hebt sich und wächst und beginnt hell zu leuchten, und löst sich schwebend
als voller Mond vom Walde los. Von unserem Sitze anhebend verbreitet sein
Licht sich langsam über den See, bis die runde Wasserfläche ohne Schatten
in reinem, tiefem Lichte schwimmt, unbewegt, wie ein unendlicher Spiegel.
Mit unvermindertem Glanze blickt der silberne Mond aus der unergründlichen
Tiefe.
Der Wächter ruht mit unverwandtem Blick auf dem langsamen Wandel des
Spiegelmonds. Sein Gesicht ist traurig, und ich fühle wohl, dass er mit mir
reden möchte. Ich frage ihn, und ich dämpfe schnell meine Stimme zum
Flüsterton, erschrocken über ihr Hallen in dem einsamen Waldrunde. Ich
frage ihn: »Du bist traurig. Woran denkst du?«
Er wendet nicht den Blick, aber er senkt ein wenig das weisse Haupt und
seufzt. Und sagt: »Vor tausend Jahren sass ich hier auf dieser
Thürschwelle, und blickte über den nächtigen See. Dort aber, in der Mitte
des Wassers, wo jetzt der Mond sich abmalt, schwamm ein Totenkahn und
brannte steilauf in lohroten Flammen. Der ganze See war rot vom Widerschein
des brennenden Nachens. Und der darin lag, war mein letzter König.«
Der Greis bedeckt sein Haupt mit dem Gewand. Nach einer Weile enthüllt er
sich und hat noch Tropfen im Bart. Er erzählt: »Wenige Zeit danach stiess
ich den letzten Leichenkahn von dieser Treppe brennend hinaus. Lag eine
übermenschlich schöne, schneeblasse Dame in purpurnen Prachtkleidern darin.
Meine letzte Königin.« Der Cederwald rauscht tieftönig auf. Aus dem
bodenlosen Wasser blickt traurig der runde Mond. »Diese hab' ich geliebt«.
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»Seit allen vielen Jahren bewahrte ich das Schloss, und sass stille Abende
lang auf meiner Treppe. Aber du weisst dies ja wohl, denn du hast mich ja
mit Namen gerufen und bist der Einzige, der diese Zuflucht seit tausend
Jahren betreten hat. Du hast ja auch die Schlüssel Ihrer Gemächer! Willst
du eintreten?«
Wir schliessen hinter uns das Thor. Der Wächter nimmt die Fackel vom Ring
und leuchtet mir die Treppen hinan. Ihr heimatliche, tausendjährige
Treppen! Ihr bronzene Zierleuchter! Ihr Fliesengänge, in denen das Echo
königlicher Schritte erwacht, wenn ich darüber trete! An der letzten Thüre
bleibt der Wächter stehen, und bückt sich tief, und lässt mich allein. Ich
trete in das alte Zimmer, ich spüre den Gruss der vergangenen Zeiten,
denselben, den ich schon als ein scheuer Knabe vor vielen Jahren hier
verspürte. Gemach unserer letzten Königin! Scharlachene Teppiche,
löwenköpfige hohe Sessel, goldnes und edelsteinenes Frauenspielwerk. Ein
heidnischer Gott, eine Kriegsbeute, steht mitten im Gemach, hat ein
goldenes Stirnband umgelegt und die kleine Harfe der Königin im Arme
hängen. Das ist die Harfe, welche Nächte lang mit langen Klagtönen den See
und die stillen Schwäne bezauberte! Das ist die Harfe, die den Gesang des
blonden Mitternachtsbuhlen begleitete!
Der rauschte in verwölkten Sturmnächten nass und blank aus dem zitternden
See und trat durch die schlafenden Knechte, und kosete im dunklen
scharlachenen Zimmer mit der Liebeskönigin. Der stiess das lange
Schlangenschwert durch die fröhliche Brust des letzten Königs. Der küsste
in einer brausenden Gewitternacht den Tod auf den roten, liebekundigen Mund
der Königin.
Die ebenholzene Harfe hängt im Arm des stillen Gottes. Ich betrachte lang
ihre schlanke, fremde Form mit dem perlgezähnten, smaragdäugigen
Drachenkopf, und die feinen Saiten, und atme die unermesslichen Schicksale
und Leidenschaften einer vergangen unvergänglichen, übermächtigen Zeit.
Das Fenster ist unverhängt; ich lege mich in das Gesimse. Treppe und See
liegt unter mir. Der Wächter sitzt traurig auf seiner Stufe und sättigt
sein Auge an der Seetiefe und bewahrt in seiner Eisenbrust das brandende
Meer seiner unsterblichen Liebe. Wächter, See und Wald seit tausend Jahren
ohne Tod und Zeit, zauberversunken, im Ring wachhaltender Jahrhunderte und
darüber, ohne Tod und Zeit, der volle ruhige Mond. Jeder Atemzug ein Trunk
aus dem unerschöpflichen Becher der Ewigkeit, jeder Herzschlag eine stille
ungezählte Welle im Meer des Schweigens!
Nahe erscheint auf dem Wasser, wie ein leuchtender Streif, eine weisse
Helle. Bleibt stehen, schlägt mit Flügeln und ist ein grosser Schwan. Der
Schwan rudert langsam fort. Fort und weit in den See hinein. Dort hält er
an, ist kaum noch sichtbar, hebt sich wund und stolz, und sinkt in Grund.
Ein süsser, wunder Ton kreist über Schloss und See, und ich weiss nicht,
ist es ein Schwanenlied oder ein erwachter Ton der schwarzen Liebesharfe.
Der Wächter aber ist aufgestanden und blickt mit erhobenem Haupt entrückt
und selig dem weissen Wunder nach, breitet beide Arme aus und steht noch
lang, den süssen Ton im Ohr. Auch ich; und mich kühlt eine selig wohllaute
Stille bis ins Herz.
Der Wächter fragt mit einem Blick herauf. Ich nicke zu, verschliesse das
Gemach der Königin und steige die breite Treppe nieder. Das Boot ist schon
gelöst. Ich steige ein, und der Greis taucht das lautlose Ruder tief in die
schwarze Flut.
Der Traum vom Ährenfeld.
Einmal hab' ich Dich schon geträumt, mein Traum vom Ährenfeld! Überflute
mich wieder mit deinem rot und goldenen Leuchten! Tritt wieder über die
Schwelle meiner Nacht und sei wieder der Vorbote eines neuen Glückes!
Siehe, er tritt hervor, aus dem verschlossenen Garten meiner Frühe, dessen
Luft voll Silbers und dessen Schatten voll Zukunft ist. Ich meine das
Rauschen seiner Bäume zu vernehmen und den Geruch seiner Wiesen zu spüren;
mein Heimweh sättigt sich an seiner Fülle, mein Auge verwandelt sich und
ruht ungebrochenen Blicks auf den Frühlingen meiner frühesten Jugend. Der
Traum wird mächtig und breitet ein gelbes Ährenfeld vor mir in sonnenheller
Weite aus.
Ein Ährenfeld in heller Sonne! Eine Flut gelbroter Farben, eine Fülle
stetigen Lichtes, in der Tiefe rötlich verklärt, an den Rändern von
Glanzwellen und rastlosen Wechselfarben lebendig! Ein endloser Anblick voll
Ruhe und Genügen, ein Born des Glückes und der Schönheit, ein angehäufter
Schatz alles Dessen, was urprächtig, unberührt, in sich beschlossen, und
unwiederbringlich ist. Dieses alles senkt sich in mein Herz, findet alle
leeren Kammern, füllt und füllt und fliesst über wie ein Strom aus einem
tiefen See.
Wie vermöchte ich zu sagen, was mein kindgewordenes Herz nun erfüllt, was
mein Blut so milde erwärmt und mein Auge so offen, still und glänzend
macht! Erfüllt und eins mit dem Licht der Sonne und des stillen Feldes
kehrt mir Auge und Herz unter die Brüder meiner Kindheit zurück, zu dem
wogenden Feld, zu dem reinen Himmel, zu den geschwisterlichen Bäumen,
Bächen und Winden.
Ich grüsse euch, Brüder und Schwestern! Verzeihet, was in der Fremde
geschehen ist! Ich war lange Zeit krank, mein Ohr und Auge reichte nimmer
zu euch, mein innerster Grund war mir fremd geworden. Das in mir, was von
Ewigkeit und Muttergeschenk ist, war in Ketten gelegt, sein schweres Atmen
reichte nur in den stillsten Mitternächten noch zu mir herauf. Nun atmet es
befreit, und atmet mit meiner Brust, und erschliesst alles in mir der
entschleierten Gegenwart.
Du leuchtendes Ährenfeld! Tränkst du mein Auge mit deiner ruhigen Klarheit,
oder ist es das Licht meines Glückes, das aus meinem Auge überquellend dich
glänzen macht und die Sonne entzündet? Reich und nehmend, bedürftig und
austeilend, zweieins, süsser Kern eines ewigen Rätsels, so ist meine Liebe
und deine. Wie bin ich befreit von allen Massen und Mittelpunkten! Wo ist
noch Anfang oder Ende, wo ist noch Wille und Ziel, oder Ursprung und
Brücke?
Du leuchtendes Ährenfeld, bist du nicht ein Bild meiner befreiten Seele? Du
und ich, beide in flutender Helle, beide reich an Unaussprechlichem, beide
einander beschenkend, und beide sich neigend unter einer süssen Last?
Hergestellt von W. Drugulin in Leipzig im Juni des Jahres 1899.
Anmerkungen zur Transkription
Offensichtliche Fehler wurden unter Verwendung späterer Ausgaben korrigiert.
End of Project Gutenberg's Eine Stunde hinter Mitternacht, by Hermann Hesse