»Ich werde schreien,« rief Yawlor zum Geist seiner Mutter, »daß der

Himmel über dem Marktplatz zittert, Mutter. Und der Fürst und alle Leute

in der Stadt müssen fragen, wer schreit? >Das ist Yawlor, der den Regen

vom Himmel rufen kann,< muß man dann antworten. Hunger und Durst müssen

vor Yawlor sterben. Mit beiden Armen werde ich den Himmel wie einen

vollen Wasserschlauch an mich pressen, daß der Starrsinnige zerplatzt

und die Felder von der Stadt Jaipur bis zum Schloß Amber draußen

überschwemmt werden von seinen Regenfluten.« Der Fluß muß wieder im

ausgedörrten Kiesbett erscheinen, und sein Spiegel muß wieder

auftauchen, der Fluß, der jetzt mit versteintem und verdorrtem Gesicht

dalag, wie Yawlors tote Mutter auf dem Scheiterhaufen. Unterm lebenden

Regen würde auch die Asche der Mutter wieder zu Fleisch werden und

aufstehen. Die Mutter würde wieder an ihrem Mahlstein niedersitzen und

jeden Morgen wie sonst singen, wenn Yawlor auf dem nickenden Kopfe des

Elefanten Talim am Mehlladen vorüberritt. -- Yawlor sah vom Kopfe des

Elefanten herab über dem Marktplatz deutlich die Stunde seiner Größe

kommen. -- Der Fürst würde zu Pferd mit allen Frauen in den Sänften und

in den Zebuwagen und mit allen tätowierten und purpurgeschmückten

Elefanten auf dem Marktplatz in den Palast der vier Winde ziehen; alle

Fenster wären dann voll von Frauengesichtern mit plattgescheiteltem

Haar. Die Rubinen in allen Ohrmuscheln und die weißen Ringe in den

Nasenflügeln müßten funkeln und glitzern und alle Goldspangen an den

Armgelenken klirren, wenn sich die Frauen über die Geländer bögen und

mit großer Erregung Yawlors Stimme lauschten. Yawlor stünde dann mitten

auf dem Marktpflaster zwischen den tausend heiligen grauen Tauben, die

dort picken und die nie ein Arm verscheuchen darf, und Yawlor schriee

zum Himmel vor den Reihen der Fenster, den Elefantenreihen, den

Wagenreihen, und vor den Reihen der ungeduldigen Pferde. Wie voll von

Haufen Käfern und Waldameisen würden alle Dächer und Türmchen voll von

Turbanen und Gesichtern sitzen, die auf Yawlor sahen wenn er den Regen

aus den Wolken herabschrie, wenn er die Dürre vom Himmel riß und der

Sonne ins Gesicht schlug. Dann in der atemlosen Stille mußten die ersten

Tropfen, rund und gequollen und wie Gewichte schwer, auf die Köpfe

schlagen, tausend Hände sich nach den Tropfen ausstrecken und Tausende

mit den nassen Händen jubelnd Beifall klatschen. Alle grauen Tauben auf

dem Marktplatz fliegen rauschend dem Regen entgegen, alle Pferdenüstern

wiehern, die Elefanten trompeten, und der Fürst und seine Frauen lassen

Yawlor durch die Eunuchen vom Markt herauf in den rosigen Windpalast

rufen. --

Der Knabe Yawlor mußte sich jetzt unter dem kühlen und dunkeln Tor des

Elefantenstalles bücken. Das breite Elefantentier trampelte mit dem

Knaben auf dem Kopfe in den Elefantenhof. Hühner, schwarze Böcke,

Truthähne, Kulis, Affen, Wasserträger und Elefantenwärter trieben sich

hier um die offenen Lehmställe und um die offenen fürstlichen

Wagenschuppen herum. Der Dunst des gedörrten Elefantenmistes, der auf

den Rändern der Hofmauer in Fladen als Dung getrocknet wurde, und

Staubwolken füllten die Luft. Die begeisternden rosaroten Straßen von

Jaipur aber waren hinter Yawlor verschwunden.

Zwischen dem Dunst des Viehes, der Taglöhner und des Mistes verwandelte

sich die straffe Gesichtshaut des Knaben, sein Ausdruck wurde müde, welk

und alltäglich. Sein Geist, der unter dem feierlichen Beileidsgruß der

Kaufleute auf dem rosaroten Marktplatz aufgeleuchtet hatte, wurde

kleinmütig. Als er vom Kopfe des erhabenen Elefanten zur Erde glitt und

im Staub bei den Staubigen stand, hatte er den heldenhaften Blick in die

Ferne verloren. Er stellte seinen Stachelstab in die Mauerecke, rieb

sich die Gedankenreste wie Staubkörner aus den Augen und war auf seinen

abgemagerten Beinen wieder der Sohn eines Kulis und nicht mehr der Herr

über Durst und Hunger, wie auf dem Kopf des Elefanten.

Ein schwarzer Widder im Hof, welcher spielen wollte, kam von rückwärts

angerannt, hob den Knaben auf seine gedrehten Hörner und kehrte ihn wie

eine überflüssige Sache zur Seite, daß er in der Mauerecke bei einem

Haufen dörrender Mistfladen hinfiel und liegen blieb. Der ganze Hof voll

Kulis lachte lautlos, und alle zeigten dem Gestürzten die gelben

Zahnreihen. Und mit dem Hingepurzelten lag auch der Gedanke, den Hunger

und Durst zu beschwören, verrunzelt wie ein Mistfladen in der Mauerecke.

Eingeschlossene Tiere

Esthe, die Tochter des englischen Botanikers Horseshoe, war in Indien,

in Kalkutta, geboren und sollte jetzt in ihrem sechzehnten Lebensjahre

für immer mit ihrem Vater nach England zurückkehren. Esthe war an Indien

angewachsen, wie eine Koralle am Meeresgrund. Sie versuchte auf alle

erdenkliche Weise einen Grund zu finden, um in Indien zurückbleiben zu

dürfen. Sie verfiel, wie junge, hartnäckige Mädchen leicht tun, auf das

Resoluteste und das in ihren Augen Einfachste: sie wollte sich von einem

jungen Indier entführen lassen.

Zu Haus waren bereits alle Zimmer geleert, alle Kisten zugenagelt, alle

Koffer zugeschnallt, und Esthe wohnte mit ihrem Vater während der

letzten Nächte im Grandhotel von Kalkutta.

Es war Sonntag, und am Montag wollten Vater und Tochter den Schnellzug

nach Bombay nehmen, um dort den Dampfer der P.- und O.-Linie zu

erreichen und sich nach Southampton einzuschiffen.

Es ist Sonntagnachmittag. Der Frühjahrssturzregen hat aufgehört, die

Rasenerde des riesigen Maidanplatzes vor dem Hotel hat alle Pfützen und

Wasser schnell verschluckt, die Sonne blitzt wie nagelneu am Himmel, und

die Damen im Hotel erscheinen mit den ersten Frühlingsstrohhüten der

Londonsaison auf dem Kopfe.

Der Botaniker Horseshoe schrieb auf einer Schreibmaschine im Lesesaal

des Hotels seinen letzten botanischen Bericht für die Kalkutta-Times,

und Esthe sagte über die Schulter ihrem Vater, daß sie noch eine Radtour

um den Maidan machen würde.

Sie fuhr ein paar Minuten später auf dem vernickelten, blitzenden Rad um

den mehrere Kilometer großen, freien Rasenplatz, den Kopf geduckt und in

die Luft gebohrt wie eine hitzige Hummel. Bei einer großen Allee bog sie

scharf und energisch um die Ecke und flog unter den Bäumen hin, zum

zoologischen Garten. Dort war soeben das Sonntagnachmittagskonzert

beendet, hohe Equipagen kamen Esthe in langen Reihen entgegen. Das junge

Mädchen vermied es, aufzusehen, um nicht Bekannte grüßen zu müssen. Sie

ließ ihr offenes Haar wie eine Rasende im Winde wehen und jagte wie ein

Spuk an der Wagenkette vorüber.

Die weißgekleidete Regimentsmusik verließ soeben mit ihren blitzenden

Messinginstrumenten den Garten, als Esthe am großen Gittertore vom Rade

sprang. Der Portier des zoologischen Gartens kannte Esthe; sie war

täglich hier in dem mächtigen Park, wo die roten Dächer der Tierhäuser

unter dem bläulichen Grün der Königspalme und der Kasuarinenbäume wie

rote Zelte leuchteten.

Der indische Portier lächelte täglich über die hastige kleine Miß, die

sich von einem der jungen Gärtnerburschen durch die Baumreihen und an

den Käfigen vorbei oft lange Nachmittage begleiten ließ. Todor, der

junge Gärtner, ging dann, zwei Schritt entfernt, wie ein brauner Käfer

immer schweigsam neben der jungen plaudernden Dame. Jedermann im Garten,

alle Tierwärter und Gärtner wußten, daß der Bursche sich unter den

Blicken der kleinen Miß vor Ehrfurcht, Ergebenheit und Schwärmerei wie

ein Mimosenkraut zusammenrollte.

»Todor hier?« fragte jeden Tag die kleine Engländerin und schüttelte ihr

wachsblondes offenes Haar vor dem uniformierten indischen Portier beim

Eintritt in das Gittertor. Dabei schwang sie die kurze Reitpeitsche, die

sie als Radfahrerin gegen die Hunde in der Hand hielt. Der Portier

legte, lächelnd und sich tief verneigend, schweigend die rechte Hand an

die Stirn und deutete mit der linken auf ein hochstämmiges Malvenbeet,

dahinter der weißgekleidete sechzehnjährige Bursche wie eine Maus mit

schwarzem Gesicht kauerte und die feuerfarbenen Blütenzepter der

Malvenstöcke an Bambusrohr festband. Seine Augen waren wie schwarze

Papierasche und scheinbar tief versunken in die Blumenarbeit; aber seit

Stunden warteten sie auf die blaßhäutige junge Dame.

Eine Stunde vor Sonnenuntergang schloß heute der Portier den Garten, und

da das Fahrrad vom Gittertor verschwunden war, blieb er überzeugt, daß

die kleine Engländerin schon heimgefahren sei. Aber Esthe war hinter den

letzten Häusern des Gartens, bei dem Aquarium, versteckt geblieben.

»Ich soll morgen abreisen, Todor,« hatte sie gesagt, »und du weißt, mein

sehnlichster Wunsch war immer, einmal eine Nacht hier im Garten unter

den wilden Tieren bleiben zu dürfen. Ihr Gärtner und Wärter seid auch

nachts hier. Warum soll ich nicht bleiben können? Ich möchte im Finstern

an den Käfiggittern entlang gehen und die Tigeraugen sehen, wenn sie

grün und gelb auf mich losstürzen; die großen fliegenden Hunde, die

tagsüber schlafen und kopfüber an den Bäumen hängen, möchte ich nachts

aufwachen sehen und möchte sehen, wie die Schlangen sich nachts am Glas

der Aquarien elektrisch reiben. Und vor allem habe ich Appetit nach dem

verruchten Gebrüll der Heulaffen, die im Mondschein klagen sollen, als

ob sie sich gegenseitig erdrosselten, und dann muß ich die Signalpfiffe

der großen Trompetennachtigallen kennen lernen. Habe ich die Nacht hier

angenehm zugebracht und gehe morgen früh nach Hause ins Hotel, so wird

es dann für meinen Vater auch zu spät, um mit dem Schnellzug abzureisen.

Dann versäumen wir das Schiff in Bombay; ich habe wieder eine Woche

gewonnen, und die Abreise wird verschoben bis zum nächsten Schiff.«

Todor der Gärtnerbursche verstand mit seinen Augen, die wie brauner

Honig glänzten, alles, wenn auch sein Ohr nicht jedes englische Wort

begriff. Er nickte beständig; so wie man im Wasser seinem eigenen

Spiegelbild zunickt, so nickte er in die klarblauen Augen des kleinen

Fräuleins. Esthe hatte sich bis zur Schließung des Gartentores

verstecken wollen, und Todor hatte sie in eine Tuberosenlaube geführt,

die hinter dem Aquarium stand. Dort saßen sie unter breitblätterigen

Schlingpflanzen wie in einem grünen hohlen Schuppenleib. Esthe lag auf

einer Bank, Todor hockte vor ihr auf dem feuchten Tropenboden, der mit

grünem Schimmel bedeckt war.

Draußen verschwanden mit einem Male die rotsandigen Gartenwege in der

plötzlichen Tropendämmerung. Esthe erzählte von den Pflanzensammlungen

ihres Vaters, und Todor bewegte die Lippen in früherer Gewohnheit des

Betelkauens. Das Betelkauen hatte sich der Gärtnerbursche abgewöhnen

müssen, da Esthe den roten Saft, den er dabei ausspuckte, nicht leiden

konnte. Aus dem plötzlich grauen Abendlicht drang jetzt das

langausgestoßene Geheul der wilden Tiere gleich Rufen aus gewaltigen

Muschelhörnern in die Laube.

»Wie wäre es,« sagte Esthe, »wenn wir jetzt die Schlüssel zu den Häusern

der Tiger und Schlangen bekämen?«

»Noch abwarten,« sagte Todor und ging auf den Zehen zum Ausgang der

Laube. Die Luft des Gartens begann wütender nach Tierhaut und

Tierschweiß zu riechen. Esthe gruselte es angenehm bei dem wilden

Geruch. Todor ging um die Laubenecke. Esthe starrte hinaus. Alle Bäume

verschwanden jetzt, als gingen sie alle aus dem Garten, und Ströme von

Düften wanderten wie fremde lebendige Wesen durch die Dunkelheit. Auch

alle Farben begannen zu wandern. Der Scharlach der Kakteenblüten war

pechschwarz geworden, die blauen Mandarinenblüten leuchteten weiß, die

Yuccapalmen glitzerten wie Fischgräten und Fischgerippe und die

Palmyraschäfte wie große weiße Elefantenknochen. Die Dunkelheit gab den

Bäumen klumpige Beine und den Büschen gedunsene Leiber, daß sie Molchen

glichen; die Nachtfarbe verwandelte die Welt der Pflanzen in eine

Tierwelt. Die Erde vor Esthes Füßen dünstete einen bittern Schweiß aus,

den das Mädchen wie ein Gift auf der Zunge schmeckte. Das vielgestaltige

Echo aus den Tierhäusern vertausendfachte sich in dem Garten, als ob

ganze Haufen eingeschlossener Tierherzen Selbstmord begingen und ihrem

fliehenden Leben nachklagten.

Esthe stand von der Bank auf und tastete sich durch die Laube. Sie griff

nach den weißlichen Tuberosen; die fühlten sich wie glatte, schleimige

Augäpfel an, die sich unter ihren Fingerspitzen bewegten. Sie griff in

die Schlingpflanzen, die waren wie das Gekröse und Eingeweide eines

frischgeschlachteten Tierleibes, lauwarm und weich. »Todor!« rief das

junge Mädchen. Todor aber schien verschwunden.

Esthe bog ihre Reitpeitsche krampfhaft um die Kniee. Es war jetzt ganz

finster in der Laube, und wie eine hohle Brandung tobte draußen das

Geheul und Gebell aus den Käfigen. Esthe kannte wohl die indischen

Nächte voll Zikadengerassel und Affengeschrei; auch die Schreie der

Schakale und das Gelächter vieler wilden Nachtvögel hatte sie gehört,

aber diese langen, qualvollen Stoßseufzer eingeschlossener Tiere, welche

die Luftwellen aufregten, daß die Blätter im Dunkel zischelten, diese

inbrünstigen Sehnsuchtsschreie, langgezogen und schneidend, als müßten

sie die Käfiggitter zersägen, dieses Blutgeheul der tierischen

Frühlingswollust, dazwischen das Klirren der eisernen Gitterstäbe, die

geschüttelt wie Ketten unter dem Freiheitsdrang wahnsinnig gewordener

Bestien rasselten, das hatte Esthe noch nie gehört.

Esthes Herz schauderte und begann sich wie ein selbständiges Geschöpf zu

regen; sie fühlte ihr Herz aufrecht, mit großen stoßenden Schritten

durch ihren jungen Leib wandern. Ihr Herz machte Sprünge wie ein

kralliger Panther, und es dehnte und rollte sich auf wie eine sich

wälzende Riesenschlange, aber blieb doch immer am gleichen Fleck wie

eine festgewachsene Seepflanze, die sich mit verwirrenden Fäden

aufkräuselt, um sich greift und Nahrung sucht. Und alle die Schreie in

dem finstern Garten, die aus den Tierkehlen platzten und der Luft weh

taten, wurden in Esthe wie ihre tausend eigenen Stimmen. Alles, was im

Garten an Wildheit wucherte, an Inbrunst und Leidenschaft, wurde zu

Esthes Herz. Ihr Blut ging alle Tierverwandlungen durch, als wollte es

fort aus ihrem Leib, vielgestaltig in die Nacht stürmen; wie die

Raubtiere, die ihre Haare an den Gitterstäben reiben und ihre Tatzen

durch die Eisen drängen, drängte das Blut des jungen Mädchens nach einer

unbekannten Freiheit.

Wo ist Todor? rief es in Esthe. Er hat den Blick der großaugapflichen

Tiger; er ist wie die geschmeidigen, knochenlosen Schlangen. Heute

nachmittag auf dem Gartenweg hing sein Schatten schwer und schwarz an

ihm, wie die großen fliegenden Hunde an den Bäumen hängen, mit dem Kopf

nach unten. Todor schweigt immer, aber seine Augäpfel sprechen mehr als

Tag und Nacht. Es ist finster draußen vor der Laube, als hätte Todor mit

seinen Augen den ganzen Garten verschluckt. -- Todor ist jetzt alles, er

ist das große Finster draußen, und er ist das Blut in Esthe geworden,

das wie eine Elefantenherde ihr Herz zerstampft.

Das junge Mädchen ließ die Reitpeitsche fallen. Sie preßte die Hände an

ihren nackten Hals und begann mit einem Male wie eine Krähe laut

aufzuschreien. Esthe schrie mit hochgehobenen Händen, sie stand auf den

Zehen aufgerichtet und schrie endlos -- daß die Heulaffen schwiegen, das

Tigergebrüll sich verkroch und alle Tiere hinter den Gittern den Atem

anhielten. Der ganze finstere Garten horchte ein paar Augenblicke auf

den hohen Fistelton des Hilfegeschreis eines jungen Menschenweibes.

Endlich tauchten Laternen auf, Lichter spiegelten sich in den Teichen,

in den Glashäusern, und von neuem warf sich das Tiergebrüll an die

bronzenen Gitterstäbe, den Laternen entgegen, und übertönte Esthes

Geschrei. Riesige Schatten von vorwärtstastenden Menschen fuhren aus den

Baumspalten. Gartenwege und Blumenköpfe erschienen, und es war, als

eilten Haufen von Bäumen und fliegende Wesen herbei. Beleuchtet von den

Laternen, stand Esthe mit aufgereckten hellen Armen und schrie allen

entgegen. Sie rührte sich nicht vom Platz, sie schrie ihren Schreien

nach. Dann plötzlich stürzte sie wie ein geblendetes Insekt mitten

zwischen die Laternenspiegel.

»Hilfe vor Todor, Hilfe, Hilfe vor Todor!« schrie sie den verblüfften

Leuten ins Ohr. Sie klammerte sich an vier Wärter zugleich, die sie wie

eine Barrikade zum Schutz um sich stellte.

Man suchte in der Laube, nirgends war Todor zu sehen. Die Wärter trugen

das ohnmächtige Mädchen durch den Garten, darinnen die vom Licht

aufgescheuchten Tiere jetzt noch lauter, gleich einem wilden

Heergetümmel, tobten.

In der Nähe des Straßentores glaubte ein Wärter Todors Gesicht hinter

einem Busch zu sehen. Als man von neuem suchte, fand man ein

Leinwandpäckchen voll Silbermünzen neben der Tür des Portierhauses

hingelegt.

Todor war, als er Esthe entschlossen sah, nicht abzureisen, von des

Mädchens kühnen Nachtgedanken gleichfalls kühn gemacht worden. Er hatte

Esthes Fahrrad vorsichtig durch das Parkgitter geschoben, hatte es in

der Stadt zu einem indischen Bekannten gefahren und es diesem verkauft,

und war gleich mit dem Gelde zurückgekommen um Esthe die Silbermünzen

einzuhändigen, damit sie immer in Kalkutta bleiben könne. Denn das junge

Mädchen hatte in der Abschiedsstimmung an den letzten Nachmittagen

öfters wiederholt, wenn sie sich Geld verschaffen könnte, würde sie in

Indien bleiben. Sie wollte gern alle ihre Kleider und sogar ihr

geliebtes Fahrrad verkaufen, wenn sie nur wüßte, an wen. Als Todor mit

dem Geld in der Hand zurückkam, bemerkte er von weitem den Laternenzug

und den Wärterhaufen, der Esthe in einen Wagen trug. Todor legte das

Geld rasch an die Portierloge und verschwand aus dem Garten.

Esthe ist am nächsten Morgen mit ihrem Vater nach England gereist, und

jedermann im zoologischen Garten weiß jetzt, daß Todor sich am

Huklayfluß auf einem Frachtschiff heuern ließ, um Esthe in England zu

suchen.

Der Kuli Kimgun

Kimgun war ein armer Burmese, so arm wie der Staub auf der Landstraße.

Er wohnte in einem der kleinen sandigen Dörfer am Irawaddystrom zwischen

Mandalay und Prome. Seine Arbeit war, auf die hohen Dorfpalmen zu

klettern, die wie Mastbäume am Strand aufragen, und oben in die

Blattsprossen der Palmen ein paar Kerbschnitte zu ritzen und kleine

Blechgefäße darunter zu hängen, daß der Palmsaft in die Töpfe sickerte.

Dort oben auf der langen schaukelnden Palme saß er wie ein nackter

Menschenaffe und sah von unten gegen den blendenden Himmel aus, als wäre

er aus schwarzem Papier ausgeschnitten und könnte von einem

vorüberziehenden Flußreiher fortgeweht werden. Von seinen Palmen sah er

schon von weitem die englischen Verdeckdampfer, die zweistöckigen, die

wie Riesenschildkröten den Fluß hinauf und hinab schwammen. Wenn ein

Dampfer kam, glitt Kimgun von seinem Palmenschaft herunter, bis der

Landungssteg ausgelegt wurde und er mit den andern Kulis Säcke voll

Reis, Körbe voll Paranüsse und Pakete von Sandelholz verladen half. Mit

einem Dutzend armer Kuliteufel rannte er Ufer auf und Ufer ab, gelenkig

wie eine zappelnde Marionette. Nach ein paar Stunden, wenn das Ufer

wieder leer lag, der Fluß einförmig und warm vorbeispülte, die braunen

Dorfkinder badeten und nichts zu verdienen war, kletterte Kimgun wieder

auf seine Dorfpalmen und wechselte vorsichtig die Blechgefäße, die

vollen und die leeren. Wie eine Lehmmasse lag der breite Irawaddystrom

unter der Sonnenkugel. Ein paar schneeweiße Pagodenspitzen glänzten wie

Zelte aus den Waldhügeln. Grün, lehmgelb und sonnenweiß war rings die

Welt unter Kimguns Augen, in der sich Sommer und Winter nicht

unterschieden, und die sich nur veränderte, wenn der schwarze

Dampferrauch mit ungeheuren, dunkeln Wolken die Landschaft verwehte.

Einmal kam die Kunde in das entlegene Flußdorf, daß in der Hauptstadt

Rangoon die heilige Glocke der Shwe Dagon-Pagode in das Meer gestürzt

sei. Man hatte die berühmte, die größte Glocke der Welt von der

Plattform der Pagode herab nach England schleppen wollen. Bei der

Verladung auf das Schiff brachen die Gerüste, und die Glocke versank in

das Wasser. Dort lag sie jetzt auf dem Grund und trotzte aller

Bemühungen, sie zu heben. Die Engländer gaben endlich die erfolglosen

Bergungsversuche auf. Jetzt hatten sich die burmesischen Flußschiffer

zusammengetan und wollten die Glocke auf alle Fälle retten. Die

Engländer versprachen ihnen, daß die Glocke im Lande bleiben dürfe, wenn

sie dieselbe vom Meeresgrund heraufholen könnten. Als Kimgun von der

Ehrenarbeit der Flußschiffer hörte, machte er sich auf, um bei dieser

heiligen Arbeit mitzuhelfen.

Viele Tage marschierte Kimgun, übernachtete in den Waldklöstern, und

wenn er am Abend kein Kloster fand, kletterte er auf eine Palme, wo er

die ganze Nacht still und regungslos in der Krone hing, so daß die Aras

und Kakadus ihn für ein totes braunes Palmblatt hielten und über ihn

fortkletterten und neben ihm schliefen.

Je näher er nach Rangoon kam, desto fremder wurde sich Kimgun, weil die

Wälder und Bergformen und die Flußbreite sich ungeheuer vergrößert

hatten, und auch die Tropensonne war hier heftiger und hitziger, und er

sah graublaue und rostbraune und honiggelbe Palmenhaufen, die er noch

nicht kannte. Eines Tages wurde das Strombett, daran er entlang

wanderte, so breit, daß er glaubte, es gäbe nur noch Wasser auf der Welt

und bald keinen Wald mehr. Aber das alleraufregendste, was er draußen

vor Rangoon sah, ehe er zur Hauptstadt kam, war die mächtige, goldene

Shwe Dagon-Pagode, die auf einem Hügel unterm Himmel lag, mit einem

goldenen Stiel in der Luft, als wäre die Sonne wie eine goldene

Riesenbirne auf die Erde gefallen. Viele goldene Gassen, goldene Glocken

und viele goldene geschweifte Dächer und goldene gedrehte Türme und

künstliche goldene gedrehte Bäume waren auf dem Hügel im Kreis um die

große Pagode beieinander.

Als Kimgun in all dem Golde stand, glaubte er, er sei bereits gestorben

und zum Nirwana in Buddhas goldenen Schlaf eingegangen. -- Kimgun blieb

drei Tage und drei Nächte auf dem Hügel in den goldenen Gassen, bei den

goldenen Lauben und konnte sich von den goldenen Altären voll unzähliger

Wachslichter nicht trennen, so wenig wie von seinem Schatten. Er aß mit

den Tempelhunden das, was die Mönche von ihren Mahlzeiten fortwarfen,

und legte seine letzten Kupfermünzen in die Opferstöcke vor den goldenen

Götterbildern. Kimgun dachte, er brauche nie mehr Geld beim Anblick von

soviel Gold, und seine Armut und seine Person schienen vor all dem Gold

wie verschwunden. All das Gold gehört mir Armem, so gut wie dem

Reichsten, wenn ich es betrachte, sagte er sich. Mehr als sich an soviel

Gold weiden kann auch der goldreichste Mann in Birma nicht; und Kimgun

vergaß drei Tage lang bei dem hinreißenden Goldglanz den Zweck seiner

Wanderung. Er ging zwischen den goldenen Gassen wie betrunken und

schlief, aß und trank bei allen hundert goldenen Göttern, und seine

Ohren lauschten wollüstig den klingelnden Juwelen und Goldblechblättern,

die wie künstliche Schlingpflanzen an den Pagodendächern und an den

goldenen Speeren der Giebel hängen und im Luftzug beständig musizieren.

Das reiche Räucherwerk aus den tausend goldenen Altargehäusen erschien

Kimgun wie der süße Atem des goldenen Metalles. Wie ein Goldhaufen, den

die Pagode täglich anzieht, sah Kimgun in den drei Tagen die Sonne zum

Pagodenhügel kommen, als ob sie Tag um Tag Gold haufenweise auf die

Dächer dort herbeischleppte und täglich neues Gold des Himmels dort

ablüde. Und nun begriff der arme Kuli erst, warum die Sonne geschaffen

war. Sie mußte wie ein Kuli der Pagode dienen. Sowie Kimgun Reissäcke

und Sandelholzhaufen auf die Dampfer am Irawaddystrom auflud, so mußte

die Sonne die Pagode mit Gold befrachten, und die Sonne war viel ärmer

an Gold als die große goldene Pagode.

Lingam: Zwölf asiatische Novellen · 第 2 / 7 段