönchen. Diese sprachen das Kind heilig und erklärten es als ein

Gotteswunder und verlangten, daß es bei ihnen in der Pagode bleibe. Sie

legten eine gewebte, kleine Purpurmatte mitten auf das Pflaster in einer

der breiten goldenen Pagodengassen, betteten die Mißgeburt zur täglichen

Schau darauf, und einige Mönche saßen immer betend und spielend um das

Kind herum. Sie nährten es mit der Milch der Tempelziegen, die zu dem

Teppich herbeispringen und dem Kind ihre Euter reichen mußten. Kimgun

war jetzt der glücklichste Mensch in Birma, seit sein Kind Tag und Nacht

zwischen Gold, Weihrauch und Kerzen und unter den frommen Mönchen und

vor den frommen Pilgern liegen durfte, bestaunt, bewundert und

beliebäugelt von allen Birmesen und Birmesinnen, die herauf aus dem

Stadtgewühl von Rangoon morgens, mittags und mitternachts in die

goldenen Gassen kamen und lautlos mit Opferblumen in der Hand, in Seide

gekleidet und auf stillen Sandalen vor den goldenen Altären und goldenen

Kapellen wandelten und sich vor Kimguns Kind verneigten.

Das Kind verdiente für Kimgun und die Mönche manches Stück Geld. Mit

stieren und gequollenen Augen, die wie Glaskugeln in seinem Riesenkopf

rollten, lag die kleine Mißgeburt da und starrte in die Goldbauten des

Tempels. Der Goldschein machte seine Augäpfel gelb wie Bernstein, die

gelbe Haut des Kindes schimmerte und blendete das Gold zurück, und sein

Gesicht grinste Tag und Nacht in die Goldpracht wie ein Goldkloß. Kimgun

freute sich, daß das Kind nie etwas anders vom Leben kennen lernen

sollte, als die ungeheuren Goldmassen der Shwe Dagon-Pagode. In dieser

Goldwelt, welcher die Sonne täglich dienen mußte, lag jetzt sein Kind

wie der Mittelpunkt alles Goldes, und die Sonne kam jeden Tag zur

Pagode, um als Kuli für sein Kind Gold herzuschleppen. Und Kimgun wurde

über alle Maßen hochmütig. Der elende, armselige Kimgun erschien jetzt

gekleidet vom Verdienst seines Kindes in frischer weißer Seidenjacke,

ein Purpurtuch um die Beine geschlagen, einen regenbogenfarbigen

Seidenschal als Turban um den Haarwirbel gewunden, das Haar hochgeknotet

wie ein Weib, geschmückt mit Schildkrotkamm und Haarpfeil, wie es sich

nur der Rubinenkönig und die Reichsten zu tragen erlaubten. Er schritt

im Tempel umher, stolzer als einer der weißen Tempelpfauen, und jeder

seiner hochmütigen Blicke sagte: Seht, meinem Sohn muß die Sonne dienen!

Ihr täglicher Gang gilt bloß ihm und mir, und alles Gold von Birma liegt

um uns wie ein goldenes Bett. Meines Sohnes Augen werden täglich vom

Gold genährt, mein Sohn schläft im Gold und lebt klug, hell und

allmächtig wie das Gold.

Die Mönche mochten bald Kimgun wegen seines Hochmutes nicht mehr leiden,

aber da die Mißgeburt eine reiche Einnahmequelle für die Pagode war,

ließen sie Kimgun seine Einfalt und schwiegen. Eines Morgens stieg

Kimgun, eitel geputzt und gepflegt wie immer, die untersten der

dreihundertfünfundsechzig roten Stufen zum Hügelberg der Pagode empor,

und wie immer lächelten ihm die hübschen birmanischen Verkäuferinnen auf

den Treppenabsätzen zu. Ihre Gesichter schimmerten sanft wie geschälte

Bananen hinter den Tischen voll Blumen, Marionetten und Räucherwerk.

Plötzlich verbreitete sich oben am Treppenende vom Hügel herab ein

ungestümes Geschrei, lauter und lauter, als ob man da droben Tiere und

Menschen schlachtete. Mönche, Ziegen, Pilger, Pfauen, Verkäuferinnen,

Hühner und Hunde flüchteten im Durcheinander die rote Treppe herab und

Kimgun entgegen. Der Mönche glattrasierte Schädel leuchteten aus dem

Gewühl todbleich wie Elfenbeinkugeln und schienen in dem dämmerigen

roten Treppenhaus die Stufen herabzurollen.

»Ein Tiger!« »Ein Tiger!« riefen viele Stimmen zugleich, und Hunderte

von Händen gestikulierten. Ein mächtiger gelber Tiger war aus dem

Palmendickicht auf das Dach der ungeheuren Pagode gesprungen, und alles,

was in den goldenen Pagodengassen lebte, stob zum Treppenausgang wie

bestürzte Ameisen aus einem verheerten Ameisenbau.

Die Hunde heulten, die Pfauen kreischten, die Hühner und Truthähne

gackerten und kollerten. Die Mönche und Verkäuferinnen fuhren wie wilde

Schatten durcheinander, die leprakranken Bettler stolperten über ihre

Krücken, stießen die Warentische um und fielen in Knäueln stöhnend und

jammernd hinter die dicken roten Holzsäulen des Treppenhauses.

Kimguns einziger Gedanke war sein Kind. Er arbeitete sich wie ein

Schwimmender gegen den Strom vorwärts; er fiel zwischen zwei

Tempelziegen; das Beinkleid und die Seidenjacke wurden ihm vom Leib

geschlitzt. Er richtete sich wieder auf, fiel wieder und verlor Kopftuch

und Haarkamm. Ohne einen Kleiderfetzen kroch er auf allen Vieren die

letzten hundert Stufen nackt hinauf, strich sich die Haare aus dem

Gesicht und stand nackt oben am Treppenende.

Die roten Flügel der Holzbohlentüre zu den goldenen Pagodengassen war

zugeschlagen und umlagert von Dutzenden von Mönchen, die sich gegen die

Türflügel stemmten. Auf seine Bitten, ihn einzulassen, lachte man ihn

fast aus. Er weinte, bettelte und schrie um sein Kind. Endlich öffnete

man einen Spalt und ließ ihn in den Tempelhof hineinsehen. Der

großmächtige Tiger, mit seinem dickbackigen Gesicht, duckte sich eben

auf dem Pagodendach und kam in die Gasse herabgesprungen. Lautlos wie

ein großer Ballen Baumwolle fiel er auf das Pflaster. Mit einem einzigen

Zuschnappen seines Rachens hatte er das Kind Kimguns auf dem

Purpurteppich am Halse gepackt, warf sich herum, sprang wie ein Akrobat,

der einen Ball trägt, mit dem Wasserkopf im Maul auf das Pagodendach

zurück. Hinter dem goldenen Wald der Speere auf den Dächern verschwand

die gelbe Bestie wie eine goldene Figur, die mit dem Pagodengold wieder

verschmilzt. Die augenschmerzenden Spiegelscheine der Goldmassen warfen

sich, wie immer, gleich lebendigen Scheinwerfern kreuz und quer durch

die Luft. Darunter standen die Pagodenhöfe jetzt leer und verlassen.

Kimgun brüllte, preßte sich durch den Türspalt, rannte in die

ausgestorbenen Gassen, seine Glieder flogen wie flatternde Bänder an

seinem Leib. Er kletterte an den goldenen Gehäusen und Gesimsen in den

Dächerwald hinauf und verschwand.

Nach Stunden hatten die Mönche vier Engländer aus der Stadt geholt,

diese kamen mit ihren Gewehren und suchten den Tiger. Sie fanden ihn auf

dem goldenen Birnendach der größten Pagode in der Sonne ausgestreckt und

in satter Verdauung gähnend. Die Engländer schossen den Tiger herunter.

Die Mönche und alle, die in den Pagoden lebten, kehrten erleichtert in

die goldenen Gassen zurück. Als die Leute vor dem toten, goldgelben,

vollgefressenen Tigerleib standen, sagten sie von Kimgun: Des Goldes

Rachen hat Vater und Sohn verschlungen.

Der Garten ohne Jahreszeiten

Vom Morgen bis zum Spätnachmittag fährt ein kleiner, kletternder Bahnzug

in Ceylon von der Stadt Colombo unten am Meer hinauf zu der letzten

Ansiedlung Nuwara-Eliya in den höchsten Bergen. Die Zimmetgärten von

Colombo wandern hinab in die Tiefe. Die grünen Amphitheater der

strauchigen Teeanpflanzungen und die Reisfelderterrassen versinken wie

ausgespannte Fallschirme neben dem ansteigenden Schienengeleis. Täler

voll Silberseen blinken wie Riesenperlmuttermuscheln herauf, verlassene

alte Tempeltürme stehen wie hochgerichtete Fernrohre an den Seen,

zugespitzte Bergkegel, geformt wie Räucherhütchen, umragen als blaue

Pyramiden den Horizont, und der Adams Peak wirft seinen berühmten

dreieckigen Schatten als riesigen Sonnenuhrzeiger bis Sonnenuntergang

über das Innere Ceylons, genannt das glänzende Eiland.

Kurz vor Sonnenuntergang erreicht der Bahnzug in den Bergwellen auf der

Höhe von vierzehntausend Fuß totstumme Mooswälder, große moosumwucherte

Laubholzwälder. Die Baummassen sind wie graue Versteinerungen regungslos

ineinander gewachsen, als ob die Baumklumpen sich im kühlen, dünnen

Luftzug gegenseitig festhielten, damit auf den schiefen Ebenen in der

ungeheuren Höhe nicht jählings ein Schwindelgefühl ganze Wälderstrecken

in die Tiefe reiße.

Dort oben bei den silbernen Spiralen der Sturzbäche, auf dem Rasen vor

den Waldrändern wohnen reiche Kaufleute und hohe englische Beamte aus

Colombo in ihren Villen. Dort sind englische Giebelhäuser mit Vorgärten

vor den Erkern. Dort brennen die Laternen abends in den Gartenstraßen am

Trottoir entlang wie in Europa. Dort oben sind Tennisplätze und

Fußballrasen, und die Luft ist dünn wie die Gesichtshaut der blassen und

blonden englischen Damen.

Ein paar Stunden von der Ansiedlung Nuwara-Eliya liegt an einem

Bergabhang, wie an den Thronstufen des Ätherhimmels, der Edengarten von

Ceylon. Ein Garten wie ein gewirkter, blaurot und gelber indischer

Seidenschal, hingehängt an den Bergwald, feierlich, hoch über den

Abgründen. Blumenbeete mit den Blumen aller Jahreszeiten schieben sich

in die Höhe und in die Tiefe vor dem Äther des windstillen Himmels. Das

Gartenantlitz erinnert an ein mit Indigo und Rötelschnörkeln tätowiertes

Singhalesengesicht. Dort wachsen europäische Kornblumen, Veilchen,

Astern, Kapuzinerkresse, Rosen, Anemonen, Tulpen, Primeln,

Schlüsselblumen, Lotos und Kakteen unter Kokospalmen und bei

Bananenbäumen.

In diesem Garten der überirdischen Bergwelt waren der Singhalese Bulram

und sein Weib Talora aufgewachsen. Beide waren hier oben angesehen als

das verliebteste Ehepaar von Ceylon.

Talora war mit neun Jahren Teemädchen gewesen. Sie hatte in den

englischen Pflanzungen, unterhalb Nuwara-Eliya, mit hundert andern

Mädchen im April zur Ernte die Teekeime von den kleinen, runden

Teestauden gepflückt. Bulrams Vater hatte sie von dort in den Edengarten

geholt, weil sein Sohn, der bald vierzehn Jahre alt war, endlich eine

Frau brauchte.

Die kleine Talora wurde Bulram gegeben wie ein Ohrring oder ein

Haarkamm, den die singhalesischen Männer tragen, und Bulram hatte sich

nie gefragt, ob er je eine andere Frau wollte. Talora war das Geschenk

seines Vaters für ihn, wie sein eigener Leib ihm vom Vater ins Leben

mitgegeben war. Wie der Ätherhimmel zum Edengarten gehörte, -- so

selbstverständlich einfach und zufrieden nahm Bulram die kleine Talora

als sein Weib hin. Und das Mädchen nahm den jungen Mann als Herrn und

Gemahl an, so wie sie ihre Hände und Füße als fraglos zu sich gehörig

fühlte.

»Die Singhalesen dort oben in den Berghöhen sind allwissend,« sagen

drunten die Singhalesen an der Zimmetküste von Colombo über die Leute

von Nuwara-Eliya. »Sie können dort oben zaubern, ohne daß sie selbst

ahnen, daß sie Zauberer sind.« Und mit Ehrfurcht betrachten die Leute in

den Tälern jene Bergseelen, die ihr Leben in der dünnen Luft verbringen.

Ob Januar oder Juli, ob April oder Oktober, -- im Edengarten blühen die

Märzveilchen, bei den Septemberastern sitzt die Julirose dunkel am

Strauch, darunter das Schneeglöckchen sich versteckt. Flieder, Jasmin,

Herbstzeitlosen, Lotos und Kornblumen stehen in den Feldern, auf Beeten

und an Teichen, bei den Hügelrasen, zwischen den Orangen, Myrten und

Weihrauchbäumen, unter den Aloeblüten und bei Bananenpalmen.

Bulram und Talora hatten hier hinter dem Haus des englischen Verwalters

ihre kleine, weiße, niedere Hütte an der Gartenmauer, welche schräg den

Berg hinaufsteigt. Die Blicke der beiden waren immer ruhig wie die

windstillen Täler, wie der wolkenlose Himmel und ihre Gedanken nur von

den Gesichtern der indischen und europäischen Blumenarten angefüllt. Der

ewig stillstehende Blumengarten, darinnen nie Winter, nie Sommer, nie

Frühling und Herbst wechselten und die Büsche ohne Ausruhen ewig

berauscht und unvergänglich blühten, darüber der Äther, todstill ohne

Lufthauch, eine unermeßliche Ruhe feierte, -- dieser Garten gab den

Menschen einen Frieden in das Herz, der gleich dem Öl einer

tausendjährig brennenden Tempellampe ist, das eine stille, nie

verlöschende Flamme nährt.

Nie kam den Menschen in der dünnen Ätherluft dort oben die Kraft zu

einer wilden Tat. Sie lebten in der Höhe, in der Luftleere, halb

trunken, wie Mäuse unter der Glasglocke einer Luftpumpe. Sie waren in

der verdünnten Luft einem sanft schläfrigen und zartem Zustand von

Kraftlosigkeit verfallen, als hätte sich ihr Blut verflüchtigt, und nur

eine ideale, blaue Leere schwang in ihren Adern.

Eines Abends sagte der Verwalter des englischen Gartens zu Bulram:

»Höre! Du mußt mich morgen nach Colombo hinunterbegleiten. Ich muß den

Pachtkontrakt mit der Regierung erneuern und außerdem zwei Ladungen

Apfelreiser und Quittenschößlinge, die aus England angekommen sind, im

Hafen abholen. Du bist zuverlässig, Bulram, und von allen

Gartenaufsehern der vorsichtigste. So viel ich weiß, warst du noch

niemals drunten an der Küste, seit du lebst. Es wird dir Spaß machen,

Menschen und Land da unten zu sehen. Talora wird dich für drei Tage

entbehren müssen.«

Bulram sagte: »Herr, so lange Talora und ich verheiratet sind, waren wir

noch keinen Tag getrennt.«

Lingam: Zwölf asiatische Novellen · 第 3 / 7 段