Für jetzt hatte der erschütternde Todesfall wenigstens den Einfluß
auf das Gemüth des Doctors, daß er den Anschlag gegen Ferdinand nicht
weiter verfolgte, sondern nach der Beerdigung seines Vaters seine so
lange aufgeschobene Reise antrat. Der Trauerfall hatte auch bei den
Bewohnern des Vater Abraham alles Andere so weit in den Hintergrund
gedrängt, daß bis dahin der Schichtmeister die ihm von seiner Frau
als nothwendig dargestellte und geforderte Ablohnung Ferdinands
auszusprechen vergessen hatte. Kaum war der Steiger Meier begraben, so
erinnerte die Schichtmeisterin ihren Gatten wieder an jene Maßregel.
Vergebens stellte er vor, wie unentbehrlich gerade jetzt Ferdinand für
die Grube geworden sei, denn der Häuer Meier, der sich zur Vertretung
der Steigerstelle dränge, sei dieser Aufgabe nicht gewachsen. Allein
die Frau brachte bald wieder durch den Vater den Beamten zum Schweigen.
Glücklicherweise war die Verhandlung von Brunhild gehört worden, die
auf einen kurzen Besuch da war; und diese vertraute Hedwig den ihrer
Liebe drohenden Streich. Hedwig setzte augenblicklich ihren Großvater
davon in Kenntniß.
»Was!« schrie der würdige Greis, »den besten Häuer vom Vater Abraham
will mein Sohn dem Drachen von Weib opfern? Und gerade jetzt, wo ein
Steiger fehlt? Denn der Meier Hilf, der den Steiger spielen möchte,
taugt kaum zum Scheidejungen. Wart', da will ich, der Hutmann, auch ein
Wort mitreden!« Und er ging hinab, rief seinen Sohn aus dem Zimmer und
lud ihn zu einem kleinen Gang in den Wald ein.
»Lieber Sohn,« begann er, als sie im Schatten der Tannen wandelten,
»ich habe noch den Auftrag eines Sterbenden an Dich auszurichten.
Der arme Steiger Meier hat mir in seinen letzten Augenblicken ein
schreckliches Geheimniß anvertraut, das mir zum Theil den Unsegen
erklärt, der auf dem Vater Abraham lastet. Ich darf Dir nicht Alles
sagen, aber ich soll Dich warnen vor den Fallstricken des wucherischen
Goldschmieds. Ich will hinzufügen, daß dieser Goldschmied den
unglücklichen Steiger zu einem Verbrechen verführt hat, zu dem er wohl
auch Dich verleiten könnte, wenn er Dich so in seine Gewalt bekäme wie
ihn.«
»Ich weiß nicht, was mir das soll,« sagte der Schichtmeister
empfindlich; »ich bin doch kein Knabe mehr.«
»Höre Deinen Vater an, mein Sohn!« sagte der Greis. »Noch bin ich
Hutmann auf dem Vater Abraham und das Haupt meines Stammes; ich habe
darauf zu sehen, daß Zucht und Ehre in dem Hause wohne, das mir zur Hut
übergeben worden, und in der Familie, die meinen Namen führt. Ich hätte
schon eher ein ernstes Wort mit Dir reden sollen, um das Verderben
abzuwehren, das dem Vater Abraham und meinem Hause droht. Aber es ist
so, man bessert nicht eher einen gefährlichen Pfad, bis ein Nächster
darauf den Hals gebrochen. Ich sage Dir, der Hochmuth, der in Deiner
Familie eingerissen, führt Dich zum jähen Fall -- vielleicht zu einem
schlimmeren, als er den Steiger Meier ereilte. Ihr treibt mehr Aufwand,
als ihr ehrlicherweise bestreiten könnt.«
»Ach Vater, mische Dich doch nicht in meine eigensten Angelegenheiten!«
unterbrach ihn der Sohn, »ich weiß schon, wie weit ich dem Dir
allerdings unbehaglichen Sinne meiner Frau für das Feine und
Wohlanständige und ihrer Mutterzärtlichkeit nachzugeben habe. Ich
hoffe, der Hutmann Frenzel wird die Ehre seines Namens nicht befleckt
finden durch die Verbindung seiner Enkelin mit einem Freiherrn von
Brunn.«
»Alle Achtung vor dem Freiherrn von Brunn; ist er doch mein hoher
Vorgesetzter und gewiß ein vortrefflicher Herr; aber die Ehre eines
Namens wird in Wahrheit nur durch Rechtschaffenheit bewahrt. Mein Sohn,
das edle Bergwerk ist im Verfall, wodurch? Durch die Schuld der Gewerke
und des Bergvolkes, besonders seiner Vorgesetzten. Die sind nicht der
wahren, sondern eitler Ehre nachgejagt, und diese Jagd hat die Treue
von den Bergen gescheucht und mit der Treue den Segen.«
»Sonst soll es der Unglaube gewesen sein, der die guten Berggeister
verscheucht und so das Bergwerk zu Grunde gerichtet habe,« warf der
Schichtmeister spottend ein.
»Es hängt Alles zusammen,« sagte der Hutmann, »der Unglaube kommt aus
einem hoffärtigen Herzen wie die Ehrsucht, und wo die Demuth wohnt,
wohnt auch die Treue; und die guten Geister mögen nicht länger weilen,
wo Treue, Glaube und Demuth fliehen; es hängt Alles zusammen.«
»Ich will Dir bessern Bescheid über den Verfall unsers vaterländischen
Bergbaues sagen,« fiel der Schichtmeister ein: »unser Erzgebirge ist
nicht ärmer an Metallen als sonst, aber der Bau in den großen Teufen
ist kostspieliger als sonst bei geringerer Teufe, und dazu ist der
Metallwerth so gesunken, daß sich der Abbau manches Erzfeldes nicht
mehr lohnt, das bei den alten Metallpreisen für reich und ergiebig
gelten würde.«
»Ja, Ihr studirten Herrn habt für Alles eine ganz natürliche
Erklärung,« meinte der Alte, »aber ich weiß, was ich weiß, sei es, wie
es sei, das kannst Du mir nicht abstreiten, daß die Hoffart die Mutter
der Untreue ist, und wo Hoffart und Untreue hausen, da baut keine
Schwalbe ihr Nest, da ist Unsegen und Verderben. Darum beschwör' ich
Dich, treib' den Hoffartsteufel aus Deinem Hause, eh' er das Ei der
Untreue ausbrütet! Fang' gleich damit an, daß Du zu Deinem hoffärtigen
Weibe sprichst: Der Ferdinand Bergner bleibt auf dem Vater Abraham,
Punktum! Was hast Du gegen den Menschen, daß Du ihn fortschicken
willst?«
Der Schichtmeister wußte keine Anklage wider den jungen Häuer
vorzubringen, er behauptete blos, der bevorstehenden Familienverbindung
mit dem Freiherrn von Brunn das Opfer bringen und einen ihm sonst
selbst lieben Menschen dem Hause entfremden zu müssen. Der schwache
Mensch glaubte, seinen Erzeuger von der Nothwendigkeit dieser Maßregel
ebenso überzeugen zu können, wie er durch seine Frau überzeugt war.
Aber er irrte sich.
»Weißt Du, ob dem Obereinfahrer die Halbschwägerschaft mit dem Häuer,
hoffentlich bald Steiger Bergner anstößig ist? Hast Du ihn schon
darüber gefragt?« Der Schichtmeister mußte verneinen. »Also ist der
ganze Vorwand nur ein Hirngespinnst Deiner Frau!« sagte der Greis;
»der Obereinfahrer beweist ja schon dadurch, daß er selbst eine
arme bürgerliche Schichtmeisterstochter freit, daß er weit über die
lächerlichen Standesgrillen hinaus ist, die Ihr ihm zutraut. Ich
glaube, er würde es Euch sehr wenig danken, daß Ihr mehr um seine
Standesehre besorgt seid als er selbst. Aber so geht es der Hoffart
allerwegen: immer macht sie die Rechnung ohne den Wirth. Ich hoffe, der
Ferdinand bleibt auf der Grube, und solltest Du ihn vertreiben wollen,
so werde ich mich den Weg in die Stadt nicht verdrießen lassen und dem
Gewerkenausschuß rathen, der Grube sofort in dem Bergner einen neuen
Steiger zu geben. Ich hoffe, daß mein Wort noch etwas gilt bei den
Herren, und ich will es geltend machen; denn dem Vater Abraham thut
gerade jetzt, wo der Schichtmeister so schwach ist, ein Steiger noth,
der die Augen offen hat und die alte Bergmannstreue fest im Herzen!«
»Du wirst mich doch nicht in eine schiefe Stellung zur Gewerkschaft
bringen wollen?« sagte der Schichtmeister.
»Gehe nur ein Jeder seinen geraden, rechten Weg, so giebt's keine
schiefe Stellung!« versetzte der Alte. »Du weißt nun meine Meinung --
thu, was Du willst!« Er wandte sich wieder dem Huthause zu.
Als der Schichtmeister heim kam, hatte er mit seiner Frau eine geheime
Berathung, in welcher sie lange auf Ferdinands Entfernung bestand,
sich endlich aber doch überzeugen ließ, daß nach der Willenserklärung
des Großvaters der gefaßte Beschluß unausführbar war. Sie gab in der
Hoffnung nach, bald Mittel zu finden, sich des »gemeinen Menschen« zu
entledigen.
Während der wackere Hutmann sich so eifrig seines Schützlings annahm,
war auch der Gelbgießer Mickley bemüht, ihm den Steigerposten
zuzuwenden. Ehe Ferdinand es sich träumen ließ, wurde er vom Bergamte
zur Prüfung geladen. Es waren zwar außer dem Vetter des Doctors noch
drei Bewerber um die Stelle da, aber er durfte es mit allen aufnehmen.
Er ging als Sieger aus diesem Ehrenkampfe hervor und erhielt schon
am folgenden Tage seine Bestallung als Steiger der Fundgrube Vater
Abraham. Es versteht sich von selbst, daß ein redlich Liebender, wenn
er sich in die Lage gebracht sieht, sein Nestchen zu bauen, damit
nicht säumt. So empfing auch Ferdinand nicht so bald seine Bestallung
aus der Hand seines Schichtmeisters, als er sich auch ein Herz faßte
und um Hedwigs Hand bat. Der Schichtmeister hätte vielleicht im
ersten Augenblick sich das Jawort durch den persönlichen Zauber,
den der Freier auf ihn übte, entlocken lassen, wäre nicht die
Schichtmeisterin eingetreten. Ein Blick auf sie und von ihr reichte
hin, den ganzen Zauber wirkungslos zu machen, und der junge Steiger sah
sich abgewiesen. Vergebens erklärte Hedwig ihren entschiedenen Willen,
niemals von Ferdinand zu lassen, vergebens erhob auch der Großvater
seine gewichtige Stimme zu Gunsten der Liebenden; die Schichtmeisterin
setzte jetzt ihren Willen durch.
»Na, weißt Du was,« sagte der Greis, als er mit Hedwig allein war,
»eigentlich ist es gut, daß es nicht so glatt mit Euch Beiden geht; je
steiler der Weg zum Himmel, desto größer die Seligkeit. Ich bin nun
siebzig Jahre alt und hab' schon viel widerwillige Eltern gesehen; aber
mir ist kein Fall vorgekommen, wo sie durchgedrungen wären, wenn anders
die Liebenden das Herz auf dem rechten Flecke hatten. Na, bei Dir ist
das der Fall, das weiß ich, und bei dem Ferdinand auch, das mußt Du
noch besser wissen als ich. Daß Du noch eine Weile Aschenbrödel hier
sein mußt, ist gewiß ein kleineres Unglück für Dich, als wenn Dich
Deine Stiefmutter hätschelte und zur Hoffart erzöge!« Und zu Ferdinand
sprach er: »Glückauf, Steiger! Du bist nun berufen, scharf nach dem
Rechten zu sehen auf dem Vater Abraham. Für Deine Steigerbildung hat
der Markscheider gesorgt; aber die Steigerbildung thut's nicht allein,
ein echter Steiger braucht auch ein Steigerherz. Nun, ein solches hat
Dir Gott verliehen, das halte fest und rein, so wird's wohl um Dich und
den Vater Abraham stehen. Wisse, Dein Vorfahrer war auch ein rechter
Steiger, aber er ließ sich vom Teufel blenden und entging vielleicht
nur durch den schnellen Tod großer Schmach. Aber wenn er selbst auch
noch so wegkam, das Bergwerk hat doch den Fluch seines Strauchelns
gefühlt -- trag' Sorge, Steiger, daß der Fluch wieder hinweggenommen
werde; halt' auf Recht und Treue auf dem Vater Abraham! Und wenn Du
einmal etwas siehst, was nicht ganz recht ist vor Gott und Menschen,
auf welcher Seite es immer sei, drück' nicht etwa Deine Augen zu
-- aber fahr' auch nicht mit der Hast eines Büttels drein, der ein
Dutzend Kinder von seinen Denunciations-Groschen füttern muß! Weißt,
es würde weniger Verbrechen in der Welt geben, wenn man das erste
Verbrechen unter vier Augen strafte, statt den Verbrecher sogleich der
Brandmarkung für's ganze Leben preiszugeben!«
Ferdinand schüttelte dem Greise herzlich die Hand und stieg
mit hoffnungsfreudigem Herzen in den Schacht zu seiner ersten
Steigerschicht.