VII.

Der Schichtmeister und seine Frau sollten sich sehr bald enttäuscht

sehen. Am folgenden Morgen brachte der Postbote ein Schreiben von

ihrem Sachwalter aus der Kreisstadt, dem das appellationsgerichtliche

Erkenntniß in ihrer Sache beilag, und dieses Erkenntniß sprach der

Gegenpartei die Erbschaft ungetheilt zu. Das war ein fürchterlicher

Schlag. Zwar vertröstete der Sachwalter auf das drittinstanzliche

Urtheil, welches gewiß das erste Erkenntniß wieder herstellen würde, --

aber welche weit hinausgeschobene Aussicht war das, wie nutzlos für die

Gefahr, in der man schwebte!

Brunhild, welcher aus den aufgeregten und verstörten Mienen ihrer

Eltern eine Ahnung von dem Inhalte der Hiobspost aufging, nahm die

Mutter auf die Seite und erbot sich, all' ihren Schmuck, selbst den

bezahlten, zurückzugeben; die Mutter und Schwester sollten das Gleiche

thun, um den Goldschmied zu befriedigen.

»Wo denkst Du hin, Kind?!« rief die Frau; »in einigen Tagen sollen

wir zu Deinem Schwiegervater reisen, sollen uns dem freiherrlichen

Hause präsentiren! Wie können wir so ärmlich auftreten, nachdem uns

die gnädige Frau so geschmückt gesehen! Da müßte sie ja denken, wir

hätten die Sachen blos geborgt gehabt. Nein, das geht nicht! Nur nicht

ängstlich, meine Tochter! Es wird sich Alles machen. Der Goldschmied

wird befriedigt, kümmere Dich um nichts!« Und sie ging zu ihrem Gatten,

der bei ihrem Eintritte schnell ein paar Terzerole im Pulte verbarg.

Sie bat ihn, mit in den Wald zu gehen, und er folgte ihr.

»Noth kennt kein Gebot!« begann sie unter den Bäumen, nachdem sie sich

sorgfältig umgesehen. »Wir müssen uns in das Unvermeidliche schicken;

-- einmal ist nicht immer, -- und den kargen Gewerken, die ihrem

Schichtmeister längst hätten eine Gehaltzulage geben können, da der

Vater Abraham so höflich geworden, geschieht nur Recht, wenn wir uns

selber helfen.«

»Weib!« rief der Schichtmeister, -- »wo denkst Du hin? Es hieße ja

ewige Schande über uns Alle bringen, wenn ich solche Untreue verübte.

Nein, lieber geh' ich ins Gefängniß, oder --«

»Und zerstörst das Glück Deiner Tochter, ja aller Deiner Kinder! Ich

fürchte nicht, daß Du solch ein Rabenvater sein wirst. Brunhilds

schönes Herz bräche auf der Stelle, zerrisse ihr Bund mit Alexis, --

denn die Tochter eines Schuldgefangenen kann nicht mehr hoffen, Baronin

von Brunn genannt zu werden.«

»O Gott! mein Gott! welche Qual!« klagte der Mann; »ich sehe keine

Möglichkeit der Rettung. Ich bin gestern bei Pontius und Pilatus

gewesen, um Geld zu erborgen, -- verlorne Mühe! Alles zog sich hinter

Ausflüchte zurück. Es steht schrecklich, schrecklich mit uns!«

»Nicht so schrecklich, als es Dir die Muthlosigkeit vorspiegelt,«

versetzte die Frau, »Du wärest nicht der Erste, der sich auf die Art

rettete, wie ich meine -- ein paar Centner Erz sind bald auf die Seite

geschafft.«

»Aber, Weib! wenn es herauskäme.«

»Ja, dafür muß man sorgen, daß es nicht herauskommt.«

»Wie wäre das möglich? Ja, wenn der alte gute Steiger Meier -- --« er

konnte nicht vollenden; ihm fiel die Warnung seines Vaters ein, und ein

Schauer durchrieselte ihn.

»Du meinst, wenn der noch lebte, ließe sich eher etwas wagen, als unter

den Späheraugen des neuen Steigers? Wolltest Du nicht so sagen?«

Der Schichtmeister seufzte tief auf. -- »Bertha! brechen wir ab von dem

Capitel!«

»Nein, Schatz! wir müssen ins Reine kommen, was geschehen soll.

Geschehen muß etwas; wir sind es unsern Kindern schuldig, daß wir

handeln. Es ist mein einziger Stolz, meine Kinder zu Glück und Ehre zu

bringen. Es sind Deine Kinder, Fritz! die liebsten, schönsten Kinder

der Gegend. Sie dürfen nicht in Dunkelheit und Elend verkommen! Auf,

Mann! Vater!«

»Aber der Steiger -- der Ferdinand -- er hat seine Augen überall.«

»Der Spion! -- Aber halt! -- ich entsinne mich -- wart' einmal, Mann!

ich denke, wir werden den Aufpasser los.«

»Wie so?«

»Nun, laß mich nur machen! Ein Freund hat mir gestern etwas

zugeflüstert. Ich gehe diesen Nachmittag wieder in die Stadt, um das

Nähere zu erforschen.«

»Vater! Mutter!« rief jetzt eine Stimme vom Huthause her. Es war

Brunhilds Stimme. Die Gatten folgten dem Rufe und trafen vor dem Hause

den Zubußboten, der den Schichtmeister einlud, den Nachmittag um 4

Uhr in der Wohnung des Gelbgießers Mickley zu einer Berathung des

Gewerkeausschusses sich einzufinden.

»Das paßt prächtig, da können wir zusammen gehen!« rief die

Schichtmeisterin. -- Und so geschah es.

Dem Schichtmeister wurde vom Ausschusse der Beschluß mitgetheilt,

es solle ein Versuch gemacht werden, den alten Vater Abraham wieder

zu befahren, und man wolle ihm diesen Versuch unter Zusicherung

einer Gratification von 100 Thlrn. von der nächsten Quartalausbeute

übertragen. Der Schichtmeister war überrascht, sich zu einem Wagstück

erlesen zu sehen, das er früher widerrathen -- und doch erschien es ihm

wie ein vom Himmel selbst ihm gewiesener Ausweg aus den Verstrickungen

der Schuld. »Lieber ehrenvoll im Berufe sterben, als der Schande

verfallen!« dachte er, -- »und wenn ich als ein Opfer meiner Pflicht

sterbe, wird meiner Familie der Antheil aller Guten -- dann ist auch

das Glück meiner Brunhild gewahrt!« Laut und fest erklärte er seine

Bereitwilligkeit, den Auftrag auszuführen.

Der Ausschuß war theils verwundert, theils erfreut hierüber. Man

rühmte den mannhaften Sinn, der noch immer unter dem Bergstande nicht

erstorben wäre; doch unterließ man auch nicht, ihn auf die Gefahr

aufmerksam zu machen, der er entgegenging, man erinnerte ihn an seine

zahlreiche Familie und wie es ihm Niemand verargen werde, wenn er

um der Seinen willen einem Jüngeren, Familienlosen, vielleicht dem

Steiger Bergner, das gefahrvolle Unternehmen überließe. Aber er blieb

bei seiner Erklärung und verließ am Ende mit leichterem Herzen als er

gekommen, die Versammlung.

Der Schichtmeister fand seine Frau bei Klotilden. Sie war nicht

so heiter gestimmt wie er, denn sie hatte den Doctor nicht daheim

getroffen. Dieser hatte einen Ausflug gemacht, von dem er erst den

dritten Tag zurückkehren würde. Der Schichtmeister theilte ihr, nachdem

Klotilde entfernt worden, das auf seiner Seite Geschehene mit.

»Gott im Himmel!« rief die Frau entsetzt aus, »und darüber kannst Du

froh sein Mann? Siehst Du denn nicht ein, daß das nur eine Falle ist,

die sie Dir legen? Sie wollen Dich los sein und ihren Liebling, den

Schleicher Ferdinand, an Deine Stelle bringen! Es ist eine Verschwörung

gegen Dein Leben, -- begreifst Du das nicht?«

»Du bist entsetzlich, Bertha! Die Herren haben mich wohl auf die Gefahr

aufmerksam gemacht und wollten mir es gar nicht verargen, wenn ich eben

dem Ferdinand das Wagstück überließe. Aber das duldet einmal meine

bergmännische Ehre nicht, und dann ist es für mich der einzige Weg, mit

Ehren aus dieser verzweifelten Lage zu kommen.«

»Nein! nein!« rief sie, ihm um den Hals fallend. »Ich lasse Dich

nicht, Du darfst Dich nicht opfern, darfst Deine Kinder nicht zu

Waisen machen!« Plötzlich durchzuckte sie ein Gedanke, -- sie fuhr in

die Höhe, ihre Augen funkelten, ihre Nasenflügel dehnten sich weit.

»Ich hab's! ich hab's!« rief sie, »weißt Du was? Du versprichst dem

Ferdinand die Hand der Hedwig, -- und er stiege in die Hölle! Du mußt

mir und Deinen Kindern bleiben, -- der Ferdinand wird vor Wonne tanzen,

wenn ihm plötzlich die Hand seines Herzblattes geboten wird. Kostet ihm

das Wagstück das Leben, nun so stirbt ein lediger Mensch und er stirbt

im Rausche des Glückes; kommt er davon, nun, so muß die Verlobung so

lange geheim bleiben, bis Brunhild Baronin von Brunn ist!«

»Aber was wird dann aus mir? Wie entrinn' ich den Klauen des Wucherers?«

»Folge nur jetzt dem Fingerzeig des Himmels! das Uebrige findet sich.«

Bei sich dachte sie: ist nur erst der Aufpasser vom Wetter erschlagen,

so haben wir freies Spiel auf dem Vater Abraham; es fällt mir nicht

ein, den gemeinen Menschen in die Familie aufzunehmen. Es ward ihr

nicht leicht, den Gatten von seinem gefaßten Entschlusse abzubringen;

aber endlich siegte der Gedanke, seiner halbverwaisten und arg

zurückgesetzten ältesten Tochter sich endlich einmal väterlich gerecht

erweisen zu können, über seine Bedenken; und er überließ sich wieder

ganz dem Einflusse seiner Frau.

Ferdinand hatte sich inzwischen mit dem ganzen Feuer seines

wißbegierigen Geistes über das Werk gemacht, das ihm von dem

Obereinfahrer geschenkt worden war. Es war Müller-Pouillet's großes

physikalisches Werk, für den armen Steiger ein außerordentlicher

Schatz. Der Zufall hatte gewollt, daß ihm im ersten Durchblättern

des Werkes die Beschreibung der von Humphry Davy erfundenen

Sicherheitslampe in die Augen gefallen war, und in der Erinnerung an

das letzte Gespräch mit Mickley ergriff er sogleich den Gedanken, eine

solche Lampe nach Anleitung des Buches zu construiren. Er eilte in die

Stadt und kaufte sich den dazu erforderlichen feinen Draht. Mochte nun

der Schichtmeister selbst den Auftrag der Gewerken übernehmen oder ihm

die Ausführung überlassen, jedenfalls sollte die Sicherheitslampe dabei

ihre Dienste leisten.

Es war kurz vor dem Schichtwechsel, wo er, schon wieder aus der Stadt

zurückgekehrt, mit Hedwig und ihrem Großvater auf der Hausbank saß

und Beiden seine schöne Entdeckung mittheilte, als Hedwigs Eltern

heimkehrten. Der Schichtmeister forderte ihn sogleich auf, mit ins

Zimmer zu kommen, und fragte ihn hier, ob er Hedwigs Hand unter der

Bedingung annehme, daß er sich der Versuchsfahrt in den alten Schacht

unterziehe. Dem jungen Manne war, als thäte sich plötzlich der Himmel

vor ihm auf. »Und wenn zehntausend Kobolde darin hausten, ich führe

hinein!« rief er trunken vor Entzücken, -- »aber ich nehme Sie beim

Wort.«

»Hier meine Hand!« sagte der Schichtmeister. »Bertha, gieb ihm die

Deine auch zur Bekräftigung, daß er unser Schwiegersohn werden soll,

wenn --«

»Lassen Sie mich Hedwig mit dem Großvater holen und verloben Sie uns

ordentlich,« bat Ferdinand und eilte hinaus. Thränen rollten über seine

Wangen, als er zu den Beiden trat und sie, keines Wortes mächtig, auf-

und mit in die Stube zog. Als Hedwig hier ihr Glück erfuhr, sank sie

entzückt erst dem Vater, dann der Mutter an die Brust, dann in die

Arme ihres Trauten. Das Verlöbniß ward unter der Bedingung vorläufiger

Geheimhaltung geschlossen. Als Hedwig hinterher erfuhr, um welchen

Preis ihr Glück erkauft worden, erschrak sie freilich; aber Ferdinand

tröstete sie mit seiner Sicherheitslampe.

Die Versuchsfahrt wurde auf übermorgen festgesetzt. Bis dahin wollte

der Schichtmeister alle nöthigen Vorbereitungen dazu treffen. Der

Hutmann, welcher seine Schwiegertochter halb durchschaute, sorgte

dafür, daß sie ihr Wort später nicht zurücknehmen konnte; obgleich das

Schreiben bei ihm schwer ging, so ließ er sich's doch nicht verdrießen,

sogleich ein Anerkenntniß des geschlossenen Verlöbnisses aufzusetzen

und es von beiden Eltern unterschreiben zu lassen. Er sorgte auch

dafür, daß die Zurüstungen zur Befahrung des alten Schachtes streng

nach der Regel getroffen wurden. Haspel, Seil, Signalschnur und Glocke,

Fahrstuhl, -- Alles untersuchte er genau und ließ es wohl befestigen.

Die zuverlässigsten Häuer wurden zur Dienstleistung bei dem Unternehmen

ausgewählt.

Dieses selbst fand statt in Gegenwart des Ausschusses und einer

bergamtlichen Commission, zu welcher der Obereinfahrer gehörte.

Freudig, in seinem besten Grubenkleide, seine Sicherheitslampe in der

Blende und mit Schlägel und Eisen bewaffnet, ging Ferdinand ans Werk.

Der Kuß der Liebe hatte ihn dazu geweiht, ihm schien es gefeit. Den

Zeugen war nicht wohl zu Muthe, als Ferdinand in den Stuhl stieg und

die Haspeldreher an ihre Kurbeln griffen. »Es gilt zwölf Schichten für

einen Jeden von Euch!« rief ihnen der Gelbgießer zu. Es hätte dieses

Versprechens nicht bedurft, denn die beiden Knappen hätten für ihren

Steiger das Leben gelassen. Der Stuhl wurde über die Mündung gehoben

und nun schwebte der kühne Schachtergründer frei über der grauenvollen

Tiefe. Die Zuschauer erbleichten. -- »Los!« rief Ferdinand, und der

Haspel begann zu arbeiten. »Glückauf!« rief der Verschwindende, und

das Tageslicht schloß sich über ihm. Athemlos stand Alles umher, nur

das Schnurren des Seiles unterbrach die Stille. »Wißt Ihr was?« brach

endlich der Gelbgießer das Schweigen gegen seine Ausschußgenossen, »ist

Alles, wie wir hoffen, so wollen wir ein paar Hundert Thaler nicht

ansehen, es ist bei Gott ein Stück Arbeit, an das Keiner von uns um

manches Tausend gehen möchte! Wir wollen dem braven Manne ein Geschenk

von 300 Thalern aussetzen und dem Schichtmeister die schon bewilligten

100 Thaler zur Ausstattung seiner ältesten Tochter lassen. Ich verlege

die Summe und ziehe sie nach und nach von der Ausbeute ab.« Es war der

rechte Moment, Alle zu einer solchen Verwilligung geneigt zu finden;

Angesichts der grausen Gefahr hatte Keiner den Muth, sie zu verweigern.

»Abgemacht also!« sagte Mickley, und ihm war, als könnte er das Weitere

nun leichtern Herzens abwarten. Die ganze Verhandlung aber war von

dem Schichtmeister vernommen worden, und er hätte sich in den Schacht

stürzen mögen, daß er sich um den reichen Lohn gebracht, der ihn aus

aller Bedrängniß retten konnte.

Langsam wand sich das Seil von seiner Walze; die Augen der Anwesenden

waren bald auf diese, bald auf das Glöcklein gerichtet, welches mit

der Signalschnur verbunden war, die sich von einer am Fahrstuhl

angebrachten Rolle selbst abwickelte. Verabredeterweise sollte auf

dreimaliges Läuten der Glocke hinter einander das Seil sogleich

aufgewunden werden. Auf blos zweimaliges Läuten sollte man den Haspel

nur in Ruhe stellen. Ring nach Ring verschwand von dem Haspel, das

Glöcklein blieb unbewegt. Erst als das Seil bis auf wenige Ringe

abgelaufen war, bewegte sich plötzlich die Schnur; Alles blickte auf

die Glocke und lauschte, -- einmal -- zweimal; -- »in die Ruhe!«

commandirte der Schichtmeister mit dem Hutmann zugleich. »Er hat gleich

die tiefste Strecke genommen,« sagte der Obereinfahrer, »und nun

schütze ihn Gott vor schlagendem Wetter!«

Der Hutmann nahm seine Kappe ab und faltete die Hände; die Andern

folgten seinem Beispiel, die ganze Versammlung war eine stille,

betende Gemeinde. Aber Niemand von ihr hatte eine Ahnung von der

einsamen Beterin, die draußen an einer Ecke der Halde hinter einem

Fichtengebüsch knieete. Es war Hedwig, die nicht im Huthause hatte

bleiben können, sondern von dem stürmisch bewegten Herzen in die

Nähe des Ortes getrieben worden war, wo sich für sie Leben oder Tod

entschied.

Es war das Leben, das der Ewige Hedwig beschieden hatte. Nach Verlauf

einer furchtbaren Stunde ertönte die Glocke von Neuem, und dies Mal

in drei Pulsen. Hedwig kannte das Zeichen; hochauf jubelte ihr Herz;

ein Ausruf des heißesten Dankes zum Himmel empor, und auf sprang sie,

keine falsche Scheu hielt sie zurück, sie mußte dabei sein, wenn der

Geliebte das Tageslicht wieder begrüßte, ihr Glückauf durfte nicht

fehlen, wenn die, die ihn nicht liebten wie sie, ihm das ihrige

entgegenriefen. Und da stand sie nun unter der Thür der Kaue zur Seite

des Gelbgießers, und der sah zum ersten Male das holde Geschöpf, das

der höchste Preis für die That seines jungen Freundes sein sollte. Der

ehrliche Bürger ahnte gleich, daß diese und keine Andere die Erwählte

sei, und er nahm ihre Hand und flüsterte: »Der Herr hilft, -- ich

wünsche Glück zum Brautstand!« Lauter schnurrte das Seil, rüstiger

drehten die Haspler, da halt! was war das? ein Angstschrei entrang

sich Hedwigs Herzen, die Glocke klang, -- aber nein; nur ein Zufall

bewegte die Schnur und vorwärts geht das Drehen, -- bald erglänzt der

schwarze Schlund in einem goldenen Dämmer, -- noch ein paar Windungen,

da taucht der Schachthut, der Kopf empor. »Glückauf!« ruft hell und

stark der glückliche Teufenfahrer; -- »Glückauf! Glückauf!« rufen alle

Männer, daß die alte Kaue erzittert und der Wald erdröhnt, -- aber wo

bleibt denn Dein Glückauf, Du süße, liebeglühende Maid? Ach! Deine

Seligkeit ist viel zu groß, als daß sie laut werden dürfte vor den

Menschen, und ohne zu wissen, wie es geschieht, sinkst Du an die Brust

dessen, den Gott Dir neu und nun wohl auf immer geschenkt. Vergessen

ist das Versprechen des Geheimnisses, rein vergessen; der Augenblick

ist zu groß für kleinliche Rücksichten, und wenn Könige und Kaiser

zugegen wären und der Großmogul Euer künftiger Schwager, Ihr müßt

Euch umarmen und vor Gott und der Welt bekennen, daß Euch eine Liebe

eint, die stärker ist als der Tod. -- Erst dann mögen die Herren der

Commission und des Ausschusses den Bericht vernehmen. Der Bericht war

kurz, aber wenn auch etwas grauenhaft, doch in bergmännischer Hinsicht

befriedigend. Ferdinand hatte die Leichen der einst in der Grube

Erschlagenen gefunden, aber auch den alten Gang; und eine Stufe, die er

abgeschlagen, erwies sich als reichhaltiges Silbererz, das den neuen

Angriff des alten Baues wohl verlohnte.

»Das ist Alles gut,« sagte der Obereinfahrer, der Ferdinands Geheimniß

von der Sicherheitslampe kannte; »aber wir sind noch nicht versichert

wegen der schlagenden Wetter.«

»Doch,« erklärte Ferdinand; »auch das hab' ich nicht ungeprüft

gelassen. Ich hatte mich mit Wachszündern versehen, die ich bei der

Einfahrt von Zeit zu Zeit anzündete und fallen ließ; an ihrem schönen

Fortbrennen überzeugte ich mich, daß der Schacht weder schlagende

noch erstickende Wetter hatte, und unten in der söhligen Strecke zog

ich einen langen Schwefelfaden viele Lachter weit hinter, den zündete

ich vorn an und ließ das Feuer hinter laufen; nicht ein Lüftchen

rührte sich. Wahrscheinlich sind in der langen Zeit, daß Niemand unten

gewesen, die freien Spalten, durch welche die Wetter früher eindrangen,

verwachsen; denn auch die Erdrinde, die man für starr und todt hält,

ist ja fortwährenden Veränderungen unterworfen.«

»Bravo!« sagte der Obereinfahrer; »so gratulire ich den Herren Gewerken

vom Vater Abraham und empfehle diesen wackern, einsichtsvollen Steiger

ihrer Gunst. Ich hoffe, wir werden uns von nun an öfter sehen, mein

lieber Freund und -- Schwager! Denn daß Sie das werden wollen, hab' ich

so eben gesehen!« Damit reichte er dem glücklichen Ferdinand die Hand.

»Da siehst Du, was Deine Stiefmutter für eine Gans ist,« murmelte der

Hutmann Hedwig zu, »der Herr Obereinfahrer freut sich, einen solchen

Schwager zu haben.«

Das Mädchen drückte ihm in namenloser Seligkeit die Hand. Die

Versammlung bewegte sich nun langsam dem Huthause zu.

Hier war inzwischen der Doctor Meier angekommen und befand sich mit der

Hausfrau allein in eifrigem Gespräch, als eines der jüngeren Mädchen

hereinsprang und rief: »Mutter! Mutter! sie kommen!« Die Frau eilte ans

Fenster. Ein Blick hinaus machte sie erbleichen. »Er lebt, -- er ist

dabei!« rief sie, »und an seiner Seite die Dirne -- und der Baron, --

ich kriege den Tod!«

»Nur ruhig, meine Beste!« sagte der Doctor, »wenn Ihre Mine nicht

wirkt, so wirkt die meinige. Verlassen Sie sich auf mich und treten Sie

der Gesellschaft heiter entgegen!«

Gleich darauf trat die Gesellschaft ein.

Erzgebirgische Geschichten. Erster Band · 第 11 / 14 题