Der Schichtmeister und seine Frau sollten sich sehr bald enttäuscht
sehen. Am folgenden Morgen brachte der Postbote ein Schreiben von
ihrem Sachwalter aus der Kreisstadt, dem das appellationsgerichtliche
Erkenntniß in ihrer Sache beilag, und dieses Erkenntniß sprach der
Gegenpartei die Erbschaft ungetheilt zu. Das war ein fürchterlicher
Schlag. Zwar vertröstete der Sachwalter auf das drittinstanzliche
Urtheil, welches gewiß das erste Erkenntniß wieder herstellen würde, --
aber welche weit hinausgeschobene Aussicht war das, wie nutzlos für die
Gefahr, in der man schwebte!
Brunhild, welcher aus den aufgeregten und verstörten Mienen ihrer
Eltern eine Ahnung von dem Inhalte der Hiobspost aufging, nahm die
Mutter auf die Seite und erbot sich, all' ihren Schmuck, selbst den
bezahlten, zurückzugeben; die Mutter und Schwester sollten das Gleiche
thun, um den Goldschmied zu befriedigen.
»Wo denkst Du hin, Kind?!« rief die Frau; »in einigen Tagen sollen
wir zu Deinem Schwiegervater reisen, sollen uns dem freiherrlichen
Hause präsentiren! Wie können wir so ärmlich auftreten, nachdem uns
die gnädige Frau so geschmückt gesehen! Da müßte sie ja denken, wir
hätten die Sachen blos geborgt gehabt. Nein, das geht nicht! Nur nicht
ängstlich, meine Tochter! Es wird sich Alles machen. Der Goldschmied
wird befriedigt, kümmere Dich um nichts!« Und sie ging zu ihrem Gatten,
der bei ihrem Eintritte schnell ein paar Terzerole im Pulte verbarg.
Sie bat ihn, mit in den Wald zu gehen, und er folgte ihr.
»Noth kennt kein Gebot!« begann sie unter den Bäumen, nachdem sie sich
sorgfältig umgesehen. »Wir müssen uns in das Unvermeidliche schicken;
-- einmal ist nicht immer, -- und den kargen Gewerken, die ihrem
Schichtmeister längst hätten eine Gehaltzulage geben können, da der
Vater Abraham so höflich geworden, geschieht nur Recht, wenn wir uns
selber helfen.«
»Weib!« rief der Schichtmeister, -- »wo denkst Du hin? Es hieße ja
ewige Schande über uns Alle bringen, wenn ich solche Untreue verübte.
Nein, lieber geh' ich ins Gefängniß, oder --«
»Und zerstörst das Glück Deiner Tochter, ja aller Deiner Kinder! Ich
fürchte nicht, daß Du solch ein Rabenvater sein wirst. Brunhilds
schönes Herz bräche auf der Stelle, zerrisse ihr Bund mit Alexis, --
denn die Tochter eines Schuldgefangenen kann nicht mehr hoffen, Baronin
von Brunn genannt zu werden.«
»O Gott! mein Gott! welche Qual!« klagte der Mann; »ich sehe keine
Möglichkeit der Rettung. Ich bin gestern bei Pontius und Pilatus
gewesen, um Geld zu erborgen, -- verlorne Mühe! Alles zog sich hinter
Ausflüchte zurück. Es steht schrecklich, schrecklich mit uns!«
»Nicht so schrecklich, als es Dir die Muthlosigkeit vorspiegelt,«
versetzte die Frau, »Du wärest nicht der Erste, der sich auf die Art
rettete, wie ich meine -- ein paar Centner Erz sind bald auf die Seite
geschafft.«
»Aber, Weib! wenn es herauskäme.«
»Ja, dafür muß man sorgen, daß es nicht herauskommt.«
»Wie wäre das möglich? Ja, wenn der alte gute Steiger Meier -- --« er
konnte nicht vollenden; ihm fiel die Warnung seines Vaters ein, und ein
Schauer durchrieselte ihn.
»Du meinst, wenn der noch lebte, ließe sich eher etwas wagen, als unter
den Späheraugen des neuen Steigers? Wolltest Du nicht so sagen?«
Der Schichtmeister seufzte tief auf. -- »Bertha! brechen wir ab von dem
Capitel!«
»Nein, Schatz! wir müssen ins Reine kommen, was geschehen soll.
Geschehen muß etwas; wir sind es unsern Kindern schuldig, daß wir
handeln. Es ist mein einziger Stolz, meine Kinder zu Glück und Ehre zu
bringen. Es sind Deine Kinder, Fritz! die liebsten, schönsten Kinder
der Gegend. Sie dürfen nicht in Dunkelheit und Elend verkommen! Auf,
Mann! Vater!«
»Aber der Steiger -- der Ferdinand -- er hat seine Augen überall.«
»Der Spion! -- Aber halt! -- ich entsinne mich -- wart' einmal, Mann!
ich denke, wir werden den Aufpasser los.«
»Wie so?«
»Nun, laß mich nur machen! Ein Freund hat mir gestern etwas
zugeflüstert. Ich gehe diesen Nachmittag wieder in die Stadt, um das
Nähere zu erforschen.«
»Vater! Mutter!« rief jetzt eine Stimme vom Huthause her. Es war
Brunhilds Stimme. Die Gatten folgten dem Rufe und trafen vor dem Hause
den Zubußboten, der den Schichtmeister einlud, den Nachmittag um 4
Uhr in der Wohnung des Gelbgießers Mickley zu einer Berathung des
Gewerkeausschusses sich einzufinden.
»Das paßt prächtig, da können wir zusammen gehen!« rief die
Schichtmeisterin. -- Und so geschah es.
Dem Schichtmeister wurde vom Ausschusse der Beschluß mitgetheilt,
es solle ein Versuch gemacht werden, den alten Vater Abraham wieder
zu befahren, und man wolle ihm diesen Versuch unter Zusicherung
einer Gratification von 100 Thlrn. von der nächsten Quartalausbeute
übertragen. Der Schichtmeister war überrascht, sich zu einem Wagstück
erlesen zu sehen, das er früher widerrathen -- und doch erschien es ihm
wie ein vom Himmel selbst ihm gewiesener Ausweg aus den Verstrickungen
der Schuld. »Lieber ehrenvoll im Berufe sterben, als der Schande
verfallen!« dachte er, -- »und wenn ich als ein Opfer meiner Pflicht
sterbe, wird meiner Familie der Antheil aller Guten -- dann ist auch
das Glück meiner Brunhild gewahrt!« Laut und fest erklärte er seine
Bereitwilligkeit, den Auftrag auszuführen.
Der Ausschuß war theils verwundert, theils erfreut hierüber. Man
rühmte den mannhaften Sinn, der noch immer unter dem Bergstande nicht
erstorben wäre; doch unterließ man auch nicht, ihn auf die Gefahr
aufmerksam zu machen, der er entgegenging, man erinnerte ihn an seine
zahlreiche Familie und wie es ihm Niemand verargen werde, wenn er
um der Seinen willen einem Jüngeren, Familienlosen, vielleicht dem
Steiger Bergner, das gefahrvolle Unternehmen überließe. Aber er blieb
bei seiner Erklärung und verließ am Ende mit leichterem Herzen als er
gekommen, die Versammlung.
Der Schichtmeister fand seine Frau bei Klotilden. Sie war nicht
so heiter gestimmt wie er, denn sie hatte den Doctor nicht daheim
getroffen. Dieser hatte einen Ausflug gemacht, von dem er erst den
dritten Tag zurückkehren würde. Der Schichtmeister theilte ihr, nachdem
Klotilde entfernt worden, das auf seiner Seite Geschehene mit.
»Gott im Himmel!« rief die Frau entsetzt aus, »und darüber kannst Du
froh sein Mann? Siehst Du denn nicht ein, daß das nur eine Falle ist,
die sie Dir legen? Sie wollen Dich los sein und ihren Liebling, den
Schleicher Ferdinand, an Deine Stelle bringen! Es ist eine Verschwörung
gegen Dein Leben, -- begreifst Du das nicht?«
»Du bist entsetzlich, Bertha! Die Herren haben mich wohl auf die Gefahr
aufmerksam gemacht und wollten mir es gar nicht verargen, wenn ich eben
dem Ferdinand das Wagstück überließe. Aber das duldet einmal meine
bergmännische Ehre nicht, und dann ist es für mich der einzige Weg, mit
Ehren aus dieser verzweifelten Lage zu kommen.«
»Nein! nein!« rief sie, ihm um den Hals fallend. »Ich lasse Dich
nicht, Du darfst Dich nicht opfern, darfst Deine Kinder nicht zu
Waisen machen!« Plötzlich durchzuckte sie ein Gedanke, -- sie fuhr in
die Höhe, ihre Augen funkelten, ihre Nasenflügel dehnten sich weit.
»Ich hab's! ich hab's!« rief sie, »weißt Du was? Du versprichst dem
Ferdinand die Hand der Hedwig, -- und er stiege in die Hölle! Du mußt
mir und Deinen Kindern bleiben, -- der Ferdinand wird vor Wonne tanzen,
wenn ihm plötzlich die Hand seines Herzblattes geboten wird. Kostet ihm
das Wagstück das Leben, nun so stirbt ein lediger Mensch und er stirbt
im Rausche des Glückes; kommt er davon, nun, so muß die Verlobung so
lange geheim bleiben, bis Brunhild Baronin von Brunn ist!«
»Aber was wird dann aus mir? Wie entrinn' ich den Klauen des Wucherers?«
»Folge nur jetzt dem Fingerzeig des Himmels! das Uebrige findet sich.«
Bei sich dachte sie: ist nur erst der Aufpasser vom Wetter erschlagen,
so haben wir freies Spiel auf dem Vater Abraham; es fällt mir nicht
ein, den gemeinen Menschen in die Familie aufzunehmen. Es ward ihr
nicht leicht, den Gatten von seinem gefaßten Entschlusse abzubringen;
aber endlich siegte der Gedanke, seiner halbverwaisten und arg
zurückgesetzten ältesten Tochter sich endlich einmal väterlich gerecht
erweisen zu können, über seine Bedenken; und er überließ sich wieder
ganz dem Einflusse seiner Frau.
Ferdinand hatte sich inzwischen mit dem ganzen Feuer seines
wißbegierigen Geistes über das Werk gemacht, das ihm von dem
Obereinfahrer geschenkt worden war. Es war Müller-Pouillet's großes
physikalisches Werk, für den armen Steiger ein außerordentlicher
Schatz. Der Zufall hatte gewollt, daß ihm im ersten Durchblättern
des Werkes die Beschreibung der von Humphry Davy erfundenen
Sicherheitslampe in die Augen gefallen war, und in der Erinnerung an
das letzte Gespräch mit Mickley ergriff er sogleich den Gedanken, eine
solche Lampe nach Anleitung des Buches zu construiren. Er eilte in die
Stadt und kaufte sich den dazu erforderlichen feinen Draht. Mochte nun
der Schichtmeister selbst den Auftrag der Gewerken übernehmen oder ihm
die Ausführung überlassen, jedenfalls sollte die Sicherheitslampe dabei
ihre Dienste leisten.
Es war kurz vor dem Schichtwechsel, wo er, schon wieder aus der Stadt
zurückgekehrt, mit Hedwig und ihrem Großvater auf der Hausbank saß
und Beiden seine schöne Entdeckung mittheilte, als Hedwigs Eltern
heimkehrten. Der Schichtmeister forderte ihn sogleich auf, mit ins
Zimmer zu kommen, und fragte ihn hier, ob er Hedwigs Hand unter der
Bedingung annehme, daß er sich der Versuchsfahrt in den alten Schacht
unterziehe. Dem jungen Manne war, als thäte sich plötzlich der Himmel
vor ihm auf. »Und wenn zehntausend Kobolde darin hausten, ich führe
hinein!« rief er trunken vor Entzücken, -- »aber ich nehme Sie beim
Wort.«
»Hier meine Hand!« sagte der Schichtmeister. »Bertha, gieb ihm die
Deine auch zur Bekräftigung, daß er unser Schwiegersohn werden soll,
wenn --«
»Lassen Sie mich Hedwig mit dem Großvater holen und verloben Sie uns
ordentlich,« bat Ferdinand und eilte hinaus. Thränen rollten über seine
Wangen, als er zu den Beiden trat und sie, keines Wortes mächtig, auf-
und mit in die Stube zog. Als Hedwig hier ihr Glück erfuhr, sank sie
entzückt erst dem Vater, dann der Mutter an die Brust, dann in die
Arme ihres Trauten. Das Verlöbniß ward unter der Bedingung vorläufiger
Geheimhaltung geschlossen. Als Hedwig hinterher erfuhr, um welchen
Preis ihr Glück erkauft worden, erschrak sie freilich; aber Ferdinand
tröstete sie mit seiner Sicherheitslampe.
Die Versuchsfahrt wurde auf übermorgen festgesetzt. Bis dahin wollte
der Schichtmeister alle nöthigen Vorbereitungen dazu treffen. Der
Hutmann, welcher seine Schwiegertochter halb durchschaute, sorgte
dafür, daß sie ihr Wort später nicht zurücknehmen konnte; obgleich das
Schreiben bei ihm schwer ging, so ließ er sich's doch nicht verdrießen,
sogleich ein Anerkenntniß des geschlossenen Verlöbnisses aufzusetzen
und es von beiden Eltern unterschreiben zu lassen. Er sorgte auch
dafür, daß die Zurüstungen zur Befahrung des alten Schachtes streng
nach der Regel getroffen wurden. Haspel, Seil, Signalschnur und Glocke,
Fahrstuhl, -- Alles untersuchte er genau und ließ es wohl befestigen.
Die zuverlässigsten Häuer wurden zur Dienstleistung bei dem Unternehmen
ausgewählt.
Dieses selbst fand statt in Gegenwart des Ausschusses und einer
bergamtlichen Commission, zu welcher der Obereinfahrer gehörte.
Freudig, in seinem besten Grubenkleide, seine Sicherheitslampe in der
Blende und mit Schlägel und Eisen bewaffnet, ging Ferdinand ans Werk.
Der Kuß der Liebe hatte ihn dazu geweiht, ihm schien es gefeit. Den
Zeugen war nicht wohl zu Muthe, als Ferdinand in den Stuhl stieg und
die Haspeldreher an ihre Kurbeln griffen. »Es gilt zwölf Schichten für
einen Jeden von Euch!« rief ihnen der Gelbgießer zu. Es hätte dieses
Versprechens nicht bedurft, denn die beiden Knappen hätten für ihren
Steiger das Leben gelassen. Der Stuhl wurde über die Mündung gehoben
und nun schwebte der kühne Schachtergründer frei über der grauenvollen
Tiefe. Die Zuschauer erbleichten. -- »Los!« rief Ferdinand, und der
Haspel begann zu arbeiten. »Glückauf!« rief der Verschwindende, und
das Tageslicht schloß sich über ihm. Athemlos stand Alles umher, nur
das Schnurren des Seiles unterbrach die Stille. »Wißt Ihr was?« brach
endlich der Gelbgießer das Schweigen gegen seine Ausschußgenossen, »ist
Alles, wie wir hoffen, so wollen wir ein paar Hundert Thaler nicht
ansehen, es ist bei Gott ein Stück Arbeit, an das Keiner von uns um
manches Tausend gehen möchte! Wir wollen dem braven Manne ein Geschenk
von 300 Thalern aussetzen und dem Schichtmeister die schon bewilligten
100 Thaler zur Ausstattung seiner ältesten Tochter lassen. Ich verlege
die Summe und ziehe sie nach und nach von der Ausbeute ab.« Es war der
rechte Moment, Alle zu einer solchen Verwilligung geneigt zu finden;
Angesichts der grausen Gefahr hatte Keiner den Muth, sie zu verweigern.
»Abgemacht also!« sagte Mickley, und ihm war, als könnte er das Weitere
nun leichtern Herzens abwarten. Die ganze Verhandlung aber war von
dem Schichtmeister vernommen worden, und er hätte sich in den Schacht
stürzen mögen, daß er sich um den reichen Lohn gebracht, der ihn aus
aller Bedrängniß retten konnte.
Langsam wand sich das Seil von seiner Walze; die Augen der Anwesenden
waren bald auf diese, bald auf das Glöcklein gerichtet, welches mit
der Signalschnur verbunden war, die sich von einer am Fahrstuhl
angebrachten Rolle selbst abwickelte. Verabredeterweise sollte auf
dreimaliges Läuten der Glocke hinter einander das Seil sogleich
aufgewunden werden. Auf blos zweimaliges Läuten sollte man den Haspel
nur in Ruhe stellen. Ring nach Ring verschwand von dem Haspel, das
Glöcklein blieb unbewegt. Erst als das Seil bis auf wenige Ringe
abgelaufen war, bewegte sich plötzlich die Schnur; Alles blickte auf
die Glocke und lauschte, -- einmal -- zweimal; -- »in die Ruhe!«
commandirte der Schichtmeister mit dem Hutmann zugleich. »Er hat gleich
die tiefste Strecke genommen,« sagte der Obereinfahrer, »und nun
schütze ihn Gott vor schlagendem Wetter!«
Der Hutmann nahm seine Kappe ab und faltete die Hände; die Andern
folgten seinem Beispiel, die ganze Versammlung war eine stille,
betende Gemeinde. Aber Niemand von ihr hatte eine Ahnung von der
einsamen Beterin, die draußen an einer Ecke der Halde hinter einem
Fichtengebüsch knieete. Es war Hedwig, die nicht im Huthause hatte
bleiben können, sondern von dem stürmisch bewegten Herzen in die
Nähe des Ortes getrieben worden war, wo sich für sie Leben oder Tod
entschied.
Es war das Leben, das der Ewige Hedwig beschieden hatte. Nach Verlauf
einer furchtbaren Stunde ertönte die Glocke von Neuem, und dies Mal
in drei Pulsen. Hedwig kannte das Zeichen; hochauf jubelte ihr Herz;
ein Ausruf des heißesten Dankes zum Himmel empor, und auf sprang sie,
keine falsche Scheu hielt sie zurück, sie mußte dabei sein, wenn der
Geliebte das Tageslicht wieder begrüßte, ihr Glückauf durfte nicht
fehlen, wenn die, die ihn nicht liebten wie sie, ihm das ihrige
entgegenriefen. Und da stand sie nun unter der Thür der Kaue zur Seite
des Gelbgießers, und der sah zum ersten Male das holde Geschöpf, das
der höchste Preis für die That seines jungen Freundes sein sollte. Der
ehrliche Bürger ahnte gleich, daß diese und keine Andere die Erwählte
sei, und er nahm ihre Hand und flüsterte: »Der Herr hilft, -- ich
wünsche Glück zum Brautstand!« Lauter schnurrte das Seil, rüstiger
drehten die Haspler, da halt! was war das? ein Angstschrei entrang
sich Hedwigs Herzen, die Glocke klang, -- aber nein; nur ein Zufall
bewegte die Schnur und vorwärts geht das Drehen, -- bald erglänzt der
schwarze Schlund in einem goldenen Dämmer, -- noch ein paar Windungen,
da taucht der Schachthut, der Kopf empor. »Glückauf!« ruft hell und
stark der glückliche Teufenfahrer; -- »Glückauf! Glückauf!« rufen alle
Männer, daß die alte Kaue erzittert und der Wald erdröhnt, -- aber wo
bleibt denn Dein Glückauf, Du süße, liebeglühende Maid? Ach! Deine
Seligkeit ist viel zu groß, als daß sie laut werden dürfte vor den
Menschen, und ohne zu wissen, wie es geschieht, sinkst Du an die Brust
dessen, den Gott Dir neu und nun wohl auf immer geschenkt. Vergessen
ist das Versprechen des Geheimnisses, rein vergessen; der Augenblick
ist zu groß für kleinliche Rücksichten, und wenn Könige und Kaiser
zugegen wären und der Großmogul Euer künftiger Schwager, Ihr müßt
Euch umarmen und vor Gott und der Welt bekennen, daß Euch eine Liebe
eint, die stärker ist als der Tod. -- Erst dann mögen die Herren der
Commission und des Ausschusses den Bericht vernehmen. Der Bericht war
kurz, aber wenn auch etwas grauenhaft, doch in bergmännischer Hinsicht
befriedigend. Ferdinand hatte die Leichen der einst in der Grube
Erschlagenen gefunden, aber auch den alten Gang; und eine Stufe, die er
abgeschlagen, erwies sich als reichhaltiges Silbererz, das den neuen
Angriff des alten Baues wohl verlohnte.
»Das ist Alles gut,« sagte der Obereinfahrer, der Ferdinands Geheimniß
von der Sicherheitslampe kannte; »aber wir sind noch nicht versichert
wegen der schlagenden Wetter.«
»Doch,« erklärte Ferdinand; »auch das hab' ich nicht ungeprüft
gelassen. Ich hatte mich mit Wachszündern versehen, die ich bei der
Einfahrt von Zeit zu Zeit anzündete und fallen ließ; an ihrem schönen
Fortbrennen überzeugte ich mich, daß der Schacht weder schlagende
noch erstickende Wetter hatte, und unten in der söhligen Strecke zog
ich einen langen Schwefelfaden viele Lachter weit hinter, den zündete
ich vorn an und ließ das Feuer hinter laufen; nicht ein Lüftchen
rührte sich. Wahrscheinlich sind in der langen Zeit, daß Niemand unten
gewesen, die freien Spalten, durch welche die Wetter früher eindrangen,
verwachsen; denn auch die Erdrinde, die man für starr und todt hält,
ist ja fortwährenden Veränderungen unterworfen.«
»Bravo!« sagte der Obereinfahrer; »so gratulire ich den Herren Gewerken
vom Vater Abraham und empfehle diesen wackern, einsichtsvollen Steiger
ihrer Gunst. Ich hoffe, wir werden uns von nun an öfter sehen, mein
lieber Freund und -- Schwager! Denn daß Sie das werden wollen, hab' ich
so eben gesehen!« Damit reichte er dem glücklichen Ferdinand die Hand.
»Da siehst Du, was Deine Stiefmutter für eine Gans ist,« murmelte der
Hutmann Hedwig zu, »der Herr Obereinfahrer freut sich, einen solchen
Schwager zu haben.«
Das Mädchen drückte ihm in namenloser Seligkeit die Hand. Die
Versammlung bewegte sich nun langsam dem Huthause zu.
Hier war inzwischen der Doctor Meier angekommen und befand sich mit der
Hausfrau allein in eifrigem Gespräch, als eines der jüngeren Mädchen
hereinsprang und rief: »Mutter! Mutter! sie kommen!« Die Frau eilte ans
Fenster. Ein Blick hinaus machte sie erbleichen. »Er lebt, -- er ist
dabei!« rief sie, »und an seiner Seite die Dirne -- und der Baron, --
ich kriege den Tod!«
»Nur ruhig, meine Beste!« sagte der Doctor, »wenn Ihre Mine nicht
wirkt, so wirkt die meinige. Verlassen Sie sich auf mich und treten Sie
der Gesellschaft heiter entgegen!«
Gleich darauf trat die Gesellschaft ein.