Vier Wochen nach Ferdinands Beförderung erlangte der Obereinfahrer
die väterliche Einwilligung in seine Heirath, und nun wurde seine
Verlobung öffentlich bekannt gemacht. Schicklicherweise konnte
Brunhild nun nicht länger in der Pension bleiben, sondern mußte bis
zu ihrer Vermählung im Vaterhause wohnen. Da war jetzt alle Sorge
auf Vollendung der bräutlichen Ausstattung und Vorbereitung zu einer
würdigen Hochzeitsfeier gerichtet. Mit bangem Herzklopfen sah Hedwig,
der jetzt die ganze Hauswirthschaft zufiel, das Herbeischleppen all der
kostbaren Gegenstände, welche der eitlen Mutter zur Ausstattung der
künftigen Baronin unerläßlich schienen, mit Kopfschütteln und Murren
beobachtete der Großvater das Treiben; zumal als der Erbschaftsproceß,
auf den seine Schwiegertochter pochte, kein Ende nehmen wollte, und
der Schichtmeister selbst anfing, eine sehr besorgte Miene zu zeigen.
Da jetzt der Obereinfahrer öfters auf dem Vater Abraham einsprach,
um seine Braut zu sehen, so wachte die Schichtmeisterin strenger
als je darüber, daß Ferdinand sich ihrem Familienkreise fernhielt.
Doch fand sich bei ihren häufigen Stadtbesuchen und Brunhild's
freundlicher Gesinnung für die Liebenden Gelegenheit genug, sich zu
sehen und gegenseitig zu ermuthigen. Ferdinand ging jeden Tag mit
frischer Hoffnungsfreudigkeit an sein schweres Tagewerk; er war seinen
Untergebenen, von denen nur der bei der Steigerwahl durchgefallene
Meier ihm mit Mißmuth gehorchte, ein Vorbild an Fleiß und Pünktlichkeit
im Dienst und sah streng auf die Pflichterfüllung jedes Einzelnen. Aber
er sorgte auch für die Verbesserung ihrer Lage. Die Anbrüche hielten
aus, und ehe drei Monate um waren, erfuhr er durch seinen Gönner
Mickley, daß die letzte Erzlieferung von der Schmelz-Administration
doppelt so hoch bezahlt worden sei, als jede frühere Lieferung von
gleichem Gewicht. Mußte Ferdinand, der keine so auffallende Veredlung
des Ganzen wahrgenommen hatte, dies Ergebniß Wunder nehmen, so
äußerte er doch nichts hierüber, vielmehr ergriff er diese Gelegenheit
sogleich, um für seine Häuer eine Lohnaufbesserung zu beantragen.
»Na,« sagte der Gelbgießer; »ich werde die Sache dem Ausschuß vorlegen.
Es ist schön von Ihm, daß Er Seiner armen Kameraden gedenkt und für
sich nichts begehrt. Wenn der Vater Abraham so höflich bleibt wie
jetzt, so glaub' ich, die Gewerkschaft wird sich billig finden lassen.
Ich werde mich gewiß dafür verwenden. Aber jetzt muß ich Ihm was
zeigen.« Er holte aus einem Wandschrank eine Erzstufe. »Woher glaubt Er
wohl, daß diese Stufe ist?« fragte er.
Ferdinand nahm sie, wog und betrachtete sie genau. »Soll sie aus dem
hiesigen Revier sein?« fragte er nach einer Weile. Der Gelbgießer
bejahete, und der junge Metallurg begann seine Prüfung von Neuem.
Endlich sagte er: »Die Gangart ist ganz die unsrige, und ich glaube
nicht, daß im hiesigen Revier noch irgendwo Weißgiltigerz mit
gediegenem Silber zugleich so in den Quarz einbricht, wie auf dem Vater
Abraham. Ich kenne hier herum wohl jedes Gestein, wo man auf Silber
baut, aber nirgends sonst hab' ich dergleichen gesehen, wie dieses
ist.«
»Hm!« sagte der Gelbgießer, »ich dachte mir's auch -- aber ich traute
doch meinen Augen nicht ganz. Nun will ich Ihm auch sagen, wie ich zu
der Stufe gekommen bin. Der Goldschmied Reichel hat seinen Lehrjungen
mißhandelt, daß er ihm davongelaufen ist. Da er nicht wieder zu ihm und
lieber Gelbgießer werden wollte, so bat mich sein Vater, es mit ihm
zu versuchen. Nun, es scheint ein anstelliger Junge zu sein; deshalb
brauchte ich ihn bei der neuen Einrichtung meines Stufen-Cabinets
nach dem Breithaupt'schen System. Da sagte er, er hätte auch ein paar
Stufen zu Hause, ob ich sie haben wolle. Nun, ich bin ein Liebhaber
von dem Zeug und hieß ihn danach gehen. Da brachte er mir die schöne
Silberstufe da, aber nur diese, die andere hatten seine Geschwister
verschleppt. »Aber, Junge!« rief ich erstaunt, »wo hast Du die
prächtige Stufe her?« Ganz unbefangen gab er zur Antwort, er habe
sie beim Kartoffelabkeimen für seine Meisterin im Keller unter den
Kartoffeln gefunden, und weil es gerade Weihnachten gewesen, wo bei
seinen Eltern das Bergwerk für die Kinder aufgebaut worden, da habe er
beide Stufen mit hingenommen und in das Bergwerk gethan. Was sagt Er
dazu?«
»Ich weiß nicht, was ich denken soll,« sagte Ferdinand, »wie können die
Stufen vom Vater Abraham in den Keller des Goldschmieds gekommen sein,
der nicht einmal zu den Gewerken gehört?« Bei sich mußte er wohl an die
Anspielung des alten Hutmanns auf ein Verbrechen des Steigers Meier
denken; aber er wagte nicht, den Gedanken laut werden zu lassen.
Der Gelbgießer sah dem jungen Mann forschend ins Gesicht, doch nicht
mißtrauisch, denn dieses Gesicht war ihm ein treuer Spiegel des
fleckenlosesten Gemüthes. »Ich will Ihm was sagen, Steiger,« nahm
Mickley endlich das Wort, »dem Goldschmied hab' ich nie getraut, er
ist ein Wucherer, und wer einmal Wucher treibt, der ist auch zu andern
Schlechtigkeiten fähig! Wer nur einmal in seinem Kartoffelkeller
nachgraben könnte, der fände vielleicht noch mehr Erz vom Vater
Abraham.«
»Wenn er es nicht bei guter Zeit fortgeschafft hat,« fiel Ferdinand
ein. »Aber Sie haben Recht, wo die zwei Stufen gelegen, da können
auch noch mehr gelegen haben. Nur ist es mir ein Räthsel, wie sie
hingekommen.«
»Weiß Er noch, wie ich Ihn vor einem Vierteljahr fragte, wie hoch
Er das gelieferte Erz schätze, und wie wenig die Ausbeute Seiner
Schätzung entsprach? Junger Freund,« fuhr er seine Hand fassend fort,
»wir sind jetzt unter uns, und was wir reden, bleibt unter uns: ist
Ihm denn noch nicht der übermäßige Aufwand unseres Schichtmeisters
aufgefallen?«
»Seiner Frau, wollen Sie sagen,« versetzte Ferdinand, »denn der
Schichtmeister selbst ist ein schlichter Mann, nur leider zu gut gegen
seine Frau. Allerdings ist das für einen Schichtmeister eine sehr
theure Ehehälfte.«
»Zumal jetzt,« fiel der Gelbgießer ein, »wo sie Schwiegermutter eines
Barons wird. Es ist ja übertrieben, was die Frau zusammenkauft --
borgt, wollt' ich sagen; aber später oder früher muß es doch einmal
bezahlt werden. Wovon aber? he? etwa von dem da?« Er deutete auf die
Stufe.
Ferdinand erschrak -- »Herr Mickley!« rief er, -- »Sie thun unserm
Schichtmeister Unrecht.«
»Ich sage nicht, daß er schon auf solche Art gezahlt hat, aber es
kann dazu kommen; Schulden und Schuld und Schuft -- es ist nur ein
Unterschied von wenig Buchstaben, gewöhnlich geht's vom ersten zum
letzten.«
»Aber nicht Jeder, der Schulden hat, ist oder wird ein Schuft.«
»Das sag' ich ja nicht, ich habe selbst einen Schuldner, einen Poeten,
der hier die Schule besuchte; ein strebsamer, offener Kopf, aber armer
Teufel, der hinter dem Webstuhl verkommen wäre, hätte er keine Schulden
machen wollen. Nun, er hat als Student und Poet mehr Schulden machen
müssen, als ich zu bezahlen haben möchte; aber er ist darum doch eine
grundehrliche Haut und wird's auch bleiben, denn bei allem hohen Geist
hat er ein demüthiges Herz. Aber wo Schulden eine Frucht der Hoffart
und des Uebermuthes sind, da hat der Teufel sein Spiel.«
»Für den Schichtmeister bin ich gut,« sagte Ferdinand warm, »und
was die Frau betrifft, so hab' ich helle Augen, und wäre ich auch
blind, so würde kein Häuer, kein Hundejunge ihr zu einem Unterschleif
behülflich sein, drehte es sich auch nur um eine Bleiglanzstufe wie ein
Daumenglied groß.«
»Nun, ich will Ihm glauben,« sagte der Gelbgießer, -- »eine sonderbare
Sache bleibt es mit der Stufe, -- aber es läßt sich vor der Hand nichts
damit machen. Ein Glück, daß wir jetzt einen tüchtigen Steiger haben,
-- der alte, -- na, man soll die Todten ruhen lassen. -- Seh' Er nur
wacker zum Rechten, -- es wird Sein Schade nicht sein. Da fällt mir
noch etwas ein. Neulich wurde im Ausschuß die Frage aufgeworfen, ob
es nicht gut wäre, den alten Schacht wieder einmal zu untersuchen, es
könnten die bösen Wetter wohl gewichen sein. Vor Jahren wurde schon
einmal ein Gutachten darüber von unserm Schichtmeister verlangt.
Der fand den Versuch nur unter der Bedingung möglich, daß wir einen
neuen Stollen zur Wetterlosung vom Höllengrund aus treiben ließen.
Das war und blieb uns ein zu kostspieliges Unternehmen. Jetzt wollen
wir den Schichtmeister geradezu mit der Untersuchung beauftragen,
weil wir glauben, bei gehöriger Vorsicht sei die Sache nicht
nothwendig lebensgefährlich. Einen gemeinen Bergmann hinabzulassen,
wie es vor Zeiten geschehen, das würde wenig nützen. Gesetzt aber,
der Schichtmeister lehnte den Auftrag ab, was dem Vater einer so
zahlreichen Familie Niemand verdenken könnte, hätte Er wohl den Muth,
das Wagstück zu unternehmen?«
»Wenn mir's befohlen wird, -- ja!« erklärte Ferdinand fest, »aus bloßem
Vorwitz wär' es wohl strafbar, aber bei Erfüllung einer Pflicht giebt
man sich in Gottes Hand. Da muß ja jeder Bergmann täglich sein Leben
wagen!«
»Er ist ein echtes Bergmannsblut!« rief der Gelbgießer. »Nun weiß Er
was, ich hab' mir ein Plänchen erdacht. Wird der alte Schacht wieder
gangbar, so müssen wir doch dort neue Bergleute anlegen und mehr als
am neuen. Da reicht nun ein Schichtmeister mit einem Grubensteiger und
Hutmann nicht aus, und wenn wir schon dem Frenzel die Leitung beider
Gruben als Schichtmeister lassen, so brauchen wir doch noch ein paar
Grubensteiger für den oberen Schacht und für beide Schächte einen
tüchtigen Obersteiger. Und der wird Er und kein Anderer. Dann denk'
ich, soll Er auch Sein Mädchen bekommen.«
Ferdinand drückte dem Redner freudig die Hand. »Wenn über mich befohlen
wird,« sagte er, »so gehorche ich. Aber den Schichtmeister übergehen
Sie nicht! Und wenn er das Wagstück auf sich nimmt, so wollen die
Herren Gewerken hübsch an seine Familie denken.«
»Daran soll's nicht fehlen,« sagte Mickley und Ferdinand nahm Abschied.
Ferdinand hatte in der einzigen Buchhandlung des Ortes ein Buch über
Naturlehre bestellt und wollte sehen, ob es angekommen sei. Er mußte
da an dem Hause des Goldschmieds vorbei und begegnete vor der Thür
desselben dem Schichtmeister mit ganz verstörtem Gesicht. Er konnte
sich nicht helfen, er trat mit einem Glückauf auf ihn zu und fragte, ob
ihm etwas fehle. Der Gefragte starrte ihn an, -- nach einer Weile sagte
er: »Was soll mir fehlen? Ich suche meine Frau, -- hat Er sie gesehen?«
Da Ferdinand verneinte, so ließ ihn der Schichtmeister stehen und eilte
in die nächste Seitengasse. Ferdinand sah ihm bedenklich und beklommen
nach. Schon seit längerer Zeit war ihm eine zunehmende Abmagerung und
Verdüsterung des sonst so vollen und freundlichen Gesichtes seines
Vorgesetzten aufgefallen, und er und Hedwig hatten darüber oft ihre
Besorgnisse getauscht; aber so verstört war ihm dieses Gesicht nie
erschienen. Mit trüben Gedanken ging er in den nahen Buchladen; hier
eingetreten, fand er sich dem Obereinfahrer und -- dem Doctor Meier
gegenüber. Ferdinand bot dem Ersteren seinen bergmännischen Gruß und
fragte dann nach seinem Buch. Es war nicht angekommen.
»Wollen Sie das Buch für sich?« fragte der Baron, und als Ferdinand
bejahete, sagte er: »Dann können Sie sich die Ausgabe ersparen;
vielleicht ist das Buch noch gar nicht verschrieben, oder man macht
die Bestellung rückgängig. Ich habe eine sehr gute Physik zum
Selbstunterricht, -- irre ich nicht, so sind Sie der neue Steiger auf
dem Vater Abraham, den ich mit geprüft habe, kommen Sie mit zu mir, ich
schenke Ihnen das Buch.«
Ferdinand war ganz überrascht von dieser Güte. Bis jetzt war der Herr
nur immer an ihm vorübergegangen, ohne von ihm weiter Notiz zu nehmen,
und nun kam er ihm auf einmal mit einem so freundlichen und werthvollen
Geschenk entgegen. Hatte vielleicht Brunhild ihre Furcht vor der Mutter
und ihre Schüchternheit vor dem vornehmen Bräutigam so weit überwunden,
daß sie ihm von Hedwigs Liebe zu Ferdinand geplaudert? Während dieser
hierüber nachsann, sagte der Obereinfahrer zu dem Doctor: »Es bleibt
dabei, Robert: Du wohnst die wenigen Tage Deines Hierbleibens bei
mir. Willst Du jetzt Deine Mutter begrüßen, was nicht mehr als billig
ist, so geh' und komm' zurück, wann es Dir beliebt!« Dann ging er
mit Ferdinand fort. Düster blickte diesem der Doctor nach und machte
sich dann langsam ebenfalls auf den Weg. Auf dem Markte begegnete er
der Schichtmeisterin mit ihrer zweiten Tochter. »Ei! da ist ja der
Herr Doctor wieder!« rief ihm die Frau entgegen. Nach gewechselter
Begrüßung fragte sie: »Wie geht's auf Hallbach? Was machen die gnädigen
Herrschaften?«
»O, die sind ~in dulci jubilo~, weil ich den Papa gichtfrei aus
Kissingen zurückgebracht habe. Sie senden die herzlichsten Grüße an
die Braut ihres lieben Sohnes und ihr ganzes Haus, aber der gnädige
Herr will nun auch die künftige Schwiegertochter sehen. Ich komme als
außerordentlicher Botschafter, um sie mit ihrer Frau Mama und dem
Bräutigam abzuholen!«
»O welche Ehre! die treffliche Herrschaft!« rief die Schichtmeisterin;
»Klotilde, da gilt es, schnell etwas Garderobe in Stand zu setzen!«
dann stellte sie noch manche Frage eitler Neugier, die der Doctor zur
größten Befriedigung beantwortete. »Aber was hab' ich hören müssen?«
sagte er darauf, -- »der Mensch, -- wie heißt er doch! -- nun, der
früher Ihr Schwiegersohn werden wollte, der ist ja Steiger auf dem
Vater Abraham geworden!«
»Das erfahren Sie jetzt erst?« versetzte die Schichtmeisterin,
»freilich ist er's geworden, so sehr ich dagegen gekämpft, er hat sich
die Gunst der Gewerke erschlichen und schon auf den Tod Ihres Vaters
gelauert.«
»Das scheint mir selbst so,« sagte der Doctor, »und nun ist er Ihnen
ein Stück näher gerückt; ich meine in Betreff seiner Heirathsabsichten.«
»Das mag er sich einbilden, aber daß er sich täuscht, dafür bin ich da!«
»Er scheint aber ein Fuchs zu sein, hat er doch auch schon den Baron
für sich eingenommen. Der hat ihn jetzt freundlich zu sich eingeladen,
um ihm ein Buch zu schenken. Wenn der Mensch da nur nicht von seiner
Liebschaft plaudert!«
»Das wäre ja gräßlich! Was meinen Sie, da wäre der Baron wohl im
Stande, die Verlobung rückgängig zu machen?«
»Das schon nicht,« erwiederte der Doctor lächelnd der erschrockenen
Frau, »dazu liebt er die Brunhild zu innig; ja ich glaube, er
könnte mit seinem guten Herzen wohl der Fürsprecher des Schleichers
werden, aber auch dadurch sein eigenes Glück gefährden. Ich weiß,
was es bedurft hat, den alten Herrn für die Verbindung mit einer so
anständigen Familie, wie die Ihrige ist, zu gewinnen. Hätte ich nicht
meine eigene Angelegenheit vor ihm einstweilen in den Hintergrund
treten lassen, so weiß ich nicht, ob Sie so bald Hochzeit halten
würden, als es nun der Fall sein wird.«
»O, Sie guter, lieber Herr Doctor!« sagte die Frau, seinen Arm
drückend, »wie dankbar müssen wir Ihnen sein! Aber verlassen Sie sich
auch darauf, daß wir Ihren Empfehlungen keine Schande machen werden.
Lassen Sie nur erst die Hochzeit vorbei sein, dann muß das Frauenzimmer
zu fernen Verwandten. Jetzt bei dem Drasch, den wir haben, kann ich sie
nicht entbehren.«
Leise flüsterte der Doctor ihr zu: »Lassen Sie das Mädchen lieber da,
vielleicht findet sich ein Mittel, den Steiger unschädlich zu machen
-- wir sprechen weiter darüber -- auf Wiedersehen!« Damit trennten sie
sich.
Die Schichtmeisterin begab sich jetzt nach der Pension ihrer Kinder,
wo sie ihrem Manne das Rendezvous gegeben, das sie aber um eine Stunde
versäumt hatte. Er hatte, wie wir gesehen, sie inzwischen gesucht, war
aber zuletzt wieder an den verabredeten Ort gegangen und traf, abermals
zum Suchen ausgehend, sie unter der Thür.
»Endlich!« rief er, »Du bist aber doch auch gar zu sorglos, Frau!«
»Sorglos? Ich?« rief sie erstaunt. -- »Nun bitt' ich einen Menschen, zu
entscheiden, wer mehr sorgt und schafft in dieser Zeit wie ich!«
»Geh hinauf, Klotilde,« sagte der Schichtmeister, »ich muß mit Deiner
Mutter noch einen Weg gehen.«
Klotilde gehorchte, und der Schichtmeister nahm den Arm seiner Frau,
blieb aber in der Hausflur stehen und sagte: »Weißt Du auch, daß wir
verloren sind? Morgen ist der Wechsel fällig, und die Post ist wieder
angekommen, ohne eine Entscheidung Deiner Angelegenheit, geschweige gar
Geld zu bringen!«
»Nun, der Goldschmied wird wohl prolongiren,« sagte sie.
»Nicht eine Stunde. -- Ich war bei ihm, bat ihn, fiel ihm bald zu
Füßen, -- umsonst: er erklärte, er könne nicht anders, er habe in
jüngster Zeit solche Ohrfeigen von unsicheren Schuldnern bekommen, daß
er nicht mehr schonen könne. Wenn der Wechsel morgen nicht gedeckt
wäre, müsse er nach Wechselrecht verfahren.«
»Um des Himmels willen!« rief die Frau, die Hände zusammenschlagend;
»was wird da aus meinen Kindern? was aus Brunhild? Dich setzen lassen,
-- Herr des Himmels! das wäre ja ein Schlag, der alle Hoffnungen
vernichtete! Komm, Mann! ich will selbst mit zum Goldschmied gehen, --
er muß noch warten, ich will ihm meine Erbschaft verpfänden, -- komm!«
Sie gingen zu dem Wucherer. Er empfing sie mit triumphirender Miene und
führte sie in sein Zimmer. »Ist vielleicht die Erbschaft angelangt?«
sagte er, »das wäre mir höchst erwünscht.«
Die Schichtmeisterin berichtigte seinen vermeintlichen Irrthum und
brachte ihren Vorschlag an.
»Es thut mir leid, verehrte Frau,« entgegnete der Goldschmied, »darauf
kann ich mich nicht einlassen. Ich bin schon zu sehr geprellt worden,
-- verzeihen Sie, -- aber in Geldsachen keine Freundschaft! -- bis
morgen Abend um fünf hab' ich mein Geld, oder der Herr Schichtmeister
sitzt im Stockhaus. Ich kann's nicht ändern.«
»Aber Mann! Sie werden doch kein solcher Tyrann sein?« rief die
Schichtmeisterin. -- »Sie werden uns doch nicht unglücklich machen
wollen? Denken Sie doch an meine Kinder, meine armen, unschuldigen
Kinder, -- meine Brunhild, die dieser Schlag auf der Stelle tödtete!«
»Die Kinder, -- hm, -- die Kinder,« sagte der Wucherer im Tone des
Mitleidens, -- »um ihretwillen könnte man schon ein Uebriges thun.« --
»O Sie Guter!« rief die Frau, dem Manne fast um den Hals fallend, und
der Schichtmeister sagte: »Ja, Herr Reichel, um meiner Kinder willen
lassen Sie Billigkeit walten. -- Nur noch kurze Zeit Geduld, und Sie
sollen mit gutem Zins bezahlt werden.«
»Die Zeiten sind schlecht, sehr schlecht,« sagte der Wucherer, eine
Thräne im Auge, -- »aber Ihre Fräulein Tochter ist ein herrliches
Geschöpf, -- ja, die Natur hat sie sichtlich zu etwas Hohem bestimmt;
es wäre jammerschade, wenn sie an der Schwelle ihres Glückes ins
tiefste Elend geschleudert würde.« --
Die Schichtmeisterin schluchzte laut auf, dem Schichtmeister blutete
das Herz.
»Ich will Ihnen etwas sagen,« fuhr der Goldschmied fort, »borgen kann
ich nicht länger, aber aus Erbarmen mit Ihrer lieben Fräulein Tochter
will ich -- könnte ich -- nun, man ist auch ein Mensch -- ich könnte --
für Sie freilich ist es ein Leichtes, ich riskire doppelt und dreifach
dabei, aber was thut man nicht aus christlicher Liebe! -- ich könnte
mich allenfalls zur Annahme von Waare an Zahlungsstatt verstehen.«
»Waare?« rief die Frau; »was für Waare sollen wir Ihnen denn bringen?
Ich habe unbeschränkten Credit bei den Schnitt- und Modehändlern.«
»Sie verstehen mich nicht,« sagte der Goldschmied lächelnd, »ich kann
doch keinen Schnittladen etabliren! Ich meine: der Herr Schichtmeister
soll mir von seiner Waare liefern.«
»Von meiner Waare?« rief der Schichtmeister zusammenfahrend, »was hab'
ich denn für Waare?«
»Ich glaube, die Frau Schichtmeisterin versteht mich nun, ich kann mich
nur auf Waare einlassen, die in mein Fach schlägt, denken Sie, ich wäre
der Schuster und Sie der Gerber, liefern Sie dem Schuster Leder!«
Der Schichtmeister sah starr zur Erde. Der Wucherer wechselte mit der
Frau einen Blick der Verständigung.
»Ich sehe, Sie sind unentschlossen,« sagte er dann zu dem
Schichtmeister, »und Unentschlossenheit steckt an, ich finde doch, es
sei gut, daß ich mir die Sache selbst erst noch überlege. Was Ihnen
bedenklich scheint, muß es mir doppelt sein. Gut! ich will aus warmem
Antheil an Ihrem Familienglück den Wechsel um acht Tage prolongiren,
bis dahin wollen wir uns den Handel überlegen, aber ich schwöre, daß
ich länger keinen Augenblick warten kann.«
Wie Verhungernde ein Brodkrümchen, ergriffen die beiden Gatten die
dargebotene Frist. Sie schmeichelten sich mit der Hoffnung, daß
inzwischen der Erbschaftsstreit sich entscheiden und sie in den Besitz
der nöthigen Zahlungsmittel bringen müsse. So gingen sie heim.