VI.

Vier Wochen nach Ferdinands Beförderung erlangte der Obereinfahrer

die väterliche Einwilligung in seine Heirath, und nun wurde seine

Verlobung öffentlich bekannt gemacht. Schicklicherweise konnte

Brunhild nun nicht länger in der Pension bleiben, sondern mußte bis

zu ihrer Vermählung im Vaterhause wohnen. Da war jetzt alle Sorge

auf Vollendung der bräutlichen Ausstattung und Vorbereitung zu einer

würdigen Hochzeitsfeier gerichtet. Mit bangem Herzklopfen sah Hedwig,

der jetzt die ganze Hauswirthschaft zufiel, das Herbeischleppen all der

kostbaren Gegenstände, welche der eitlen Mutter zur Ausstattung der

künftigen Baronin unerläßlich schienen, mit Kopfschütteln und Murren

beobachtete der Großvater das Treiben; zumal als der Erbschaftsproceß,

auf den seine Schwiegertochter pochte, kein Ende nehmen wollte, und

der Schichtmeister selbst anfing, eine sehr besorgte Miene zu zeigen.

Da jetzt der Obereinfahrer öfters auf dem Vater Abraham einsprach,

um seine Braut zu sehen, so wachte die Schichtmeisterin strenger

als je darüber, daß Ferdinand sich ihrem Familienkreise fernhielt.

Doch fand sich bei ihren häufigen Stadtbesuchen und Brunhild's

freundlicher Gesinnung für die Liebenden Gelegenheit genug, sich zu

sehen und gegenseitig zu ermuthigen. Ferdinand ging jeden Tag mit

frischer Hoffnungsfreudigkeit an sein schweres Tagewerk; er war seinen

Untergebenen, von denen nur der bei der Steigerwahl durchgefallene

Meier ihm mit Mißmuth gehorchte, ein Vorbild an Fleiß und Pünktlichkeit

im Dienst und sah streng auf die Pflichterfüllung jedes Einzelnen. Aber

er sorgte auch für die Verbesserung ihrer Lage. Die Anbrüche hielten

aus, und ehe drei Monate um waren, erfuhr er durch seinen Gönner

Mickley, daß die letzte Erzlieferung von der Schmelz-Administration

doppelt so hoch bezahlt worden sei, als jede frühere Lieferung von

gleichem Gewicht. Mußte Ferdinand, der keine so auffallende Veredlung

des Ganzen wahrgenommen hatte, dies Ergebniß Wunder nehmen, so

äußerte er doch nichts hierüber, vielmehr ergriff er diese Gelegenheit

sogleich, um für seine Häuer eine Lohnaufbesserung zu beantragen.

»Na,« sagte der Gelbgießer; »ich werde die Sache dem Ausschuß vorlegen.

Es ist schön von Ihm, daß Er Seiner armen Kameraden gedenkt und für

sich nichts begehrt. Wenn der Vater Abraham so höflich bleibt wie

jetzt, so glaub' ich, die Gewerkschaft wird sich billig finden lassen.

Ich werde mich gewiß dafür verwenden. Aber jetzt muß ich Ihm was

zeigen.« Er holte aus einem Wandschrank eine Erzstufe. »Woher glaubt Er

wohl, daß diese Stufe ist?« fragte er.

Ferdinand nahm sie, wog und betrachtete sie genau. »Soll sie aus dem

hiesigen Revier sein?« fragte er nach einer Weile. Der Gelbgießer

bejahete, und der junge Metallurg begann seine Prüfung von Neuem.

Endlich sagte er: »Die Gangart ist ganz die unsrige, und ich glaube

nicht, daß im hiesigen Revier noch irgendwo Weißgiltigerz mit

gediegenem Silber zugleich so in den Quarz einbricht, wie auf dem Vater

Abraham. Ich kenne hier herum wohl jedes Gestein, wo man auf Silber

baut, aber nirgends sonst hab' ich dergleichen gesehen, wie dieses

ist.«

»Hm!« sagte der Gelbgießer, »ich dachte mir's auch -- aber ich traute

doch meinen Augen nicht ganz. Nun will ich Ihm auch sagen, wie ich zu

der Stufe gekommen bin. Der Goldschmied Reichel hat seinen Lehrjungen

mißhandelt, daß er ihm davongelaufen ist. Da er nicht wieder zu ihm und

lieber Gelbgießer werden wollte, so bat mich sein Vater, es mit ihm

zu versuchen. Nun, es scheint ein anstelliger Junge zu sein; deshalb

brauchte ich ihn bei der neuen Einrichtung meines Stufen-Cabinets

nach dem Breithaupt'schen System. Da sagte er, er hätte auch ein paar

Stufen zu Hause, ob ich sie haben wolle. Nun, ich bin ein Liebhaber

von dem Zeug und hieß ihn danach gehen. Da brachte er mir die schöne

Silberstufe da, aber nur diese, die andere hatten seine Geschwister

verschleppt. »Aber, Junge!« rief ich erstaunt, »wo hast Du die

prächtige Stufe her?« Ganz unbefangen gab er zur Antwort, er habe

sie beim Kartoffelabkeimen für seine Meisterin im Keller unter den

Kartoffeln gefunden, und weil es gerade Weihnachten gewesen, wo bei

seinen Eltern das Bergwerk für die Kinder aufgebaut worden, da habe er

beide Stufen mit hingenommen und in das Bergwerk gethan. Was sagt Er

dazu?«

»Ich weiß nicht, was ich denken soll,« sagte Ferdinand, »wie können die

Stufen vom Vater Abraham in den Keller des Goldschmieds gekommen sein,

der nicht einmal zu den Gewerken gehört?« Bei sich mußte er wohl an die

Anspielung des alten Hutmanns auf ein Verbrechen des Steigers Meier

denken; aber er wagte nicht, den Gedanken laut werden zu lassen.

Der Gelbgießer sah dem jungen Mann forschend ins Gesicht, doch nicht

mißtrauisch, denn dieses Gesicht war ihm ein treuer Spiegel des

fleckenlosesten Gemüthes. »Ich will Ihm was sagen, Steiger,« nahm

Mickley endlich das Wort, »dem Goldschmied hab' ich nie getraut, er

ist ein Wucherer, und wer einmal Wucher treibt, der ist auch zu andern

Schlechtigkeiten fähig! Wer nur einmal in seinem Kartoffelkeller

nachgraben könnte, der fände vielleicht noch mehr Erz vom Vater

Abraham.«

»Wenn er es nicht bei guter Zeit fortgeschafft hat,« fiel Ferdinand

ein. »Aber Sie haben Recht, wo die zwei Stufen gelegen, da können

auch noch mehr gelegen haben. Nur ist es mir ein Räthsel, wie sie

hingekommen.«

»Weiß Er noch, wie ich Ihn vor einem Vierteljahr fragte, wie hoch

Er das gelieferte Erz schätze, und wie wenig die Ausbeute Seiner

Schätzung entsprach? Junger Freund,« fuhr er seine Hand fassend fort,

»wir sind jetzt unter uns, und was wir reden, bleibt unter uns: ist

Ihm denn noch nicht der übermäßige Aufwand unseres Schichtmeisters

aufgefallen?«

»Seiner Frau, wollen Sie sagen,« versetzte Ferdinand, »denn der

Schichtmeister selbst ist ein schlichter Mann, nur leider zu gut gegen

seine Frau. Allerdings ist das für einen Schichtmeister eine sehr

theure Ehehälfte.«

»Zumal jetzt,« fiel der Gelbgießer ein, »wo sie Schwiegermutter eines

Barons wird. Es ist ja übertrieben, was die Frau zusammenkauft --

borgt, wollt' ich sagen; aber später oder früher muß es doch einmal

bezahlt werden. Wovon aber? he? etwa von dem da?« Er deutete auf die

Stufe.

Ferdinand erschrak -- »Herr Mickley!« rief er, -- »Sie thun unserm

Schichtmeister Unrecht.«

»Ich sage nicht, daß er schon auf solche Art gezahlt hat, aber es

kann dazu kommen; Schulden und Schuld und Schuft -- es ist nur ein

Unterschied von wenig Buchstaben, gewöhnlich geht's vom ersten zum

letzten.«

»Aber nicht Jeder, der Schulden hat, ist oder wird ein Schuft.«

»Das sag' ich ja nicht, ich habe selbst einen Schuldner, einen Poeten,

der hier die Schule besuchte; ein strebsamer, offener Kopf, aber armer

Teufel, der hinter dem Webstuhl verkommen wäre, hätte er keine Schulden

machen wollen. Nun, er hat als Student und Poet mehr Schulden machen

müssen, als ich zu bezahlen haben möchte; aber er ist darum doch eine

grundehrliche Haut und wird's auch bleiben, denn bei allem hohen Geist

hat er ein demüthiges Herz. Aber wo Schulden eine Frucht der Hoffart

und des Uebermuthes sind, da hat der Teufel sein Spiel.«

»Für den Schichtmeister bin ich gut,« sagte Ferdinand warm, »und

was die Frau betrifft, so hab' ich helle Augen, und wäre ich auch

blind, so würde kein Häuer, kein Hundejunge ihr zu einem Unterschleif

behülflich sein, drehte es sich auch nur um eine Bleiglanzstufe wie ein

Daumenglied groß.«

»Nun, ich will Ihm glauben,« sagte der Gelbgießer, -- »eine sonderbare

Sache bleibt es mit der Stufe, -- aber es läßt sich vor der Hand nichts

damit machen. Ein Glück, daß wir jetzt einen tüchtigen Steiger haben,

-- der alte, -- na, man soll die Todten ruhen lassen. -- Seh' Er nur

wacker zum Rechten, -- es wird Sein Schade nicht sein. Da fällt mir

noch etwas ein. Neulich wurde im Ausschuß die Frage aufgeworfen, ob

es nicht gut wäre, den alten Schacht wieder einmal zu untersuchen, es

könnten die bösen Wetter wohl gewichen sein. Vor Jahren wurde schon

einmal ein Gutachten darüber von unserm Schichtmeister verlangt.

Der fand den Versuch nur unter der Bedingung möglich, daß wir einen

neuen Stollen zur Wetterlosung vom Höllengrund aus treiben ließen.

Das war und blieb uns ein zu kostspieliges Unternehmen. Jetzt wollen

wir den Schichtmeister geradezu mit der Untersuchung beauftragen,

weil wir glauben, bei gehöriger Vorsicht sei die Sache nicht

nothwendig lebensgefährlich. Einen gemeinen Bergmann hinabzulassen,

wie es vor Zeiten geschehen, das würde wenig nützen. Gesetzt aber,

der Schichtmeister lehnte den Auftrag ab, was dem Vater einer so

zahlreichen Familie Niemand verdenken könnte, hätte Er wohl den Muth,

das Wagstück zu unternehmen?«

»Wenn mir's befohlen wird, -- ja!« erklärte Ferdinand fest, »aus bloßem

Vorwitz wär' es wohl strafbar, aber bei Erfüllung einer Pflicht giebt

man sich in Gottes Hand. Da muß ja jeder Bergmann täglich sein Leben

wagen!«

»Er ist ein echtes Bergmannsblut!« rief der Gelbgießer. »Nun weiß Er

was, ich hab' mir ein Plänchen erdacht. Wird der alte Schacht wieder

gangbar, so müssen wir doch dort neue Bergleute anlegen und mehr als

am neuen. Da reicht nun ein Schichtmeister mit einem Grubensteiger und

Hutmann nicht aus, und wenn wir schon dem Frenzel die Leitung beider

Gruben als Schichtmeister lassen, so brauchen wir doch noch ein paar

Grubensteiger für den oberen Schacht und für beide Schächte einen

tüchtigen Obersteiger. Und der wird Er und kein Anderer. Dann denk'

ich, soll Er auch Sein Mädchen bekommen.«

Ferdinand drückte dem Redner freudig die Hand. »Wenn über mich befohlen

wird,« sagte er, »so gehorche ich. Aber den Schichtmeister übergehen

Sie nicht! Und wenn er das Wagstück auf sich nimmt, so wollen die

Herren Gewerken hübsch an seine Familie denken.«

»Daran soll's nicht fehlen,« sagte Mickley und Ferdinand nahm Abschied.

Ferdinand hatte in der einzigen Buchhandlung des Ortes ein Buch über

Naturlehre bestellt und wollte sehen, ob es angekommen sei. Er mußte

da an dem Hause des Goldschmieds vorbei und begegnete vor der Thür

desselben dem Schichtmeister mit ganz verstörtem Gesicht. Er konnte

sich nicht helfen, er trat mit einem Glückauf auf ihn zu und fragte, ob

ihm etwas fehle. Der Gefragte starrte ihn an, -- nach einer Weile sagte

er: »Was soll mir fehlen? Ich suche meine Frau, -- hat Er sie gesehen?«

Da Ferdinand verneinte, so ließ ihn der Schichtmeister stehen und eilte

in die nächste Seitengasse. Ferdinand sah ihm bedenklich und beklommen

nach. Schon seit längerer Zeit war ihm eine zunehmende Abmagerung und

Verdüsterung des sonst so vollen und freundlichen Gesichtes seines

Vorgesetzten aufgefallen, und er und Hedwig hatten darüber oft ihre

Besorgnisse getauscht; aber so verstört war ihm dieses Gesicht nie

erschienen. Mit trüben Gedanken ging er in den nahen Buchladen; hier

eingetreten, fand er sich dem Obereinfahrer und -- dem Doctor Meier

gegenüber. Ferdinand bot dem Ersteren seinen bergmännischen Gruß und

fragte dann nach seinem Buch. Es war nicht angekommen.

»Wollen Sie das Buch für sich?« fragte der Baron, und als Ferdinand

bejahete, sagte er: »Dann können Sie sich die Ausgabe ersparen;

vielleicht ist das Buch noch gar nicht verschrieben, oder man macht

die Bestellung rückgängig. Ich habe eine sehr gute Physik zum

Selbstunterricht, -- irre ich nicht, so sind Sie der neue Steiger auf

dem Vater Abraham, den ich mit geprüft habe, kommen Sie mit zu mir, ich

schenke Ihnen das Buch.«

Ferdinand war ganz überrascht von dieser Güte. Bis jetzt war der Herr

nur immer an ihm vorübergegangen, ohne von ihm weiter Notiz zu nehmen,

und nun kam er ihm auf einmal mit einem so freundlichen und werthvollen

Geschenk entgegen. Hatte vielleicht Brunhild ihre Furcht vor der Mutter

und ihre Schüchternheit vor dem vornehmen Bräutigam so weit überwunden,

daß sie ihm von Hedwigs Liebe zu Ferdinand geplaudert? Während dieser

hierüber nachsann, sagte der Obereinfahrer zu dem Doctor: »Es bleibt

dabei, Robert: Du wohnst die wenigen Tage Deines Hierbleibens bei

mir. Willst Du jetzt Deine Mutter begrüßen, was nicht mehr als billig

ist, so geh' und komm' zurück, wann es Dir beliebt!« Dann ging er

mit Ferdinand fort. Düster blickte diesem der Doctor nach und machte

sich dann langsam ebenfalls auf den Weg. Auf dem Markte begegnete er

der Schichtmeisterin mit ihrer zweiten Tochter. »Ei! da ist ja der

Herr Doctor wieder!« rief ihm die Frau entgegen. Nach gewechselter

Begrüßung fragte sie: »Wie geht's auf Hallbach? Was machen die gnädigen

Herrschaften?«

»O, die sind ~in dulci jubilo~, weil ich den Papa gichtfrei aus

Kissingen zurückgebracht habe. Sie senden die herzlichsten Grüße an

die Braut ihres lieben Sohnes und ihr ganzes Haus, aber der gnädige

Herr will nun auch die künftige Schwiegertochter sehen. Ich komme als

außerordentlicher Botschafter, um sie mit ihrer Frau Mama und dem

Bräutigam abzuholen!«

»O welche Ehre! die treffliche Herrschaft!« rief die Schichtmeisterin;

»Klotilde, da gilt es, schnell etwas Garderobe in Stand zu setzen!«

dann stellte sie noch manche Frage eitler Neugier, die der Doctor zur

größten Befriedigung beantwortete. »Aber was hab' ich hören müssen?«

sagte er darauf, -- »der Mensch, -- wie heißt er doch! -- nun, der

früher Ihr Schwiegersohn werden wollte, der ist ja Steiger auf dem

Vater Abraham geworden!«

»Das erfahren Sie jetzt erst?« versetzte die Schichtmeisterin,

»freilich ist er's geworden, so sehr ich dagegen gekämpft, er hat sich

die Gunst der Gewerke erschlichen und schon auf den Tod Ihres Vaters

gelauert.«

»Das scheint mir selbst so,« sagte der Doctor, »und nun ist er Ihnen

ein Stück näher gerückt; ich meine in Betreff seiner Heirathsabsichten.«

»Das mag er sich einbilden, aber daß er sich täuscht, dafür bin ich da!«

»Er scheint aber ein Fuchs zu sein, hat er doch auch schon den Baron

für sich eingenommen. Der hat ihn jetzt freundlich zu sich eingeladen,

um ihm ein Buch zu schenken. Wenn der Mensch da nur nicht von seiner

Liebschaft plaudert!«

»Das wäre ja gräßlich! Was meinen Sie, da wäre der Baron wohl im

Stande, die Verlobung rückgängig zu machen?«

»Das schon nicht,« erwiederte der Doctor lächelnd der erschrockenen

Frau, »dazu liebt er die Brunhild zu innig; ja ich glaube, er

könnte mit seinem guten Herzen wohl der Fürsprecher des Schleichers

werden, aber auch dadurch sein eigenes Glück gefährden. Ich weiß,

was es bedurft hat, den alten Herrn für die Verbindung mit einer so

anständigen Familie, wie die Ihrige ist, zu gewinnen. Hätte ich nicht

meine eigene Angelegenheit vor ihm einstweilen in den Hintergrund

treten lassen, so weiß ich nicht, ob Sie so bald Hochzeit halten

würden, als es nun der Fall sein wird.«

»O, Sie guter, lieber Herr Doctor!« sagte die Frau, seinen Arm

drückend, »wie dankbar müssen wir Ihnen sein! Aber verlassen Sie sich

auch darauf, daß wir Ihren Empfehlungen keine Schande machen werden.

Lassen Sie nur erst die Hochzeit vorbei sein, dann muß das Frauenzimmer

zu fernen Verwandten. Jetzt bei dem Drasch, den wir haben, kann ich sie

nicht entbehren.«

Leise flüsterte der Doctor ihr zu: »Lassen Sie das Mädchen lieber da,

vielleicht findet sich ein Mittel, den Steiger unschädlich zu machen

-- wir sprechen weiter darüber -- auf Wiedersehen!« Damit trennten sie

sich.

Die Schichtmeisterin begab sich jetzt nach der Pension ihrer Kinder,

wo sie ihrem Manne das Rendezvous gegeben, das sie aber um eine Stunde

versäumt hatte. Er hatte, wie wir gesehen, sie inzwischen gesucht, war

aber zuletzt wieder an den verabredeten Ort gegangen und traf, abermals

zum Suchen ausgehend, sie unter der Thür.

»Endlich!« rief er, »Du bist aber doch auch gar zu sorglos, Frau!«

»Sorglos? Ich?« rief sie erstaunt. -- »Nun bitt' ich einen Menschen, zu

entscheiden, wer mehr sorgt und schafft in dieser Zeit wie ich!«

»Geh hinauf, Klotilde,« sagte der Schichtmeister, »ich muß mit Deiner

Mutter noch einen Weg gehen.«

Klotilde gehorchte, und der Schichtmeister nahm den Arm seiner Frau,

blieb aber in der Hausflur stehen und sagte: »Weißt Du auch, daß wir

verloren sind? Morgen ist der Wechsel fällig, und die Post ist wieder

angekommen, ohne eine Entscheidung Deiner Angelegenheit, geschweige gar

Geld zu bringen!«

»Nun, der Goldschmied wird wohl prolongiren,« sagte sie.

»Nicht eine Stunde. -- Ich war bei ihm, bat ihn, fiel ihm bald zu

Füßen, -- umsonst: er erklärte, er könne nicht anders, er habe in

jüngster Zeit solche Ohrfeigen von unsicheren Schuldnern bekommen, daß

er nicht mehr schonen könne. Wenn der Wechsel morgen nicht gedeckt

wäre, müsse er nach Wechselrecht verfahren.«

»Um des Himmels willen!« rief die Frau, die Hände zusammenschlagend;

»was wird da aus meinen Kindern? was aus Brunhild? Dich setzen lassen,

-- Herr des Himmels! das wäre ja ein Schlag, der alle Hoffnungen

vernichtete! Komm, Mann! ich will selbst mit zum Goldschmied gehen, --

er muß noch warten, ich will ihm meine Erbschaft verpfänden, -- komm!«

Sie gingen zu dem Wucherer. Er empfing sie mit triumphirender Miene und

führte sie in sein Zimmer. »Ist vielleicht die Erbschaft angelangt?«

sagte er, »das wäre mir höchst erwünscht.«

Die Schichtmeisterin berichtigte seinen vermeintlichen Irrthum und

brachte ihren Vorschlag an.

»Es thut mir leid, verehrte Frau,« entgegnete der Goldschmied, »darauf

kann ich mich nicht einlassen. Ich bin schon zu sehr geprellt worden,

-- verzeihen Sie, -- aber in Geldsachen keine Freundschaft! -- bis

morgen Abend um fünf hab' ich mein Geld, oder der Herr Schichtmeister

sitzt im Stockhaus. Ich kann's nicht ändern.«

»Aber Mann! Sie werden doch kein solcher Tyrann sein?« rief die

Schichtmeisterin. -- »Sie werden uns doch nicht unglücklich machen

wollen? Denken Sie doch an meine Kinder, meine armen, unschuldigen

Kinder, -- meine Brunhild, die dieser Schlag auf der Stelle tödtete!«

»Die Kinder, -- hm, -- die Kinder,« sagte der Wucherer im Tone des

Mitleidens, -- »um ihretwillen könnte man schon ein Uebriges thun.« --

»O Sie Guter!« rief die Frau, dem Manne fast um den Hals fallend, und

der Schichtmeister sagte: »Ja, Herr Reichel, um meiner Kinder willen

lassen Sie Billigkeit walten. -- Nur noch kurze Zeit Geduld, und Sie

sollen mit gutem Zins bezahlt werden.«

»Die Zeiten sind schlecht, sehr schlecht,« sagte der Wucherer, eine

Thräne im Auge, -- »aber Ihre Fräulein Tochter ist ein herrliches

Geschöpf, -- ja, die Natur hat sie sichtlich zu etwas Hohem bestimmt;

es wäre jammerschade, wenn sie an der Schwelle ihres Glückes ins

tiefste Elend geschleudert würde.« --

Die Schichtmeisterin schluchzte laut auf, dem Schichtmeister blutete

das Herz.

»Ich will Ihnen etwas sagen,« fuhr der Goldschmied fort, »borgen kann

ich nicht länger, aber aus Erbarmen mit Ihrer lieben Fräulein Tochter

will ich -- könnte ich -- nun, man ist auch ein Mensch -- ich könnte --

für Sie freilich ist es ein Leichtes, ich riskire doppelt und dreifach

dabei, aber was thut man nicht aus christlicher Liebe! -- ich könnte

mich allenfalls zur Annahme von Waare an Zahlungsstatt verstehen.«

»Waare?« rief die Frau; »was für Waare sollen wir Ihnen denn bringen?

Ich habe unbeschränkten Credit bei den Schnitt- und Modehändlern.«

»Sie verstehen mich nicht,« sagte der Goldschmied lächelnd, »ich kann

doch keinen Schnittladen etabliren! Ich meine: der Herr Schichtmeister

soll mir von seiner Waare liefern.«

»Von meiner Waare?« rief der Schichtmeister zusammenfahrend, »was hab'

ich denn für Waare?«

»Ich glaube, die Frau Schichtmeisterin versteht mich nun, ich kann mich

nur auf Waare einlassen, die in mein Fach schlägt, denken Sie, ich wäre

der Schuster und Sie der Gerber, liefern Sie dem Schuster Leder!«

Der Schichtmeister sah starr zur Erde. Der Wucherer wechselte mit der

Frau einen Blick der Verständigung.

»Ich sehe, Sie sind unentschlossen,« sagte er dann zu dem

Schichtmeister, »und Unentschlossenheit steckt an, ich finde doch, es

sei gut, daß ich mir die Sache selbst erst noch überlege. Was Ihnen

bedenklich scheint, muß es mir doppelt sein. Gut! ich will aus warmem

Antheil an Ihrem Familienglück den Wechsel um acht Tage prolongiren,

bis dahin wollen wir uns den Handel überlegen, aber ich schwöre, daß

ich länger keinen Augenblick warten kann.«

Wie Verhungernde ein Brodkrümchen, ergriffen die beiden Gatten die

dargebotene Frist. Sie schmeichelten sich mit der Hoffnung, daß

inzwischen der Erbschaftsstreit sich entscheiden und sie in den Besitz

der nöthigen Zahlungsmittel bringen müsse. So gingen sie heim.

Erzgebirgische Geschichten. Erster Band · 第 10 / 14 题