II.

Brunhild fand ihren Vater wirklich bei dem Markscheider. Sie theilte

ihm mit, welche Einladungen an ihn und die Seinigen ergangen waren, und

bat ihn, augenblicklich mit ihr zu kommen. Er ging mit ihr. »Wo ist

denn die Mutter?« fragte er vor der Thür.

»Bei dem Goldschmied,« antwortete sie.

»Schon wieder?« fragte er trübe.

»Sei nur nicht bös,« sagte Brunhild, »ich wollte es nicht haben; aber

Du weißt, wie die Mutter ist, und vielleicht hat sie heute nicht ganz

Unrecht, ich habe Dir noch nicht gesagt, daß die Frau Baronin zum

Besuch hierher kommt und bei Neuhoff's absteigt.«

»Heute?« fragte der Schichtmeister; »und da sollen wir wohl am Abend in

Gesellschaft der Baronin sein?«

»Ja, und auch schon bei Landgraf's mit ihr speisen.«

»Also die Frau Baronin kommt? Sie will uns kennen lernen,« sagte der

Schichtmeister erheitert, »so komm denn!«

Bei dem Goldschmied angekommen und von diesem in sein Wohnzimmer

geführt, wurde der Schichtmeister von seiner Frau auf die Seite

gezogen. »Hast Du schon gehört, lieber Schatz, welche Ehre, welches

Glück uns erwartet?« redete sie ihn an. Und als er bejahte, sagte

sie: »Denke Dir, das ist Alles so von dem Baron veranstaltet; der

liebe, goldne Mann erwartet den günstigsten Eindruck von der Begegnung

unsers Kindes mit seiner Mutter, und hofft morgen schon ihr Jawort zu

erhalten. Du kannst Dir meine Seligkeit denken, Schatz, denk' einmal,

in einem Vierteljahr ist unser Kind vielleicht Frau Baronin -- gnädige

Frau! Aber Du weißt, man muß das Eisen schmieden, wenn es glüht, und

nur den Dummen kommt das Glück im Schlafe. Es versteht sich, daß wir

vor der Frau Baronin anständig erscheinen müssen. Glücklicherweise sind

unsere Mädchen, als hätten sie es geahnt, in den letzten Tagen fleißig

hinter ihrer Garderobe her gewesen, und mein neues Barègekleid macht

sich auch. Aber zu den noblen Gewändern gehört auch ein nobler Schmuck,

wenigstens für Brunhild. Ich bin daher gleich hierher gegangen und habe

uns einige sehr einfache, aber noble Sachen ausgesucht; Du weißt, ich

verstehe mich auf dergleichen. Aber denke Dir, der Goldschmied will uns

nur auf einen Wechsel von Dir weitern Credit geben. Vergebens tröstete

ich ihn auf das nahe Ende meines Erbschaftsprocesses; er besteht auf

dem Wechsel. Nun, Du weißt doch besser als er, wie es um den Proceß

steht, daß wir ihn in erster Instanz gewonnen, und daß nach der

Versicherung unsers Advocaten das Erkenntniß der zweiten Instanz bald

erfolgen und unser Erbe in spätestens drei Monaten in unsern Händen

sein muß. Du hast hoffentlich kein Bedenken gegen den Wechsel?«

»Allerdings, liebe Bertha, hab' ich das,« erwiederte der

Schichtmeister, »Alles, nur keinen Wechsel! Ich hoffe zwar auch, daß

der Proceß bis dahin entschieden sein wird, aber es bleibt doch immer

eine Möglichkeit, daß er sich noch sehr lange hinauszieht. Ich meine

auch, der Schmuck sei nicht so nothwendig --«

»Nicht nothwendig?« fiel ihm die Frau ins Wort, und da der Goldschmied

hinausgegangen war, so rief sie laut: »Brunhild! Klotilde! sagt, ob

die Schmucksachen uns nicht nöthig sind, um vor der Frau Baronin zu

bestehen?«

Brunhild sagte, sie wolle nichts bestimmen, aber so viel wisse sie,

daß ihr Alexis nicht nach Schmuck bei ihr frage. -- »Aber,« fiel

Klotilde ein, »die Frau Baronin ist eine Banquierstochter, und diese

Damen halten viel auf Geschmeide. Die Frau Magisterin sagte, der erste

Eindruck einer Begegnung entscheide oft über die ganze Zukunft, und

ich möchte der geschmeideliebenden Baronin nicht allzu einfach vor die

Augen kommen, wenn ich ihre Schwiegertochter werden wollte!«

»Aus Dir spricht Welt, Mädchen,« rief die Mutter; »ja so ist es, wir

müssen den ersten Eindruck wahren!«

Zögernd erklärte der Schichtmeister seine Bereitwilligkeit, den Schmuck

gegen eine Obligation zu erstehen. »Ich zweifle nur, daß Herr Reichel

darauf eingeht,« bemerkte die Frau, »doch versuche Dein Glück. Komm mit

in den Laden!«

Sie gingen hinaus. Der Goldschmied hatte die ausgewählten

Gegenstände schon bereit gelegt. Die Frauen überließen sich mit

Entzücken der Betrachtung dieser nothwendigen Entbehrlichkeiten,

indeß der Schichtmeister mit dem Goldschmied über die Art der

Zahlungssicherstellung verhandelte. Herr Reichel wollte von der

vorgeschlagenen Art der Zahlungssicherstellung nichts wissen; er

bestand auf einem Wechsel nicht nur für die schon im Buch stehende,

sondern auch für die neue Schuld. Der Schichtmeister konnte sich zu

dem Wechsel nicht entschließen, und der ganze Handel drohte sich zu

zerschlagen. Aber Töchter, die zur rechten Zeit bethauete Wimpern

zeigen, und Mütter, die im rechten Augenblick das Vaterherz zu packen

verstehen, werden meist siegreich aus einem Angriff auf väterliche

Finanzscrupel hervorgehen. Klotilden, die als das leibhaftige Ebenbild

der Mutter des Vaters Liebling war, perlten Tröpfchen über die rosigen

Wangen, und sie ging mit dem Tuche vor den Augen ins Zimmer zurück.

»Komm, Brunhild!« rief die Mutter zornig und zog sie jener nach. »Aber

Bertha!« sagte der Schichtmeister folgend, »sei nur nicht so bös! Ich

kann doch nicht anders.«

Die Beleidigte wendete sich von ihm ab und rief ihren Töchtern

zu: »Jetzt kommt, Kinder! kommt gleich mit nach Hause! Es war

sehr unrecht, Euch in Pension zu thun. Euer Vater will, Ihr sollt

Häuersweiber werden wie das Gänseblümchen, die Hedwig. Kommt! Ihr setzt

keinen Fuß wieder in die Pension, und Du, Brunhild, vergissest Deinen

Alexis! Vielleicht findet sich auch noch ein Steiger für Dich -- armes

-- unglückliches -- Kind --« und ihre Stimme erstarb in Schluchzen.

Da brach dem Schichtmeister das Herz. Er kratzte sich den Kopf -- er

besann sich -- es galt, sich zur Zahlung von 400 Thalern nach Ablauf

von drei Monaten verbindlich zu machen. -- Die Erbschaft seiner Frau,

so redete er sich in der Erregung des Herzens ein, die Erbschaft mußte

bis dahin eingehen, und wenn nicht, so wäre darauf inzwischen schon ein

Darlehn zu erlangen. -- Er ging in den Laden zurück und unterzeichnete

den schon ausgefüllten Wechsel. Seine Hand zitterte, aber doch war ihm

leichter ums Herz, als er, den Kasten mit dem erstandenen Geschmeide in

den Händen, zu seiner Frau trat.

Die vier Familienglieder verfügten sich nun zu der »Frau Magisterin«,

bei welcher Brunhild und Klotilde sich jenen schimmernden Anstrich

holten, der in gewissen Gesellschaftskreisen für die Blüthe der

Erziehung gilt. Als sie nur wenig Minuten das Haus des Goldschmieds

verlassen, trat bei diesem ein einzelner, auch bergmännischer

Besuch ein. Ein langer, hagerer Graukopf mit dem Abzeichen eines

Grubensteigers. Sein gefurchtes Gesicht ließ ihn älter erscheinen,

als er war. Sein Glückauf! war nicht das helle, herzhafte, wie es

gewöhnlich aus der Knappen Mund ertönt, es klang hohl und traurig. Der

Goldschmied führte ihn in ein kleines Bureau, das hinten an den Laden

stieß. Der Steiger brachte aus seinem Kittel ein Päckchen in Papier,

das ihm der Goldschmied hastig abnahm und mit den Händen wog. »Es

scheint leichtes Gut zu sein,« sagte er.

»Leicht?« versetzte der Steiger; »ich wette, daß Sie noch nie

schwereres Erz in den Händen gehabt, sehen Sie es nur erst an!«

Der Goldschmied entfernte das Papier und vergaß einen Augenblick den

Kunstgriff des Wucherers, das zu kaufende Gut mit Geringschätzung zu

betrachten.

»Wie viel haben Sie von dieser Art?« fragte er.

»Zwei Centner,« antwortete der Steiger mit einem tiefen Seufzer.

»Freilich wenig,« sagte der Goldschmied; »wird sich kaum des Schmelzens

verlohnen.«

»So sprechen Sie immer,« sagte der Steiger; »aber ich weiß so gut wie

Sie, was in dem Erze steckt, und was sich herausschmelzen läßt.«

»Was verlangt Ihr für den Braß?« fragte der Goldschmied wieder.

»Ich hoffe damit den Wechsel meines Sohnes gedeckt zu haben -- sonst

will ich weiter nichts -- ich will froh sein, wenn ich diesen Stein vom

Herzen habe.«

Der Goldschmied wollte den Werth des Erzes herabsetzen, so daß der

Wechsel nicht damit gedeckt erschien, aber der Steiger bestand auf

seiner Forderung, und zuletzt versprach der Goldschmied, den Wechsel

auszuliefern, sobald er das Erz in Empfang nähme. Der Steiger wollte

es in der zweitnächsten Nacht zum Theil bringen und verabschiedete

sich. »O, mein Sohn! mein Sohn!« murmelte er unter der Thür, »wenn Du

wüßtest, wohin Dein Uebermuth Deinen alten Vater gebracht hat!« Eine

Thräne quoll aus seinem Auge -- langsam stieg er die Stufen vor dem

Laden hinab. Plötzlich fand er sich angeredet. Aufblickend sah er den

Gelbgießer Mickley vor sich stehen.

»Ihr noch in der Stadt?« fragte dieser, »und kommt vom Goldschmied?«

Der Steiger erschrak. »Ich war -- ich hatte -- mein Sohn schickte mich

hierher --« stotterte er.

»So?« versetzte Mickley; »ist der Herr auch wieder einmal zu Platze?

Er ist nun endlich einmal Doctor geworden und geht mit einer vornehmen

Heirath um -- he?«

»Wie er thut, ja; und da er so gut mit dem Herrn Obereinfahrer steht,

so mag wohl was d'ran sein.«

»Ach ja, es ist ja die Schwester vom Herrn Baron, um die er freit; --

da gratulir' ich zur vornehmen Freundschaft, Alter!«

»Danke, Meister Mickley, eine brave, bürgerliche Schwiegertochter wäre

mir lieber. --«

»Ihr seid ein braver Mann, Steiger,« sagte der Gelbgießer, ihm

auf die Schulter klopfend, »ich weiß, Ihr habt's nicht wie Eure

Schichtmeisterin darauf angelegt, in vornehme Freundschaft zu kommen.

Hättet Ihr doch in Eurer Demuth Euren Sohn gar nicht studiren lassen;

aber gute Freunde haben Euch überredet. Daß er nun aus der Art

geschlagen, ist somit nicht Eure Schuld.«

»Dort kommt er gerade,« sagte der Steiger, »dort aus dem Posthause; der

Herr Obereinfahrer und eine Dame sind bei ihm -- sie kommen hierher,

wir wollen doch ein wenig auf die Seite gehen.«

»Ei warum nicht gar! Es sind Menschen wie wir auch. Ich möchte Euern

Sohn 'mal in der Nähe sehen.«

Jene Drei waren bald in die Nähe der Beiden gekommen; der Steiger

salutirte seinem Vorgesetzten, der Bürger grüßte höflich; der

Obereinfahrer erwiederte freundlich die Grüße, aber der Doctor,

anscheinend in tiefem Gespräch mit der Dame, der eine Zofe und ein

Lakai mit Gepäck folgten, ging, ohne nur den Kopf nach seinem Vater zu

wenden, stolz vorüber.

»War das Euer Sohn?« fragte der Gelbgießer nach einer Weile. Der

Steiger bejahete es mit einem Seufzer.

»Und er sah Euch nicht einmal an!« sagte jener, »und grüßte nicht

einmal! Er verleugnet seinen Vater, er schämt sich seiner Herkunft!

Armer, alter Mann!«

Der ehrsame Bürger nahm Abschied von dem Greis, und dieser wankte dem

Thore zu.

Erzgebirgische Geschichten. Erster Band · 第 6 / 14 题