2. Darwinismus in England.

Eine ganz besondere Wendung nahm die englische Zoologie in den

fünfziger Jahren des 19. Jahrhunderts durch das Auftreten von +Charles

Darwin+, +A. R. Wallace+ und +Th. H. Huxley+. Die Lehre Darwins, der

Darwinismus, leitet eine Periode der Zoologiegeschichte ein, an der

die Zoologie nicht immer den hauptsächlichen Anteil nimmt, von der sie

aber den größten Vorteil hatte, wenn auch die treibenden Faktoren in

erster Linie außerhalb der Zoologie zu suchen sind. Noch ist das ganze

Ereignis in seinen Voraussetzungen so wenig durchsichtig, daß von einer

kritischen Anforderungen entsprechenden Ausführung desselben keine Rede

sein kann. Daher haben wir uns auch hier auf einige wenige Hauptlinien

zu beschränken, die den Darwinismus und seine Entwicklung kennzeichnen

mögen.

Des Großvaters von Charles Darwin, Erasmus, ist bereits oben gedacht

worden. Der Gedankenkreis, in dem er lebte und den er mit zahlreichen

Freunden teilte, wirkte zweifellos in seiner Umgebung fort. Wie weit

der Enkel von ihm beeinflußt war, ist kaum genau festzustellen. Ch.

Darwins Vorbereitung war nicht die eines Biologen seiner Zeit, sondern

trägt den Charakter einer nicht gerade universellen Selbstbelehrung,

die mehr aus der Intuition als aus der Erfahrung schöpft, mehr

vielseitig tastend als kritisch zu Werke geht. Bald springt von der

rein fermentativ wirkenden Person Darwins die Bewegung ab und wird

zu einem allgemeinen Zeitsymptom, das des auf einen relativ engen

Erfahrungskreis aufgebauten Verstandesinhaltes nicht mehr bedarf,

sondern Stimmungs- und Parteisache wird, eine Parallelerscheinung

zu anderen kulturellen Entwicklungen der zweiten Hälfte des 19.

Jahrhunderts. Die Hauptwirkungen der gesamten Erscheinung, die man

als Darwinismus bezeichnet, sind auf wissenschaftlichem Gebiete etwa

folgende: Es macht sich ein intensiv gesteigertes Bedürfnis nach einer

dem individuellen und sozialen Leben entsprechenden Wissenschaft

vom Leben geltend. Das Interesse für diese Wissenschaft wächst, je

mehr sie Gemeingut der früher an ihr nicht beteiligten Kreise wird.

In Verbindung damit und zugleich als Folge einer materialistischen

Geschichtsphilosophie verbreitet sie sich als Bestandteil einer

Weltanschauung über alle gebildeten Kreise Europas, sowie der

zivilisierten Welt. Damit Hand in Hand geht eine Umgestaltung der

wissenschaftlichen Biologie selbst. Sie nimmt zunächst bedeutend an

Breite der Erfahrung zu und damit an Komplikation der Beziehungen ihrer

einzelnen Teile unter sich und mit anderen Wissenschaften. Dann spalten

sich die Wege: Eine physiologische Richtung geht auf die von alters her

ventilierten Probleme vom Ursprung des Lebens, von der Vererbung, von

den gegenseitigen Beziehungen der Organismen, von der Tierpsychologie

zurück und knüpft vorwiegend an die von der Histologie und Embryologie

geschaffenen Grundlagen an. Eine genealogische (phylogenetische)

Richtung gestaltet die früher nur auf dem Wege der Logik angestrebte

Ordnung der Lebewelt auf Grund des Gedankens um, daß die Entwicklung

der Organismen als reales Faktum zu betrachten sei. Sie setzt an Stelle

einer logischen eine genealogische Systematik. Sie ist das eigentlich

neue und wesentliche Element, das in dieser Periode zum früheren

Grundstock der Zoologie hinzukommt.

+Charles Darwin+ war geboren zu Shrewsbury 1809, verbrachte daselbst

seine Jugend und studierte an der Seite eines Bruders von 1825

ab in Edinburg. Damals las er die Zoonomie seines Großvaters und

schreibt in einer Autobiographie (Gesammelte Werke, Bd. XIV) zwar

dieser Lektüre keine unmittelbare Wirkung zu. „Nichtsdestoweniger

ist es immerhin wahrscheinlich, daß der Umstand, daß ich früh im

Leben derartige Ansichten habe aufstellen und loben hören, es

begünstigt hat, daß ich dieselben in einer verschiedenen Form in

meiner ‚Entstehung der Arten‘ aufrechterhalten habe. In dieser Zeit

bewunderte ich die ‚Zoonomia‘ bedeutend, als ich sie aber nach einem

Zeitraume von 10 oder 15 Jahren wieder las, war ich enttäuscht;

das Mißverständnis zwischen der Spekulation und den mitgeteilten

Tatsachen ist darin so groß.“ 1828 bezog er Christ College in

Cambridge, wo er, da ihn die Anatomie und Chirurgie bleibend

abgeschreckt hatte, sich zum Theologiestudium entschloß. Doch lehnte

er sich an den Botaniker Henslow an, sammelte leidenschaftlich Käfer

und war im Begriff, geologische Studien zu ergreifen, als Kpt.

Fitzroy ihn als Naturforscher für die Reise des „Beagle“ (1831-36)

anwarb. Hier eröffneten sich ihm die Probleme der Erdgeschichte und

Tiergeschichte, die später Gegenstände besonderer Werke wurden. Nach

längerem Aufenthalt in London zur Ausarbeitung seiner Reiseergebnisse

(Korallenriffe 1842) und im Verkehr mit den bedeutendsten Männern

Londons, siedelte er auf ein Landhaus in Down über, verwandte

zunächst viel Zeit und Arbeit auf geologische Publikationen und

trat 1846 mit der Bearbeitung der Zirripedien hervor, veranstaltete

1845 eine Neuausgabe seiner Reise eines Naturforschers. Nach der

Lektüre von Malthus’ ~Essay on Population~ bildeten sich bei ihm

die ersten Ansätze seiner Lehre aus, die er in zwei Niederschriften

1842 und 1844 festlegte. Auf den Rat Lyells begann er 1856 mit

der Ausarbeitung, beschränkte sich aber auf die Form, in welcher

die „Entstehung der Arten“ 1859 erschien, nachdem Wallace ihn

1858 von seiner gleichlautenden Theorie durch Zuschrift aus dem

Malaiischen Archipel in Kenntnis gesetzt hatte. Die „Entstehung der

Arten“ wurde am Tage der Herausgabe vergriffen. 1862 erschien die

„Befruchtung der Orchideen“ und weitere botanische Schriften, 1868

das 1860 begonnene „Variieren der Tiere und Pflanzen im Zustande

der Domestikation“, 1871 die „Abstammung des Menschen“, 1872 der

„Ausdruck der Gemütsbewegungen“, 1876 „Über die Wirkungen der Kreuz-

und Selbstbefruchtung im Pflanzenreiche“, 1880 mehrere botanische

Arbeiten, 1881 die „Bildung der Ackererde durch die Tätigkeit der

Würmer“. Charles Darwin starb 1882 und wurde in der Westminsterabtei

beigesetzt.

In seiner „Entstehung der Arten“ zählt Darwin selbst eine lange Reihe

von Autoren auf, die er in irgendwelcher Hinsicht als seine Vorgänger

betrachtet. Die Zahl derer, die vor Darwin den Entwicklungsgedanken

aussprachen, den Artbegriff kritisierten, natürliche und künstliche

Zuchtwahl verglichen, hat sich noch erheblich vermehrt, seitdem

man durch den Darwinschen Gedankenkreis auf ältere Äußerungen

aufmerksam wurde. Man kann daher nicht von einer bewußten Fortbildung

der Wissenschaft durch Darwin reden; seine Macht beruht vielmehr

auf der Tiefe seiner Intuition, die sich in der Erfassung des

Entwicklungsgedankens bewährte, während gerade die ins Theoretische

gehende Zuchtwahllehre bald in Darwins eigenen Augen nicht leistete,

was er ursprünglich glaubte.

Schon die gleichzeitig von Wallace gegebene Fassung derselben

Lehre zeigt, daß sie ihre hauptsächlichen Wurzeln in der Tier- und

Pflanzenzucht hatte, wie sie in England üblich, in geographischer

Anschauung, wie sie den Engländern leichter zugänglich ist als anderen

Nationen, endlich im englischen philosophischen Realismus, der

gleichzeitig Stuart Mill und den Entwicklungsphilosophen H. Spencer

erzeugte. Ein weiteres förderliches Moment waren die von Ch. Lyell

(1797 bis 1875) entwickelten Prinzipien der Geologie, womit dieser

die Cuviersche Katastrophentheorie beseitigt und die auch heute

wirksamen geologischen Faktoren als Ursachen langsamer Umbildung des

Erdantlitzes hinstellte. Darwins Lehre läßt sich kurz in folgende Sätze

fassen[2]:

1. Die Arten, die wir bei Tieren und Pflanzen unterscheiden, sind

veränderlich, nicht konstant. Sie sind aus geologisch älteren

Arten durch allmähliche Umwandlung entstanden und nach Maßgabe

ihrer Formähnlichkeit auch verwandt. Alle Organismen, die heute

lebenden sowohl, wie die früherer Erdperioden, sind die Abkömmlinge

einheitlicher Urformen des organischen Lebens. Diese Lehre bezeichnet

man als Transformismus, Transformationstheorie, Deszendenztheorie,

Abstammungslehre. Vor Darwin ist sie am deutlichsten von Lamarck

vertreten worden. Sie bildet aber auch den Grundkern des

Entwicklungsgedankens, wie Goethe und die deutsche Naturphilosophie

ihn ausdrückten. Im Verlauf unserer geschichtlichen Betrachtung ist

er uns mehrfach begegnet, nur dachte man sich meist im Anschluß an

Plato die Entstehung der verschiedenen Urkeime als einen einmaligen

Schöpfungsakt, wie er sich auch mit der Lehre von der Artkonstanz

vertrug, nicht aber dachte man sich die Entwicklung der Lebewelt

als eine nach heute noch wirksamen Gesetzen sich abspielende

Selbstschöpfung.

2. Darwin will aber nicht nur diese Hypothesen von der Entstehung

der Lebewelt aufstellen. Er will auch die Erklärung dafür geben, auf

welche Weise dieser Umwandlungsprozeß der Arten vor sich gegangen sei

und noch vor sich gehe. Die kausale Verkettung der Umstände, die zur

Bildung neuer Arten führen, denkt sich Darwin etwa so: Wie der Tier-

und Pflanzenzüchter die Eigentümlichkeit der Organismen, Variationen

zu bilden, benützt und die zur Erzeugung einer Spielart geeigneten

Individuen ausliest, so geht in der Natur unbewußt eine Auslese

vonstatten. Der künstlichen Zuchtwahl entspricht eine natürliche

Zuchtwahl. Die Lehre, die sich auf diese Analogie stützt, ist die

Zuchtwahltheorie (Selektionstheorie). In der Natur spielt die Rolle

des Züchters der Kampf ums Dasein, der aus der übergroßen Zahl der

nach Entwicklung strebenden Keime die lebensfähigsten ausliest. Die

individuellen Merkmale, wodurch die passenderen Individuen überleben,

werden durch die Vererbung übertragen, befestigt und nach und nach

zu Formeigentümlichkeiten der Art, Gattung usw. Die Anpassung des

Organismus an seine Umgebung ist also lediglich eine natürliche Folge

des Züchtungsprozesses durch den Kampf ums Dasein.

In bezug auf diese zweite Theorie ist zu bemerken, daß Darwin ihr

nicht ausschließliche Gültigkeit beilegt; später noch weniger, als am

Anfang seiner Versuche, mit Hilfe derselben die Entstehung der Art

zu erklären. Er gibt zu, die Variationen erhielten ihre Qualität aus

innern Ursachen. Er nimmt die geschlechtliche Zuchtwahl zu Hilfe,

wonach die geschlechtlich reizenden Merkmale zu Artmerkmalen gezüchtet

werden, gibt indes später zu, auch die Bedeutung dieser Zuchtwahl

überschätzt zu haben. Die Prinzipien, welche Lamarck und Et. Geoffroy

für die Erklärung der Umwandlung der Arten beigezogen hatten, nämlich

Gebrauch und Nichtgebrauch der Organe und direkten Einfluß der Umgebung

auf den Organismus, verwendet er ebenfalls, gibt aber zu, daß in der

Regel individuell erworbene Eigenschaften sich nicht vererben.

In bezug auf die erste Theorie muß man sich vergegenwärtigen, daß

Darwin nicht über das anatomische und embryologische Wissen seiner Zeit

verfügte. Hier war eine große Lücke. Er kennt das sprunghafte Auftreten

mancher Variationen, mißt ihm aber nicht die Bedeutung bei, wie Et.

Geoffroy vor und Koelliker nach ihm. Den Versuch, die Entstehung der

Instinkte durch Zuchtwahl zu erklären, unterläßt er und bezeichnet

ihre Ursachen als unbekannt. Endlich kann er sich noch nicht zur

Annahme einer einzigen Urform des Lebens entschließen, sondern nimmt

noch getrennte Typen der Tiere an. Die Entwicklung ist ihm nicht nach

Art der deutschen Naturphilosophie ein Prozeß der Selbstschöpfung,

sondern er denkt sie sich nach Art des englischen Realismus als eine

zwangsweise erfolgte Anpassung an die Außenwelt.

Daher ist Darwin als in Hinsicht auf den Transformismus noch nicht auf

dem Punkte der deutschen und französischen Naturphilosophie stehend

zu bezeichnen, die diesen Einheitsgedanken konsequenter durchgeführt

hatte. Mit der Selektionstheorie hat er sich genötigt gesehen,

innerlich einander ausschließenden Prinzipien nebeneinander Raum zu

lassen und damit auch die vermeintliche mechanische Erklärung der

Entstehung der Art preiszugeben. Seiner großen Breite der Erfahrung und

der beharrlichen Geduld ausgedehnten und minutiösen Beobachtens und

Experimentierens mit Kulturtieren und Pflanzen entsprach weder seine

Kenntnis der anatomischen und physiologischen Wissenschaft seiner Zeit,

noch seine philosophische Beanlagung und Ausbildung. Die erste Wirkung

der „Entstehung der Arten“ war begeisterte Zustimmung von +Lyell+,

+Huxley+, +Hooker+ und +Asa Gray+ (Botaniker), +W. B. Carpenter+

(Physiologe). Diese Forscher warfen in geschlossenem Vorgehen durch die

englische Presse die von Darwin mit Zurückhaltung behandelten Fragen

ins Publikum. Dadurch entstand sofort eine öffentliche Diskussion, die

den wissenschaftlichen Boden verließ und zum Streit um christliche

Dogmen wurde, namentlich durch die Schuld der Gegner des Darwinismus,

die mit einer heute nicht mehr denkbaren Hartnäckigkeit die Lehre von

der Einheit der organischen Natur, namentlich aber die Deszendenz

des Menschen, die Darwin nur erst angedeutet hatte, zum Zentrum des

Kampfes wählten.

Wenn wir heute die Punkte bezeichnen sollen, an denen Darwin für

die Zoologie besonders fruchtbringend gewirkt hat, ganz abgesehen

von der indirekten Wirkung auf die Anerkennung der biologischen

Probleme im allgemeinen, so ist kaum ein Gebiet der Zoologie zu

nennen, dessen Pflege nicht vermehrt worden wäre. Doch ist es das

Studium der individuellen Variation, der Keimsubstanzen, der niederen

Lebensformen, namentlich auch unter dem Einfluß des Experiments,

der Lebensbedingungen, des tierischen Stammbaumes und einer

naturhistorischen Auffassung des Menschen gewesen, wo die größten

Anregungen von ihm ausgingen. Mit der Zeit hat die Transmutationslehre

immer mehr den Glauben an die Konstanz der Art verdrängt, der

tatsächlich von keinem Naturforscher mehr aufrechterhalten wird.

Dagegen ist die Selektionslehre zunächst durch eine zunehmende Anzahl

von Hilfsannahmen ergänzt worden. Dann wurde der Zuchtwahl noch

eine gewisse Bedeutung für die Reinerhaltung der Art zugeschrieben.

Während die Mehrzahl der Forscher auf diesem Standpunkt beharrt, ist

eine Gruppe von Forschern bemüht, sie so zu modifizieren, daß sie,

konsequent durchgeführt, das leisten sollte, was Darwin ihr nicht

zugetraut hat. Das Lamarcksche Prinzip von Gebrauch und Nichtgebrauch

ist von einer ganzen Schule, den Neo-Lamarckianern, an die Spitze

gestellt worden, die sich den Neo-Darwinisten an die Seite stellen. Mit

der eigenartigen Form, in der der englische Darwinismus seine Probleme

behandelte, hängt zusammen, daß die gesamte spekulative Entwicklung

des Darwinismus sich wenig an allgemein wissenschaftliche Normen der

philosophischen und historischen Kritik band. Das volle Verständnis für

diese Aufgaben, wie denn auch für die systematische Entwicklung des

Darwinismus selbst stellte sich erst in Deutschland ein.

Darwin steht in der Theorie anfänglich zunächst +A. R. Wallace+ (geb.

1822), doch führen ihre Wege im einzelnen weit auseinander. Nachdem

er 1848-52 ausgedehnte Reisen im Amazonasgebiete unternommen, widmete

er schon eine 1855 erschienene Arbeit dem „Gesetz, welches die

Entstehung der Arten reguliert hat“; 1854 trat er eine mehrjährige

Reise in den Malaiischen Archipel an, von der aus er seine Schrift:

„Über die Tendenz der Varietäten unbegrenzt von dem Originaltypus

abzuweichen“ 1858 nach London sandte. In der Beurteilung des

Instinktes der Tiere, der Entstehung des Menschen wich Wallace zwar

ab, ordnete sich aber später in der Verwertung der Theorien der

Zuchtwahl Darwin unter. Besondere Aufmerksamkeit widmete er der

Erscheinung der Mimikry in Verbindung mit seinem Reisegefährten +W.

Bates+ (1825-92), der Südamerika auch weiterhin bereiste. Für die

Entstehung des Menschen nahm Wallace eine Art künstlicher Zuchtwahl

höherer Art an. Außer den Beiträgen zur Zuchtwahltheorie (1871) und

dem Darwinismus (1889) sind es besonders die tiergeographischen

Arbeiten, die Wallace zu einem Hauptvertreter der modernen englischen

Zoologie stempeln. So vor allem seine Tiergeographie (1876), die das

Muster der späteren allgemeinen Zusammenfassungen dieses Gebietes

geworden ist, ferner ~Island life~ (1880).

Darwins Hauptmitkämpfer war +Th. H. Huxley+ (er nannte sich selbst

Darwins „Generalagenten“), zugleich einer der vielseitigsten und

regsten Geister der englischen Zoologie des 19. Jahrhunderts. Geboren

1825, absolvierte er 1842 seine Studien an der Londoner Universität,

begleitete dann als Schiffsarzt die „Rattlesnake“ (1846-1850). In diese

erste Periode seiner Studien fällt eine große Zahl von Arbeiten über

die niederen Metazoen des Meeres. Nach London zurückgekehrt, entfaltete

er seine großen Fähigkeiten als Popularisator der Naturwissenschaften

und als Universitätslehrer. Ihm ist geradezu die Methodik des

biologischen Universitätsunterrichts von England zu danken. In den

fünfziger Jahren bearbeitete er mehrfach fossile Wirbeltiere, stellte

auch seine Schädeltheorie und seine Lehre vom Archetypus der Form

auf. Beim Erscheinen der Entstehung der Arten von Darwin trat er aufs

nachdrücklichste in Wort und Schrift für die neue Lehre ein und zog

durch seine 1863 erschienene Schrift über die Stellung des Menschen

in der Natur die Konsequenz der Transmutationslehre für den Menschen

an einem Punkt, wo Darwin sich mit schüchternen Andeutungen begnügt

hatte. Neben rastloser Arbeit über zahlreiche Themata, die er zuerst

im Lichte der Entwicklungslehre erscheinen ließ (z. B. Abstammung der

Vögel von den Reptilien, Zusammenfassung beider Klassen als Sauropsida)

und die auch einen Niederschlag im Handbuch der vergleichenden

Anatomie der Wirbellosen fand, widmete sich Huxley der öffentlichen

Vertretung seines Faches auf allen Gebieten als Praktiker im Dienste

der Fischerei, der Bekämpfung der Infektionskrankheiten usw., ohne

indes seine glänzende oratorische und literarische Begabung im Dienste

des Darwinismus und namentlich im Kampfe für den „Agnostizismus“

gegen die Kirche von England aufzugeben. +Huxley+ starb 1895 und

hinterließ eine hervorragende Schülerschaft, die vorzugsweise in

kritisch-empiristischem Sinne die Zootomie pflegt. Die geistige

Erbschaft Darwins trat eine Reihe von jüngeren Forschern an, die

noch der Gegenwart angehören und die in bezug auf diese oder jene

Probleme der in England noch am stärksten verbreiteten Zuchtwahltheorie

allgemeine Gültigkeit zu erkämpfen suchten. An der deutschen Kritik

am Darwinismus ist indessen die englische Schule Darwins bisher

vorbeigegangen.

[2] Für eine ausführlichere Darstellung dieser Lehren sei auf Nr. 60

der Sammlung Göschen: Tierkunde von F. v. Wagner verwiesen.

Geschichte der Zoologie · 第 67 / 75 题