spöttisch: »Ihr seht ja, er ist am unrechten Ort und kann die Thüre nicht
finden. Also ein Hansnarr wider Willen.« Der Mönch ging bitter lächelnd
weg, gegen den Tisch des Königs, welcher mit mehreren Alten sich abseits
reichlichen Weines erfreute und des Gesprächs über die beendigten Jagden.
In einem Augenblicke, da die Spielleute ruhten, wurden auf einen Ruf des
Königs die Vorhänge von allen Fenstern gezogen. Jedermann erhob sich und
blickte ins Freie. Da standen die unendlichen Reihen der Baumwipfel im
Schimmer der bunten Lampen, das verworrene Jauchzen des Volkes schwoll her,
vom Winde in schwankende Wellen gebrochen, und verschlungene Flammen eines
grossen Feuerwerks fieberten lohhell am matten, dunklen Himmel auf. Ein
dünner Schleier von Dunst und Rauch hing ruhig über den hohen Bäumen, vom
Feuerwerk mit breiten Flüssen roten und gelben Lichtes getränkt.
Zur selben Zeit kehrte leise der Prinz in den Saal zurück, mit verträumten
Augen und schweren, lächelnden Lippen. Der Kronprinz erkannte ihn bald. Er
ahnte seine verborgenen Lustbarkeiten und mass ihn mit hässlichem Hohn.
Denn er hasste den weichlichen und verschwenderischen Bruder im Grunde
seines herben Herzens. Eine Weile später, als der ernüchterte Prinz die
Königin unter den Masken suchte, fand er sie nicht. Er fragte den zechenden
Vater. Der hob kaum das verschleierte Auge vom Becher. »Such', junger
Herr«, sagte er mit rauhem Lachen. »Ihr Jungen seid da, nach den Weibern zu
sehen.«
* * * * *
Die Königin lauschte indess in einem entfernten Zimmer auf die unermüdeten
Scherzreden des Sängers, und auf seine italienischen Lieder. Ihr brannte
die Stirn vom starken Wein der Fröhlichkeit, und ihr Herz schlug berauscht
in heftigen Schlägen. Sie sass tief in einem Ruhesessel und blickte mit
entrückten Augen auf die zusammengepressten Spitzen ihrer zarten Finger.
Der Sänger sass auf einem höheren Stuhl ihr nahe, bewegte die Finger über
den Saiten einer Guitarre und sang welsche Romanzen und plauderte, und
mischte den Ernst der brennenden Leidenschaft in sein buntes Geschwätz. Das
Spiel der Worte rann ohne Hindernis über die Lippen des Liederfertigen, und
ihn machte das schwindelnde Wandeln auf der Grenze des Scherzes trunken. Er
verfolgte die Spur seiner Reden auf ihrem erregten Gesicht und im Zucken
ihrer spielenden Finger. Seine Worte legten unvermerkt die Flitterkleider
des Maskenscherzes ab, sie gewannen doppelte Bedeutung, sie begannen ihre
verborgene Kraft und Wärme hervorzukehren, und nur die gefährlichsten
Verräter kleidete noch der hüllende Flor der galanten Komödie.
Die Königin hörte auf mit den Fingern zu spielen; sie schloss fein geäderte
Lider über den heissen Augen und wiegte sich in ihrer Wärme und im halben
Wissen von der Gefahr. Ihr Traum vieler sehnsüchtig durchwachter Nächte zog
lebendig in lodernden Farben durch ihr Gemüt und alles, was ihr einsames
Herz jemals Prächtiges und Wunderbares über die Liebe ersonnen hatte. Der
Liedermeister senkte seine Stimme zu einem warmen Flüstern, er bog sich
näher zu der Schauernden, er spann ihren Sinn dicht in den Schleier
geflüsterter Schmeichelreden und verschwiegener Wünsche. Beiden blieb ein
blasses, grausam verzogenes Antlitz verborgen, das einen Augenblick durch
die sacht geöffnete Thüre spähte, und blass und grausam wieder verschwand.
Der Kronprinz stiess, in den Festsaal zurückkehrend, auf den Prinzen,
welcher seine Mutter suchte. -- »Die Königin erwartet dich. Dort, im blauen
Zimmer. Aber schone sie; sie ist müde.« Der Kronprinz trat wieder in den
Saal. Aus der vor ihm geöffneten Flügelthüre brauste ein Strom von Musik
und Gelächter dem Prinzen nach, welcher auf die Schwelle des Zimmers trat,
in dem er die Mutter erwartete.
Dem Eintretenden klang der Laut erstickter Seufzer und Liebesreden
entgegen, und erwiederter Küsse. Drei zu Tod erschrockene Menschen schrieen
in diesem Augenblicke weh und gellend auf. Die kalte Hand des Grausens
trennte mit einer Berührung drei nahe Befreundete. Der blasse Prinz riss
zitternd den falschen Bart aus dem Gesicht des erstarrten Liebenden und
schrak vor dem erkannten Freund in zuckendem Schmerz zurück. Noch einen
Augenblick standen sich die Männer mit stieren Augen schweigend gegenüber,
und leerten den Kelch der bittersten Bitternis bis auf die Neige.
Dann gewann der Prinz die Herrschaft über seine Sinne wieder. »Hol' eine
Waffe, Bettelbube!« rief er dem Freunde zu. Seine Stimme war schrill,
brechend und ohne Nachhall, wie der Ton eines springenden Trinkglases. Das
Herz wendete sich in seinem Leibe um und wurde voll Galle. Die beiden
Menschen, auf welche er Jahre lang alles Gute und Zärtliche seines Herzens
gehäuft hatte, standen vor ihm wie Tempelräuber. Der Sänger rannte nach
einem Schwerte. Der Prinz riss eines von der Wand des Ganges. Die Kämpfer
klirrten wild und rasend aufeinander. Kaum dass der unsinnige Kampf
begonnen hatte, fiel der Prinz mit blutendem Halse nieder. Dem Sänger rann
ein roter Streif von der zerhauenen Wange. Er sah den Freund am Boden sich
verblutend winden und sah über ihn die todblasse Königin gebückt. Sein
Blick verwirrte sich und seine Gedanken wurden uneins, flackernd und
blutig. Er ging mit dem roten Schwert in der Hand nach dem Saal, von
scheuen Lakaien geflohen und angekündigt. Er trat in die Flügelthür und
stiess die Schwertspitze vor sich in den Boden, mit einem lauten,
wahnsinnigen Gelächter.
Im Saal entstand eine enge Stille. Dem König rann der vergossene Wein
über's ganze Gewand. Dann ward ein Lärm und eine Verwirrung ohne gleichen.
Keiner rührte an den bluttriefenden Schwertträger. Verstörte Pagen,
weinende und ohnmächtige Weiber, ratlose Männer, entsetzte Greise drängten
sich zwischen umgestürzten Sesseln und Geräten. Krüge und Flaschen wurden
umgestossen, über zerrissene Tafeltücher floss in geruhigen Bächen der edle
Wein. Die Musik spielte noch eine kleine Weile fort und brach dann jäh
erschrocken mitten im Liede ab. Der Kronprinz trat dem Sänger zuerst
entgegen. »Was ist's, Liedler?«
»Deinen Blonden hab' ich erschlagen. Er liegt und mein Schatz kann ihn
nimmer wecken.« Die Diener hatten indess Waffen herbeigetragen und
zahlreiche Edle stürzten gegen die Thüre. Der Kronprinz aber drängte sie
zurück. »Haltet Ruhe, ihr Herren! Eilet lieber, nach dem Prinzen zu sehen.«
Der Erschlagene und die über ihn gebückte Königin wurden von einem grossen
Gedränge umringt. Im Saal blieb allein der König zurück, dessen Verstand
vom genossenen Wein verdunkelt war. Zu ihm trat der entstellte Sänger, sein
Liebling, und trank aus seinem Becher. Der Kronprinz stand in der Thüre und
betrachtete mit grausamer Neugier den Trunkenen und den Wahnsinnigen,
welche in dem verlassenen Prunksaal, aus Einem Becher trinkend, sonderbar
und traurig anzusehen waren, wie ein fabelhaftes Fratzenbild eines
seelenkranken Malers.
In diesem Augenblick loderte das letzte Feuerwerk prachtvoll hinter allen
dunklen Fenstern auf. Das Volk wälzte sich in grossen Haufen vor das still
gewordene Schloss und schmückte mit seinem dankbaren Jubelgeschrei das Fest
des Königs.
Gespräche mit dem Stummen.
Du lächelst? Du wiederholst deine ungesagte Frage? Was soll ich dir sagen!
Dieses dunkle Zimmer, diese ungeschmückten Wände mit den Viereckspuren von
Bildern, die keine Nachfolger fanden, dieses Knisterfeuer im Öflein, dieses
Mondlicht auf unsern Händen und auf dem geöffneten Klavier, diese Stille
und späte Stunde redet verständlicher als mein Mund von dem, was in mir zu
Worte kommen möchte.
Einem Jugendkameraden müsst' ich mich vertrauen, flüsternd und mehr mit
Blicken und Geberden redend, Einem, dem schon der Name eines Hauses oder
Feldes genügte, um eine ganze Geschichte zu verstehen; Einem, der mich oft
mit »Weisst du noch?« und gesummten Liedversen unterbräche.
Was weisst du, wenn ich sage: Meine Mutter? Du siehst dabei nicht ihre
schwarzen Haare und ihr braunes Auge. Was denkst du, wenn ich dir sage: Die
Glockenwiese? Du hörst dabei nicht das Windrauschen in den Kastanienkronen,
und spürst nicht den Duft der Syringenhecke, und siehst nicht die blaue
Fläche der Wiese, welche ganz mit den schwanken Glockenhäuptern der blauen
Kampanula bedeckt ist. Und wenn ich dir den Namen meiner Vaterstadt sage,
dessen Laut mir schon das Blut bewegt, so siehst du nicht die Türme und den
herrlich überbrückten Strom, und siehst nicht den Hintergrund der
Schneeberge und hörst nicht die Volkslieder unsrer Mundart, und hast nicht
selber Lust und Heimweh dabei!
Lieber lass mich dir ein Märchen erzählen. Zwei Geiger hatten eine gute
Freundschaft untereinander, und waren beide bettelarm. Nun geschah's an
einem schwarzen Tag, dass ihnen einfiel in die Wette zu spielen, wer von
beiden der grössere Geiger wäre. Von da an wuchs ihr Ruhm; aber einer
traute dem andern nimmer, denn beide hatten ihre Seelen in Neid und Ehrgeiz
bis in den Grund durchlauscht und alle Tiefen ans Licht ihrer Kunst
gezogen. Da spielte der Eine in einer mondhellen Nacht ein trauriges Lied.
Das war so aus Nacht und Leid gezogen und so voll schwermütigen Andenkens
an die eigene verstörte Freundschaft, dass es tiefer und herzbannender als
irgend sonst ein Lied zu hören war. Dieses Lied vernahm der andere Geiger
voll Neides, drang in die Stube des Freundes und mordete Geiger und Lied.
Von dieser Nacht an ward er der erste Meister seiner Kunst. Er spielte an
Fürstenhöfen und machte die Herzen der Könige zittern, denn seine Weisen
drangen in den Grund der Seele, wo die Engel und Teufel der ungeborenen
Gedanken und Thaten wohnen. Sein Gesicht aber wurde mager, blass und
scharf, sein Herz wurde zu einem Sitz aller Ängste, alles Misstrauens und
aller Bosheit, und sein Spiel bestahl und schändete täglich die
unantastbarsten Innerlichkeiten seiner Seele. Eines Tages nun vermass er
sich vor vielen Hörern jenes letzte Lied seines Freundes zu spielen. Da
stand plötzlich der Ermordete vor ihm, das Messer in der Brust, und spielte
auf seiner Geige mit, noch weher, noch mächtiger, so dass der Meister
schreckblass und stieräugig vor der Menge stand. Diese sah den Ermordeten
nicht und hörte nur mit einem Grausen, dass Zweie geigten. Eine Angst ging
durch den grossen Saal, und als der Spieler zu Ende war, war eine
Totenstille.
Du lächelst? Du wiederholst deine ungefragte Frage? Weiss ich, ob du ein
Messer bei dir trägst? Habe ich nicht, während ich neben dir sitze und
deine Hand halte, einen Schatz bei mir, dessen Wesen und Glanz dir noch
unbekannt ist? Ein Lied, dessen Zauber zum Neid reizt? Einen Schmerz, der
dich beschämen könnte? Und wie dann, wenn ich eines Tages dir ins Auge
blickte und mein Lied mit dir spielte?
* * * * *
Du lächelst? Verzeih mir, Schweigsamer! Du bist das Marmorbild, dem ich
spielend gern meine goldenen Ringe an die Finger lege. Wie aber, wenn du
plötzlich aufhörtest zu lächeln und die steinernen Finger
zusammenkrümmtest? Aber ich weiss noch ein anderes Märchen.
Einen Ritter, welcher einen einzigen Freund besass, lüstete eines Tages in
die Zukunft zu sehen. Er fragte einen Zauberkundigen, den er reich
beschenkte. Der Zauberkundige sah dem Ritter eine Weile ins Auge und sagte
dann: »Diese Nacht, im Traum, wird dir Antwort werden.«
In der Nacht, in einem schwülen Fieberschlaf, sah der Ritter zwei
Lebenslinien, Strömen zu vergleichen, neben einander laufen. Er erkannte
sein Leben und das seines Freundes. Die beiden Linien verschlangen und
wirrten sich, und nach einer kurzen Verknüpfung floss eine, die andere
besiegend und fressend, breit und glänzend lange fort. Auf diesen Traum
hatte der Ritter einen bösen Tag. Darauf beschlich er nächtens die Burg
seines Freundes, ihn zu ermorden. Er kletterte auf den Wall, fiel in den
Graben und brach den Hals. Der Freund betrauerte ihn lang, ward mächtig und
reich und erreichte ein hohes Alter.
* * * * *
Mich wundert oft, welcher von uns das zähere Leben habe. Wenn mich nach
einem grausigen Traum gelüstet, dann denke ich mir, du begännest einmal zu
reden und sagtest mir plötzlich ein Wort von den vielen Worten, die du von
mir gehört hast. Würde nicht die unerhoffte Rückkehr dieses Wortes mich zu
Tode erschrecken? Oder du gingest von mir und trügest die Last meiner
Geständnisse mit dir hinweg. Wäre mir da nicht wie einem Reichen, dessen
Kleinode ein Kind durch die Raubgier einer bevölkerten Strasse trägt? So
gebe ich dir täglich einen neuen Schatz zu hüten und mache dich täglich
nach neuen Bürden lüstern. Weisst du aber, ob ich nicht grausam bin? Oder
weisst du das besser als ich?
Oft meine ich, dass du mich besser kennen müssest, als ich selbst vermag.
Oder weshalb schüttelst du das Haupt, wenn ich dir eine alte Sache wieder
erzähle und ändere darin eine Farbe, einen Namen oder nur eine Geberde?
Wenn du mich lügen hörtest? Wenn ein Streit zwischen uns entstände? Müsste
es nicht ein Streit auf Leben und Tod sein? So weiss ich nicht, ob du
meiner Langmut anheimgegeben bist, oder ich der deinigen.
* * * * *
Zuweilen, wenn dein Lächeln eine meiner Erzählungen begleitet, scheint es
mir Augenblicke lang das Lächeln des Wiedererkennens zu sein. Bist du dabei
gewesen, als ich dieses that und jenes zu thun unterliess? Hast du
zugesehen, als ich diesen Frevel beging und jene Wohlthat übte? Ist das,
was dich an mich fesselt, vielleicht die Folge einer früheren mir
unbekannten Gegenwart, ein böses Gewissen, eine Mitwisserschaft, ein böses
Mitgewissen? So wäre der Grund unsrer Gemeinschaft ein Spiegel- und
Trostbedürfnis, die Notwendigkeit eines Mitleidenden, und vielleicht der
allezeit wache Argwohn Zweier, die ein gemeinsames Verbrechen begangen
haben. Also dass wir aneinander leben und aneinander zu Grunde gehen
müssten?
Oder wie kommt es, dass du gerade dann immer zu mir trittst, wenn eine Lust
zu Rede und Vertraulichkeit sich in mir regt, als fürchtetest du, diese
möchte sich einem Dritten offenbaren? Was beschwert denn meine Erinnerung,
das für Einen zu schwer zu tragen wäre!
* * * * *
In Stunden, welche schweren Träumen vorausgehen, in diesen unruhig trägen,
bleigrauen, fiebernden Stunden hat mich oft eine stachelnde Begierde
erfüllt, dich zu quälen, dir schmerzliche Geheimnisse zu rauben und dich
stöhnen zu hören, dir den Fuss auf die Brust zu setzen oder dich eng zu
würgen. Dann, wenn meine Einbildung schon dein Ächzen vernahm und Blut an
deinem Halse sah, tratest du manchmal zu mir. Ich aber wurde von Angst und
Mitleid ergriffen, streichelte deine Hände, nannte dich mit Schmeichelnamen
und vermied es, in deine Augen zu blicken. Weshalb hatte ich Angst vor dir?
Oder weshalb liebe ich dich? Denn ich liebe dich mit der Liebe, welche
jeder Verwandlung fähig ist und keine höchste Stufe kennt. Ich liebe dich
wie ein gutes Haustier, ich liebe dich wie eine Schöpfung meiner Kunst, ich
liebe dich wie man die Rätsel und das Schauerliche liebt. Ich liebe dich
auch wie ein Glied meines Leibes, und liebe dich wie einen morgenden Tag,
und wie ein Abbild meiner selbst, und wie meinen Dämon und meine Vorsehung.
Wie aber liebst du mich?
An Frau Gertrud.
Im einsamsten Gemach meines Schlosses, unter der Wölbung des schmalen
Fensters, sitzest du oft, Freundlichste unter meinen Toten. Über alles
Zusammensein und Händehalten hinaus dauert noch deine unbegreifliche,
gütige Gegenwart, wie eines Sternes, der verschollen ist und dessen
Strahlen doch lange Zeiten noch zu uns reichen.
Ich kann nicht mehr zählen, wie oft ich unter dem Himmel der Vita Nuova
gewandelt bin. Ich kann nicht zählen, wie oft ich verzweifelte, ein anderes
Bild deiner Erscheinung zu finden.
Keine Schönheit, wenn nicht die jenes süssesten Gedichtes, ist dir zu
vergleichen. Mir ist oft, als wärest du die gewesen, die einst an dem
entrückten Dante vorüber ging, und wärest nur einmal noch über die Erde
gewandelt, im Schatten meiner sehnsüchtigen Jugend. Dass ich dich mit
leiblichen Augen gesehen habe, dass deine Hand in der meinen lag, dass dein
leichter Schritt neben dem meinen über den Boden ging, ist das nicht eine
Gnade der Überirdischen, ist das nicht eine segnende Hand auf meiner Stirn,
ein Blick aus verklärten Augen, eine Pforte, die mir in das Reich der
ewigen Schönheit geöffnet ward?
In Schlafträumen sehe ich oft deine leibliche Gestalt und sehe die
feingliedrigen, weissen Finger deiner adligen Hände auf die Tasten des
Flügels gelegt. Oder ich sehe dich gegen Abend stehen, die Farbenwende des
erblassenden Himmels betrachtend, mit den Augen, welche von der wunderbaren
Kenntnis des Schönen voll tiefen Glanzes waren. Diese Augen haben mir
unzählige Künstlerträume geweckt und gerichtet. Sie sind vielleicht das
Unschätzbarste, was meinem Leben gegeben wurde, denn sie sind Sterne der
Schönheit und Wahrhaftigkeit, voll Güte und Strenge, unbetrüglich,
richtend, bessernd und belohnend, Feinde und Rächer alles Unwerten,
Unwesenhaften und Zufälligen. Sie geben Gesetze, sie prüfen, sie
verurteilen, sie beglücken mit überschwenglichem Glück. Was ist Vorteil,
was ist Gunst, was ist Ruhm und menschliches Lob ohne die Gewährung und das
gnädige Leuchten dieser unbestechlichen Lichter!
Der Tag ist laut und grausam, für Kinder und Krieger gerecht, und alles
Tagleben ist vom Ungenügen durchtränkt. Ist nicht jeder eindämmernde Abend
eine Heimkehr, eine geöffnete Thür, ein Hörbarwerden alles Ewigen? Du
Wunderbare hast mich gelehrt, heimzukehren und mein Ohr den Stimmen der
Ewigkeit zu öffnen. Du sagtest, als schon das letzte Thor bereit war vor
dir die Flügel aufzuthun, zu mir die Worte: »Lass dir die Abende heilig
sein und dränge ihr Schweigen nicht aus deiner Wohnung. Auch vergiss der
Sterne nicht, denn sie sind die obersten Sinnbilder der Ewigkeit.«
Und ein andermal hast du gesagt: »Denke daran, auch wenn ich dir genommen
bin, Frieden mit den Frauen zu halten, denn alle Geheimnisse stehen ihnen
am nächsten.« Seither habe ich mit niemandem solche Gespräche ohne Worte
gehabt, wie mit Sternen und Frauen.
* * * * *
In der Stunde, da wir unsre Freundschaft beschlossen, trat noch Einer zu
uns, unsichtbar und unbegreiflich, ein Geist und Schutzgott. Mir ist, er
habe unsichtbare Geberden eines Segnenden über mir gemacht, und jene Worte
geredet; apparuit jam beatitudo vestra. Dieser ist seitdem bei mir
geblieben und hat sich vielfältig oft an mir erwiesen, als ein Arm des
Trostes, als ein Rätseldeuter, als Dritter eines Glückes. Oft war meine
Hand zu Übereilungen hingeboten und er drängte sie zurück; oft war ich
einer Schönheit vorübergegangen und er nötigte mich still zu stehen und
zurückzublicken; oft wollte ich ein grünes Glück vom Ast brechen, und er
riet mir: »Warte noch!«
Was versöhnlich und liebenswürdig ist, was holde Stimmen hat und tröstliche
Bedeutungen, was selten, edel und von abgesonderter Schönheit ist, hat
seitdem eine sichtbare Seite für mich und irgend einen Weg zu meinen
Sinnen. Die Ströme in der Nacht reden mir deutlicher, die Sterne können
nicht mehr ohne mein Mitwissen auf- und niedersteigen.
* * * * *
Dieser mein Tröster und unsichtbarer Dritter kam auch an einem Tage zu mir,
da mein Herz den Takt verloren hatte und mein Auge zu erblinden schien. Er
glättete meine Stirn, er lehnte zuweilen an mich und sagte mir etwas ins
Ohr, er ging vorüber und drückte mir die Hand. Du aber lagest in lauter
Theerosen gebettet, voller Friede, voller Verklärung, freundlich, aber ohne
Lächeln. Du lagst und rührtest keine Hand, lagst und warst kalt und weiss.
Diese Stunde erschien mir als eine unergründlich schwarze Nacht. Ich stand
in dichter Finsternis und wusste nicht wo ich war, ohne Nähe und Ferne, wie
von erloschenen Lichtern umgeben. Ich stand unbewegt und fühlte auf allen
Seiten Abgründe neben mir offen, spürte nur meine ineinander gelegten Hände
hart und kalt, und glaubte an kein Morgen mehr. Da stand der Tröster neben
mir, umschlang mich mit festen Armen und bog mein Haupt zurück. Da sah ich
im Zenith eines unsichtbaren Himmels inmitten der vollkommenen Finsternis
einzig einen hellen, milden, strahlenlosen Stern von seliger Schönheit
stehen. Als ich diesen sah, musste ich eines Abendes gedenken, an dem ich
mit dir im Walde ging. Ich hatte meinen Arm um dich gelegt und plötzlich
zog ich dich ganz an mich her und bedeckte dein ganzes Gesicht mit
schnellen, durstigen Küssen. Da erschrakest du, drängtest mich ab und
sahest wie verwandelt aus. Und sagtest: »Lass, Lieber! Ich bin dir nicht zu
Umarmungen gegeben. Der Tag ist nicht fern, an dem du mich mit Händen und
Lippen nicht mehr erreichen wirst. Aber dann kommt die Zeit, dass ich dir
näher sein werde als heute und jemals.« Diese Nähe überfiel mich plötzlich
mit unendlicher Süssigkeit, wie ein völliges Aug in Auge, wie ein Kuss ohne
Ende. Was ist alle Liebkosung gegen dieses namenlose Vereinigtsein!
Auf Wanderungen durch die Orte, an denen wir beisammen waren, kam diese
Wonne später noch manchmal über mich, schon lange Zeit nach deinem Tode.
Einmal, als ich im Schwarzwalde bergan durch einen dunklen Forst wanderte,
sah ich deine helle Gestalt von der Höhe her mir entgegen gehen. Du kamst
mit deinem alten Händewinken den Berg herab, begegnetest mir und warst
verschwunden, während zugleich deine Gegenwart mein Inneres süss und tief
erfüllte.
Am häufigsten aber trittst du an den Himmel meiner Träume wie damals am Tag
meiner grössten Finsternis, als der milde Stern der Gnade, voll seliger
Schönheit.
Am einen Abende, als Musik und lautes Gespräch dich bis in die letzten
Gartenwege verfolgte, fand ich dich dort auf und nieder gehend, gab dir
meinen Arm und begleitete dich. Da sagtest Du: »Wenn ich nicht mehr hier
sein werde und wenn du selber einmal leiser geworden bist, wird vielleicht
dieser vergehende Abend und mancher, der schon vergangen ist, dir
gegenwärtiger und wirklicher sein als deine eigene Hand. Dann wirst du
Mitternachts irgendwo in deinem Zimmer wach sein, vielleicht weit von hier.
Vor deinen Fenstern aber wird die nahe Welt zurückweichen und du wirst
glauben, diesen Weg und uns beide darauf wandeln zu sehen.«
Heute nun liegt dieser Abend vor mir, in die entfernte Musik mischen sich
wieder unsere leisen Stimmen, dass ich nicht weiss, ob jener Abend oder der
heutige wirklich und vom irdischen Monde erleuchtet ist.
Notturno.
Mein Ross hält an, reckt den schönen Hals und wiehert in den Abend. Ich
grüsse dich! Ich grüsse dich, meine Cederndunkle Zuflucht! Du
Friedebringende, du Weltferne, Unberührte, mit dem schwarzen, kostbaren
Gürtel!
In einem tiefen, tagebreiten Cederwald liegt ein See und eine granitene
Burg verschlossen. Ein Schloss für die Ewigkeit gebaut, kolossal und
quaderfest, mit ungeheuren normännischen Ecktürmen, und mit einer einzigen
Thüre. Diese öffnet sich auf eine Treppe aus breiten Quaderstufen, und die
Treppe führt in den schwarzen, bodenlosen See. Der eisgraue Wächter hört
und erkennt mein Ross. Er tritt bedächtig durch die eherne Thüre und über
die grünlichen Stufen. Er löst das Königsboot von der schweren Kette und
rudert lautlos mit einem Ruder über das spiegelschwarze Wasser. Er nimmt
mich auf und steuert zurück. Wir legen das Boot wieder an die Kette mit den
eisernen Viereckgliedern.
Wir setzen uns auf die Schwelle der ehernen Thür. Das Wipfelflüstern wächst
im Abendwind, die Dämmerung schleicht zwischen den Stämmen am Ufer hin. Der
Wächter hat das Greisenhaupt auf beide harte Hände gestützt und dringt mit
langen, ruhigen Blicken in den Abend. Vor uns liegen die vermoosenden
Stufen und der unbewegte See, auf beiden Seiten steht die tausendjährige,
hohe Wand des heiligen Waldes und schliesst gegenüber am fernen Seerande
den dunklen Ring. Stunden fliegen auf unhörbaren Fittigen über uns hinweg.