Wiederkehr der Gestirne trat mit meinem innersten Leben in einen
vorbestimmten Freundesbund und das Ewige verknüpfte etwas in mir deutlich
und wohlthätig mit seinen Gesetzen. Ich fühlte in meinem aus der Wüste
aufgerichteten Leben einen goldenen Grund gelegt, eine Kraft und ein
Gesetz, nach welchem, wie ich mit herrlichem Erstaunen empfand, künftig
alles Alte und Neue in mir sich in edlen Krystallformen ordnen und mit
allen Dingen und Wundern der Welt wohlthätige Bündnisse schliessen müsste.
Incipit vita nova. Ich bin ein Neuer geworden, mir selber noch ein Wunder,
ruhend zugleich und thätig, empfangend und schenkend, ein Besitzer von
Gütern, deren werteste ich vielleicht noch nicht kenne.
Das Fest des Königs.
Im Schloss des Königs wurde ein Fest bereitet. Der Palast und alle
vornehmen Häuser der Stadt waren mit Gästen überfüllt, denn zu den Festen
des Königs pflegte der Adel des ganzen Landes sich einzufinden.
Die breite Allee, welche vom Schlosse in die Stadt führte und die an
gewöhnlichen Tagen durch Ketten und Wächter versperrt wurde, war voll von
Reitern, Wagen, Sänften, Lastträgern und Müssiggängern zu Fusse. Der König
besass einen Marstall von hundert Schimmeln, und ausser den Prinzen und den
Grafen des Landes durfte niemand ein weisses Ross reiten, bei Todesstrafe.
Wenn nun auf dem überfüllten Fahrwege ein Schimmelreiter erschien, dem
wurde eine breite Gasse gebahnt, und auf beiden Seiten drängte sich das
wartende Volk, sich bückend und die Häupter zum Gruss entblössend. Da waren
Handwerker mit Leitern, Seilen, Brettern, Teppichen und gemalten Schildern,
buntgekleidete Musikanten, Trompeten, Geigen und grosse Trommeln tragend,
Blumenverkäufer mit Karren, auf welchen bunte und rare Blumen in Haufen
getürmt lagen, Herolde und Soldaten, Wagen, die mit vielerlei Geräte,
Tapeten und Tüchern beladen waren. Unzählige Neugierige in Sonntagskleidern
spazierten in dem geöffneten äussersten Ring des königlichen Parkes, durch
den die Platanenallee gezogen war. Handwerker waren beschäftigt, zwischen
den Bäumen lange Leinen mit aufgereihten, runden, rot und gelben
Papierlaternen zu spannen, welche am Abend zur Belustigung des Volkes und
als fröhlicher Anblick für die Herrschaften sollten angezündet werden. Die
Arbeiter lachten oder fluchten durcheinander, je nachdem sie von der Menge
ermuntert oder belästigt wurden. Trödler gingen umher, von vielen Kindern
umringt, mit Schmuck und allerlei Spielzeug und Flittern handelnd, Weiber,
welche Brot und Würste und Gebäck verkauften, und Blumenmädchen, die den
jungen Städtern Veilchensträusse anboten. Diese alle erfreuten sich
reichlichen Zulaufs, und zumal die Veilchenmädchen waren überall von
eleganten, im Scherze feilschenden jungen Männern unter vielerlei
Schmeicheleien und spasshaften Angeboten umringt.
Am dichtesten drückte sich das Volk vor dem geschlossenen eisernen
Hauptportal des Schlosshofes. Landleute und Städter drängten sich dort zu
dem selten gewährten Anblick des Schlosses und brannten vor Begierde,
hinter den Bogenfenstern Einen vom Königshause zu erspähen, und wandten
kein Auge vom Schlosshof, sobald ein Lakei in roter Livree sichtbar wurde,
oder ein Offizier, oder nur ein gemeiner Diener, welcher Gerät trug oder
Pferd oder Hund nach den seitwärts zurückliegenden Prachtställen führte.
Das Schloss bestaunte ein jeder, der es zum ersten Male sah, und am meisten
die Landleute. Denn es war nach hierlands fremden Regeln unter dem Vater
des jetzigen Königs von einem südländischen Werkmeister erbaut worden, von
geringer Höhe, aber weitläufig und prächtig, und ganz aus Marmor. Dieses
Schloss und der dahinter liegende alte Park, der dem Volke unsichtbar und
niemals zugänglich war, galten als die Wunder des Landes. Die sichtbare
vordere Seite des Schlosses, mit zweimal vierzig Bogenfenstern, war von
einem breiten Giebel gekrönt, in dessen Dreieck ungeheure Menschen und
Pferde auch aus Marmor gemeisselt standen, die seitwärtigen in allerlei
Lagen knieend, fallend und liegend und so der Dreieckform lebendig
angeschmiegt. Kleinere Figuren von feiner Arbeit standen über dem
Hauptthore, den Empfang heimkehrender Sieger darstellend. Im Innern aber
sollten Säle von unerhörter Höhe und Pracht und Zimmer mit seidenen und
goldenen Wänden sein, angefüllt mit Schätzen aus vielen Zeitaltern und
Kunstwerken berühmter Meister. Noch erstaunlichere Gerüchte wussten viele
von dem geheimnisvollen Park zu erzählen, der sich drei Stunden weit
erstreckte und von ausländischen Gärtnern und Förstern erhalten wurde,
welchen verboten war, sich jemals ausserhalb der ungeheuren Ringmauer zu
begeben, die den ganzen Park in stattlicher Dicke und Höhe umgab. Hirsche
und unbekannte Tiere und farbige, fremde Vögel, als Fasanen und Pfauen,
wusste man dort verborgen, und jahrhundertalte Wildnisse, ferner künstliche
Gewässer, Seen und springende Brunnen, Brücken und Beete voll seltener
Blumen, sowie ein fabelhaftes Jagdschloss, den Lustort des verwichenen
Fürsten, wo dessen lang verblichene Geliebten häufig umgingen, die
Buhlereien und Eifersüchte ihres vormaligen Sündenlebens erneuernd. Was
immer an dunklen Mordgeschichten und unerhörten verliebten Lustbarkeiten
von heissen Köpfen ersonnen und von eiligen Weiberzungen verschwatzt war,
wurde auf das unbekannte Jagdschloss gehäuft, welches den einen als ein
schimmernder Himmel auf Erden, den andern als Sammelort aller Schrecken und
bösen Geister erschien.
Die müssige Menge sog begierig die Geschwätze und geflüsterten Sagen und
den Duft des Wunderbaren ein, der sie nebst dem Rausch des Feiertages und
der Erwartung erhitzte und betäubte. Man sprach von den Pferden und Wagen
der Gäste, von den bevorstehenden Vergnügungen des Hofes und denen des
Volkes, welchem auf den Abend ein Feuerwerk versprochen war. Neben den
anpreisenden Rufen der Verkäufer waren die von lautem Gelächter begleiteten
Spässe der Hanswurste zu hören, die Bettelreden sitzender Krüppel und
umhergestossener Einarmiger oder geführter Blinder, die ermahnenden, aber
wohlwollenden Stimmen anwesender Ratsherren, und das gelle Spassen und
jache Lachen der Freudenmädchen. Die Trinkbuden bevölkerten sich, und
mancher Unkluge nahm den erwarteten Genuss des Festtages im vorzeitigen
Rausch vorweg. Andere umstanden ein Kasperltheater oder ein Loosrad oder
die Wettspiele der Kinder, welche nach ausgehängten Preisen kletterten und
sprangen. Balladensänger und Sackpfeifer wurden angehört, im Gedränge
verloren sich Familien und Freunde auseinander und fanden sich Liebespaare,
denen die Wirre des Festplatzes ersehnte Gelegenheit zu verbotenen
Zusammenkünften gab.
In den gewundenen Spazierwegen des äusseren Parkes sassen und lustwandelten
die Alten, die Angesehenen der Stadt, reiche Bürger, Räte und Richter, und
langsame Pfarrer, im Genuss der gepflegten Zierbeete und Rasen und der
schattigen Ruhebänke. Ein feister Ratsherr erklärte mehreren Fremden die
Anlage der Alleen und Wege und die Lage des Schlosses, und rühmte den
Wohlstand seiner Stadt und den freigebigen Reichtum seines Königs.
Der Lärm, das Bürgergespräch, die modisch gekleideten Städter und das
glotzende, schwergestiefelte Landvolk schändeten die Alleen und die Gärten,
und stachen hart von dem Ernst der alten Platanen und von der eleganten
Schönheit der fürstlichen Anlagen ab, deren verschlungene Wege, von
allerlei seltenem Laub überschattet, dazu bestimmt waren, von Prinzessinnen
in adliger Gesellschaft oder von den Phantasiebildern eines fürstlichen
Dichters beschritten zu werden.
* * * * *
Um die Mittagstunde sammelten sich grosse Volkshaufen vor den Portalen des
Schlosshofes, neugierig auf die Tafelmusik und auf den erhofften Anblick
der Herrschaften. Ein dröhnender Jubel brauste empor, da der Kronprinz an
einem Fenster sich zeigte. Er war dunkel, mager, ein wenig gebückt, und
hatte ein scharfes, kluges, wachsblasses Gesicht mit dunklen, forschenden
Augen. Er bewegte grüssend das Haupt, und in eben diesem Augenblick trat
der König neben ihn, lächelnd und mit lebhafter Bewegung der grüssenden
Hand. Er war gross, dick und aufrecht; die Farbe seines breiten Bartes
schwankte noch zwischen blond und grau, sein Gesicht aber war frischrot und
glänzend und die Stirne schier ohne Falten. Er trug ein rotes Gewand mit
breiten, weissen Säumen. Er liebte alle Festlichkeiten und verbarg seine
Fröhlichkeit der Menge nicht. Kopfnickend verliess er mit dem Kronprinzen
das Fenster.
Während draussen die Rufe der beglückten Menge langsam zerrannen, setzte
sich der König im roten Saale zu Tisch. Zwei schimmernde Reihen
geschmückter Herren und Edeldamen sassen an einer ungeheuren Tafel
verteilt, immer eine Dame zwischen zwei männlichen Gesellschaftern. Zur
Rechten des Königs sass die weiss gekleidete Königin, seine dritte Frau,
von Allen ihrer schlanken, stummen Schönheit wegen bewundert. Zur Linken
des königlichen Sitzes sass ein schwarzhaariger Buckliger, schweigsam und
häufig aus tiefliegenden, glänzenden Augen umherschauend. Dieser war des
Königs Bruder. Ihm war der scharfe, zähe Verstand zu eigen, welchen man oft
bei Krüppeln findet, und, unbekannt der Welt, leitete sein wacher Fleiss
und sein ernstes, scharfes Auge die Geschäfte der Regierung. Ihm verdankte
unwissend das Land seinen Wohlstand und der leichtherzige König die
Erhaltung seiner ererbten, unermesslichen Reichtümer.
An die Enden der Tafel waren die Prinzen gesetzt, der Kronprinz und sein
jüngerer Halbbruder, aus der zweiten Ehe des Königs, seiner Herzensehe
entsprossen, ein heller, fröhlicher Ritter. Die Grafen und Gräfinnen und
Barone und ihre Frauen und Töchter waren nach Neigung und Freundschaften
gemischt, die drei vornehmsten und ältesten Vasallen dem Könige gegenüber.
Silberne Teller und krystallene Weinkelche wurden von zahlreichen
edelgeborenen Pagen bedient. In der Nähe des Prinzen glänzte das helle
Jünglingshaupt seines Lieblings, des Sängers, welchen der König, da jener
ein Meister seiner Kunst und von feinen Sitten war, nach italienischem
Vorbilde an sein Haus gefesselt hatte. Er war dem König in kurzer Zeit lieb
und befreundet geworden, denn er verstand meisterlich alle angenehmen
Künste, zumal Poesie und Gesang, und war ein Erfinder vieler Feste, Tänze,
Mummenschänze und sonst ergötzlicher Belustigungen.
Der König redete viel mit den Frauen seiner Vasallen. Die Männer überliess
er seinem Bruder, der durch kurze, schwere Fragen und Blicke die Herren
durchforschte. Die Königin allein sass schweigsam und ohne viel zu lächeln.
Ihr feines, blasses Haupt wendete sich langsam zuweilen um, ihr dunkles
Auge ging durch die Reihen der Tafelnden, ruhte auf den Stirnen schöner
Ritter, und ging weiter, den Schönsten zu suchen. Ihr geschlossener Mund
war von hellem Rot, wie die Frucht der wilden Rose, fein und hochmütig, und
karg mit Lächeln. Sie lehnte oft im Sessel zurück und hörte aufmerksam den
Geigern zu, welche auf einer niederen Galerie gedämpfte, süsse Melodien
spielten. »Eure königliche Majestät lieben die Kunst der Musik?« fragte sie
ehrerbietig ihr Nachbar, ein alter Graf. Sie wandte langsam das Haupt gegen
ihn und die verschleierten Augen.
»Ihr rietet richtig, Herr Graf« sagte sie dann würdig, wandte wieder den
Blick und hörte wieder auf die feinen Töne. Einmal wandte der Sänger sich
um und hüllte das Haupt der Königin in einen langen, glänzenden Blick, und
wog im Herzen sein Schicksal gegen eine junge, süsse Sehnsucht.
Nach aufgehobener Tafel legten sich viele in die Polster, zu ruhen, und
andere wandelten anschauend durch die Säle, deren Estriche mosaikgeschmückt
und deren Wände mit Bildern und köstlichen gewirkten Stoffen behangen
waren. Der Prinz nahm den Arm des Sängers und zog ihn über die breiten
Treppen ins Freie. An einer kühl verschatteten Ruhebank machten sie Halt.
Der Sänger setzte sich auf die Bank und lehnte sich an den gerundeten
Stein. Der Prinz aber warf seinen Mantel ins Gras und legte sich darauf. Er
lehnte den blonden Kopf an das Knie des Freundes und richtete die Blicke
vergnügt auf den vom Gerank der Zweige vergitterten lichten Himmel. Nach
kurzer Weile begann er zu plaudern. »Sag' mir doch, du Kenner, was ist das
Schönste und Begehrenswerteste in der Welt? Ist es der Schmuck des
Reichtums, oder des Ruhmes, ist es der himmlische Zauber der Kunst, oder
der brünstige Schrei eines entzündeten Weibes, oder das Leben der Hirten?«
Der Sänger lachte. »Du Ungeduld! Du suchst den Schatz des Glückes in der
Schale einer Nuss. Aber die Schönheit und das Glück sind reicher als wir,
und haben tausend Wege, und tragen Früchte auf allen Bäumen. Was ist
Reichtum ohne Liebe, oder Wollust ohne Schönheit? Am begehrenswertesten
aber scheint mir vielleicht dieses: Ein Weib von höchster Geburt und
adligem Herzen, das in Liebe sich seiner Rechte entkleidet. Welches bittet,
indem es schenkt.«
Der Prinz legte sich weiter zurück, und lächelte, und spielte mit seinen
schlanken, weissen Fingern. Der Freund fuhr fort: »Auch wird das, was uns
gestern liebenswert und unübertroffen schien, im Schatten der Ereignisse
mit den Tagen blasser und verliert seinen frischen Reiz. Ich erfand vor
einigen Jahren, in Italien, als zum ersten Mal eine verliebte Weiberhand
mich streichelte und mein Herz voll neuer Wonne war, -- da erfand ich aus
meiner Lust ein Lied für die Geige, und that darein, was ich Süsses und
Heimliches wusste und glaubte lang, in dieser Weise sei aller Zauber und
alles Holde versammelt, so als wiege sich das Glück selber im Netz der
Töne. Als ich dasselbe Lied hernach der zweiten und der dritten Frau zu
hören gab, und als neue Lieder mich umtrieben und gesungen sein wollten, da
sah ich den Boden der Tiefe und musste lachen. Und jetzt scheint es mir ein
liebliches Kinderlied zu sein.«
Vom breiten Weg her kam Geräusch. Der Kronprinz und des Königs Bruder
traten in den Schattenkreis des Gebüsches. Da der Kronprinz den Bruder zu
den Füssen des Sängers liegen sah, ging über seine harten Lippen ein
scharfes Lächeln. Er grüsste nicht und kehrte nach dem Schlosse zurück, der
Oheim aber senkte mit Wohlgefallen das ernste Auge auf die Befreundeten.
»Siehe da, meine Blondköpfe! Nennt mir, worüber Ihr redetet, damit ich
teilnehme!« Der Sänger verneigte sich und nötigte den königlichen Kanzler
zu sitzen. Der Prinz, seines Kopfkissens beraubt, setzte sich mit
gekreuzten Beinen gegen die Bank gewendet. »Euer Neffe wünscht zu erfahren,
was wohl in der ganzen Welt das Schönste und Begehrenswerteste ist.«
»Eine leichtsinnige Frage«, sagte der Alte, -- »und eine schwere Frage!
Hattet Ihr ihm eine Antwort?«
»Er meinte, das Höchste wäre: Eine --« die starke Hand des Sängers presste
sich auf den lachenden Mund des Prinzen und erstickte den Rest seiner
Antwort. »Narreteien!« Der Bucklige heftete seinen klaren Blick auf den
Ungestümen und drohte scherzhaft mit dem Finger. »Eine Frau«, -- vollendete
er den Satz. »Aber welche nun? Herr Künstler, Eure blonde Jugend weiss in
der Liebe besser Bescheid als meine unreizende Person.«
»Eure Gnaden überfordern mich. Mir war bisher die Liebe nur ein Schmuck und
Spiel, oder ein Gegenstand für meine Singweisen. Ein Künstler, wer er sei,
bedarf der Frauen, denn ihre Nähe macht glücklich und warm, was beides der
Künstler zu seiner Arbeit sein muss.«
Der Prinz schnitt ein drolliges Gesicht. »Freilich! aber nicht die Künstler
allein. Notwendig sind die Frauen auch für die Prinzen, die in
Friedenszeiten an langer Weile leiden.« »Halt an!« rief der Oheim. »Deine
Abenteuer sind uns sattsam bekannt. Mich wundert, wie lange du noch an
langer Weile leiden willst. Wenn die Geschäfte dir widerwärtig sind, warum
treibst du keine Studien und keine ernstliche Kunst? Dein Bruder studiert
in der kargen Zeit, welche er nicht den Staatsgeschäften widmet, die
Geschichte der Malerkunst und die Sammlungen meines Vaters.« Der Prinz
unterbrach ihn heftig. »Mein Bruder! Er arbeitet, weil er geizig ist, und
weil ihn zu regieren lüstet. Mag er studieren, so viel er will, er lernt
doch nur Jahreszahlen und Namen, und sein Kunstverstand ist auf die
Kenntnis der Bilderpreise beschränkt. Wie viel Goldstücke für eine Leinwand
bezahlt werden, ist ihm wichtiger zu wissen als alle Geschichte. Sein
Gehirn ist eine Rechentafel.«
Der Oheim gab keine Antwort und betrachtete mit Sorge die blanke Stirne des
Prinzen, und seine frohen, genusssüchtigen Kusslippen, und die ganze ziere
Gestalt. Er war das Abbild des Königs, in feineren, eleganteren Linien, mit
denselben sorglosen Manieren, aber noch deutlicher mit dem Stempel des
Leichtsinns gezeichnet. Da beide Jünglinge schwiegen, zog der Alte ein
kleines, fein in Leder gebundenes Büchlein hervor und bat den Sänger
vorzulesen, wobei er eine Stelle mit dem Zeigefinger bezeichnete. Die
klingenden Verse eines italienischen Dichters flossen rein vom Munde des
Lesers, dem beruhigenden Gesang eines fallenden Wassers zu vergleichen.
Während der Lesung entwich der Prinz leise seitab, liess einen Schimmel
satteln und that einen übermütigen Ritt nach der Stadt, durch die hastig
ausweichende Menge in schonungslosem Trab sich drängend. Er hatte für den
Abend ein Maskenkleid zu arbeiten gegeben, nun wandelte in der letzten
Stunde die Lust zu einer Änderung ihn an. Nach kurzer Frist ritt er den Weg
zurück, vom scheuen Volk gegrüsst, über welches er hin und wieder einen
Wurf von kleinen Münzen streute.
Der Sänger, nachdem ihn des Königs Bruder dankend und freundlich entlassen,
ging nachdenklich in den Palast zurück. Er wandelte durch Gänge und Säle
bis zu der schmalen Wand eines Kabinettes, wo das gemalte Bild der Königin
in goldenem Rahmen hing. Vor diesem stand er lang. Und da er sich mit
heissen Augen von dem Bildnis wandte, trat eben mit ihren Frauen die
Königin selber durch die Thüre. Er bückte sich tief. Sie fragte nach dem
Prinzen. »Er verliess mich bald nach der Mahlzeit. Befehlet Ihr ihn zu
suchen?«
»Der Wildfang! -- Bemühet Euch nicht. Habt Ihr Lust mir zu dienen, so
bringet Eure Violine her. Ihr Klang ist mir lieb, denn er erinnert mich
meiner fernen Heimat.« Er eilte nach seiner Geige. Sie begehrte das schöne
Spielwerk zu sehen und nahm es in ihre feinen Hände. Ihre Linke umschloss
den schlanken Geigenhals. »Ein gepriesener Meister hat sie gebaut«,
erklärte der Sänger, »und sie vermag mehr als irgend sonst ein ähnliches
Stück. Man sagt, dass der langher verstorbene italienische Meister den Laut
menschlicher Stimme aus ihr zu locken verstand.« Aus ihren Händen nahm er
die Geige zurück und sah mit glänzendem Auge die Spur ihrer Finger, von
einem schmalen Hauchstreif gesäumt leicht und schmal auf die blanke Fläche
gedrückt. Darauf presste er das feste Kinn auf die Wölbung und geigte einen
langen, wachsenden Ton. Der süsse Laut erfüllte das ganze Gemach, und
zitterte, und wurde zur Sprache einer brennenden Sehnsucht. Die Königin
schloss die Augen und wiegte leise das zarte Haupt, auf dem das Auge des
Spielers glühend und beschwörend ruhte.
In dieser Stunde erkannte der Sänger, dass seine neue Liebe kein Spiel und
Schmuck war, sondern ein Ernst und eine Wunde. Er spielte seiner hohen Dame
zu Dank. Sie gab ihm, was sie zuvor noch nie gethan hatte, beim Weggehen
die Hand, die schmale, königliche, und sagte: »Ihr verstehet Eure Kunst!
Ich habe lange nicht so süsse Töne vernommen. Habt Dank!«
* * * * *
Am Abend begann in dem grössten Saal des Schlosses das Maskenfest. Die
Gäste trugen Florlarven und allerlei Gewänder persischer, griechischer,
spanischer und sonst fremdländischer Art, oder Tierfelle, oder die Kostüme
heidnischer Götter. Der Saal war reich geschmückt und von goldenen
Kronleuchtern erhellt.
Der König trug keine Larve und nur ein altertümliches, reichzackiges Diadem
als besonderen Schmuck. Der Kronprinz war in einer dunklen Mönchskutte
leicht zu erkennen. Sein Bruder aber wurde von niemandem erkannt. Er war
mit Wams und Hut eines Lanzknechts bekleidet und nicht der Einzige, der
diese einfache Tracht gewählt hatte. Der Sänger trug einen künstlichen,
schwarzen Bart und die volkstümliche Kleidung der Neapolitaner. Er suchte
die Nähe der Königin, welche die bunte Volkstracht ihrer südlichen Heimat
trug. Ein Gewimmel von Wilden und Bären, von Göttern und Göttinnen, von
Schäfern, Gnomen und Bergknappen erfüllte den grossen Saal.
Der Prinz verliess bald unbemerkt das Fest. Er warf einen schweren Mantel
über und befahl einem vertrauten Diener, ihm zu folgen und ihm nahe zu
bleiben, wohin er ginge. Ihn verdross das steife Volk der Edelleute und ihr
höfisches Geschwätze. Er steckte ein Jagdmesser in den Gürtel, als
handlichste Waffe für jede Not, und verliess den Palast. Der Schlosshof und
die Allee und alle Anlagen bis zur Stadt waren von farbigen Laternen
erleuchtet, und das trunkene Volk lärmte feiertäglich durch die Wege.
Trinkbuden und Tanzplätze waren übervoll, und erhitzte Tänzer und Trinker
lachten, jodelten und stritten miteinander. Der Prinz begab sich mitten in
das Gedränge und hatte bald an jedem Arm ein lachendes Mädchen hängen. Er
tanzte und trank und stand den Scherzworten der Zuschauenden und den
Flüchen der Eifersüchtigen lachend Rede. Die Weiber wurden von den kecken
Manieren und feinen Reden des Unbekannten gelockt, und seine Lippen
brannten bald von vielen Küssen. Da waren Helle, Dunkle, Schlanke, Breite,
Verschämte und Schamlose. Das Auge des Prinzen fand Gefallen am Gewühl der
Tausende, sein verwöhntes Herz ward von dem raschen Takt der rohen Musik
und vom Anblick des masslosen Pöbels erregt und schlug in volleren Wellen.
Indessen lauschte die Gesellschaft des Königs auf die leichten, zarten
Weisen einer auserlesenen Musik und genoss die Lust des galanten maskierten
Spiels. Es wurde wenig getanzt. Die meisten sassen auf niedern
Polstersitzen oder standen und spazierten in kleineren Gesellschaften
umher. Die Königin bewegte sich lebhaft und gesprächig zwischen den
Gruppen. Man erkannte die Blasse, Schweigsame nicht mehr. Sie erinnerte
sich der Feste ihrer Heimat, ihrer Pracht und Freiheit, und nippte häufig
ohne Scheu am Weinkelch. Das leichte Fieber der Festfreude entflammte ihren
sehnsüchtigen Sinn und stachelte ihr unbefriedigtes Herz, und gab ihrer
fremden Schönheit einen neuen, süssen Reiz. Sie versammelte einen Hofstaat
junger Edelleute um sich her, welchen der verkleidete Sänger sich
zugesellte. »Siehe da, ein Landsmann!« rief sie ihm zu. »Mir ist, ich wär'
Euch schon am Posilippo begegnet.« Der Sänger grüsste mit einem blitzenden
Blicke. »Ich kannte Euch wohl!« antwortete er. »Solche Blumen wachsen
hierlands nicht. Ich grüsse Euch vom Golf, Herrin, als der Abgesandte Eurer
Heimat.«
»Meinen Dank, Landsmann! Wem aber habt Ihr Euern Schatz zu hüten gegeben,
da Ihr so weite Reisen wagtet?«
»Ich habe keinen. Mein Auge ging müssig, seit mein Stern mich verliess, und
ich reiste, ihn zu suchen. Mich freut, ihn so glänzend zu finden.«
»Ich sehe wohl, Guter, man versteht in Neapel noch wie vordem zu
schmeicheln.«
»Schmeicheln, Herrin? Wir sind nur gewohnt, der Wahrheit weniger rauhe
Gewänder anzulegen, als in Nordland Sitte ist.«
Die Königin reichte dem Höflichen einen vollen Becher. »Dies nehmt als
Willkomm! Er wuchs am Vesuv.« Damen mischten sich unter den Kreis der
Königin, so dass dieser sich bald in plaudernde Paare und Doppelpaare
teilte. Der Sänger aber blieb der Königin nahe und umgab ihre Sinne mit dem
Netz seines flüssigen, süssen Geplauders. Er sah ihren roten Mund in
häufigem Lachen glänzend, und sah ihre schneeweissen Zähne, und das sacht
gerundete, reine Kinn, und glänzende Augen hinter der seidenen Larve.
Zuweilen sah er hinter ihr den allein umherwandelnden Kronprinzen einen
Augenblick stille stehen mit widerlichem, horchendem Kopfdrehen. Dieser
erkannte den Sänger nicht und wunderte sich über die verwandelte Laune der
Stiefmutter. Einmal, da sein Schatten ihr wieder über die Schulter
hereinfiel, wandte sie sich rasch und unmutig zu dem Sänger. »Sagt mir
doch, Landsmann, was sucht der Mönch unter den Fröhlichen?«