V.

Für jetzt hatte der erschütternde Todesfall wenigstens den Einfluß

auf das Gemüth des Doctors, daß er den Anschlag gegen Ferdinand nicht

weiter verfolgte, sondern nach der Beerdigung seines Vaters seine so

lange aufgeschobene Reise antrat. Der Trauerfall hatte auch bei den

Bewohnern des Vater Abraham alles Andere so weit in den Hintergrund

gedrängt, daß bis dahin der Schichtmeister die ihm von seiner Frau

als nothwendig dargestellte und geforderte Ablohnung Ferdinands

auszusprechen vergessen hatte. Kaum war der Steiger Meier begraben, so

erinnerte die Schichtmeisterin ihren Gatten wieder an jene Maßregel.

Vergebens stellte er vor, wie unentbehrlich gerade jetzt Ferdinand für

die Grube geworden sei, denn der Häuer Meier, der sich zur Vertretung

der Steigerstelle dränge, sei dieser Aufgabe nicht gewachsen. Allein

die Frau brachte bald wieder durch den Vater den Beamten zum Schweigen.

Glücklicherweise war die Verhandlung von Brunhild gehört worden, die

auf einen kurzen Besuch da war; und diese vertraute Hedwig den ihrer

Liebe drohenden Streich. Hedwig setzte augenblicklich ihren Großvater

davon in Kenntniß.

»Was!« schrie der würdige Greis, »den besten Häuer vom Vater Abraham

will mein Sohn dem Drachen von Weib opfern? Und gerade jetzt, wo ein

Steiger fehlt? Denn der Meier Hilf, der den Steiger spielen möchte,

taugt kaum zum Scheidejungen. Wart', da will ich, der Hutmann, auch ein

Wort mitreden!« Und er ging hinab, rief seinen Sohn aus dem Zimmer und

lud ihn zu einem kleinen Gang in den Wald ein.

»Lieber Sohn,« begann er, als sie im Schatten der Tannen wandelten,

»ich habe noch den Auftrag eines Sterbenden an Dich auszurichten.

Der arme Steiger Meier hat mir in seinen letzten Augenblicken ein

schreckliches Geheimniß anvertraut, das mir zum Theil den Unsegen

erklärt, der auf dem Vater Abraham lastet. Ich darf Dir nicht Alles

sagen, aber ich soll Dich warnen vor den Fallstricken des wucherischen

Goldschmieds. Ich will hinzufügen, daß dieser Goldschmied den

unglücklichen Steiger zu einem Verbrechen verführt hat, zu dem er wohl

auch Dich verleiten könnte, wenn er Dich so in seine Gewalt bekäme wie

ihn.«

»Ich weiß nicht, was mir das soll,« sagte der Schichtmeister

empfindlich; »ich bin doch kein Knabe mehr.«

»Höre Deinen Vater an, mein Sohn!« sagte der Greis. »Noch bin ich

Hutmann auf dem Vater Abraham und das Haupt meines Stammes; ich habe

darauf zu sehen, daß Zucht und Ehre in dem Hause wohne, das mir zur Hut

übergeben worden, und in der Familie, die meinen Namen führt. Ich hätte

schon eher ein ernstes Wort mit Dir reden sollen, um das Verderben

abzuwehren, das dem Vater Abraham und meinem Hause droht. Aber es ist

so, man bessert nicht eher einen gefährlichen Pfad, bis ein Nächster

darauf den Hals gebrochen. Ich sage Dir, der Hochmuth, der in Deiner

Familie eingerissen, führt Dich zum jähen Fall -- vielleicht zu einem

schlimmeren, als er den Steiger Meier ereilte. Ihr treibt mehr Aufwand,

als ihr ehrlicherweise bestreiten könnt.«

»Ach Vater, mische Dich doch nicht in meine eigensten Angelegenheiten!«

unterbrach ihn der Sohn, »ich weiß schon, wie weit ich dem Dir

allerdings unbehaglichen Sinne meiner Frau für das Feine und

Wohlanständige und ihrer Mutterzärtlichkeit nachzugeben habe. Ich

hoffe, der Hutmann Frenzel wird die Ehre seines Namens nicht befleckt

finden durch die Verbindung seiner Enkelin mit einem Freiherrn von

Brunn.«

»Alle Achtung vor dem Freiherrn von Brunn; ist er doch mein hoher

Vorgesetzter und gewiß ein vortrefflicher Herr; aber die Ehre eines

Namens wird in Wahrheit nur durch Rechtschaffenheit bewahrt. Mein Sohn,

das edle Bergwerk ist im Verfall, wodurch? Durch die Schuld der Gewerke

und des Bergvolkes, besonders seiner Vorgesetzten. Die sind nicht der

wahren, sondern eitler Ehre nachgejagt, und diese Jagd hat die Treue

von den Bergen gescheucht und mit der Treue den Segen.«

»Sonst soll es der Unglaube gewesen sein, der die guten Berggeister

verscheucht und so das Bergwerk zu Grunde gerichtet habe,« warf der

Schichtmeister spottend ein.

»Es hängt Alles zusammen,« sagte der Hutmann, »der Unglaube kommt aus

einem hoffärtigen Herzen wie die Ehrsucht, und wo die Demuth wohnt,

wohnt auch die Treue; und die guten Geister mögen nicht länger weilen,

wo Treue, Glaube und Demuth fliehen; es hängt Alles zusammen.«

»Ich will Dir bessern Bescheid über den Verfall unsers vaterländischen

Bergbaues sagen,« fiel der Schichtmeister ein: »unser Erzgebirge ist

nicht ärmer an Metallen als sonst, aber der Bau in den großen Teufen

ist kostspieliger als sonst bei geringerer Teufe, und dazu ist der

Metallwerth so gesunken, daß sich der Abbau manches Erzfeldes nicht

mehr lohnt, das bei den alten Metallpreisen für reich und ergiebig

gelten würde.«

»Ja, Ihr studirten Herrn habt für Alles eine ganz natürliche

Erklärung,« meinte der Alte, »aber ich weiß, was ich weiß, sei es, wie

es sei, das kannst Du mir nicht abstreiten, daß die Hoffart die Mutter

der Untreue ist, und wo Hoffart und Untreue hausen, da baut keine

Schwalbe ihr Nest, da ist Unsegen und Verderben. Darum beschwör' ich

Dich, treib' den Hoffartsteufel aus Deinem Hause, eh' er das Ei der

Untreue ausbrütet! Fang' gleich damit an, daß Du zu Deinem hoffärtigen

Weibe sprichst: Der Ferdinand Bergner bleibt auf dem Vater Abraham,

Punktum! Was hast Du gegen den Menschen, daß Du ihn fortschicken

willst?«

Der Schichtmeister wußte keine Anklage wider den jungen Häuer

vorzubringen, er behauptete blos, der bevorstehenden Familienverbindung

mit dem Freiherrn von Brunn das Opfer bringen und einen ihm sonst

selbst lieben Menschen dem Hause entfremden zu müssen. Der schwache

Mensch glaubte, seinen Erzeuger von der Nothwendigkeit dieser Maßregel

ebenso überzeugen zu können, wie er durch seine Frau überzeugt war.

Aber er irrte sich.

»Weißt Du, ob dem Obereinfahrer die Halbschwägerschaft mit dem Häuer,

hoffentlich bald Steiger Bergner anstößig ist? Hast Du ihn schon

darüber gefragt?« Der Schichtmeister mußte verneinen. »Also ist der

ganze Vorwand nur ein Hirngespinnst Deiner Frau!« sagte der Greis;

»der Obereinfahrer beweist ja schon dadurch, daß er selbst eine

arme bürgerliche Schichtmeisterstochter freit, daß er weit über die

lächerlichen Standesgrillen hinaus ist, die Ihr ihm zutraut. Ich

glaube, er würde es Euch sehr wenig danken, daß Ihr mehr um seine

Standesehre besorgt seid als er selbst. Aber so geht es der Hoffart

allerwegen: immer macht sie die Rechnung ohne den Wirth. Ich hoffe, der

Ferdinand bleibt auf der Grube, und solltest Du ihn vertreiben wollen,

so werde ich mich den Weg in die Stadt nicht verdrießen lassen und dem

Gewerkenausschuß rathen, der Grube sofort in dem Bergner einen neuen

Steiger zu geben. Ich hoffe, daß mein Wort noch etwas gilt bei den

Herren, und ich will es geltend machen; denn dem Vater Abraham thut

gerade jetzt, wo der Schichtmeister so schwach ist, ein Steiger noth,

der die Augen offen hat und die alte Bergmannstreue fest im Herzen!«

»Du wirst mich doch nicht in eine schiefe Stellung zur Gewerkschaft

bringen wollen?« sagte der Schichtmeister.

»Gehe nur ein Jeder seinen geraden, rechten Weg, so giebt's keine

schiefe Stellung!« versetzte der Alte. »Du weißt nun meine Meinung --

thu, was Du willst!« Er wandte sich wieder dem Huthause zu.

Als der Schichtmeister heim kam, hatte er mit seiner Frau eine geheime

Berathung, in welcher sie lange auf Ferdinands Entfernung bestand,

sich endlich aber doch überzeugen ließ, daß nach der Willenserklärung

des Großvaters der gefaßte Beschluß unausführbar war. Sie gab in der

Hoffnung nach, bald Mittel zu finden, sich des »gemeinen Menschen« zu

entledigen.

Während der wackere Hutmann sich so eifrig seines Schützlings annahm,

war auch der Gelbgießer Mickley bemüht, ihm den Steigerposten

zuzuwenden. Ehe Ferdinand es sich träumen ließ, wurde er vom Bergamte

zur Prüfung geladen. Es waren zwar außer dem Vetter des Doctors noch

drei Bewerber um die Stelle da, aber er durfte es mit allen aufnehmen.

Er ging als Sieger aus diesem Ehrenkampfe hervor und erhielt schon

am folgenden Tage seine Bestallung als Steiger der Fundgrube Vater

Abraham. Es versteht sich von selbst, daß ein redlich Liebender, wenn

er sich in die Lage gebracht sieht, sein Nestchen zu bauen, damit

nicht säumt. So empfing auch Ferdinand nicht so bald seine Bestallung

aus der Hand seines Schichtmeisters, als er sich auch ein Herz faßte

und um Hedwigs Hand bat. Der Schichtmeister hätte vielleicht im

ersten Augenblick sich das Jawort durch den persönlichen Zauber,

den der Freier auf ihn übte, entlocken lassen, wäre nicht die

Schichtmeisterin eingetreten. Ein Blick auf sie und von ihr reichte

hin, den ganzen Zauber wirkungslos zu machen, und der junge Steiger sah

sich abgewiesen. Vergebens erklärte Hedwig ihren entschiedenen Willen,

niemals von Ferdinand zu lassen, vergebens erhob auch der Großvater

seine gewichtige Stimme zu Gunsten der Liebenden; die Schichtmeisterin

setzte jetzt ihren Willen durch.

»Na, weißt Du was,« sagte der Greis, als er mit Hedwig allein war,

»eigentlich ist es gut, daß es nicht so glatt mit Euch Beiden geht; je

steiler der Weg zum Himmel, desto größer die Seligkeit. Ich bin nun

siebzig Jahre alt und hab' schon viel widerwillige Eltern gesehen; aber

mir ist kein Fall vorgekommen, wo sie durchgedrungen wären, wenn anders

die Liebenden das Herz auf dem rechten Flecke hatten. Na, bei Dir ist

das der Fall, das weiß ich, und bei dem Ferdinand auch, das mußt Du

noch besser wissen als ich. Daß Du noch eine Weile Aschenbrödel hier

sein mußt, ist gewiß ein kleineres Unglück für Dich, als wenn Dich

Deine Stiefmutter hätschelte und zur Hoffart erzöge!« Und zu Ferdinand

sprach er: »Glückauf, Steiger! Du bist nun berufen, scharf nach dem

Rechten zu sehen auf dem Vater Abraham. Für Deine Steigerbildung hat

der Markscheider gesorgt; aber die Steigerbildung thut's nicht allein,

ein echter Steiger braucht auch ein Steigerherz. Nun, ein solches hat

Dir Gott verliehen, das halte fest und rein, so wird's wohl um Dich und

den Vater Abraham stehen. Wisse, Dein Vorfahrer war auch ein rechter

Steiger, aber er ließ sich vom Teufel blenden und entging vielleicht

nur durch den schnellen Tod großer Schmach. Aber wenn er selbst auch

noch so wegkam, das Bergwerk hat doch den Fluch seines Strauchelns

gefühlt -- trag' Sorge, Steiger, daß der Fluch wieder hinweggenommen

werde; halt' auf Recht und Treue auf dem Vater Abraham! Und wenn Du

einmal etwas siehst, was nicht ganz recht ist vor Gott und Menschen,

auf welcher Seite es immer sei, drück' nicht etwa Deine Augen zu

-- aber fahr' auch nicht mit der Hast eines Büttels drein, der ein

Dutzend Kinder von seinen Denunciations-Groschen füttern muß! Weißt,

es würde weniger Verbrechen in der Welt geben, wenn man das erste

Verbrechen unter vier Augen strafte, statt den Verbrecher sogleich der

Brandmarkung für's ganze Leben preiszugeben!«

Ferdinand schüttelte dem Greise herzlich die Hand und stieg

mit hoffnungsfreudigem Herzen in den Schacht zu seiner ersten

Steigerschicht.

Erzgebirgische Geschichten. Erster Band · 第 9 / 14 题