Max Dauthendey
Lingam
Zwölf asiatische Novellen
Albert Langen, München
Copyright 1909 by Albert Langen, Munich
Lingam:
Seite
Dalar rächt sich 11
Der Zauberer Walai 21
Unter den Totentürmen 35
Der Knabe auf dem Kopf des Elefanten 55
Eingeschlossene Tiere 67
Der Kuli Kimgun 83
Der Garten ohne Jahreszeiten 107
Im blauen Licht von Penang 131
Likse und Panulla 149
Der unbeerdigte Vater 165
Im Mandarinenklub 177
Die Auferstehung allen Fleisches 191
Lingam
Ich drehe in meiner Hand einen kleinen Kupfernapf mit breitem Rand, der
im Licht rötlich blitzt. Der kleine Napf ist winziger als ein Eierbecher
und darin ist, halb hineingesteckt, ein schwarzes Marmorei. Das Ei ist
unscheinbarer als ein Taubenei. Das schwarze Ei in dem kupfernen
Eierbecher, beide stellen zusammen ein Lingam dar, das indische Symbol
geschlechtlicher Vereinigung, das heiligste Liebessymbol und Symbol des
ewigen Lebens.
Wenn ich das Lingam betrachte, sehe ich vor mir deutlich eine der
engsten Tempelgassen in Benares, wo ich in einer Lingambude das kleine
schwarze Steinei im Kupferbecher kaufte. Die Pflastersteine der dunkeln
schmalen Gasse sind glitschig und fettig von den Füßen der tausend
Pilger, die dort jeden Morgen zum Sonnenaufgang, heute noch wie vor
tausend Jahren, in langen Zügen mit Trommeln und Pfeifen vom Tempel des
heiligen schwarzen Stieres, vorbei am Tempel der weißen heiligen Kühe,
hinunter zum heiligen Gangesstrom ziehen. Zu beiden Seiten der
höhlenartigen Gasse sind Öffnungen in den Hauswänden. Da stehen auf
hölzernen Tischen zu Hunderten die Lingams in allen Größen zum Verkauf.
Die Tische scheinen schwarz von den schwarzen Marmoreiern, die in
rötlichen kupfernen oder weißen marmornen Näpfen stecken.
Man sagt, der höchste Gott Rama ging eines Abends zum Ganges und traf
dort ein schönes fremdes Weib, das Wasser schöpfte. Sein Herz begann
sich für das schöne Weib zu erregen, und er näherte sich ihm und
liebkoste es. Das Weib, von der Gewalt des obersten Gottes erschüttert,
legte sich in den Sand und zog den Gott in seinen Schoß, und beide
vereinten sich in süßer Liebesumarmung.
Aber die Gemahlin Ramas, von Unruhe getrieben, folgte den Fußspuren
ihres Gemahles im Ganges-Sand, und als sie den ungetreuen Mann mit einem
fremden Weibe vereinigt fand, hob sie heimlich das Schwert, das Rama
neben sich gelegt hatte, und holte zu einem Hiebe aus, der den Gott von
dem Weibe trennte, so daß das göttliche Glied in dem Schoße des Weibes
zurückblieb.
Aber das abgehauene Glied Ramas befruchtete noch die Frau, aus deren
Schoß neue Götter, ein neues Menschengeschlecht, ein neues Tier- und
Pflanzenreich entstanden. Alle die von dem Gott und dem Weib Erzeugten
lieben sich jetzt ewig und müssen sich ewig unter dem Symbol des Lingam
weiterzeugen.
Damit Mann und Frau nicht vergessen sollen, daß sie zur herzlichen
sinnlichen Vereinigung auf die Welt gekommen sind, wird ihnen in allen
Tempeln und in allen Häusern, und von klein auf, das Symbol des Lingam
in tausend Formen immer wieder vor die Augen gestellt, in Bild und Rede.
Denn die Menschen sind vergeßlich und unwissend, und alles muß ihnen
immer wieder gelehrt werden, auch die Liebe, -- das bedenke, o Mensch.
Dalar rächt sich
Die Frau des Dalar stand an einer Straßenpumpe in einer der
Eingeborenenstraßen von Bombay. Sie drehte den Hahn auf und hielt den
Kopf ihres sechsjährigen Knaben darunter und wusch ihn mit den Händen.
Es ist morgens sieben Uhr, und die Straße wimmelt von Indiern, die wie
nackte Rudel Rotwild aneinander vorüber eilen. Ziegenherden und Scharen
von Truthühnern treiben neben zweiräderigen hohen Lastkarren über das
Pflaster. Indier sitzen am Trottoirrand, lassen sich rasieren, ihre
Ohren reinigen und ihren Leib massieren. Die Straßenfriseure mit dem
Toilettenwerkzeug im Gürtel, und bis auf Gürtel und Turban unbekleidet,
hocken neben ihrer Kundschaft am Trottoirrand.
Die Frau des Dalar hatte ihrem Knaben das schwarze Haar blank
gestrichen, daß sein Kopf wie der Lackschuh eines Europäers glänzte. Sie
öffnete jetzt ihr eigenes Haar und hielt ihren Kopf unter die
Straßenpumpe; sie ließ den Wasserstrahl wie einen Glaskolben
aufschlagen, und das Wasser zerplatzte weit im Kreise.
Ein Zebukalb, ein wilder Hund und ein paar Truthühner, die sich um die
Pumpe tummelten, kamen herbei und schlürften die Wassertropfen auf.
Die zwei indischen Arbeiter in Dalars offener Schneiderbude, welche
Turbanbänder und Schleier auf englischen Nähmaschinen säumten, lachten
über den spritzenden Wasserstrahl, und Oliman, der eine der Gehilfen,
rief der Frau des Dalar den Brahmanenspruch zu: »Elida, nimm dein Haupt
in Acht, daß es nicht zu Wasser wird unter der Quelle.«
Elida, die Frau des Dalar, antwortet ihm nicht.
Sie schickte aber, als sie ihr schwarzes Haar ausrang und sich
aufrichtete, mit der Wimper zuckend den Knaben zu dem, der gesprochen
hatte. Oliman legte seine Hand eine Sekunde auf das frische schwarze
Haar des Knaben, murmelte ein Gebet über ihn und ließ ihn wieder gehen.
Dann beugte er sich demütig und scheu über seine Nähmaschine, ließ Öl
aus der Kanne in die Räder tropfen und nähte weiter.
Jedesmal, wenn die Frau ihr Haar an der Pumpe vor dem Laden ihres Mannes
wusch, geschah es, daß sie das Kind zu Oliman schickte und dieser ein
Gebet über den Knaben sprach; das geschah jeden Morgen, seitdem der
Knabe laufen konnte.
Niemand in der Straße dachte darüber nach, warum Oliman den Knaben jeden
Morgen segnete. Aber Dalar, der Besitzer der Nähmaschinen, saß jetzt
tagelang drüben beim Silberschmied an der Ecke und dachte nach. Er ließ
seine Wasserpfeife oft ausgehen, zündete sie wieder an und dachte
weiter. Dalar konnte quer über das Gewühl der Zebukarren und über das
Gerenne des Bazarvolkes und heimlich über die Schulter seines Freundes,
des Silberschmiedes, hinweg seinen Laden beobachten, seine Nähmaschinen,
sein Weib an der Pumpe, den Knaben und Oliman.
An diesem Morgen, als die Frau mit dem Kind ins Haus gegangen war,
wischte sich Dalar mit der Handfläche den Schweiß von der Stirne, stand
auf, schlüpfte mit den Füßen in seine Pantoffel und ging finster in
Gedanken fort in das Straßengewühl. Im Geschäftsgetriebe bemerkte
niemand bei dem Silberschmied, daß Dalar verschwand. Dalar ging, bis er
in eine Gasse vor eine Zeltbude kam.
Vor dem Zeltvorhang saß die rächende Göttin Kali, die Vielarmige, aus
Holz geschnitzt. Drinnen im Zelt sind die rächenden Todesgötter der
Indier aufgestellt, die bei Prozessionen an Festtagen durch die Straßen
getragen werden. Vor dem Zelteingang neben der Göttin steht ein großer
Blechkasten als Opferstock. Dalar warf ein Silberstück hinein und
wünschte sich einen rächenden Gedanken. Er starrte dabei finster auf die
hölzerne schwarze Gestalt der Göttin Kali, die auf einem zitronengelben
Tiger sitzt, welchem statt Menschenblut rote Ölfarbe um das Maul gemalt
ist. Die vielen schwarzen Arme der Göttin schwingen vergiftete Dolche,
vergiftete Säbel und vergiftete Speere; sie hält ein ganzes Arsenal
blitzender Waffen in die Luft. Alles Straßenvolk geht grüßend an ihr
vorüber, und aller Indier Augen blitzen für eine Sekunde beim Gruß, wie
Raketen in der Nacht. Dalar verbeugte sich dreimal und klatschte in die
Hände, um die Aufmerksamkeit der schwarzen Göttin zu erwecken. -- Daß
ihn sein Weib Elida mit Oliman betrogen hatte, wußte er jetzt, denn er
sah es deutlich an dem Kind, welches Oliman täglich ähnlicher wurde.
Heute hatte er endlich beschlossen, sich an Elida zu rächen.
Dalar trat in die staubige Tempelbude, um sich einen Tod für sein Weib
auszusuchen.
Lange Reihen hölzerner, rot, gelb und grün gemalter Puppen standen
drinnen unter dem grauen Zelttuch auf langen Tischen. Da waren Menschen
an Marterpfähle gebunden, mit brennenden Pfeilen gespickt; englische
Soldaten, welche vom wütenden Elefantengott zerstampft wurden; die
Göttin Kali auf unzähligen Tigergestalten, auf roten und schwarzen
Tigern, Feuer und Pest darstellend; der blaue Affengott, der die
Menschenaugen irrsinnig macht mit seinen Grimassen und Verrenkungen. Es
wurden Menschen von der Rachegöttin zu Tode gepeitscht, der Tiger hielt
Verzweifelte in seinen Tatzen und riß ihnen die Gedärme aus der
Bauchhöhle. Der gelbe Tigergott hatte grüne Glaskugeln als Augen und
echte, heilige, zornige Tigerkrallen. Jede mögliche Folter und jeder
schrecklichste Tod hatte sein Bild hier. Um das vergossene Blut zu
schildern, war an den plastischen Figurengruppen nicht mit
Scharlachfarbe, Purpur und Rötel gespart.
Dalar grübelte. Seine Augen liebkosten die rotgemalten Folterqualen, als
stünde er vor den Blumenbeeten in den Gärten des Paradieses. Aber als er
die langen Reihen zweimal auf und ab gegangen war und alle
Todesschmerzen am eigenen Leibe nachgefühlt hatte, fand er unter allen
grausamen Todesarten keinen Tod grausam genug für sein Weib. Nicht den
roten Tod, das Feuer, das den Menschen zernagen konnte; nicht den
schwarzen Tod, die Pest, mit ihren schwarzen Beulen; nicht den blauen
Tod, den Wahnsinn, mit seinen verrenkten Grimassen; nicht den gelben
Tod, den Tigerhunger, mit den eigenen Därmen im Maul; den Tod, den Dalar
für Elida suchte, fand er nicht unter den dreihundertsechzig Todesarten.
Wie von der Göttin gekränkt, wollte Dalar schon die graue Tempelbude
verlassen. Da -- unter dem Zeltausgang, blieb sein Turban an einem
rostigen Nagel hängen, das Turbantuch schlitzte auf, und Dalars ganzer
Geldvorrat, den er, wie alle ärmeren Orientalen, stets in den Turban
gewickelt trug, rollte in hundert Silbermünzen über Schultern, Rücken
und Brust an ihm herab, auf die Erde, der vielarmigen Göttin Kali zu
Füßen.
Dalar sah und horchte erstaunt auf die klingenden Münzen, als hörte er
jedes Silberstück sprechen.
Erleuchtet von einem plötzlichen Gedanken, beugte er sich dreimal tief
und ehrfürchtig vor dem Götterbild, verließ dann das Zelt und ließ sein
ganzes Geld hinter sich bei der rächenden Göttin liegen.
»Die Göttin Kali hat gesprochen!«
»Den grauen Tod, die Armut wünscht dir die Göttin Kali, Elida!« Und
Dalar nickte ernst und zustimmend, dann verschwand er im Straßengewühl.
--
Tief in der Nacht, als die grellen Tropensternbilder wie Stachelzäune
über den Häusern standen, schlich Dalar an seine Haustür und malte mit
ein wenig Indigofarbe einen blauen Kreis an den Türpfosten, zum Zeichen,
daß einer im Haus gestorben sei. Dann ging der Mann weiter durch die
Nacht. Sein Weib würde am nächsten Morgen glauben, er wäre an der
Türschwelle umgefallen und von der englischen Nachtpatrouille als
pestverdächtig in die Baracken fortgetragen worden. Der Offizier der
Patrouille hätte dann, wie gewöhnlich, das blaue Zeichen lakonisch an
die Tür gemalt.
Dalar wanderte unter den Ketten der schweren Sterne durch die Nacht.
Morgen war der Monatsanfang, an dem die beiden Nähmaschinen den
unerbittlichen englischen Fabrikanten bezahlt werden mußten; morgen war
der Monatsanfang, an dem die Hauspacht entrichtet werden mußte. Die
armseligen feigen Ladengehilfen konnten Elida nichts nützen. Morgen
mußte Oliman sich eine andere Stelle suchen, morgen mußte Elida mit
ihrem Knaben betteln gehen.
Dalar schritt unter dem Steingewichte der Sterne durch die Nacht, und
ihm war, als hätte er alle Arme der Göttin Kali am Leibe, so glücklich
fühlte er sich. Er rächte sich tief mit allen göttlichen Armen der
Rache.
Dalar wanderte in dieser Nacht, reich wie die Finsternis, als Pilger zu
dem Berg Abu, um ein Jaïn zu werden. Die Jaïns leben dort am Berge nackt
und sprechen dem Weibe jede Seele ab.
Der Zauberer Walai
Walai war Straßenzauberer in Bombay. Er saß nachmittags vor dem
Taj-Mahalhotel auf dem Pflaster des Quais, mit seinen Körben, seinem
neunjährigen Knaben, einem roten Tuch, einem Stockdegen und einer
Handtrommel. Hinter seinem Rücken lag der indische Ozean, die heiße,
unendliche Wasserwüste. Über Walais gelbem Turban stand die indische
Sonne wie die offene Feuerluke eines Hochglutofens. Vor ihm das Hotel
aus weißem Granit, acht Stock hoch, mit offenen Granitloggien, darin
Hunderte von englischen Reisenden aus Europa und aus dem indischen
Reich, die Hallen und Galerien füllten.
Walai ließ die Trommel bullern. Sein Knabe mußte sich dann in einen Korb
legen. Über ihn schlug Walai das rote Tuch, schloß den Korbdeckel und
zählte laut auf englisch: One -- two -- three! Dann stieß der Zauberer
den Stockdegen bis ans Heft in den Korb, lachte grinsend und sah mit
seinen horngelben Augäpfeln und seinem kaffeebraunen Gesicht über die
acht Stockwerke des Hotels hinauf und hinunter. Er blähte die
Nasenlöcher, rief: Hee!, hob den Korbdeckel, lüftete das rote Tuch und
zeigte dem ganzen Hotel, daß der Korb leer war. Um ein übriges zu tun,
sprang er selbst mit beiden nackten Füßen in den Korb hinein und
stampfte darinnen herum und rief: Hee, hee! und schwenkte in der einen
Hand den Stockdegen, in der andern das rote Tuch in die Luft. Das rote
Tuch hatte die Farbe von blutigem Fleisch und flatterte wie bluttriefend
vor dem überhitzten, silbergrauen Tropenhimmel.
Die weißgekleideten Ladies und die weißgekleideten Gentlemen, die nach
dem Lunch in den Schaukelstühlen auf den prächtigen Steinaltanen lagen
und ihren Kaffee und Whiskysoda dort tranken, bogen sich aus dem
Schatten der Steingewölbe über die hellen Geländer und zeigten Walai
ihre blassen, müden Tropengesichter, die schlaff waren wie ausgepreßte
Zitronen. Tausende von Malen im Jahr zeigte der Zauberer Walai dasselbe
Kunststück, ein dutzendmal am Nachmittag ließ er unter umständlichem
Trommelbullern seinen Knaben verschwinden und erscheinen; auf das weiße
Pflaster am Meerquai klingelten dann die großen Kupferstücke und die
kleinen Silbermünzen, die der nackte Knabe auflesen durfte.
Walai selbst bückte sich nicht. Niemand sah, daß er unter der Bräune
seines Gesichtes immer wieder fahl wurde, wenn er den Stockdegen auch
schon zum hunderttausendsten Male in den Korb stieß. Bei jedem neuen
Degenstoß erschien auf seinen spitzen Backenknochen eine leichte Blässe;
er liebte seinen Knaben sehr und fürchtete, ihn einmal zu verletzen.
Denn der schmale, knochenlose Knabenkörper war natürlich nicht aus dem
Korbe verschwunden, sondern lag darinnen, schlank wie ein Palmenblatt an
die gebauchten Korbwände gepreßt, und wußte der Degenschneide geschickt
auszuweichen, indem er blitzschnell seine Lage veränderte. Oft fuhr dem
Knaben der Degen wie ein Pfeil zwischen zwei Finger und durch die
gespreizten Zehen, oder durch das gekrauste Haar. Er wich der
Degenspitze aus wie einer Schlange, die gestreckt auf ihn losstürzte. Er
sah durch die Wände des lose geflochtenen Korbes das helle
Straßenpflaster, das große Hotel und die tanzende Schattengestalt seines
Vaters. Und wenn das Geld draußen klingelte, sprang er vergnügt und
unverletzt aus dem Korb.
Heute am Sonntag, wo mehr Europäer als sonst im Hotel auf den Altanen
waren, hatte der Zauberer bis zum Abend gezaubert. Er hatte seinen
Knaben zum erstenmal an der Lippe geritzt, und das rote Tuch zeigte
einige dunkle Flecken. Er hatte dann sein Kind in die leere Lehmhütte
heimgebracht; er machte für die Nacht ein kleines Kohlenfeuer an, legte
den Knaben auf die Strohmatte und wartete, bis die Atemzüge ihm sagten,
daß das Kind schlief. Dann ging er noch einmal aus, um dem Knaben ein
neues Turbantuch zu kaufen und sich selbst für den heutigen Schreck zu
trösten.
Im Abendgewühl in den Eingeborenenstraßen setzte sich Walai müde auf
einen Treppenstein und sah einen Augenblick auf die Millionen Lichter
der Stadt, auf die breiten Feuer in den offenen Höfen. Kerzen und
Windlichter tanzten in der Nachtluft auf den Holzgalerien, große
Menschenschatten fuhren aus den Türen, schossen spukhaft durch die
Lichtkegel weit hinaus über die Geländer der Altanen. Oft wurden die
Schatten von fünf Fingern größer als ein Haus, große Nasen fuhren über
weiße Hofwände, als würden die Menschen mit einem Atemzug zu
aufgeblähten Riesen und schrumpften gleich darauf wieder zu Zwergen
zusammen. Über den roten und blauen Gläserlampen der Häuser und über den
braunen offenen Hoffeuern erschienen und verschwanden in der halbkühlen
Märznacht die weißen Raketen der Sternschnuppen und zogen lange
Phosphorlinien durch das Dunkel.
Walai der Zauberer sah die Nacht wie einen Kollegen an, der ihm seine
überlegenen Kunststücke zeigen wollte. Und Walai nickte in die
Wirklichkeit und Unwirklichkeit der spukenden Lichter und Schatten; er
fühlte sich wie ein Fremder und Hotelgast vor der nächtlichen Zauberei.
Ganz in seinen Gedanken ging der Zauberer in den nächsten Hof und hielt
seine Hände an das offene Feuer und niemand von denen, die um die
Flammen hockten, achtete auf ihn. Während Walai sich noch wärmte, hörte
er Musik von Gongs, Trommeln und Flöten; er bemerkte jetzt erst, daß er
im Vorhof des Kulitheaters war. Seine abwesenden Augen verschafften ihm
überall freien Eintritt. Er ging an den armseligen Türwächtern vorüber
in den halbzerfallenen Theaterraum. Keiner getraute sich den langen,
hagern Indier, der wie eine wandelnde Lanze daherkam, anzureden. Das
Theater war voll von Leuten, Kulis, die wie Lumpenbündel hintereinander
saßen, mit farblosen Turbanen, in Wolken von Tabakrauch. Das Theater
erschien wie mit Lumpen und Knochen gefüllt. Nackt, abgemagert und grau
saß das Kulivolk auf dem Parkett und dem einzigen Rang. Das kleine
verräucherte Haus war wie ein französisches Theater eingerichtet. Vier
Musikanten spielten stehend auf der Bühne oben und warteten auf die
Tänzerin, die erscheinen sollte. In der dunkeln Bühnenwelt standen
manche Kulissen auf dem Kopf, und man wußte nicht, ob sie Zimmer, Garten
oder Straße vorstellten. Walai stieg über kauernde Menschenhaufen hinauf
auf den Rang, setzte sich, legte sein Gesicht auf das Balkongeländer und
schlief ein, wie viele der andern, die müde vom Lasttragen, von der
Straße und von der Hafenarbeit waren.
Die vier Musikanten musizierten einförmig, und Walai wachte erst wieder
aus seinem Schlaf auf, als ein Weib einen Schrei ausstieß. Er öffnete
seine Augen langsam und sah auf der verstaubten Bretterbühne, unter der
einzigen elektrischen Bogenlampe, die Kulitänzerin, umgeben von ihren
vier Musikanten. Sie mußte schon eine lange Stunde getanzt haben. Der
Tanz war eben bei der Szene der Entschleierung angekommen. Sie tanzte
bereits mit nackten Brüsten und trug nur noch den letzten blaugrauen
schmutzigen Schleierlappen um die schmalen Schenkel. Nackt bis an das
Becken, reckte sie sich im Tanzwirbel, wie ein Zweig im Sturm. Sie
sprang mehrmals gleich einem Ball vom Boden auf, und aus ihrer Kehle
fuhr dann Schrei um Schrei. Endlich fiel sie am Boden in gekauerter
Stellung zusammen und blieb liegen, als hätte ihre Seele den Leib
fortgeworfen und sich im Tanz vom Herzen losgerissen.
Der Zauberer Walai sah tief aus dem Schlaf heraus den letzten Tanztakten
der rasenden Bajadere zu; dann zwinkerte er mit beiden Augen wie ein
Tiger, der blutunruhig durch die Wimpern blinzelt, und stieß den Atem
zischend durch die geschlossenen Zähne aus. Neben ihm klatschten ein
paar Kulis, andere drehten sich schlafend um.
Walai schlief nicht mehr. Er hatte seine Augen schließen wollen, aber
seine Augäpfel öffneten ihm immer wieder die Augenlider, als hätten sie
Hände, und seine Blicke holten sich das schlanke Mädchen, und sie tanzte
durch sein Blut. Der Zauberer sah, wie ein hellhäutiger Engländer -- der
einzige Fremde, der sich in das Theater verirrt hatte, -- die Hand mit
der weißen Manschette hob und der bettelnden Tänzerin während der Pause
große Silbermünzen in den hingehaltenen Schleier warf.
Der Walai spuckte rasch zwischen seinen Knieen auf den Fußboden. Wie das
Haupt eines Geköpften lag sein Kopf mit aufgestütztem Kinn auf dem
Geländer, seine weit offenen Augen hielten das Mädchen auf der Bühne
fest, als wären seine Blicke Zügel, als hätte er die fliegende Gestalt
auf den Bühnenbrettern mit einem Lasso eingefangen und an sein Herz
gebunden. Stundenlang rührte sich sein Kopf nicht und seine Augäpfel
starrten rot aufgerissen wie zwei fleischfressende Urwaldorchideen,
deren Kelche in der Nacht plötzlich mit einem Knall aufspringen.
Das Mädchen auf der Bühne tanzte ahnungslos und ließ seine nackten
Brüste wie zwei kleine Seidenkissen unter der Bogenlampe glänzen. Von
Sekunde zu Sekunde wurde jetzt das seufzende Zischen des Zauberers
lauter, und als die Tänzerin sich wieder zu dem Fremden bückte und Geld
auffing, glitt Walai an der Wand entlang, als wolle er sich unsichtbar
machen, und kam zur Tür. Das Türbrett öffnete er lautlos. Da fiel der
Schatten der Tänzerin, groß und lang, zugleich mit Walais Schatten
hinaus an die weiße Hofwand, und die Schattenhände des Mädchens fuhren
einen Augenblick um Walais Halsschatten. --
Ein paar Minuten später stand Walai vor seiner Lehmhütte, bei seinem
schlafenden Knaben. Der Hüttenraum war blutrot vom ausgehenden Feuer.
Wie von den Augen der rasenden Tänzerin getragen, war Walai mit
leichten, großen Sätzen durch die Gassen nach Hause gesprungen; er
konnte schwören, daß er keine Fußspuren hinter sich im Sand gelassen
hatte. Wie offene Feuer großen Rauch und große Schatten in die Nacht
schleudern, so fühlte sich der Zauberer von seinem plötzlich
leidenschaftlich verliebten Herzen als ein dunkler Riese in die Welt
gestellt. Wenn er die Augen schloß, tanzte in ihm die Bajadere. Es war
ihm all sein Blut im Leib verdorrt, und der rasende Tanz des Mädchens
war das einzige Leben in seinen Adern.
Er nahm wie ein Irrsinniger den Degen aus der Zimmerecke.
»Süße!« flüsterte er, »Süße!« Er schloß die Augen, als tanzte das
Mädchen auf dem roten Lehmboden der Hütte vor ihm, und mit geschlossenen
Zähnen seufzte er noch einmal tief: »Der Fremde gibt dir Geld, was gibt
dir Walai?« Er schwang plötzlich die rotbeleuchtete Degenklinge wie eine
Fahne in der Hand und stieß die Stahlspitze seinem Knaben in das Herz.
Mit roten Augäpfeln lachend, in Ekstase wie ein Tanzender und mit
hochgehaltener Degenklinge, deren Spitze schwarz von Blut war, rannte er
aus der Hütte, sprang wie ein Gespenst an den Häusern hin. Die Leute
unter den Laternen wichen ihm aus, sie meinten, es sei ein irrsinniger
heiliger Mann, der aus einem Tempel fort in die Welt stürzte. Mit einem
einzigen Satz sprang Walai mitten in den Theaterhof. Da der Weg über das
Feuer der kürzere war, sprang er ohne Besinnen über den Holzstoß. In
drei Sprüngen war er durch die aufgerissene Tür des Zuschauerraumes oben
auf der Bühne.
Die Musikanten warfen sich zwischen ihn und die Tänzerin. »Willst du sie
töten?« rief der eine und hielt zum Schutz gegen seinen Degen den
bronzenen Gong wie einen Schild hoch. Der Zauberer aber lachte, und über
die Köpfe der Musikanten warf er den Degen vor die Füße der
Kulitänzerin.
»Laßt mich,« schrie er, »der Fremde gab ihr sein Geld, ich gebe ihr mein
liebstes Blut.«
Die Tänzerin floh vor dem hingeworfenen blutigen Degen hinter die
Kulissen. Viele packten Walai, hielten ihn fest, riefen die englischen
Konstabler von der Straße; die kamen in ihren gelben Kaki-Uniformen auf
die Bühne, banden den Mann solid und nüchtern und schleiften ihn fort.
»Der hatte einen =roten= Gedanken,« sagten die schläfrigen Kulis
zueinander, und einer warf Walai den blutigen Degen über den Hof nach.
Dann setzten sich die Leute wieder auf ihre Plätze, die Musikanten
spielten, die Kulibajadere tanzte wie immer bis zum Morgenrot und
verstand nicht einmal, daß sie in dieser Nacht einen Zauberer verzaubert
hatte. Sie tanzte, weil es ihr Geschäft war und tanzte heute lebhafter,
weil der Fremde im Parkett noch reich an Silbermünzen war.
Unter den Totentürmen
Auf dem Abendkorso von Bombay kreisten die hohen Räder der
Staatskarossen. Die Kutscher klingelten mit silbernen Glocken. Schmal
wie Gazellen saßen oft sechs bis acht Indierinnen in den Wagen auf den
Polstern und streckten die schlanken, braunen Hälse. Vorortzüge
rasselten neben dem Korso am Meere entlang, Automobile und englische
Cabs. Die Parsen hatten die reichsten Equipagen, denn sie stellen in
Bombay die Finanzwelt dar.
In einem ungeheuren schwarzpolierten Wagen, mit vier Fliegenwedlern in
grüner Livree und rotem Turban hintenauf, mit zwei braunen Kutschern auf
dem Bock, kam der steinreiche Parse Rama mit seinem Sohne Elifar zum
Korso. Die beiden Herren trugen dunkelblaue Kaftanröcke bis an die
Hüften, ein weißes Schleierhemd hing unter der dunkelblauen Weste hervor
bis an die Kniee, die Waden waren nackt, und die Füße steckten in
Goldpantoffeln. Auf dem Haupt jedes Parsen thronte die schwarze,
polierte Lacktiara, welche den beiden Bankiers das Aussehen von
Hohenpriestern gab. Die englisch geschirrten Pferde griffen scharf aus.
Die vielen Fußgänger sahen die Abendsonne tief am Boden unter den
Pferdehufen und unter den Rädern der Equipagen, als ließen die Reichen
die Sonne zu ihren Füßen zerstampfen. Wie blaugraue Kreisel tanzten die
langgezogenen Schatten des Korsos über die abendlichen kupferroten
Rasenplätze der englischen Klubhäuser. Weißgekleidete Tennisspieler
standen wie helle Gipsfiguren unter den papageienfarbigen Palmen. Das
Meer lag neben der Wagenkette wie ein riesiger Silbertisch, und die
Sonnenkugel war aus dem grünlichen Abendäther wie eine geschälte
Blutorange auf die weiße Meeresplatte hingerollt. Hunderte von Indiern
wanderten am Strand. Indische Frauen, sieben und zehn, hielten sich an
den Händen und gingen über die gebleichten, kalkigen Muschelwiesen am
flachen Meeresrand entlang. Die feinen nackten Mädchen- und Frauenkörper
sind in smaragdgrüne, karmoisinrote und azurblaue Schleier gewickelt.
Die Abendluft preßt die wasserdünnen Schleier an die Linien jedes
nackten Leibes. Die Frauenscharen in ihren glitzernden Schleiern stehen
wie aus blauem, rotem und grünem Glas gegossen am Meer. Junge Männer mit
riesigen weißen und gelben Turbanpaketen auf dem Kopf wandeln,
gleichfalls Hand in Hand, die Wasserlinie entlang. Manche Gruppen
spielen Ball, andere liegen neben ihrem blauen Schatten auf dem weißen
Muschelboden.
Große Schreie verbreiten sich in der Luft, und mächtige schwarze
Aasgeier fegen über die Köpfe des Korsos. Niemand achtet auf sie. Die
unheimlichen, fürchterlichen Vögel jagen wie schwarze Tücher durch die
Luft, die Erde und das Meer anschreiend. Die finstern Vögel stürzen
fort, ihr Flug ist wie ein Umsichhauen großer schwarzer Sensen.
Die Aasgeier kommen und gehen und pflügen die Luft mit ihrer Unruhe über
den Palmenspitzen der Prachtgärten des Malabarhügels. Die Rücken dieses
Hügels ziehen sich draußen vor Bombay an der Strandbucht ins Meer. Dort
oben sind, versteckt im Blaugrün hinter den Villen und den Gärten, die
Totentürme der Parsen. Dort werden die Gestorbenen auf die platten
Dächer der weißen runden Türme den Aasgeiern hingelegt; ein Leichnam
wird in einer Stunde von den wilden Vögeln gefressen. Der Parsentote
darf weder Luft, Wasser, Feuer noch Erde verunreinigen und bekommt darum
kein anderes Begräbnis als das im Magen eines Geiers.
Dort oben in den Prunkgärten um die Totentürme stehen jetzt im
Abendlicht die Palmenschäfte wie rote, verrostete Eisenschrauben in der
Luft, und die Schreie der Geier fahren hervor gleich wild ausgestoßenen
Flüchen, wie die Sprache des ewig zankenden Hungers. Die feiernden
Menschen am Abendmeer sind mit den häßlichen Geierlauten vertraut wie
mit ihren eigenen Sorgen. Männer und Frauen schauen friedlich ungestört
in den wollüstigen Sonnenuntergang, zu dem jeden Abend die schwarzen
Aasvögel gehören, wie die vielen Schatten der Menschen, der Pferde und
Equipagen zum Korsoweg.
Am Wegrand stehen einige Equipagen und warten auf die Spaziergänger.
Rama ließ gleichfalls seine Pferde halten, und sein Sohn Elifar stieg
aus. Sobald die Sonnenscheibe die Meerfläche anrührt und die Meerluft
sich dreht, Wasserkühle und Landwärme zu kreisen beginnen und die
Schleierenden der spazierenden Damen und Mädchen sich im Luftzug
kräuseln, eilen die wandelnden Gruppen auf ihre Wagen zu; Wagen und
Spaziergänger kehren zur Stadt zurück.
Der Vater Rama sah seinem Sohne nach, welcher zum Wagenschlag der
nächsten leeren Equipage getreten war und auf eine Mädchengruppe
wartete, die vom Meere her kam. Ehe noch Elifar und die Mädchen sich
begrüßten, hörte der alte Herr, im tiefen Wagenfond verborgen, eine
Stimme aus einem Trupp vorübergehender Menschen neben seinem Wagen
sprechen: »Nie wird der Sohn des Rama mit Aloi glücklich werden. Sie ist
das gelehrteste von allen Parsenmädchen in Bombay und liebt nur Bücher
und keine Menschen.«
Der alte Rama seufzte und spielte mit seiner dicken Uhrkette, die war
aus goldenen Skarabäen zusammengesetzt, in jedem Käferkopf steckte eine
echte schwarze Perle. Durch den offenen Wagenschlag spiegelte sich die
Sonne mehr als fünfzigmal in der kostbaren Kette, und mehr als fünfzig
kleine blutrote Sonnen rollten durch Ramas Finger. Dann verloschen alle
Perlen, und die Kette lag dunkel in Ramas Hand. Er sah in demselben
Augenblick, als er die Stimme aus dem Volke gehört hatte und die Sonne
im Meer unterging, wie Aloi seinem Sohn Elifar drüben an ihrem Wagen
kaum die Fingerspitzen reichte und sich dann mit allen ihren Freundinnen
in die Wagenpolster setzte. Der Alte dachte: Aloi ist nicht gekommen den
alten Parsen Rama zu begrüßen. Aloi liebt keinen Menschen; ihr Herz ist
ernst und farblos wie die schwarzen Perlen, die in die Sonne sehen wie
Brillengläser und farblos wie schwarze Brillen sind. Die Stimme im Volk
vorhin hatte recht, Aloi liebt nur ihre Bücher; nicht einmal am Abend
vor ihrem Hochzeitstag mit Elifar konnte sie herzlich werden.
Rama hörte Alois Wagenschlag zufallen, die Kutscher klingelten mit ihren
silbernen Signalglocken, die sie statt der Peitsche neben sich am Bock
hatten, und Alois offene Equipage, gefüllt mit den Köpfen von sieben
jungen Parsenmädchen, welche fast alle Sieben Brillen trugen, fuhr an
Ramas stillstehendem Wagen vorüber. Die Mädchen nickten dem alten
vornehmen Parsen Rama zu, aber ihr Gruß war nebensächlich und flüchtig,
als wären alle Sieben kluge Ameisen, die nie Zeit haben vor Fleiß und
Eile.
Elifar kam in den Wagen seines Vaters zurück; dieser sah, daß sein Sohn
die Lippen eitel aufwarf und mit seinen schwarzen hochmütigen Augen
selbstgefällig Aloi nachsah.
Rama dachte: Mein Sohn Elifar ist nicht klug, und seine Eitelkeit ist
seine ganze Weisheit. Er ist ein schön gewachsener Junge, ist reich,
liebenswürdig, wohlgenährt und könnte darum Aloi gefallen. Aber Aloi
strotzt von Wissen und Gelehrsamkeit. Sie ist hochmütig wie keine, und
ich wundere mich nur, warum sie meinem Sohne das Jawort gab, als wir bei
ihrem Vater um sie anhielten. --
Der Alte und Elifar fuhren eine Weile schweigend, und die Fensterreihen
der Klubhäuser glänzten wie weiße Zettel, die in der Dämmerung angeklebt
waren, und von denen die beiden Herren ungeschriebene Gedanken ablasen.
Das Meer lag jetzt grau und tot unter einem Netz einförmiger
Dämmerungswellen, wie ein weißer, gefangener Riesenleib unter einem
Drahtgitter.
»Dein Hochzeitstag hat mit dem Sonnenuntergang jetzt begonnen«, sagte
der Vater, als der Wagen an der Schranke des Vorortsgeleises auf einen
vorübersausenden Zug warten mußte. Rama verstand im Eisenlärm nicht, was
Elifar ihm antwortete, aber er sah die Gedanken dem Sohne aus dem
Gesicht.
Elifar dachte nur an seine Eitelkeit. Er war überaus stolz darauf, daß
er, der reiche, stattliche, junge Mann, gleichsam wie einen
unbezahlbaren Schmuck, gleich wie einen hochtrabenden Titel, morgen zu
seinem Hochzeitstag vom Schicksal eine Frau bekam, welche die
gelehrteste von allen brillentragenden Mädchen war. Aloi hatte ihm nach
einiger Bedenkzeit ihr Jawort gegeben, und er war damit zufrieden, daß
sie sich lieben lassen wollte, aber nicht wieder lieben konnte.
Elifar wickelte aus einem kleinen gelben Seidentuch einen Ring. Derselbe
stellte zwei goldene Pferdchen dar, welche, nebeneinander langgestreckt,
scheinbar um die Wette liefen. Steckte man den Ring an die Hand, so
schienen die Pferde rings um den Ringfinger zu laufen. Elifar hatte auf
den Ring gedeutet und seinem Vater geantwortet, als der Eisenbahnzug
vorüberrasselte und die Worte zerstreute. Rama verstand, daß sein Sohn
diesen Ring Aloi zum Hochzeitstag schenken wollte, und er begriff, daß
die beiden Pferde die Seelen der beiden Menschen vorstellten. Elifars
Eitelkeit rannte wie ein Pferd mit dem Verstand von Aloi um die Wette.
Elifars Augen betrachteten wohlgefällig den Ring, und sagten stumm zum
Vater: Morgen werden mich viele beneiden um Aloi.
»Man heiratet nicht, um sich beneiden zu lassen, Elifar; laß die Sonne
morgen wie heute untergehen, mein Sohn, und gib diese Heirat auf; gib
nicht deinen Ring dem Mädchen mit der Brille, ich suche dir eine
andere.«
Elifar steckte seinen Ring in die Westentasche und antwortete dem alten
Rama. Aber auch diesmal wurden die Worte von der Luft mit fortgerissen,
ohne daß sie der Vater hören konnte.
Einer der mächtigsten Aasgeier war von den Gärten der Totentürme herab
mit großem und lautem Gekrächze über die beiden Herren geflogen und
hatte Elifars Worte überschrieen. Nur Elifars Achselzucken sprach stumm
zu Rama: Frauen ohne Brillen sind mir langweilig, weil sie so eitel sind
wie ich, Vater.
Der Wagen hielt vor Ramas Villa zwischen den hohen Mauern der Gärten des
Malabarhügels. Die beiden Herren wollten aussteigen, im gleichen
Augenblick kehrte derselbe große Aasgeier im Fluge um und stob dicht vor
dem alten Herrn über die Rücken der Pferde. Rama duckte sich unter dem
Luftzug des Flügelschlages.
Die unruhigen Pferde zerrten den Wagen ein paar Schritte vorwärts, Ramas
prachtvolle Uhrkette blieb an der Türklinke des Wagenschlages hängen und
zerriß.
Der alte Parse erschrak über den Totenvogel und über seine zerrissene
Skarabäenkette. Er betrachtete dieses kleine Unglück am Vorabend der
Hochzeit als den Vorboten eines größeren. Er hätte gerne seinen Sohn
noch einmal gebeten, die Hochzeit aufzuschieben, aber die eiteln Augen
Elifars hinderten ihn am Sprechen, und der Alte sagte nur, als er ins
Haus trat:
»Menschen, die sich nicht im Blut lieben, lernen sich niemals kennen,
nicht einmal der Tod kann ihre kühlen Gedanken einigen.«
Am nächsten Abend um dieselbe Stunde saßen bei dem weitoffenen Gartentor
des Hauses Rama die Hochzeitsgäste, die reichsten Parsen von Bombay,
alle mit schneeweißen Togas bekleidet, und zeigten sich den
Vorübergehenden der Straße. Tiefer im Garten gingen die Mütter und die
älteren Frauen, gleichfalls in weiße wohlgeordnete Togas gehüllt.
Auf dem dämmerigen blauen Rasen deckten viele Diener eine lange
Abendtafel mit weißen Seidentüchern, die Hochzeit neigte sich ihrem Ende
zu.
Aloi, umgeben von fünfzig jungen Freundinnen, saß in einer offenen
weißen Pfeilerhalle des Gartens. Braut und Brautmädchen trugen fast alle
Brillen und waren alle in weiße silbergestickte Togas gewickelt. Die
rosa Orchideen in den schwarz gescheitelten Haaren steckten gedankenvoll
wie die Brillen an den jungen Mädchenköpfen. Die jungen Damen saßen im
großen Kreis auf Stühlen und spielten Pfänderspiele und waren wie Kinder
fröhlich, trotz aller Belesenheit.
Ein Zug von Dienern trat jetzt in den Kreis der Mädchen. Sie stellten
einen großen vergoldeten Kuchen in die Mitte auf einen Schemel, und auf
silbernen Platten wurden kleine parfümierte Blumensträuße gereicht.
Elifar erschien auf der Hallentreppe, mit ihm eine Schar junger Männer,
alle in weiße Togas gehüllt, wie wandelnde Marmorbilder. Der Bräutigam
hatte die Braut zu sich hinaus in den Garten bitten lassen, aber sie war
nicht gekommen. Nun trat er selbst in den Mädchenkreis und lachte, weil
Aloi nicht aufstand und nicht zu ihm kam.
Das Brautpaar sollte sich verabschieden und im Brautzug nach Elifars
Wohnung ziehen. Aber Aloi lehnte sich in ihrem Stuhl zurück, sah Elifar
über ihre Brille an, schmollte mit ihrem hübschen Kindermund, und ihr
Gesicht war blaß und leuchtete auf ihrem Hals, wie die Kelche der
Kallablumen an den Spiegeln der Gartenteiche:
»Laß mich noch eine Stunde junges Mädchen bleiben,« rief sie scherzend,
»ich weiß nicht, warum ich mich plötzlich vor dir fürchte, Elifar. Ach,
Freundinnen seht mich an, ich fürchte mich, glaube ich, davor, Kinder zu
bekommen. Ich hatte ganz vergessen, daß man beim Heiraten nicht bloß
eine Freundschaft schließt, sondern, daß man auch Kinder gebären muß.
Ich bin keine Frau, die ungestraft gebären kann, das sagt mir mein
Verstand; ich glaube, ihr Herren und Damen, ihr müßt mich dann auf die
Totentürme tragen. Wenn ich ein Kind bekommen sollte, überlebe ich es
nicht.«
Aloi sagte das laut und ohne Scham, sie meinte jedes Wort ernst, wenn
sie auch lachte. Ihre Brillengläser liefen an und standen bläulich und
gedankenvoll wie große Mondsteine im Gesicht, als ob ihre Augen jedem
und Keinem gehörten, und ihre Blicke verschwanden grau in einer Wolke
hinter der Brille.
Elifar stand hinter ihrem Stuhl und lächelte; er nahm ihre Hand und
steckte ihr den Ring mit den goldenen Pferden an den Finger.
Aloi schüttelte leicht die Hand, und der Ring fiel in ihren Schoß. »An
meine Hände paßt kein Schmuck und kein Ring. Meinen Fingern, die nur
gerne in Büchern blättern, sind Ringe zu schwer.«
Elifar lächelte, und sein eitles Lächeln meinte: Du wirst dich an den
Ring gewöhnen, Aloi. So wie du dich an die Liebe gewöhnen wirst und an
das Gebären von Kindern, so wirst du dich an meinen Ring gewöhnen.
Aloi schüttelte ihren Kopf, und ihr Kopfschütteln sagte stumm: Nein,
nein, nein! Laut sagte sie:
»Elifar Rama, ich werde mich nicht an die Liebe gewöhnen, nicht an das
Kindergebären, nicht an dein Gold und an deinen goldenen Ring. Wir
heiraten uns, weil wir Menschenkinder sind, die nicht wissen, was das
Leben von ihnen will. Ich heirate dich, weil ich den Eltern den Willen
tue, weil du eitel auf die Heirat bist, und weil du nicht forderst, daß
ich Liebe heucheln soll.«
Alle Parsenmädchen klatschten laut Beifall.
Elifar nickte, steckte den Ring in seine Tasche und sagte, ohne zu
sprechen: Eines Tages wirst du dich an alles gewöhnen, Aloi. Ich werde
dir den Ring heimlich anstecken, und du wirst es gar nicht merken, daß
du meinen Ring trägst.
Aloi schüttelte heftig den Kopf: Niemals, niemals.
* * * * *
Dreiviertel Jahr nach dieser Stunde starb Aloi bei der Geburt eines
toten Kindes. Ihre Leiche wurde in weiße Seide gehüllt und in den Garten
der Totentürme getragen, in diesen farbigsten und schauerlichsten Garten
der Welt. Achtzig weiße Stufen führen darinnen den Hügel hinauf. Oben
auf den Terrassen empfangen die weißgekleideten Parsenpriester den
Leichenzug und tragen die Toten über den Purpursand der Gartenwege.
Blaue, goldgelbe und scharlachblühende Blumentische stehen an den
Rändern der Wege. Graue Kakteen und Palmenbestände verdecken halb die
kesselartigen, weißen Steintürme. Wie zusammengekauerte Männer in
schwarzen Röcken hocken die Aasgeier Schulter an Schulter mit kahlen
Hälsen und kahlen Schädeln um den Turmrand. Sie stoßen sich mit den
eckigen Schulterblättern und rucken mit den hackigen Schnäbeln und
schleudern sich, aufkreischend, durch die Luft und sehen im Flug aus,
als ob von Totenbahren große, schwarze Tücher davonfliegen.
Nachdem man Aloi zu den Geiern auf die Totentürme getragen hatte, stand
Elifar abends in seinem leeren Hause in der Gartenhalle. Sein Besitztum
lag neben vielen andern Gärten am Malabarhügel unterhalb der Totentürme.
Die Diener trugen vor ihm auf dem Rasen die von Aloi hinterlassenen
Bücher und Schriften auf einen Haufen und warfen sie in ein Reisigfeuer.
Elifar trat in den Garten; der Abendhimmel lag über ihm bleigrau wie
eine Panzerplatte. »Warum bedrückt mich keine Trauer?« sagte der eitle
Mann zu sich. »Ich fühle nicht mehr Trauer über Alois Tod als über die
untergegangene Sonne irgendeines Tages. Sie hat sich nicht an meine
Liebe gewöhnt und hat mir auch kein Kind geboren und ist gestorben, um
mir zu zeigen, daß sie sich nicht an die Liebe gewöhnte. Aber als Tote
gehört sie mir jetzt ganz und trägt jetzt endlich meinen Ring. Ich habe
keine Trauer um sie im Herzen, weil sie mir im Tode näher ist als im
Leben.« --
Der schon dämmerige Park wurde von einem letzten roten Sonnenblick hell,
und rote Streifen schossen, wie rote Goldfische, über die wasserblauen
Rasen. Ein paar Riesenschatten vorüberfliegender Aasvögel fuhren über
Elifars Kopf und wischten die roten Lichtstreifen aus.
Nach einer Weile kam einer der indischen Gärtner. Sich demütig vor
Elifar verbeugend, reichte er ihm auf einem Brotfruchtblatt einen
abgerissenen Menschenfinger, daran ein goldener Ring steckte. Der junge
Parse fuhr erschrocken zurück und wurde blaß und grau.
Der Gärtner erzählte, einer der Aasgeier hätte diesen Totenfinger in ein
Blumenbeet fallen lassen.
Elifar zog den Ring, der zwei goldene Pferdchen vorstellte, von dem
toten Fingergliede. Dann ließ er den Finger in Seide wickeln und zurück
zu den Totentürmen tragen. Den Ring aber steckte er in seine Tasche. Und
seine Hand spielte tagelang mit dem Ring in der Tasche, und seine
Eitelkeit weinte.
Der Knabe auf dem Kopf des Elefanten
Der Maharadscha von Jaipur, der heute noch unabhängigste Fürst von
Indien, hat einst zu Ehren des Besuchs des Prinzen von Wales alle
Häuser, alle Straßen, alle Wände, Treppen und Türmchen seiner kleinen
Hauptstadt Jaipur mit rosa Kalkfarbe anstreichen lassen, alle Gesimse
und Geländer mit purem Indigoblau, so daß die Stadt jetzt den ganzen Tag
über und über in einem ewigen Morgenrot schimmert und die rosarote Stadt
genannt ist. Keiner geht durch diese Stadt, der nicht von der
unendlichen rosaroten Farbe begeistert gestimmt wird. In alle
Straßenfluchten hinein begleitet dich vom Morgen bis zum Abend der
zuckersüße Rosenton. Er übertüncht deine Sorgen und deinen Kummer und
verzärtelt deine Gedanken. Die helle Stadt scheint aus rosa Zuckerguß
und rosa Schlagsahne aufgebaut. Süß und süßlich wird dir vor dem rosa
Häuserschaum zumut.
In der Straße der Reitbahn steht ein goldener Minaretturm, der einzige
gelbe Fleck in den rosa Mauern. Diese Straße ist sehr breit und führt
nach dem Marktplatz und nach den Elefantenställen des Fürsten. In der
Mitte über einem Straßenaltar ragt ein Trompetenbaum mit weißen Armen.
Zu beiden Seiten der Straße sind in den Erdgeschossen der rosaroten
Häuser offene Verkaufsgelasse, wie kleine dunkle Höhlen; darinnen hocken
die Indier auf den erhöhten Dielen und arbeiten. Ein starrsinniger
blauer Himmel ist immer über der rosaroten Stadt, es hat jetzt seit zwei
Jahren nicht geregnet.
Weiße Zebustiere und Zebukälber tummeln sich vor den Läden, Affen
purzeln von den Dächern in grauen Scharen über die rosa Straßen. Jeden
Morgen um eine bestimmte Stunde kommt der Lieblingselefant des Fürsten
von seinem Morgenspaziergang durch das rosa Tor in die Stadt zurück in
die Rennbahnstraße, torkelt wie eine Kuh gemütlich und watschelt die
breite Straße hin nach dem Elefantenstall. Voraus geht ein Wächter mit
weißem Turban, der eine Riesenglocke schwingt, damit Vieh und Menschen
dem fürstlichen Tier ausweichen. Auf dem sich wiegenden breiten
Elefantenschädel hockt ein indischer Knabe mit einem Stachelstab in der
Hand. Der Elefant bewegt die großen, rot und blau tätowierten Ohrlappen,
daß sie mit ihren bunten Arabesken wie große Tapetenfetzen in der Luft
wehen.
Der Knabe auf dem Kopf ist dreizehn Jahre alt und sehr schmächtig, er
sitzt auf dem Schädelknochen des Elefanten wie auf einer wandernden
Schaukel. Der nickende Koloßkopf schwingt mit dem leichten Knaben
mühelos auf und ab, als trüge das Tier keinen Menschen, sondern nur
einen gewichtlosen Straußenfedernschmuck. Des Knaben Vater wurde
kürzlich im Stalle des Fürsten von einem wahnsinnigen Elefantenungeheuer
zerstampft, und seine Mutter verlor der Knabe vor zwei Tagen. Sie saß
tagaus, tagein in einem Mehlladen an der Rennbahnstraße, über einen
Mahlstein gebückt, den sie mit der Hand drehen mußte. Neben ihr
schwangen noch sechs Frauen sechs Mahlsteine.
Weißglühend zieht heute wie immer die Morgensonne in die rosa Straßen,
brennt auf dem goldenen Minaretturm und in dem weißen Trompetenbaum,
dessen große Blätter senkrecht schlaff herabhängen, wie aufgereihte
grüne Teller.
Der Elefant hebt wie jeden Morgen, wenn er durchs Stadttor tritt, seinen
Rüssel in die Luft, und die vergoldeten Kugeln seiner beiden Stoßzähne
blitzen. Er stößt einen Fanfarenlaut aus, da er sich dem Stall nähert.
Yawlor, der Knabe auf dem Elefantenkopf, rührt sich nicht. Er zieht
heute ernst, wie ein Fürst, in die Morgenstadt ein. Mit seinem schwarzen
Blick sieht er nach dem Laden, in dem sonst die Mutter an dem Mühlstein
hockte. Dort sang sie mit den Weibern näselnd den Mehlsang, daß der Sohn
den Sing-Sang am Morgen schon weithin hörte. In der Nähe des Ladens ließ
stets der Glockenträger, der vor dem Elefanten schreitet, die Glocke in
seiner Hand schweigen, aus Respekt vor dem Sang, denn das Mahllied ist
ein uraltes heiliges Lied.
Aber heute stand die Hälfte der Mühlen leer, nur drei Frauen sangen
halblaut einförmig auf der erhöhten Diele des mehlweißen Ladens. Als sie
die Elefantenglocke hörten und wußten, daß der junge Yawlor auf dem Kopf
des Elefanten vorüberritt, stellten sie zum Zeichen der Trauer für seine
Mutter das Lied ein. Statt der sechs Mahlsteine sausen nur drei unter
den braunen abgearbeiteten Händen der Weiber; die drei anderen
Handmühlen stehen still und verlassen. Wegen anhaltender Dürre und
Teuerung hatte der Mehlhändler vor kurzem die Hälfte der Weiber
entlassen müssen. Yawlors Mutter war darnach in ihrem Lehmhaus an der
Landstraße vor Nahrungssorgen und vor Bekümmernis um den toten Mann, den
ihr der wahnsinnige Elefant umgebracht hatte, halb verhungert und halb
verdurstet eines Morgens tot umgefallen. Am Abend fand ihr heimkehrender
Sohn ihren zusammengeschrumpften kleinen Körper wie einen ausgemergelten
Hanfstrick an der Türschwelle der Hütte liegen. Yawlor schichtete mit
einigen Kulis aus dem Elefantenstall einen niedrigen Holzstoß, legte die
Leiche darauf und verbrannte sie. Seine Hände hatten die tote Mutter in
Asche verwandelt, aber nicht sein Herz. Seine Gedanken hielten die Tote
immer noch wie ein lebendes Geschöpf umarmt. Wenn er morgens den
Elefanten des Fürsten vom Stall hin und zurück ritt, setzte er im Geiste
seine kleine tote Mutter neben sich auf den großen Elefantenkopf, und
sein Herz redete mit ihr.
Der große Elefant schaukelte jetzt mit Yawlor am Mehlladen vorüber, wo
nur die drei Mühlen knirschten, aber kein Lied ertönte. Draußen am
Marktplatz saßen die Purpurfärber und Leinwandverkäufer unter ihren
Zeltstangen vor ihren roten und blumigen Warenstücken. Alle legten heute
die Hand an die Stirn und grüßten den Knaben auf dem Elefantenkopf wie
einen Herrn, zum Zeichen des Mitgefühls.
»Sie grüßen die Tote, die neben mir auf dem Elefanten sitzt,« sagte der
Knabe zu sich. Als er an der stillstehenden Mühle des Ladens
vorübergeritten war, an der seine Mutter sonst immer gearbeitet hatte,
redete er in die Luft: »Mutter, ich will dich am Durst und am Hunger,
die dich umgebracht haben, rächen. Ich will den Durst und den Hunger in
dieser Stadt umbringen.« Des Knaben Auge flog die Straße hinauf und
hinunter, wild, als wollten seine Lippen einen Schrei ausstoßen, wilder
als der Schrei des Elefanten. Niemand hörte den Knaben auf der Straße
laut mit sich sprechen, denn der Glockenläuter, der vorausging,
übertönte alle Geräusche. Der Elefant torkelte jetzt behäbig über den
Marktplatz. Die Leute sahen nur, daß Yawlor fortgesetzt die Lippen
bewegte.