I.

Die Bergleute des Reviers hatten Lohntag. Die Auslohnung war vorbei,

und das muntere Bergvolk stand in Gruppen längs der Rathhausseite des

großen Marktplatzes oder schlenderte durch die zwei Budenreihen des

Krammarktes. Denn seit undenklichen Zeiten war in der freien Bergstadt

dafür gesorgt, daß die Bergleute, deren Viele stundenweit herkamen,

sich eines Theiles der schwergewonnenen Groschen auf leichte Art wieder

entäußern konnten. Und wie man Fischreußen vor die Abflußöffnungen

der Gewässer legt, so baute man die Buden gerade in die Verlängerung

der Gasse, in welcher das Berg- und Zehntamt lag. Da mußten selbst

diejenigen hindurch, welche Lust hatten, einen Theil ihres Lohnes

in der Sparcasse niederzulegen, die seit einem Jahrzehent bestand,

so daß gar manches für die Sparcasse bestimmte Fischlein dort

hängen blieb. Das konnte freilich nur von dem unbeweibten Bergvolke

gelten, denn der beweibte und dann sicher auch mit Kindern gesegnete

Knappe konnte höchstens mit Hülfe eines Heckethalers sich an der

Sparcasse betheiligen. Gönnt der sich doch nicht einmal ein billiges

Frühstück in der Garküche, aus welcher es so bratenhaft duftet --

an das gegenüberliegende »süße Löchel«, die Conditorei, ist gar

nicht zu denken, sondern er verzehrt höchstens in den Brodbänken ein

»Dreierstöllchen« mit einer halben Knackwurst, nachdem er die Hälfte

für seine »Alte«, vorausgesetzt, daß sie noch jung ist, im Kittel

geborgen.

Von jungen Burschen sah man in den Brodbänken höchstens den Bergner

Ferdinand vom Vater Abraham. Heute war er da. Ein hochgewachsener,

blonder, frischer Gesell, mit intelligenten Zügen. Der leinene Kittel

kohlschwarz, Fahrleder und Gürtel schön lackirt, auch das Schuhwerk

blank gewichst. Unter der Bänkenthür stand er und blickte mit seinen

hellen, blauen Augen nach der gegenüberliegenden Conditorei, aber wohl

eher nach dem lockigen Kopfe einer Dame, die dort an einem Fenster

an der Seite eines Bergherrn stand, als nach den gaumenkitzelnden

Dingen des Schaufensters. Dicht neben den Brodbänken befand sich der

Laden eines Gelbgießers, an welchen sich die Gewölbe eines Tuchmachers

und eines Zinngießers reihten. Diesen drei Geschäftsleuten schien der

Lohntag keine Weizenblüthe zu sein; standen sie doch schon seit einer

halben Stunde vor dem Gelbgießerladen und klagten über den flauen

Geschäftsgang. Plötzlich aber wurde ihre Aufmerksamkeit nach der

Conditorei hinübergelenkt, aus welcher eine hochgewachsene Dame mit

einer Schaar junger Dämchen in orgelpfeifenähnlicher Größenabstufung

hervorquoll.

»Da kommt die Staatsglucke vom Vater Abraham mit ihren Küchlein!« rief

der Tuchmacher; »acht Stück, und was für eine Prachtrace! Und richtig

-- der Liebhaber der Aeltesten, der neue Herr Obereinfahrer, ist auch

dabei; der wird wohl die ganze Schaar tractirt haben.«

»Soll mich wundern, ob aus dem Freier auch ein Nehmer wird,« sagte

der Zinngießer; »der Herr Obereinfahrer ist ein Feiner; reich und

von Adel, wie er ist, denkt er wohl höher hinaus, als zu der armen

Schichtmeisterstochter, die Nichts hat, als was sie auf dem Leibe

trägt.«

»Ja, wenn das nur noch ihr Eigenthum wäre,« fiel der Tuchmacher ein;

»ich will mein Contobuch vom Schinder verbrennen lassen, wenn von all

den Fahnen und Behängen, worin das schöne Fräulein prangt, nicht über

Dreiviertel in verschiedenen Contobüchern ungelöscht stehen.«

»Oho!« nahm der Gelbgießer das Wort; »macht's nur nicht so gefährlich!

Dazu ist mein Schichtmeister Frenzel denn doch ein viel zu wackerer

Mann, als daß er solche Schuldenwirthschaft dulden sollte. Es ist

wahr, die Schichtmeisterin trägt die Nase ein wenig hoch und macht am

Ende mehr aus sich und ihren Töchtern, als dahinter steckt; aber sie

ist doch eine tüchtige Hauswirthin, und man findet nirgends eine so

ausgesuchte Ordnung und Sauberkeit, wie bei ihr zu Hause.«

»Ei, das ist doch nicht etwa ihr Verdienst!« sagte der Tuchmacher. »Ihr

als Gewerke vom Vater Abraham solltet doch wissen, wer da eigentlich

die Hauswirthin ist, obgleich sie nur für das Aschenbrödel gilt. Das

ist die Kleine, die Stieftochter der großen Dame dort, die Einzige von

des Schichtmeisters erster Frau.«

»Die kenn' ich ja gar nicht,« erwiederte der Gelbgießer.

»Natürlich,« erklärte der Tuchmacher; »sowie sich ein Besuch auf dem

Vater Abraham zeigt, muß sich Aschenbrödel in der Küche verkriechen.

Sie würde schön ankommen, wollte sie sich als schwarze Henne unter den

bunten Küchlein der Frau Mama zeigen. Aber sie ist es, die eigentlich

das ganze Haus erhält, denn das müßt Ihr doch selbst zugeben, daß die

Schichtmeisterin, wenn sie eine Wirthin sein wollte, nicht mehr Staat

treiben würde, wie eine Bergmeisterin!«

»Nun, wer weiß,« unterbrach der Zinngießer den Sprecher, »wer weiß, ob

sich der Schichtmeister nicht besser steht wie unser Bergmeister. Der

Vater Abraham hat schönes Erz, und wer kann einen Schichtmeister, der

auf seiner Grube wohnt, so genau --« hier stockte der Redner; ein Blick

auf das Gesicht des Gelbgießers machte ihn verstummen. Doch dieser rief

schnell: »Was wolltet Ihr sagen, Nachbar Paul? Redet weiter, was meint

Ihr? Bedenkt, daß ich Kuxinhaber vom Vater Abraham bin, und mich das

sehr nahe angeht, was Ihr da auf der Zunge hattet!«

»Ich hab's verschluckt und vergessen,« sagte der Zinngießer; »Ihr wißt

ja, Nachbar Mickley, es kommt Einem manchmal ein überzwercher Gedanke

in den Mund. Ich weiß nichts, will nichts wissen und glaube, daß der

Schichtmeister Frenzel ein wackerer Mann ist, wie Ihr selbst ihn

nanntet.«

»Bis jetzt,« erwiederte der Gelbgießer, »hat seine Gewerkschaft alle

Ursach' gehabt, mit ihm zufrieden zu sein, und er gilt allgemein als

der tüchtigste Grubenbeamte im ganzen Revier. Aber es ist eine böse

Zeit, man darf fast seinem Bruder nicht mehr trauen, und was Ihr da

angedeutet, will ich mir hinter die Ohren schreiben.«

»Aber Nachbar Mickley,« sagte der Zinngießer fast ängstlich, »seid doch

nicht so wunderlich! Ich habe gar nichts angedeutet, gar nichts. Euer

Schichtmeister ist gewiß ein wackerer Mann, kein Mensch kann wider ihn

auftreten, auch der Nachbar Kunz nicht. Gewiß, Nachbar Kunz, behauptet

Ihr nicht im Ernst, daß es mit den Schichtmeistersleuten so übel stehe,

wie Ihr vorhin sagtet.«

»Oh! was ich gesagt hab', das hab' ich gesagt,« versetzte der

Tuchmacher, »wollt Ihr einen kleinen Beweis für meine Worte sehen,

so schaut in mein Contobuch, da steht noch ein alter Rest von zehn

Thalern, um den ich schon zehnmal umsonst gemahnt habe. Aber jetzt ist

meine Geduld zu Ende, und wenn ich morgen mein Geld nicht habe, geht's

vor Gericht!«

Das ganze Gespräch war von dem jungen Bergmann, der unter der

Brodbänkenthür stand, mit gespannter Aufmerksamkeit verfolgt worden.

Mehrmals hatte sein Gesicht den Ausdruck heftigen Unwillens angenommen,

und bei den letzten Worten des Tuchmachers geschah dies wieder. Er

fuhr hastig in seinen Kittel und zog ein Perlbeutelchen hervor, dessen

Inhalt er überzählte. Ach! es war viel, viel zu wenig, um die Schuld

seines Vorgesetzten zu decken. Er besann sich aber nicht lange;

er steckte seine Börse wieder ein und eilte nach der Spar-Casse.

Der Geschäftsführer derselben wunderte sich nicht wenig, daß sein

treuester Sparkunde heute Geld entnehmen wollte, statt welches

einzulegen; aber es half nichts, er mußte dem drängenden Häuer acht

blanke Thaler auszahlen. Mit diesem Zuschuß zu seinem heutigen Lohn

verfügte dieser sich nach dem Gewölbe des Gelbgießers, wo die drei

Bürger noch immer beisammen standen und jetzt neue Glossen über die

Schichtmeisterin machten, die mit ihren zwei ältesten Töchtern in einen

Goldschmiedsladen getreten war.

»Ist hier nicht der Meister Kunz?« fragte Ferdinand, zu dem Kleeblatt

tretend, nachdem er nicht unterlassen hatte, sein Glückauf! zu bieten.

»Der bin ich,« antwortete der Tuchmacher, »was steht zu Diensten? Ich

seh's Ihm an, Er bringt Handgeld -- nun Er soll heute einen guten

Handel machen.«

»Ich komme blos im Auftrage meines Schichtmeisters,« sagte Ferdinand;

»soll Ihnen die zehn Thaler auszahlen, die er noch schuldig ist.«

»So?« versetzte der Tuchmacher; »nun, das ist auch Handgeld, -- doch

ein Ehrenmann der Herr Schichtmeister; aber es hätte ja noch Zeit

gehabt, bis der Herr Schichtmeister wieder etwas gebraucht hätte. Komm

Er, ich will Ihm gleich die Quittung schreiben.« Und er nahm den Häuer

mit in sein Gewölbe.

»Da habt Ihr's!« sagte der Zinngießer zu dem Gelbgießer: »da hat

der Nachbar Kunz auch raisonnirt über den schlechten Zahler; nun

ist er doch ein Ehrenmann, und Ihr müßt Euch keinen Floh ins Ohr

setzen lassen. Ich für meine Person weiß nichts Unlauteres von Euerm

Schichtmeister und alle Welt nennt ihn einen tüchtigen Mann. Ich habe

nichts gesagt, behüt' Euch Gott!«

Damit entfernte sich der Zinngießer und ging in die Garküche nach

seinem Morgentöpfchen. Der Gelbgießer blieb unter seinem Laden stehen

und schaute nach dem des Tuchmachers. Nach einer Weile kam Ferdinand

daraus wieder zum Vorschein. »Nochmals meinen gehorsamsten Dank an den

Herrn Schichtmeister!« rief ihm der Tuchmacher nach, »und ich lasse

mich und mein neu assortirtes Lager bestens empfehlen.«

Ferdinand steckte lächelnd seine Quittung zu dem Rest seiner Baarschaft

und wollte sich auf den Heimweg machen. Als er aber an das Gewölbe

des Gelbgießers kam, hielt dieser ihn auf und nöthigte ihn hinein.

Er holte aus einem Wandschrank einen Teller mit Knackwurst und

Brodschnitten, eine Flasche und ein Gläschen, schenkte ein und bat den

jungen Häuer, zuzulangen. Dieser nahm ein Brodschnittchen, verschmähte

aber den Inhalt des Gläschens, weil er nie Branntwein trinke. Der

Gelbgießer nannte dies eine Sonderbarkeit und wollte ihn zu dem echten

»Eibenstocker« nöthigen. Aber Ferdinand beharrte bei seiner Weigerung,

und als der Gelbgießer einen Grund dafür wissen wollte, sagte er: »Ich

halte das Branntweintrinken für eins der Hauptübel der Menschheit.«

»Ja, wenn man den Branntwein säuft,« fiel Meister Mickley ein; »aber

ein Gläschen zum Imbiß dient zur Gesundheit.«

»Halten Sie zur Güte, Meister!« erwiederte Ferdinand; »unser Herr

Markscheider, der alle Dinge der Natur kennt, soweit Menschen sie

erforscht haben, hat uns in der Bergschule klar bewiesen, daß der

Branntwein, in was immer für einem Verhältniß genommen, nie von Nutzen

für die menschliche Natur sein könne; daß er aber in einiger Menge

genossen immer verderblich wirke. Die Säufer, die unter das Vieh

herabgesunken sind, haben auch Anfangs nur Gläschen getrunken. Doch

selbst der mäßigste Genuß bleibt eine Sünde gegen Gott und Menschen,

weil er immer die Mitschuld trägt, daß das, was Gott den Menschen zur

Nahrung bestimmt hat, so gut wie unter die Füße getreten wird. Lieber

Meister, Sie dulden gewiß nicht, daß auch nur ein Bröcklein Brod in

Ihrem Hause muthwillig weggeworfen werde; aber in jedem Glase Schnapps

werden ein paar Loth Brod zu nichte gemacht. Bedenken Sie, Meister,

wie viel tausend Scheffel Korn und Kartoffeln nur in unserm lieben

Gebirge jährlich zu Branntwein verbrannt werden -- das ist Brod für

viele tausend Menschen. Wahrlich, wenn man sich's recht überlegt, so

darf es Einen nicht wundern, wenn der liebe Gott über den Greuel einmal

ergrimmt und uns ganz entzieht, was wir so schmählich mißbrauchen.«

»Er ist ja ein halber Pastor!« rief der Gelbgießer aus; »na, so lassen

wir den Schnapps! Also Er ist auf der Bergschule -- sagte Er nicht?«

»Ich wohne bei meiner Mutter in Pobersdorf und fahre auf dem Vater

Abraham an, besuche aber die Bergschule seit zwei Jahren.«

»Und da kommt Er alle Tage anderthalb Stunden weit herein in die

Stunden? Das macht jeden Tag drei Stunden Wegs um eine Stunde

Unterricht!«

»Was kann es helfen,« erwiederte Ferdinand, »in der Stadt ist theuer

leben, dazu reicht das Häuerlohn nicht aus.«

»Und von der Grube wohnt Er auch eine Stunde entfernt; da hat Er

täglich einen Marsch von 5 Stunden zu machen. Dazu kommt die saure

Grubenschicht von 8 Stunden, das thut 13 Stunden täglich, mit der

Schule 14 -- da bleibt Ihm ja gar keine Zeit zu einem Ueberwerk!«

»Freilich nicht; -- nun, ich richte mich mit meiner Mutter ein, und

da wir eigne Herberg haben und eine Kuh im Stall, so kommen wir schon

aus. Freilich, der Fleischtopf steht bei uns immer weit vom Feuer,

aber dafür hat's uns noch kein Jahr an den lieben Kartoffeln gefehlt.

Uebrigens leb' ich mit meinen Kameraden in der guten Hoffnung, daß

unsere Herren Gewerken uns bald auch zu einem wenig Fleisch helfen

werden, da der Vater Abraham neuerdings so höflich geworden.«

»Höflich?« versetzte Meister Mickley, -- »es geht wahrlich an mit

der Höflichkeit. Es ist wahr, es hat in den letzten Quartalen einige

Ausbeute gesetzt; aber lieber Freund, Er bedenkt wohl nicht, daß wir

Gewerken viele Jahre nicht einen Heller von unsern Kuxen gehabt, ja gar

einmal Zubuße gezahlt haben.«

»Aber die ist doch gewiß längst reichlich wieder erstattet, und nach

meiner Ansicht muß es in der letzten Zeit eine ansehnliche Ausbeute

gesetzt haben.«

Der Gelbgießer sah den Sprecher scharf an; dann ging er an sein

Schreibpult und brachte ein Schreiben zum Vorschein, welches er dem

Knappen vorlegen wollte, aber erst noch einmal zurückzog, indem er den

jungen Mann fixirend fragte: »Wie hoch schätzt Er ungefähr die Ausbeute

vom Vater Abraham auf das letzte Quartal? Ich will einmal sehen, ob Er

schon einen tüchtigen Steiger abgäbe, wenn unser alter Meier bergfertig

würde. Er muß wissen, daß ich vier Kuxe baue und im Ausschusse der

Gewerken sitze, also ein Wörtlein mitzureden habe, wenn es eine Stelle

auf dem Abraham zu besetzen giebt. Ich will einmal sehen, ob Er schon

ein wenig Erz zu taxiren versteht. Laß Er hören!«

Der Jüngling sah vor sich nieder. Er mußte sich des Gesprächs der drei

Bürger erinnern, namentlich der halben Aeußerung des Zinngießers, die

zuerst seinen Unwillen erregt hatte. Offenbar wollte der Gelbgießer

ihn aushorchen, und er war im Begriff, eine kurze Antwort zu geben;

doch lag auch wieder etwas so Herzliches im Tone des Fragenden, daß

Ferdinand das rauhe Wort nicht über die Lippen brachte. Zudem war seine

Ehrliebe erregt und, was mehr sagen wollte, ihm eine Aussicht gezeigt

worden, die sein höchstes Lebensglück zum Hintergrund hatte. Nach

einigem Nachsinnen sagte er: »Mit dem Erzschätzen ohne genaue Probe

ist es immer ein unsicheres Ding, -- aber nach meinem Dafürhalten kann

die Ausbeute im letzten Quartal nicht unter 1300 Species betragen

haben.«

»Die Ausbeute?« rief der Gelbgießer. »Er meint wohl den Gesammtwerth

des gewonnenen Erzes?«

»Nein, den reinen Ertrag, nach Abzug der Gewinnungskosten und des

Zehntens.«

Jetzt schlug der Gelbgießer das Buch auf und hielt es dem Häuer vor das

Gesicht: »Da les' Er, was unter Quartal Crucis notirt ist.«

Der Jüngling las die Notiz und schüttelte mit dem Kopfe. »Da hätte

ich mich stark verrechnet,« sagte er, das Buch zurückgebend; »blos 5

Species auf den Kux, das thut für alle 128 Kuxe 640 Species, also noch

nicht die Hälfte der von mir vermutheten Summe. So stark sollte sich

einer, der Steiger werden will, freilich nicht verrechnen!«

»Ob Er sich aber auch nur verrechnet hat?« sagte der Meister. »Er

scheint mir einen offenen Kopf zu haben -- vielleicht hat Er doch recht

gerechnet -- he?«

»Sie überzeugen mich ja hier vom Gegentheil,« antwortete Ferdinand.

»Aber die Differenz kann wohl an etwas ganz Anderem liegen, als an

Seiner Berechnung? Sei er aufrichtig, junger Freund, es soll Sein

Schade nicht sein. -- Hat Er keine Vermuthung, auf welche Art die

schöne Ausbeute, welche Er der Gewerkschaft zugeschätzt hat, auf

weniger als die Hälfte geschwunden sein kann?«

Der Jüngling stand rasch auf. »Meister Mickley!« sagte er, »ich habe

Ihnen gleich gesagt, daß Erzschätzen nach dem bloßen Augenschein etwas

sehr Unsicheres sei; und wenn Sie anderer Meinung sind, so denken Sie,

daß ich noch lange in die Bergschule gehen muß, eh' ich reif bin zum

Steiger!«

»Ei, nur nicht so heftig, lieber junger Mann!« bat Mickley, ihn bei

der Hand nehmend; »nehm' Er nur wieder Platz, und hör' Er, was ich ihm

sagen will.«

Ferdinand aber gab vor, daß er zu Hause nothwendig zu thun habe.

»Nun, so besuch' Er mich ein ander Mal, komm Er doch immer, wenn Er

die Bergschule besucht; die ist alle Nachmittage zwischen 3 und 4,

da kann Er bei mir sich an einer Tasse Kaffee erquicken; und wenn Er

Zeichnenmaterial braucht, das kann Er bei mir auch haben, braucht's

nicht in der Buchhandlung zu holen. Wart' Er, ich will Ihm einmal

etwas zeigen!« Und er schob sich hinter seinen Ladentisch und brachte

verschiedene Reißzeuge zum Vorschein. »Ist Er schon mit einem Reißzeuge

versehen?« fragte er.

»Ich habe mich mit einem Zirkel und einem selbstgemachten Transporteur

behelfen müssen,« sagte Ferdinand; »ein gutes Reißzeug war mir zu

kostspielig.«

Der Gelbgießer öffnete das größte der mit schwarzem Maroquin

überzogenen Kästchen und legte es mit seinen aus rothem Sammet

hervorblitzenden feinen Instrumenten dem jungen Häuer vor. Dieser wurde

von dem Anblick unwiderstehlich gefesselt. Ein so kostbares Reißzeug

hatte er selbst bei seinem Markscheider nicht gesehen. Stumm stand er

darüber gebeugt und wagte kaum Athem zu holen, damit sein Hauch das

funkelnde Metall nicht erblinden mache.

»Ist das wohl vollständig?« fragte Mickley; »gefällt es Ihm?«

»Wem wollte das nicht gefallen?« sagte Ferdinand; »wer die edle

Mathematik treibt, der muß daran seine Freude haben. Aber es gehört

wohl ein guter Beutel dazu, einen solchen Schatz zu besitzen?«

»Manchmal hilft auch ein gutes, ehrliches Gesicht dazu,« sagte der

Bürger. »Ich weiß nicht, Er hat mir's angethan. Ich will Ihm was

sagen: Das Ding steht seit Jahren hier, und kein Mensch kauft es.

Alles behilft sich mit billigen Kästen, den Zimmer- und Maurermeistern

kommt's nicht darauf an, ob der Transporteur keinen Grad richtig zeigt,

oder das Winkelmaß auf 89 Grad steht statt auf 90, und den Bergschülern

fehlt's am Besten. Ich will aber das Ding einmal los sein, ehe es

verrostet. Nehm' Er es als eine kleine Aufmunterung zu rechtem Fleiße,

damit wir wieder einen tüchtigen Steiger bekommen, wenn der alte Meier

bergfertig wird.«

Ferdinand wollte zwar ein so kostbares Geschenk nicht nehmen, aber der

Gelbgießer wußte es ihm aufzureden. Als wär' er in den Besitz eines

Königreichs gekommen, so froh verließ er das Gewölbe. Draußen stieß er

auf Brunhild, die älteste Tochter seines Schichtmeisters aus dessen

zweiter Ehe. Er bot dem schönen, eleganten Mädchen sein Glückauf und

wollte vorübergehen; aber sie hielt ihn freundlich an. »Haben Sie

meinen Vater nicht gesehen, Herr Bergner?« fragte sie. »Oh, zum Herrn

fehlt mir viel, Fräulein Brunhild,« erwiederte er, »Ihren Vater

vermuth' ich beim Herrn Markscheider.« »Gut, ich danke,« sagte sie,

»und nicht wahr, Sie thun mir einen Gefallen?« -- »Zwei für einen,«

sagte er, »befehlen Sie nur!« -- »Sie machen sich wohl aus einem

kleinen Umweg nichts, wenn er über den Vater Abraham führt?« sprach

sie mit einem feinen Lächeln, »wollen Sie nicht unserer Hedwig sagen,

sie möchte der Mutter ihr neues Barègekleid schicken und nicht auf die

Eltern mit dem Essen warten; wir sind Alle zu Landgraf's zu Tisch und

zu einer Soirée bei Neuhoff's geladen; es kann Mitternacht werden, eh'

die Eltern heimkommen. Grüßen Sie die gute Hedwig von mir -- und hier,

wollten Sie ihr wohl das Stückchen Apfeltorte von mir bringen?«

Ferdinand übernahm den Auftrag mit herzlicher Freude, und das schöne

Mädchen nahm freundlich Abschied. »Die hat doch ein Herz,« sagte der

Häuer ihr nachblickend; »das hat sie von ihrem Vater, und die Mutter

hat es nicht verwüsten können. Gott segne sie!« -- Nun lenkte er seinen

Schritt dem Thore zu.

Erzgebirgische Geschichten. Erster Band · 第 5 / 14 题