3. Darwinismus in Deutschland.

In Deutschland war der Boden für den Darwinismus vorbereitet durch

die tiefen Furchen, welche der Materialismus und die Überwindung der

Naturphilosophie bereits gezogen hatten. Der erste Schritt war +G.

Bronns+ Übersetzung der „Entstehung der Arten“ (1860). Sodann trat

+Haeckel+ 1862 in seiner Monographie der Radiolarien und 1863 in einer

Rede an die Versammlung der deutschen Naturforscher zu Stettin für

die neue Lehre ein. 1863 erschienen +K. Vogts+ Vorlesungen über den

Menschen, 1864 +Fr. Müllers+ Schrift „Für Darwin“. Damit waren die

ersten Ansatzpunkte gegeben, von denen der deutsche Darwinismus seine

weitere Entwicklung nahm. +Ed. von Hartmann+ schildert den Ablauf

dieser historischen Erscheinung in den Worten: „In den sechziger

Jahren des 19. Jahrhunderts überwog noch der Widerstand der älteren

Forschergeneration gegen den Darwinismus; in den siebenziger Jahren

hielt dieser seinen Siegeslauf durch alle Kulturländer, in den

achtziger Jahren stand er auf dem Gipfel seiner Laufbahn und übte

eine fast unbegrenzte Herrschaft über die Fachkreise aus; in den

neunziger Jahren erhoben sich erst zaghaft und vereinzelt, dann immer

lauter und in wachsendem Chore die Stimmen, die ihn bekämpften;

im ersten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts scheint sein Niedergang

unaufhaltsam.“ So schematisch ist zwar dieser Ablauf nicht und auch

dann paßt er nicht auf das Verhalten der Zoologie in Frankreich und

England. Aber es wird dadurch etwa die Chronologie der ersten Welle

des Darwinismus, die über Deutschland ging, angegeben. Zunächst ist

zu scheiden zwischen dem Erfolg der Transmutationstheorie und dem der

Selektionstheorie. Die erstere hat sich in Deutschland allmählich

und stetig Bahn gebrochen und ihre Bedeutung wird heute nur noch von

wenigen Ausnahmen verkannt oder geleugnet. Die Selektionstheorie hat

stärkere Wandlungen durchgemacht. Sie hat einen künstlichen Ausbau und

vielfache Stützen durch verwandte Theorien erhalten, die, mit großer

Feinheit ausgesponnen, doch nicht zu einer Erklärung der Entstehung

der Art bisher führen konnten. Um diese spezielle Ausarbeitung der

Selektionstheorie sind besonders bemüht +A. Weismann+ und +L. Plate+.

Auf die Innenwelt des Organismus hat sie +W. Roux+ (Der Kampf der

Teile im Organismus 1881) übertragen. Zu ergänzen gesucht hat sie

+M. Wagner+ (1813-1887) durch seine Migrationstheorie (1868). Der

Unzulänglichkeit der Selektionstheorie suchten zahlreiche Forscher

durch andere Erklärungsversuche abzuhelfen, so +A. von Koelliker+ durch

die Lehre von der sprungweisen Entwicklung, +C. v. Nägeli+ durch seine

mechanisch-physiologische Theorie der Abstammungslehre (1884), +Th.

Eimer+ (1843-1898) durch die Lehre von der Orthogenese (1888), endlich

an der Wende des Jahrhunderts +H. de Vries+ durch die Mutationstheorie.

Die philosophisch-kritische Beurteilung des Darwinismus ist namentlich

von zwei Seiten unternommen worden: erstens von +Eduard von Hartmann+

und zweitens von +Albert Wigand+ (1821-1886). Ersterer hat 1866 in der

1. Auflage der Philosophie des Unbewußten eine Stellung präzisiert, die

er im wesentlichen noch am Ende des Jahrhunderts vertreten konnte und

die namentlich Gegenstand einer besonderen Schrift (Wahrheit und Irrtum

im Darwinismus 1874) geworden ist. Wigand hat vom Standpunkte des

Bibelglaubens aus in seinem Darwinismus (1874) eine Kritik gegeben, die

außer auf Darwin auf alle hervorragenderen am Darwinismus beteiligten

Vertreter der deutschen Naturforschung einging; das Werk kann, obschon

in seinem Widerstand gegen die Entwicklungslehre völlig verfehlt, doch

bisher nicht als durch die Kritik der Selektionstheoretiker widerlegt

bezeichnet werden. Was vor allem bisher fehlt, ist eine Beurteilung

des Darwinismus auf umfangreicher philosophiehistorischer Basis, und

bis diese gegeben ist, kann auch der Wert der ganzen Erscheinung als

eines zoologiehistorischen Ereignisses nicht präzisiert werden. Wir

beschränken uns daher darauf, hier nur noch diejenige Persönlichkeit

zu besprechen, die als Prototyp des deutschen Darwinismus unter allen

Umständen die größte Bedeutung behalten wird, die auch den Darwinismus

für die Zoologie am meisten fruchtbar gemacht hat, +Ernst Haeckel+.

+Ernst Haeckel+ ist geboren 1834 in Potsdam, studierte von 1852

ab Medizin und Naturwissenschaften in Würzburg, Berlin, Wien,

1859/60 widmete er sich namentlich dem Studium der marinen Fauna,

habilitierte sich 1861, wurde 1862 außerordentlicher und 1865

ordentlicher Professor an der Universität Jena, von der aus er

glänzende Berufungen ablehnte. Er unternahm zahlreiche Reisen ins

Ausland, namentlich auch in die Tropen (Indische Reisebriefe 1883).

Die literarische Produktion Haeckels ist eine sehr bedeutende,

umfangreiche und künstlerisch reich ausgestattete. Bearbeitungen

der Protozoen, Kalkschwämme, Hornschwämme, der Medusen und

Siphonophoren, der Korallen nehmen viele, teils dem Reisewerk der

Challenger-Expedition angehörende Bände in Anspruch. Der marinen

Zoologie, insbesondere auch dem Studium des Planktons galt zeitlebens

sein intensives Interesse. Die Haupttätigkeit Haeckels entfällt

jedoch auf die biologisch-theoretische Seite, teils in streng

wissenschaftlicher systematischer Bearbeitung (Generelle Morphologie

1866, Systematische Phylogenie 1894-95), teils in mehr oder weniger

dem Universitätsunterricht oder der Belehrung eines weiteren

Publikums angepaßten Werken (Natürliche Schöpfungsgeschichte, von

1868 an, Anthropogenie 1874, Welträtsel 1899, Lebenswunder 1904,

Kunstformen in der Natur 1904). Dazu kommen zahlreiche Streit- und

Gelegenheitsschriften, wie Ziele und Wege der Entwicklungsgeschichte

1875, Der Monismus 1892.

Die Stellung Haeckels in der Geschichte der Zoologie ist vor allem

darin begründet, daß er die Lehre Darwins und zugleich den Hauptinhalt

der deutschen Zootomie und Entwicklungsgeschichte, wie sie um die Mitte

des 19. Jahrhunderts vorlag, als Grundlagen zu einer Umgestaltung der

theoretischen Biologie benützte, wie sie in solchem Umfang in der

Neuzeit niemals war unternommen worden. Aus dem Darwinismus schaltete

er die Zuchtwahllehre, der er auch nie Spezialstudien zuwandte,

insofern aus, als er sie mit den übrigen als umbildend anzunehmenden

Prinzipien unter dem Begriff der Anpassung subsumierte. Dabei kam von

seiner Seite die erste begeisterte Zustimmung zur Umwandlungslehre,

deren systematisch über die ganze Lebewelt sich erstreckende

Durcharbeitung sein Verdienst ist. Haeckel blieb nicht mehr dabei

stehen, die Klassifikation der gesamten Organismen genealogisch zu

behandeln, mit kühner Hand Stammbäume für sie zu entwerfen, die als

provisorische Leitlinien die größten Dienste getan haben. Gedanken der

deutschen Naturphilosophie auf neuer empirischer Basis entwickelnd,

fing er an, auch die Organe, Gewebe, Zellen in genetischen Zusammenhang

einzuordnen, die genetische Betrachtung auch auf die Funktionen

auszudehnen, die biologischen Disziplinen in ihren gegenseitigen

Beziehungen zu untersuchen, ganze Gebiete der Wissenschaft erst

mit wohl gewählten Bezeichnungen auszurüsten. Rücksichtslos in der

Konsequenz des Entwicklungsgedankens, reihte er den Menschen mit vollem

Bewußtsein dem Natursystem ein. Er erweckte den Erfahrungsgrundsatz

des Parallelismus der ontogenetischen und phylogenetischen

(stammesgeschichtlichen) Entwicklung zu erneuter Bedeutung, wozu ihm

zahlreiche Vorarbeiten auch anderer Forscher (Fr. Müller, Kowalewski)

überzeugendes Material an die Hand gaben. Die Einheit der geweblichen

Entwicklung der höheren Tiere suchte er in der Gasträatheorie und

der Zölomtheorie zum Ausdruck zu bringen. Einer Menge von tierischen

Formen wies er auf Grund der genetischen Betrachtungsweise zuerst

ihre richtige Stellung im System an. Diese unbestreitbaren Verdienste

Haeckels, denen sich eine vielfach kleinliche und schwächliche

Opposition entgegenwarf, können auch diejenigen nicht anfechten, die

seinem Ringen nach Weltanschauung im Sinne der Entwicklungslehre

passiv oder negativ gegenüberstehen, oder die seine Bemühungen um

Popularisierung seiner Ansichten und Organisation Gleichgesinnter

wenig gerne sehen. Die Kunst des Wortes, der Schrift und des Stifts,

seine glänzende Persönlichkeit hat nicht nur in Deutschland, sondern

in der gesamten Welt, wo seine in alle Kultursprachen übersetzten

Werke wirkten, der deutschen Zoologie eine Anerkennung erzwungen,

die von keinem anderen Forscher in ähnlichem Maße ausging und die

höchstens der Wirkung Cuviers zu vergleichen ist. Als Lehrer hat

Haeckel eine ausgedehnte Schule von Entwicklungstheoretikern sowohl

wie von mehr empirisch tätigen Forschern begründet, der die Vertiefung

der Entwicklungslehre mit ihre wesentlichsten Züge verdankt. Der

Rahmen unserer Arbeit, sowie der Umfang und die Aktualität des Stoffes

verbietet uns, mehr als in diesen Andeutungen die geschichtliche

Stellung Haeckels zu umreißen.

Im Anschluß an Haeckel ist +W. Preyer+ (1841-1897) vor allem zu

nennen, als der Vertreter der Entwicklungslehre in der Physiologie. In

zahlreichen gedankenreichen Aufsätzen und Werken ist Preyer für sie

eingestanden und hat ihr gesucht auch auf praktisch wichtige Fragen

Einfluß zu verschaffen. Es sind hier besonders erwähnenswert: Die

Seele des Kindes (1882), Die spezielle Physiologie des Embryo (1884),

Naturforschung und Schule (1887), worin er im Bunde mit Haeckel der

Entwicklungslehre Eingang in die Schule zu erkämpfen sucht. Eine neue

Grundlage für die Systematik der Physiologie brachte Preyers Einleitung

in die allgemeine Physiologie (1883).

Geschichte der Zoologie · 第 68 / 75 题