III.

Die Fundgrube Vater Abraham gehörte zu den ältesten Bergwerken des

Reviers. An einem sanften Abhange der waldigen Hochebene gelegen,

ragten die stattlichen Berggebäude, das gethürmte Huthaus, die

Bergschmiede, die Wäsche und der Pferdegöpel aus dunkeln Tannen hervor.

Ein Glöcklein, das von Minute zu Minute angeschlagen wurde, schallte

weithin durch die einsame Gegend. Es war der Nachmittag desselben

Lohntags. Das Wetter wunderschön. Auf einer Bank vor dem Huthause

saß ein stattlicher Greis im Bergmannskittel zur Seite eines jungen,

einfach bürgerlich gekleideten Mädchens von ausnehmender Anmuth. Eine

kleine Gestalt, aber vom zierlichsten Bau, eine bewundernswürdige

Vereinigung von Zartheit und Fülle. Während sie emsig strickte, hing

ihr blaues Auge an den dunkelblauen Berghäuptern des Fichtelberges und

seiner Nachbarn, welche trotz der Entfernung mehrer Stunden doch ganz

nahe zu sein schienen, so durchsichtig war die Luft und so günstig die

Lage des Standpunktes.

»Ja, schau Dir ihn nur an, den alten lieben Bergkönig,« sagte der

Greis; »so wie Du hab' ich ihn schon seit mehr als vierzig Jahren fast

täglich betrachtet, entweder von dieser Bank oder vom Fenster aus, und

doch hab' ich mich nie satt daran sehen können. Nein, je älter ich

geworden, desto lieber hab' ich da hinauf geschaut; und wenn mir noch

so weh ums Herz gewesen, von meinen Bergen herab ist mir Linderung

gekommen.«

»Ich habe schon oft nachgedacht,« sagte das junge Mädchen, »was es denn

eigentlich sei, das uns so heimlich und so magisch von den duftigen

Höhen anweht, aber ich habe den Schlüssel zu dem Zauber nicht finden

können.«

»Ja, sieh, mein Kind,« erwiederte der Greis; »zwischen den Bergen

und dem unverdorbenen Menschenherzen findet eine nahe Verwandtschaft

statt. Beide streben zum Himmel, und beide tragen himmlische Kräfte in

sich. Aber was den Fichtelberg betrifft, so hat der für ein echtes,

treues Bergmannskind noch einen ganz besondern Zauber. Denn sieh, im

Fichtelberg hauste der gute Geist des ganzen Gebirges. Das jetzige

superkluge Volk will zwar nichts davon wissen, aber ich weiß, was ich

weiß.«

»Erzählt mir doch etwas, Großvater!« bat das Mädchen und wandte ihm

ihr sonniges Gesicht mit den blauen Augen zu. Zwar war es nur die

alte, schon hundertmal von ihm vernommene Geschichte, die sie zu hören

hoffen durfte; aber sie wußte, wie gern er sie erzählte, wenn er einen

andächtigen Hörer fand, den er gern auch für einen gläubigen nahm.

»Nun, Dir kann man allenfalls so etwas erzählen,« sagte er; »Du gehörst

nicht zu den Superklugen.«

»Vor Alters, wo alle Menschen gläubiger waren,« begann der Alte,

»kamen die Berggeister häufig auf die Oberwelt und waren den Menschen

hülfreich, wo es noth that; aber je ungläubiger die Menschen wurden,

desto weniger mochten die guten Geister mit ihnen zu schaffen haben und

so zogen sie sich immer mehr in den Schoß der Erde zurück. Doch kommen

sie dann und wann noch ans Tages- oder Grubenlicht. Auch ihr Fürst,

der Geist des Fichtelberges, ist vor gar nicht langer Zeit noch gesehen

worden. Da ist bei meines seligen Vaters Lebzeiten zu Wiesenthal ein

armer, armer Häuer gewesen, der hat die Stube voll Kinder und kein Brod

in der »Almet« gehabt, auch keins schaffen können, denn seine Grube ist

auflässig und er ohne neue Arbeit gewesen. Da treibt ihn das Geschrei

der hungrigen Kinder bei Morgengrauen aus dem Hause, und in der

Verzweiflung seines Herzens geht er, er weiß selbst nicht wohin. Und

wie er gegangen und gegangen ist, steht er oben auf dem Fichtelberg.

Da sitzt ein steinalter Bergmann unweit von ihm auf einem Stein, der

winkt ihm. Wie er hinkommt, sieht er zu des Alten Füßen einen Brunnen

voll hellen Wassers, und war ihm doch sonst nie ein Brunnen da oben

vorgekommen. »Was soll ich?« hat er gefragt. »Räume doch die Steine aus

meinem Brunnen hier; schlechtes Volk hat sie hineingeworfen.« Das hat

sich der Wiesenthaler nicht zweimal sagen lassen; hat nicht gefragt:

was krieg ich? oder was geht's mich an? sondern: 's ist ein alter Mann,

hat er gedacht, und das Alter muß man ehren; hat sich frisch ans Werk

gemacht und die Steine herausgeholt. Und wie er den letzten auf den

Rand gebracht, siehe, da ist's blankes Gold gewesen; der Alte aber

war verschwunden. Ist kein anderer gewesen, als der gute Bergfürst.

Fröhlichen Muthes ist der Häuer heimgeeilt, und alle Noth hat bei ihm

ein Ende gehabt. Später ist es ihm eingefallen, daß wohl auch die

andern Steine, die er aus dem Brunnen geräumt, goldhaltig gewesen sein

könnten; er ist daher wieder auf den Berg gestiegen, aber wie er auch

gesucht, er hat keinen Brunnen, noch eine Spur davon mehr gefunden.«

»Es ist recht schade,« sagte das Mädchen, »daß jetzt solche guten

Geister keinem Menschen mehr zu Hülfe kommen, wo es der Noth so viel in

unserm Gebirge giebt.«

»Ach wohl giebt's der Noth viel im armen Gebirge!« rief der Greis,

»mehr als ein Mensch aussagen kann, und die guten Berggeister wären

nöthiger als je. Aber sieh, Hedwig, die Menschen haben sie durch ihren

Undank selbst verscheucht. Mit den Berggeistern ist der Segen vom

Gebirge geflohen; das Bergwerk, sein eigentlicher Lebenspuls, ist in

Verfall gekommen, und ich weiß nicht, was noch aus ihm werden wird.

Wenn ich zurückdenke in meine Jugendzeit, was für ein Leben war da noch

in unserm Revier, und besonders auf unserm Vater Abraham! Wie ich als

neuer Hutmann Deine Großmutter heimführte, da standen 250 Bergleute

im Staat aufgepflanzt auf der Halde, lauter Vater-Abrahamer, und eine

Hochzeit war's, woran die paar Alten, die aus jener Zeit noch leben,

noch heute mit Lust denken. Aber wie muß es erst gewesen sein, als

droben der alte Schacht noch gangbar war, wo an 500 Bergleute anfuhren

und ein Häuer vom Vater Abraham von den Stadtleuten wie ein Herr

angesehen war! Doch das war auch eine Strafe des erzürnten Berggeistes,

daß er die schlagenden Wetter in den alten Bau schickte, so daß kein

Häuer seines Lebens mehr darin sicher war, und der Schacht aufgelassen

werden mußte. Nun schlug man da unten ein und suchte nach dem alten

Gang, fand aber nur einen Zweig davon, dem zur Mächtigkeit und dem

Reichthum des verlassenen gar viel fehlte. Ach, wenn der alte Schacht

noch im Gang wäre, wie anders stände es um uns! Dann möchte allenfalls

Deine Stiefmutter mit ihren Docken den Staat treiben, womit sie Deinen

Vater jetzt ruinirt!«

Hedwig seufzte und fragte dann: »Aber Großvater, sollte man denn den

alten Schacht jetzt nicht wieder öffnen können, nachdem er über hundert

Jahre darniedergelegen?«

»Du weißt nicht, was es mit den schlagenden Wettern für eine Bewandtniß

hat. Sieh, die kommen durch feine, unsichtbare Spalten aus dem

feurigen und kochenden Innern des Erdkörpers. Da ist's wie in einem

Schmelzofen, nur daß nicht blos ein, sondern alle möglichen Metalle

da unter einander in glühendem Fluß sind, und wenn es schon in unsern

Schmelzhütten an giftigen Dämpfen und Gasen nicht fehlt, die dem

Schmelzer übel zusetzen, wie viel weniger da unten in dem ungeheuren

Generalschmelzofen! Die Dämpfe sind zwar gut, es sind die Nährmütter

unserer Erzadern, indem sie sich in den gröbern Spalten der Erde zu

Metallen niederschlagen; aber ihre Gesellen, die Gase, werden, wenn sie

in eine Grube eindringen, die größte Plage des Bergmanns. Es ist aber

in der Macht des Berggeistes, die Gasritzen zu öffnen und zu schließen,

und er öffnet sie zur Strafe, wenn die Gewerken oder das Bergvolk mit

seinen Schätzen gottlosen Mißbrauch treiben. So war's auch auf dem

alten Vater Abraham. Da sind die Bergleute gar übermüthig geworden;

die Schichtmeisterin ist auch ein Weib gewesen wie Deine Stiefmutter,

hoffärtig und hart gegen die Armuth, und ein Gewerke, der die meisten

Kuxe gebaut, hat die Schwelgerei so weit getrieben, daß er sich in

Wein gebadet und den so mißbrauchten edlen Saft den Armen geschenkt

hat. Das hat der Berggeist nicht länger mit ansehen können. Erst hat

er gewarnt, hie und da ist eine kleine Wand eingestürzt; dann und wann

hat einem Bergmanne ein Schwaden den Athem versetzt -- aber wie alle

Warnungen nichts gefruchtet, hat er seine furchtbarsten Wetterschleusen

aufgezogen; da sind auf einmal zehn Mann vor Ort erschlagen worden, und

wer sich nachher wieder hingewagt, hat das gleiche Schicksal gehabt,

zuerst in der tiefsten, zuletzt in allen Gezeugstrecken. So hat man den

reichen Gang im Stiche lassen müssen. Später sind wohl Versuche gemacht

worden, den Gang wieder aufzunehmen, sie sind aber alle unglücklich

abgelaufen; noch zu meiner Zeit ließ sich ein vorwitziger Bergmann in

den Schacht und ward todt herausgezogen, nicht etwa erstickt, sondern

erschlagen. Seitdem hat Niemand dem Zorne des Berggeistes zu trotzen

gewagt; und dieser Zorn wird auch nicht weichen, wenn es die Menschen

auf dem Vater Abraham treiben wie bisher.«

»Aber Großvater,« sagte Hedwig, »es sind doch nicht alle Leute

hoffärtig oder gottlos, die auf dem Vater Abraham leben und verkehren;

sollte denn der Berggeist den Unschuldigen mit dem Schuldigen strafen?

Das wäre doch ungerecht. Da seid Ihr, mein Vater, der Ferdinand, die

Brunhild, der Steiger Meier und so viele rechtschaffene Bergleute, auch

die Mutter hat ihre guten Seiten.«

»Dich hast Du nicht mit genannt,« sagte der Greis, »und doch bist Du

das einzige Wesen, um dessentwillen der Berggeist wenigstens nicht

weiter geht in seinem Zorn. Du bist wie Deine selige Mutter -- o die

Liebe! sie wäre der Schutzgeist vom Vater Abraham geworden, hätte

sie fortgelebt und Deinem Vater eine Schaar Kinder geboren wie ihre

Nachfolgerin, das unselige Weib. Mit Deiner Mutter ging der gute Engel

Deines Vaters von der Erde, und Deine Stiefmutter scheuchte den letzten

Segen vom Vater Abraham. Denn wie das Weib hier zu hausen begann,

wurden da unten die Erze tauber und tauber, und zuletzt förderte der

Göpel nichts mehr zu Tage als Haldensturz.«

»Aber« -- wandte Hedwig ein -- »seit ein paar Jahren ist die Grube doch

wieder recht höflich geworden, und es sind Aussichten vorhanden, daß

sie es noch mehr wird.« --

»Ist doch kein Segen dabei!« versetzte der Greis. »Wenn man unser Erz

sieht, so lacht Einem das Herz im Leibe, und wenn es in die Hütten

kommt, ist's nichts. Ich sage Dir, es ist kein Segen mehr auf dem Vater

Abraham; selbst das Gute, was die Erde noch giebt, wird zunichte, wenn

nicht zum Fluch. Du sprachst vom Steiger Meier, ja, das ist mein alter

Kamerad von Kindheit auf; wie ich Hutmann ward, wurde er Steiger, und

wir sind immer gute Freunde gewesen. Erst als sein Student aus der Art

schlug, und der alte Vater dem Oben'naus und Nirgendsan die Zügel nicht

straff anzog, gab's manche Mißhelligkeit zwischen uns, und seit einiger

Zeit ist er mir gar entfremdet. Ich weiß nicht, was ich denken soll, er

kann mich nicht mehr aufrichtig anschauen, und in seinen Mienen liegt

etwas, das mir weh thut.«

»Der alte gute Mann hat so viel Sorgen um den Sohn ausgestanden, und

die Sorgen haben sein Gesicht fast zur Unkenntlichkeit verzerrt,«

meinte Hedwig.

»Und dieser Sohn sollte einmal Dein Mann werden,« -- sagte der Greis;

-- »es war ein Lieblingsgedanke von uns Alten; wer konnte denken, daß

der schöne schwarzlockige Bube so ausarten würde! Nun, ich brauchte

mein Wort gegen den Steiger nicht zu brechen, sein Herr Sohn sorgte

dafür, daß nichts daraus ward. Der liebe Gott hatte es besser mit Dir

im Sinne, als wir kurzsichtigen Menschen; er hatte Dir den Rechten

schon erwählt. Ja, das ist der Trost meiner letzten Tage, daß ich

Dich in der Hut eines so rechtschaffenen Menschen weiß, wie Dein

Ferdinand ist. Das ist noch ein echtes Bergmannsblut, treu und wahr und

unbefleckt.«

Hedwigs Antlitz leuchtete wie verklärt; sie nahm die braune, schwielige

Rechte ihres Ahnen und preßte sie zwischen ihre kleinen zierlichen

Hände.

»Deine Stiefmutter sieht zwar scheel zu Eurer Liebe,« fuhr er fort;

»die hochmüthige Frau glaubt, es falle eine Perle aus ihrer Krone, wenn

ihres Mannes Tochter eines Steigers Weib wird; aber Ihr sollt ihr zum

Trotz ein Paar werden, bevor ich meine Augen schließe. Was ich Dich

noch fragen wollte, Hedwig -- was denkst Du von den Besuchen, die der

Doctor Meier seit seiner Ankunft dem Vater Abraham abstattet? Sonst

mied er ihn ja.«

Hedwig wurde roth und bückte sich auf ihren Strickstrumpf: »Ich weiß

nicht, was er will,« sagte sie nach einer Pause, »ich geh' ihm aus dem

Wege, wenn er kommt.«

»Er scheint mit dem hoffärtigen Weibe ziemlich vertraut zu sein,« sagte

der Alte, »es fehlte blos noch ein Laster auf dem Vater Abraham! --

Doch es fängt an, mir kühl zu werden; die Stunde des Schichtwechsels

rückt auch heran, da will ich mich zum Beten fertig machen. Da unser

Volk heut' nicht da ist, so hast Du wenig Kocherei auf den Abend, geh'

doch noch ein wenig aus, mein Kind!« Er streichelte ihr das volle, in

Wellen gescheitelte Haar, stand auf und ging ins Haus.

Auch Hedwig erhob sich, verließ langsam die Halde und verlor sich im

nahen Walde. Unwillkürlich schlug sie den Fußweg ein, der am alten

Vater-Abraham-Schacht vorbei nach Pobersdorf führte. Der alte Schacht

befand sich auf dem höchsten Theile des weiten Plateaus, und seine

Halde bot eine vollständige Rundsicht dar, welche Hedwig benutzen

wollte, nach ihrem Geliebten zu spähen, der jetzt anfahren mußte.

Sie stieg daher hinauf, aber als sie oben ihren Blick in die rechte

Richtung brachte, sah sie eine andere Gestalt daher kommen, als

die ersehnte. Es war der Doctor Meier, derselbe, dem sie als Kind

versprochen gewesen, und der sie aus Hochmuth von sich gestoßen, ehe

sie noch das jungfräuliche Alter erreicht hatte. Am letzten Sonntage

war sie ihm auf dem Kirchwege begegnet, das erste Mal seit vielen

Jahren. Da war der inzwischen zum Mann Gereifte vor der blühenden

Jungfrau voll Staunen stehen geblieben. Er hatte sie angeredet, doch

war sie durch Ferdinands Dazwischenkunft aus dieser verlegenen Lage

befreit worden. Als sie aber nach Hause gegangen, und Ferdinand auf

dem halben Wege von ihr geschieden war, hatte der Doctor plötzlich vor

ihr gestanden und sich ihr zur Weiterbegleitung aufgedrungen. Da hatte

er einen Ton gegen sie angestimmt, der mit seinem frühern Betragen

in vollem Widerspruche stand. Sie hatte indessen seine girrenden

Aeußerungen für leeres Gerede genommen; doch war sie ihm, als er

seitdem täglich im Vater Abraham einsprach, sorgfältig ausgewichen.

Auch jetzt wünschte sie ihm nicht zu begegnen; sie schlüpfte daher in

die nahe, offenstehende Kaue, welche den alten Schacht überdeckte.

Aber die scharfen Geieraugen des Doctors hatten bereits die liebliche

Gestalt erspäht, und gerade ihre Flucht reizte ihn, sie zu verfolgen.

In raschen Sätzen sprang er die Halde hinan und stand bald im Eingange

der Kaue, der schönen Flüchtigen gegenüber; aber zwischen ihm und ihr

klaffte der furchtbare Schlund.

»Was fliehen Sie, Hedwig?« fragte er. »Kommen Sie, ich habe einen

Auftrag von Ihrer Mutter an Sie. Hier ist ihr Commodenschlüssel, den

soll ich Ihnen mit der Bitte überbringen, ihr den neuen Pariser Shawl

durch mich zu schicken. Das Kleid hat ihr der Junge richtig überbracht.«

»Warum hat sie denn nicht dem Jungen aufgetragen, ihr den Shawl zu

holen, wenn sie ihn durchaus haben muß?«

»Da fragen Sie mich zu viel; -- genug, ich kam vorhin in ihre

Gesellschaft, und als ich beim Abschiednehmen sagte, ich ginge erst

noch einmal nach Pobersdorf, da bat sie mich, auf dem Rückwege ihr den

kleinen Gefallen zu thun.«

Zögernd kam jetzt Hedwig um das Mundloch des Schachtes herum. »So

kommen Sie,« sprach sie, als sie sich ihm näherte. Er stand unbeweglich

vor ihr und schien sie mit seinen Blicken verschlingen zu wollen. Nach

einer Weile reichte er ihr die Hand. »Hedwig, Sie stehen mir gegenüber

wie eine Fremde, fast wie eine Feindin; das sollte anders sein! Geben

Sie mir die Hand.«

»Kommen Sie nur!« drängte sie, »ich will Ihnen den Shawl holen.«

»Stolzes Mädchen! Können Sie den Mann entgelten lassen, was der wilde

Knabe verbrach? Konnte er auch in der verschlossenen Knospe die

Herrlichkeit der Blume ahnen? Hedwig, der erste Strahl Ihrer Schönheit,

der mein Auge traf, ist wie der Blitz durch meine Seele gegangen;

ich möchte Ihnen zu Füßen fallen und Sie um Vergessen und Vergeben

anflehen. -- Hedwig, lassen Sie die alten Zeiten wieder gelten, wo ich

Ihnen der nächste Mensch auf Erden sein sollte! --«

»Aber nicht wollte,« fiel sie ein, »und mit Recht, denn wie paßte solch

ein Gänseblümchen zu solch einem stolzen Ritter! Nein, Herr Meier, die

alten Zeiten sind todt und begraben -- lassen wir die Todten ruhen. Zu

vergessen und zu vergeben habe ich nichts, denn Sie haben mich nicht

gekränkt; die Blume weiß nichts von dem verächtlichen Blick, der die

Knospe traf. Gehen Sie jetzt, ich folge Ihnen!«

Aber er ergriff ihre Hand, und als sie sie ihm entziehen wollte,

schlang er seinen Arm um ihren Leib und zog sie heftig an sich. »Nein,

Mädchen! so mußt Du mich nicht abspeisen wollen. Sieh und fühle, wie Du

plötzlich mein ganzes Wesen mit einer namenlosen Gluth erfüllt hast!

-- Hedwig! es ist über mich gekommen wie ein plötzliches Erwachen aus

wüstem Schlaf, wie ein Wirbel, der mich mit allmächtiger Gewalt zu Dir

reißt. -- Hedwig -- das Wort unserer Väter muß sich erfüllen -- Du mußt

mein werden!«

»Lassen Sie mich los!« rief Hedwig ringend, »ich habe weder Lust noch

Zeit, Komödie mit Ihnen zu spielen!«

»Komödie? Mädchen! Siehst Du nicht, fühlst Du nicht, welch verzehrendes

Feuer in mir rast, ein Feuer, das, beim Himmel! eher zu einer Tragödie

paßt als zu einer Komödie! Hedwig, ich habe gelesen, daß Männer, die

lange dem Geschoß des blinden Gottes Trotz boten, von ihm plötzlich

mit unheilbarer Wunde gestraft wurden; ich fühle jetzt, daß dies kein

bloßes Märchen ist. Hedwig, laß Gnade walten und gieb mir das Recht

auf Deinen Besitz zurück!« Hedwig wand sich mit abgewandtem Gesicht

ängstlich in den Armen des starken Mannes. »Gieb, gieb es mir zurück!«

drängte er -- »oder ich nehme es mir!«

Da blickte sie ihm ins Gesicht und erschrak vor dessen Ausdruck bis in

die innerste Seele hinein. War es möglich, daß ein Mensch so plötzlich

von einer rasenden Leidenschaft ergriffen werden konnte? »Lassen Sie

mich!« schrie sie, »Sie sind wie ein Wahnsinniger!«

»So scheint es mir selbst,« versetzte er, »darum gehen Sie glimpflich

mit mir um -- seien Sie mild und versöhnlich!«

»Lassen Sie mich erst los -- dann wollen wir vernünftig mit einander

reden.«

»Versprich mit einem Kuß, daß Du nicht entfliehen willst,« und er

neigte sich zum Empfang des Pfandes. In diesem Augenblick riß sie sich

mit verzweifelter Anstrengung los und floh. Aber er hatte sie schnell

wieder erreicht und zog sie in das Innere der Kaue zurück. -- »Hülfe!

Hülfe!« kreischte sie, daß es weit durch den Wald hin gellte; aber

schnell verschloß er ihr den Mund mit seinen Küssen. Vergebens kämpfte

Hedwig mit allen Waffen, die dem Weibe gegen die Gewalt verliehen

sind, um sich der ungestümen Liebkosungen des Rasenden zu erwehren;

aber ihre Kraft reichte gegen die Gewalt ihres Gegners nicht aus. Da

plötzlich fühlte der Doctor sich hinten kräftig gepackt, ja eh' er

sich noch besinnen konnte, sah er sich zu seinem Entsetzen gerade über

dem schwarzen Schachtschlunde schweben, in den er unrettbar stürzen

mußte, wenn die Riesenfaust, die ihn hielt, ihn fahren ließ. War etwa

ein Berggeist dem bedrängten Mädchen zu Hülfe gekommen? Insofern man

die Bergleute scherzweis auch Berggeister nennt, allerdings: Ferdinand

war der Retter, der auf seinem Wege zur Schicht den Hülferuf vernommen

hatte. Da stand er nun und hielt mit dem nervigen Arm den Dränger

seiner Trauten über die grauenvolle Tiefe, und da kniete die Geliebte

zu seinen Füßen und beschwor ihn, den Elenden zu schonen. Der Doctor

war zu einem Bilde des Todes erblaßt. »So, nun wird er genug haben,«

sagte Ferdinand; »diese Cur wird hoffentlich gründlich sein -- meint

der Herr Doctor nicht selbst?« Und er trug den bleichen Mann vor die

Kaue: »Nun komm, Hedwig!« sagte er, »den Arm kann ich Dir nicht bieten

in meinem lettigen Grubenzeug.« -- Aber Hedwig hing sich ängstlich an

seinen Arm und ging mit Ferdinand heim. Beide sahen nichts von den

racheblitzenden Blicken, die ihnen folgten.

Erzgebirgische Geschichten. Erster Band · 第 7 / 14 题