1. Zoologie mit Ausschluß der Reisen und des Darwinismus.

Die englische Zoologie hielt in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts

gewiesene Bahnen ein. In der Zoographie dominierte Linné, in der

Zootomie herrschten die im 17. Jahrhundert geschaffenen Formen und

wurden wesentlich durch John Hunter vertreten. Ausgedehnte Reisen

trugen dazu bei, den Bestand an Tierformen zu vermehren und die meist

noch privaten Sammlungen anzuhäufen. Doch beginnt ein planmäßiges

Sammeln und Konservieren von Museumsobjekten erst etwa vom zweiten

Viertel des 19. Jahrhunderts ab. Von da an beginnen die Engländer die

großen Sammlungen anzulegen, durch die sie nach und nach alle anderen

Museen in Schatten stellen und sogar das Pariser Museum überholen.

Tritt daher die englische Zoologie weniger mit Worten als mit der

Tat auf den Plan, so wird verständlich, wie sie bei weniger großer

Literaturproduktion als die französische und weniger hohem spekulativen

Flug als die deutsche Zoologie sich rüstete, zur Herrschaft zu

gelangen und mehr als das, mit der Ausbildung der politischen

Weltherrschaft Englands auch die unserer Wissenschaft nach englischem

Schnitt zu etablieren. Die Wirkungen der englischen Zoologie sind

äußerst schwierig festzustellen, weil es vielfach am literarischen

Niederschlag für sie gebricht. Treten auch von Hunter bis zu Owen keine

wissenschaftlich stark ausgeprägten Persönlichkeiten hervor, so wäre es

völlig irrig, diesen Zeitraum für einen unfruchtbareren zu halten, als

etwa das 18. Jahrhundert. Weitere Schwierigkeiten für die Beurteilung

der englischen Zoologie ergeben sich daraus, daß die zoologischen

Interessen weit weniger isoliert und im Bussonschen Sinne verbunden

mit solchen der allgemeinen Naturgeschichte auftreten, oder sich dann

wieder an die äußerste Spezialität des Liebhabers und Sammlers und

Züchters binden.

Zu Beginn der englischen Zoologie dieser Periode ist ein Mann zu

nennen, der, obschon weder im Sinne damaliger Zeit, noch in dem der

Gegenwart als Zoologe zu bezeichnen und dennoch für die Geschichte

der Zoologie von größter Bedeutung geworden ist: +Erasmus Darwin+.

Geboren 1731 als Glied einer naturwissenschaftlich angeregten Familie,

studierte er Medizin und doktorierte zu Cambridge 1755. Er begann

eine Praxis in Nottingham, setzte seine medizinische Tätigkeit in

Lichfield, später in Derby fort. Er galt als Freidenker und war als

geistvoller, humanitär gesinnter Mann in England hoch angesehen.

Seiner Liebhaberei für Gartenbau und seinen pantheistischen Neigungen

entsprangen seine botanisch-ökonomischen Lehrgedichte. Sein Hauptwerk

ist jedoch die vierbändige Zoonomia, welche 1794-1796 entstand und

ins Französische und Deutsche übersetzt wurde. Er. Darwin starb 1802.

Wie hoch er schon früh bewertet wurde, zeigt die Würdigung seitens

Cuviers, der ihn den Neu-Stahlianern und Vitalisten einreiht. Erasmus

Darwin bewegten alle die Probleme, die später sein Enkel behandelte.

Er suchte eine Theorie der Entwicklung der Lebewelt aufzustellen,

doch nimmt er innere Ursachen als die treibenden für die Entstehung

neuer Lebewesen an, denen allerdings der Kampf ums Dasein und

Überleben des Passendsten zu Hilfe kommen. Er erörtert die anatomische

Übereinstimmung großer Formenkreise und gelangt zur Annahme gemeinsamer

Abstammung derselben. Liebe, Hunger und Sicherung der Existenz sind die

Triebe, die das Leben beherrschen. Die Formen der gezüchteten Rassen,

insektenfressende Pflanzen, Anpassung der Insekten an die Honigblüten,

rudimentäre Organe, Schutz- und Trutzmittel der Pflanzen, der Ausdruck

der Gemütsbewegungen des Menschen, all das sind Themata, die nach

dem Stand damaligen Wissens und aus einem tiefen Naturempfinden von

Erasmus Darwin seinem Weltbild eingegliedert wurden und in ihm eine

ähnliche Rolle spielten, wie in dem des Enkels. Erasmus Darwin ist

eine Parallelerscheinung zu dem großen Entwicklungspoeten Goethe auf

englischem Boden.

Als der umfassendste und wirkungsvollste Zootom Englands im 19.

Jahrhundert ragt +Richard Owen+ hervor (1804-1892). _Nach anatomischen

und medizinischen Studien in Edinburg unter Al. Monro III. und Barclay

wurde er Assistent von +W. Clift+, dem letzten Assistenten John

Hunters, begab sich zu Studien unter Cuvier und Et. Geoffroy nach

Paris, wurde 1842 unter der Leitung Clifts Konservator am „Kollegium

der Wundärzte“. Von 1856 ab nahm er eine leitende Stellung an der

naturhistorischen Abteilung des British Museum ein, für die er das neue

Heim erkämpfte. Im 80. Jahre zog er sich von der Leitung des Museums

zurück._ Owens erstaunliche Produktivität erstreckte sich über die

Anatomie lebender und fossiler, einheimischer und fremder Lebewesen

in gleichem Maße. Er selbst suchte sein Schwergewicht weniger nach

der klassifikatorischen Seite, wo er mit seinen Verallgemeinerungen

wenig Glück hatte und Irrtümer mit größter Zähigkeit festhielt,

als nach der deskriptiven Zootomie und der vergleichenden Anatomie

hin. Hier verdanken wir ihm die Beschreibung aller seltenen Typen

des Britischen Kolonialreiches, z. B. der Beuteltiere, der Moas,

der Apteryx, der Gruppe der Theromorphen usw. Den vier Quartbänden

von Präparaten der Hunterschen Sammlung (1833-1840) ließ er seine

Odontographie folgen (1840-1845), die umfassendste Darstellung der

Zähne und ihrer Struktur. Der Grundplan des Wirbeltierskeletts (1848)

und die Natur der Extremitäten (1849) ließen ihn Ansichten zum Ausdruck

bringen, die in der Richtung +Okens+ und +Et. Geoffroys+ lagen. In

ihnen trennte er auch den alten Aristotelischen Begriff der Homologie

in die physiologische Homologie oder Analogie (z. B. Flügel des

Vogels und der Fledermaus) und in die morphologische, für die die

Bezeichnung Homologie beibehalten wurde (z. B. Spritzloch der Wale

und Nase der übrigen Säugetiere). 1843 erschienen Owens Vorlesungen

über vergleichende Anatomie, 1866-1867 seine Anatomie und Physiologie

der Wirbeltiere, die umfassendste vergleichende Anatomie nach Cuvier

und Meckel. Daß er den Menschen nach zoologischen Gesichtspunkten

betrachtet wissen wollte, bewies er durch Eröffnung einer Galerie

für physische Ethnologie am Hunterschen Museum. In gewissem Sinne

nahm er einen Fortschritt der Artbildung an, sprach sich aber nicht

nur sehr vorsichtig über dieses Problem aus, sondern verwarf die

Selektionstheorie vollständig und suchte der Eigenart des Menschen

in anatomischer Hinsicht ein größeres Gewicht beizulegen, als wir

es heute tun. Unter allen Umständen bleibt ihm das Verdienst, die

vergleichende Anatomie der präevolutionistischen Periode im größten

Stile abgeschlossen und den Ruhm der Hunterschen Sammlung als der

ersten der Welt dauernd gesichert zu haben.

Neben Owen ist vor allem +J. E. Gray+ (1800-1875) als ein Förderer

der englischen Zoologie hervorzuheben. Er veröffentlichte eine große

Zahl zoologischer Monographien, bearbeitete unter anderen Materialien

auch die des Erebus und Terror und baute hauptsächlich die Entomologie

aus. 1840 wurde er Vorstand der zoologischen Abteilung am Britischen

Museum, und schon 1852 war die ihm unterstellte Sammlung als die größte

Europas anerkannt. Er selbst schrieb mehrere Bände der musterhaften

Kataloge des Museums und arbeitete unermüdlich in den Bahnen der

Linné-Cuvierschen Zoographie fort. Gray sah im Darwinismus lediglich

eine Wiederholung des Lamarckismus. 1875 nach seinem Tode nahm +A.

Günther+ (geb. 1833) die Stellung Grays am Britischen Museum ein,

nachdem er seit 1858 Gray unterstützt und 1865 den Zoological Record

begründet hatte. Günther erwarb sich, abgesehen von der Organisation

der zoologischen Abteilung des Britischen Museums, besondere Verdienste

um unsere Kenntnis der niederen Wirbeltiere; 1880 erschien seine

Einführung ins Studium der Fische.

Als hauptsächlicher Vertreter der modernen Embryologie in England hat

zu gelten +Fr. Balfour+ (_1851-82, von 76 ab Professor in Cambridge_).

Er bearbeitete insbesondere die Entwicklungsgeschichte der Selachier,

die für einige Zeit das klassische Material der Vertebratenembryologie

wurden, und gab ein vortreffliches Handbuch der Embryologie heraus

(1881).

In Owens Fußtapfen trat +William Flower+ (1831 bis 1899). 1861-1884

verwaltete und mehrte er die Huntersche Sammlung als deren Kurator,

1884 trat er die Direktion des Naturhistorischen Museums an, die er

bis 1898 versah. Seine Arbeiten gelten insbesondere der Zoologie

und vergleichenden Anatomie der Wirbeltiere. Daneben liegt sein

Hauptverdienst auf der Entwicklung neuer Grundsätze für die Einrichtung

von Museen, die er in einem besonderen Werk (~Essays on Museums~

1898) niederlegte. Sein Prinzip, Schausammlungen und Sammlungen des

wissenschaftlichen Unterrichts zu trennen, fand allgemeine Anerkennung.

Eine eigentümliche Stellung nahm +G. J. Mivart+ (1827 bis 1900) in

der englischen Zoologie ein. Zum Katholizismus übergetreten, wurde

er 1862 Professor am Marienhospital und blieb in dieser Stellung

bis 1884. 1890-1893 las er Philosophie der Naturgeschichte an der

Löwener Universität, zog sich aber nach Differenzen mit seiner Kirche

wieder nach London zurück. Mivart hat eine große Zahl zootomischer

Arbeiten geschrieben, dann sich aber hauptsächlich auf Kritik des

Darwinismus verlegt und sich mit einer eigenartigen Klassifikation

der Wissenschaften abgegeben. Er produzierte eine ausgedehnte

polemisch-apologetische Literatur (Die Entstehung der Art, 1871;

Natur und Gedanke 1882; Ursprung der Vernunft 1889; Grundlage der

Wissenschaften 1894), außerdem zahlreiche typisierende und nicht

strengeren Anforderungen genügende Unterrichtsbücher.

Geschichte der Zoologie · 第 66 / 75 题