Brunhild fand ihren Vater wirklich bei dem Markscheider. Sie theilte
ihm mit, welche Einladungen an ihn und die Seinigen ergangen waren, und
bat ihn, augenblicklich mit ihr zu kommen. Er ging mit ihr. »Wo ist
denn die Mutter?« fragte er vor der Thür.
»Bei dem Goldschmied,« antwortete sie.
»Schon wieder?« fragte er trübe.
»Sei nur nicht bös,« sagte Brunhild, »ich wollte es nicht haben; aber
Du weißt, wie die Mutter ist, und vielleicht hat sie heute nicht ganz
Unrecht, ich habe Dir noch nicht gesagt, daß die Frau Baronin zum
Besuch hierher kommt und bei Neuhoff's absteigt.«
»Heute?« fragte der Schichtmeister; »und da sollen wir wohl am Abend in
Gesellschaft der Baronin sein?«
»Ja, und auch schon bei Landgraf's mit ihr speisen.«
»Also die Frau Baronin kommt? Sie will uns kennen lernen,« sagte der
Schichtmeister erheitert, »so komm denn!«
Bei dem Goldschmied angekommen und von diesem in sein Wohnzimmer
geführt, wurde der Schichtmeister von seiner Frau auf die Seite
gezogen. »Hast Du schon gehört, lieber Schatz, welche Ehre, welches
Glück uns erwartet?« redete sie ihn an. Und als er bejahte, sagte
sie: »Denke Dir, das ist Alles so von dem Baron veranstaltet; der
liebe, goldne Mann erwartet den günstigsten Eindruck von der Begegnung
unsers Kindes mit seiner Mutter, und hofft morgen schon ihr Jawort zu
erhalten. Du kannst Dir meine Seligkeit denken, Schatz, denk' einmal,
in einem Vierteljahr ist unser Kind vielleicht Frau Baronin -- gnädige
Frau! Aber Du weißt, man muß das Eisen schmieden, wenn es glüht, und
nur den Dummen kommt das Glück im Schlafe. Es versteht sich, daß wir
vor der Frau Baronin anständig erscheinen müssen. Glücklicherweise sind
unsere Mädchen, als hätten sie es geahnt, in den letzten Tagen fleißig
hinter ihrer Garderobe her gewesen, und mein neues Barègekleid macht
sich auch. Aber zu den noblen Gewändern gehört auch ein nobler Schmuck,
wenigstens für Brunhild. Ich bin daher gleich hierher gegangen und habe
uns einige sehr einfache, aber noble Sachen ausgesucht; Du weißt, ich
verstehe mich auf dergleichen. Aber denke Dir, der Goldschmied will uns
nur auf einen Wechsel von Dir weitern Credit geben. Vergebens tröstete
ich ihn auf das nahe Ende meines Erbschaftsprocesses; er besteht auf
dem Wechsel. Nun, Du weißt doch besser als er, wie es um den Proceß
steht, daß wir ihn in erster Instanz gewonnen, und daß nach der
Versicherung unsers Advocaten das Erkenntniß der zweiten Instanz bald
erfolgen und unser Erbe in spätestens drei Monaten in unsern Händen
sein muß. Du hast hoffentlich kein Bedenken gegen den Wechsel?«
»Allerdings, liebe Bertha, hab' ich das,« erwiederte der
Schichtmeister, »Alles, nur keinen Wechsel! Ich hoffe zwar auch, daß
der Proceß bis dahin entschieden sein wird, aber es bleibt doch immer
eine Möglichkeit, daß er sich noch sehr lange hinauszieht. Ich meine
auch, der Schmuck sei nicht so nothwendig --«
»Nicht nothwendig?« fiel ihm die Frau ins Wort, und da der Goldschmied
hinausgegangen war, so rief sie laut: »Brunhild! Klotilde! sagt, ob
die Schmucksachen uns nicht nöthig sind, um vor der Frau Baronin zu
bestehen?«
Brunhild sagte, sie wolle nichts bestimmen, aber so viel wisse sie,
daß ihr Alexis nicht nach Schmuck bei ihr frage. -- »Aber,« fiel
Klotilde ein, »die Frau Baronin ist eine Banquierstochter, und diese
Damen halten viel auf Geschmeide. Die Frau Magisterin sagte, der erste
Eindruck einer Begegnung entscheide oft über die ganze Zukunft, und
ich möchte der geschmeideliebenden Baronin nicht allzu einfach vor die
Augen kommen, wenn ich ihre Schwiegertochter werden wollte!«
»Aus Dir spricht Welt, Mädchen,« rief die Mutter; »ja so ist es, wir
müssen den ersten Eindruck wahren!«
Zögernd erklärte der Schichtmeister seine Bereitwilligkeit, den Schmuck
gegen eine Obligation zu erstehen. »Ich zweifle nur, daß Herr Reichel
darauf eingeht,« bemerkte die Frau, »doch versuche Dein Glück. Komm mit
in den Laden!«
Sie gingen hinaus. Der Goldschmied hatte die ausgewählten
Gegenstände schon bereit gelegt. Die Frauen überließen sich mit
Entzücken der Betrachtung dieser nothwendigen Entbehrlichkeiten,
indeß der Schichtmeister mit dem Goldschmied über die Art der
Zahlungssicherstellung verhandelte. Herr Reichel wollte von der
vorgeschlagenen Art der Zahlungssicherstellung nichts wissen; er
bestand auf einem Wechsel nicht nur für die schon im Buch stehende,
sondern auch für die neue Schuld. Der Schichtmeister konnte sich zu
dem Wechsel nicht entschließen, und der ganze Handel drohte sich zu
zerschlagen. Aber Töchter, die zur rechten Zeit bethauete Wimpern
zeigen, und Mütter, die im rechten Augenblick das Vaterherz zu packen
verstehen, werden meist siegreich aus einem Angriff auf väterliche
Finanzscrupel hervorgehen. Klotilden, die als das leibhaftige Ebenbild
der Mutter des Vaters Liebling war, perlten Tröpfchen über die rosigen
Wangen, und sie ging mit dem Tuche vor den Augen ins Zimmer zurück.
»Komm, Brunhild!« rief die Mutter zornig und zog sie jener nach. »Aber
Bertha!« sagte der Schichtmeister folgend, »sei nur nicht so bös! Ich
kann doch nicht anders.«
Die Beleidigte wendete sich von ihm ab und rief ihren Töchtern
zu: »Jetzt kommt, Kinder! kommt gleich mit nach Hause! Es war
sehr unrecht, Euch in Pension zu thun. Euer Vater will, Ihr sollt
Häuersweiber werden wie das Gänseblümchen, die Hedwig. Kommt! Ihr setzt
keinen Fuß wieder in die Pension, und Du, Brunhild, vergissest Deinen
Alexis! Vielleicht findet sich auch noch ein Steiger für Dich -- armes
-- unglückliches -- Kind --« und ihre Stimme erstarb in Schluchzen.
Da brach dem Schichtmeister das Herz. Er kratzte sich den Kopf -- er
besann sich -- es galt, sich zur Zahlung von 400 Thalern nach Ablauf
von drei Monaten verbindlich zu machen. -- Die Erbschaft seiner Frau,
so redete er sich in der Erregung des Herzens ein, die Erbschaft mußte
bis dahin eingehen, und wenn nicht, so wäre darauf inzwischen schon ein
Darlehn zu erlangen. -- Er ging in den Laden zurück und unterzeichnete
den schon ausgefüllten Wechsel. Seine Hand zitterte, aber doch war ihm
leichter ums Herz, als er, den Kasten mit dem erstandenen Geschmeide in
den Händen, zu seiner Frau trat.
Die vier Familienglieder verfügten sich nun zu der »Frau Magisterin«,
bei welcher Brunhild und Klotilde sich jenen schimmernden Anstrich
holten, der in gewissen Gesellschaftskreisen für die Blüthe der
Erziehung gilt. Als sie nur wenig Minuten das Haus des Goldschmieds
verlassen, trat bei diesem ein einzelner, auch bergmännischer
Besuch ein. Ein langer, hagerer Graukopf mit dem Abzeichen eines
Grubensteigers. Sein gefurchtes Gesicht ließ ihn älter erscheinen,
als er war. Sein Glückauf! war nicht das helle, herzhafte, wie es
gewöhnlich aus der Knappen Mund ertönt, es klang hohl und traurig. Der
Goldschmied führte ihn in ein kleines Bureau, das hinten an den Laden
stieß. Der Steiger brachte aus seinem Kittel ein Päckchen in Papier,
das ihm der Goldschmied hastig abnahm und mit den Händen wog. »Es
scheint leichtes Gut zu sein,« sagte er.
»Leicht?« versetzte der Steiger; »ich wette, daß Sie noch nie
schwereres Erz in den Händen gehabt, sehen Sie es nur erst an!«
Der Goldschmied entfernte das Papier und vergaß einen Augenblick den
Kunstgriff des Wucherers, das zu kaufende Gut mit Geringschätzung zu
betrachten.
»Wie viel haben Sie von dieser Art?« fragte er.
»Zwei Centner,« antwortete der Steiger mit einem tiefen Seufzer.
»Freilich wenig,« sagte der Goldschmied; »wird sich kaum des Schmelzens
verlohnen.«
»So sprechen Sie immer,« sagte der Steiger; »aber ich weiß so gut wie
Sie, was in dem Erze steckt, und was sich herausschmelzen läßt.«
»Was verlangt Ihr für den Braß?« fragte der Goldschmied wieder.
»Ich hoffe damit den Wechsel meines Sohnes gedeckt zu haben -- sonst
will ich weiter nichts -- ich will froh sein, wenn ich diesen Stein vom
Herzen habe.«
Der Goldschmied wollte den Werth des Erzes herabsetzen, so daß der
Wechsel nicht damit gedeckt erschien, aber der Steiger bestand auf
seiner Forderung, und zuletzt versprach der Goldschmied, den Wechsel
auszuliefern, sobald er das Erz in Empfang nähme. Der Steiger wollte
es in der zweitnächsten Nacht zum Theil bringen und verabschiedete
sich. »O, mein Sohn! mein Sohn!« murmelte er unter der Thür, »wenn Du
wüßtest, wohin Dein Uebermuth Deinen alten Vater gebracht hat!« Eine
Thräne quoll aus seinem Auge -- langsam stieg er die Stufen vor dem
Laden hinab. Plötzlich fand er sich angeredet. Aufblickend sah er den
Gelbgießer Mickley vor sich stehen.
»Ihr noch in der Stadt?« fragte dieser, »und kommt vom Goldschmied?«
Der Steiger erschrak. »Ich war -- ich hatte -- mein Sohn schickte mich
hierher --« stotterte er.
»So?« versetzte Mickley; »ist der Herr auch wieder einmal zu Platze?
Er ist nun endlich einmal Doctor geworden und geht mit einer vornehmen
Heirath um -- he?«
»Wie er thut, ja; und da er so gut mit dem Herrn Obereinfahrer steht,
so mag wohl was d'ran sein.«
»Ach ja, es ist ja die Schwester vom Herrn Baron, um die er freit; --
da gratulir' ich zur vornehmen Freundschaft, Alter!«
»Danke, Meister Mickley, eine brave, bürgerliche Schwiegertochter wäre
mir lieber. --«
»Ihr seid ein braver Mann, Steiger,« sagte der Gelbgießer, ihm
auf die Schulter klopfend, »ich weiß, Ihr habt's nicht wie Eure
Schichtmeisterin darauf angelegt, in vornehme Freundschaft zu kommen.
Hättet Ihr doch in Eurer Demuth Euren Sohn gar nicht studiren lassen;
aber gute Freunde haben Euch überredet. Daß er nun aus der Art
geschlagen, ist somit nicht Eure Schuld.«
»Dort kommt er gerade,« sagte der Steiger, »dort aus dem Posthause; der
Herr Obereinfahrer und eine Dame sind bei ihm -- sie kommen hierher,
wir wollen doch ein wenig auf die Seite gehen.«
»Ei warum nicht gar! Es sind Menschen wie wir auch. Ich möchte Euern
Sohn 'mal in der Nähe sehen.«
Jene Drei waren bald in die Nähe der Beiden gekommen; der Steiger
salutirte seinem Vorgesetzten, der Bürger grüßte höflich; der
Obereinfahrer erwiederte freundlich die Grüße, aber der Doctor,
anscheinend in tiefem Gespräch mit der Dame, der eine Zofe und ein
Lakai mit Gepäck folgten, ging, ohne nur den Kopf nach seinem Vater zu
wenden, stolz vorüber.
»War das Euer Sohn?« fragte der Gelbgießer nach einer Weile. Der
Steiger bejahete es mit einem Seufzer.
»Und er sah Euch nicht einmal an!« sagte jener, »und grüßte nicht
einmal! Er verleugnet seinen Vater, er schämt sich seiner Herkunft!
Armer, alter Mann!«
Der ehrsame Bürger nahm Abschied von dem Greis, und dieser wankte dem
Thore zu.