3. Empiriker.

Vereinigten schon die genannten Zoologen Empirie und Philosophie

in solchem Grade, daß man manche, z. B. Rudolphi, von den

Naturphilosophen ausschalten könnte, so erwiese sich dies doch nicht

als tunlich. Dagegen stellen die nachfolgenden die Kerntruppe der

allmählich steigenden +Empirie+ der deutschen Zoologie in der Folgezeit

dar, die sich vor allem um die Entwicklungsgeschichte des Individuums,

die Embryologie, konzentrierte. An ihr fand das phantastisch

entwickelte Gedankenleben der damaligen Entwicklungstheoretiker

einen realen Boden, auf den sich allmählich die nüchternen Gelehrten

gerne zurückzogen, je mehr die Naturphilosophie auf Abwege geriet.

Dahin gehört +Ign. Döllinger+ (1770-1841), ein Schüler Schellings,

ein mächtiger Förderer der mikroskopischen Anatomie, der Lehrer +C.

E. von Baers+. Ferner +Chr. H. Pander+ (1793-1865, aus Riga, später

Akademiker in Petersburg), welcher die Grundlagen der mikroskopischen

Paläontologie legte, im Verein mit +d’Alton+ (1772-1840) den Atlas

der vergleichenden Osteologie (1821-31) herausgab und die Lehre von

der Entwicklung sämtlicher Organe aus drei Keimblättern mit Hilfe

der Entwicklungsgeschichte des Hühnchens begründete. +M. H. Rathke+

(1793-1860) hat die sorgfältigsten embryologischen Monographien seiner

Zeit geliefert; klassisch geblieben sind seine Entwicklungsgeschichte

der Natter, der Schildkröte, des Krokodils, des Flußkrebses, seine

Studien über die Umwandlung des Kiemenskeletts innerhalb der

Wirbeltierreihe.

+C. E. von Baer+ (_geb. 1792 in Estland, studiert von 1810 an in

Dorpat unter Burdach, geht 1814 nach Wien und Würzburg, wendet sich

hier, von der medizinischen Praxis enttäuscht, den embryologischen

Studien unter Döllinger zu; von 1817 an unter Burdachs Leitung an der

Anatomie in Königsberg, wurde er 1819 Professor der Naturgeschichte,

siedelte 1834 nach Petersburg als Akademiker über, kehrt nach größeren

Reisen in Nord-Rußland und Kaspien nach Dorpat zurück, wo er 1876

starb_) zählte zu den Naturforschern von größter Vielseitigkeit

der Kenntnisse und von ruhigstem Urteil. Seine archäologischen,

linguistischen, geographischen, anthropologischen Arbeiten haben für

uns ganz aus dem Spiel zu bleiben. Er griff das von seinem Freunde

Pander bald verlassene Gebiet der Entwicklungsgeschichte des Hühnchens

auf und erweiterte es in der Folgezeit zu der der Tiere überhaupt, der

grundlegenden Monographie der Embryologie (1828-37). 1827 spielte ihm

der Zufall die Entdeckung des menschlichen Eies in die Hände. In Sachen

des Streites um die Präformation nimmt er eine vermittelnde Stellung

ein, da er die erste Entstehung als einen Umbildungsprozeß deutet. In

der Auffassung von der Zeugung als einem „Wachstum über das Individuum

hinaus“, und daß die Wesenheit der zeugenden Tierform die Entwicklung

der Frucht beherrsche, stellt er sich auf Aristotelischen Boden. Im

Anschluß an Cuviers Typenlehre betont er das frühzeitige Auftreten

der typischen Unterschiede und die gegenseitigen Lagebeziehungen der

Organe. Auch führt ihn dies zur Annahme verschiedener Ausbildungsgrade

des Typus, wodurch z. B. die Vögel höher organisiert sind als der

Mensch. Auch dem biogenetischen Grundgesetz gegenüber hat v. Baer sich

in vorsichtiger Reserve gehalten und bestritten, daß die Embryonen

höherer Tiere in ihrer Entwicklung bekannte bleibende Tierformen

durchliefen. Auch zahlreiche Arbeiten über Wirbellose und deren

Anatomie zeugen von Baers weitem Blick und von dem Ebenmaß in seiner

Devise: „Beobachtung und Reflexion“.

Neben Baer ist der imposanteste deutsche Zoologe +Johannes Müller+

(_geb. 1801 in Koblenz, studierte er in Bonn, habilitierte sich 1824

daselbst nach kurzem Aufenthalt in Berlin, 1826 Professor daselbst, kam

nach Rudolphis Tode 1833 als Anatom und Physiologe nach Berlin, starb

1858_). Je mehr die Sterne der Naturphilosophie und ihre Gründungen

erloschen, um so mehr begann +Joh. Müller+ die führende Persönlichkeit

in unserem Fache zu werden. Aus der Schule der Naturphilosophen

hervorgegangen, kämpfte er zeitlebens gegen die übertriebene

Spekulation und erntete die reiche Frucht, die eines philosophisch

geschulten Empirikers zu harren pflegt. Daher enthielt er sich der

Einmischung in die große theoretische Abrechnung zwischen Cuvier und

Geoffroy, und suchte in der Ausdehnung der Studien auf das Erforschbare

Ersatz. Er legte den Grund zu einer Sammlung von über 20000 Präparaten

in der Art des Hunterschen Museums, die jedoch später aufgeteilt

worden ist, suchte überall mit schärfster Methodik die Klassifikation

durch Anatomie zu stützen. Wenn dabei manche früher hochgeschätzte

Verallgemeinerung nicht standhielt (Ganoiden, Schreivögel), so sind

doch hinwiederum manche von größerer Dauer gewesen, weil er durch einen

staunenerregenden Überblick über die Tierwelt zu weitester Verknüpfung

der beobachteten Erscheinungen befähigt war. Sein Meisterwerk ist

die Monographie der Myxinoiden (1835-1845), welche die bedeutendste

Monographie auf dem Gebiete der vergleichenden Anatomie geblieben ist,

weil Müller die Erkenntnis der typischen Bedeutung der Fische für die

Wirbeltiere nicht nur in ihr niedergelegt hat, sondern auch durch

weitere Untersuchungen, eigene und solche seiner Schüler, erhärtet

hat. Nicht nur verdankt jedes Gebiet der vergleichenden Anatomie der

Wirbeltiere Müller nachhaltige Förderung, sondern auch die Kenntnis der

Wirbellosen (Aufstellung der Gruppe Radiolarien, Entwicklungsgeschichte

der Echinodermen, der Würmer, Auge, Gehörorgan der Insekten usw.).

In der zoologischen Systematik freilich lehnte sich Müller wie in

der vergleichend-anatomischen an Cuvier an, in der physiologischen

an Haller und die französischen Physiologen. Bei seinen übermäßig

ausgedehnten Spezialuntersuchungen vernachlässigte er die oberste

Gliederung seines Stoffes und schlug dadurch eine für Deutschland um

die Mitte des 19. Jahrhunderts fatale Richtung ein.

Neben Joh. Müller stehen als Zootomen an erster Stelle +H. Stannius+

(1808-1883) und +C. Th. von Siebold+ (1804 bis 1885); jener als

Verfasser des gebräuchlichsten und zuverlässigsten Lehrbuches der

vergleichenden Anatomie der Wirbeltiere (1846), sowie zahlreicher

zootomischer Abhandlungen von größter Exaktheit; dieser, der

Sproß einer bedeutenden Gelehrtenfamilie, der von 1853 ab in

München eine überaus fruchtbare Tätigkeit entfaltete, nachdem er

1848 zum ersten Male die vergleichende Anatomie der Wirbellosen

dargestellt hatte. Die Hauptverdienste erwarb sich indes Siebold

um die Kenntnis der Parthenogenese sowie um die Helminthologie,

die sich nach mächtigen Impulsen von +Rudolphi+ um die Mitte des

Jahrhunderts zum bedeutendsten Zweig der medizinischen Zoologie

auszuwachsen begann. In dieser Linie steht an Siebolds Seite vor

allem +Rud. Leuckart+ (1822-1898, von 1850 an Professor in Gießen,

von 1869 an in Leipzig), der die Gebiete der Zeugungsphysiologie,

der Helminthologie, der Systematik und Anatomie der Wirbellosen

durch eine große Fülle exakter Arbeiten förderte. Klassisch sind

seine Schriften über die Blasenwürmer (1856) und die Trichine (1860)

geworden, sowie Leuckarts zusammenfassendes Werk über die Parasiten

des Menschen (1. Aufl. 1863-76), womit er diesem praktisch wichtigen

Gebiet die vollkommenste systematische Darstellung angedeihen ließ

und auch seine theoretische Bedeutung hervorhob. Wie kaum ein

anderer akademischer Lehrer schulte Leuckart in seinem Laboratorium

auswärtige Zoologen nach deutscher Methode, und verschaffte damit

der herrschenden deutschen Zoologie die größte Anerkennung über den

ganzen Erdkreis zu einer Zeit, da die Zoologie erst begann, Gemeingut

auch der erst in die Kultur eintretenden Nationen zu werden.

+C. G. Ehrenberg+ (1795-1876), Professor der Medizin in Berlin,

bereiste mit W. Hemprich die Nilländer (1820-26), später mit A. von

Humboldt Asien bis zum Altai (1829). Daneben galten seine Studien

besonders den Infusorien, für die er das auch mit Illustrationen

reich ausgestattete bedeutendste Werk in der ersten Hälfte des

Jahrhunderts (1838) verfaßte. Seine Auffassung, daß die Infusorien

nach Art der höheren Tiere Organe hätten, hielt dem Fortschritt der

Protozoenforschung nicht stand.

Ein gewisses Bindeglied zwischen der französischen und der

deutschen Zoologie bildete +Karl Vogt+ (1817-95). In Gießen

aufgewachsen, schloß er sich später Agassiz an und schrieb für ihn

die Naturgeschichte der Süßwasserfische, ferner eine wertvolle

Entwicklungsgeschichte der Geburtshelferkröte (1892). Mit seinen

physiologischen Briefen betrat er 1845 die Bahn populärer

Darstellung, die er zeitlebens festhielt, und die in ihm einen

geistreichen und humoristischen Vertreter fand, namentlich vor

und in der Periode des Darwinismus, wo seine Zoologischen Briefe

(1851), die Tierstaaten (1851), Köhlerglaube und Wissenschaft

(1855) und die Vorlesungen über den Menschen (1863) die Stimmung

auf deutschem Boden vorbereiteten und heben halfen. Ursprünglich

Cuvierist, nahm er später im Lager des Darwinimus eine erste Stelle

ein, um jedoch dann eigene Wege zu gehen und namentlich an der

polyphyletischen Deszendenz festzuhalten. 1852 wurde er Professor

der Zoologie in Genf und starb daselbst 1895, nachdem er 1885-94

ein originell angelegtes Lehrbuch der praktischen vergleichenden

Anatomie in Gemeinschaft mit +E. Yung+, seinem Nachfolger im Amt,

herausgegeben hatte. Ebenfalls vorwiegend Popularisator der Zoologie

war +H. Burmeister+ (1807-1892). Nachdem er 1837 Professor in Halle

und 1852 in Breslau geworden, begann er Reisen in Südamerika zu

unternehmen, gründete 1861 das Museum in Buenos Aires. Er entfaltete

eine reiche schriftstellerische Tätigkeit. Neben zahlreichen

Arbeiten über südamerikanische lebende und ausgestorbene Tierwelt,

ferner über Insekten suchte er im Sinne von Humboldts Kosmos die

Schöpfungsgeschichte der Erde darzustellen (1851). Den folgenden

Autoren nähert er sich durch seine Zoonomischen Briefe (1856). In

ähnlicher Weise, wie Burmeister nach Argentinien, verpflanzte +R. A.

Philippi+ (1808-1904) sie nach Chile, wohin er 1850 übergesiedelt war.

Mit den umfassendsten Kenntnissen verband ein großes Talent zur

Systembildung +G. Bronn+ (1800-1862). Nachdem er sich besonders der

Paläontologie gewidmet hatte, wurde er 1833 Professor der Zoologie

in Heidelberg. Der erste Paläontologe in Deutschland zu seiner Zeit,

kannte er den ganzen damals bekannten Reichtum der erloschenen

organischen Natur und pflegte daneben die Zoologie der lebenden

Organismen. Seine von der Pariser Akademie preisgekrönte Schrift

über die Entwicklungsgesetze der organischen Natur (1854) und seine

morphologischen Studien über die Gestaltungsgesetze (1858) gehören zu

den wichtigsten Vorarbeiten, auf denen Haeckel fußte. Er übersetzte

zuerst Darwins Entstehung der Arten, wenn auch mangelhaft, und schuf

in seinen Klassen und Ordnungen (begonnen 1859) die erste große

Zusammenfassung der zoologischen Systematik nach Cuvier.

In der geistigen Signatur Bronn am ähnlichsten, aber mit Ausdehnung

nach anderen Richtungen steht +J. V. Carus+ da (1823-1903, von 1853

an Professor in Leipzig). In einer Bildungssphäre aufgewachsen, der ja

auch C. G. Carus entstammte, entfaltete V. Carus früh außergewöhnliche

Talente. Nach seinen Studien unter Siebold und Kölliker knüpfte er in

Oxford die Beziehungen an, die ihn später zu einem der wichtigsten

Bindeglieder zwischen deutscher und englischer Zoologie machten

(Übersetzung von Darwins, Lewes’ und Spencers Werken, Vertretung

von Professor Wyville Thompson während der Challenger-Expedition).

Neben einigen Arbeiten über Anatomie und Entwicklungsgeschichte der

Wirbellosen ist das erste größere Werk von V. Carus ein System der

tierischen Morphologie (1853), das neben einer bemerkenswerten Betonung

der Induktion und unter kritischer Auseinandersetzung mit Comte, Mill

und Lotze zwar gewisser Grundlagen entbehrt, aber dennoch zu den

besten biologisch-systematischen Versuchen des Jahrhunderts gehört.

Zeitweise Bibliothekar, ist er der bedeutendste Bibliograph für unsere

Wissenschaft geworden. 1846 begann er schon die ~Bibliotheca zoologica~

herauszugeben, begründete 1878 den Zoologischen Anzeiger, schuf den

~Prodromus faunae mediterraneae~ (1893) und machte sich besonders bei

der Feststellung der internationalen Nomenklatur und um die Gründung

der deutschen zoologischen Gesellschaft (1890) verdient. Seine

Tätigkeit hat wohl ihren zeitlichen Schwerpunkt in der Periode des

Darwinismus, ist aber so universeller Natur und setzt so früh ein, daß

V. Carus nicht zu den von Darwin und Haeckel wesentlich beeinflußten

Forschern zu zählen ist. Seiner Geschichte der Zoologie 1873 wird an

anderer Stelle gedacht.

Es ist wohl begreiflich, wenn die Naturphilosophie auch noch in

dem sonst ruhigeren Wasser der Klassifikation, das durch Linné und

Cuvier hinreichend eingedämmt war, Wellen schlug. Der Carusschen

Klassifikation wurde bereits oben als einer typischen gedacht.

+J. Hermann+ (1738-1800) trat für netzförmige Verwandtschaft der

Lebewesen ein. +Rudolphi+ versuchte ein System der Tierwelt auf das

Nervensystem zu begründen, +S. Voigt+ (1817) auf die Hartgebilde,

+Schweigger+ (1820) auf die Atmungsorgane, +Wilbrand+ (1814) auf das

Blut, +Ehrenberg+ wiederum auf das Nervensystem, +Goldfuß+ spaltete

das Tierreich nach den Organsystemen des Menschen, +Mac Leay+

(Engländer) begründete ein System auf die Fünfzahl, ebenso +Joh.

Jac. Kaup+; +P. J. van Beneden+ und +C. Vogt+ auf das Verhältnis

des Dotters zum Embryo. Unter diesen Umständen tat das Cuviersche

System der vier Typen immer noch die besten Dienste. Außerdem machte

der spezielle Ausbau der Klassifikation insofern die wichtigsten

Fortschritte nach den niederen Wirbellosen hin, indem Siebold die

Protozoen und Leuckart die Zölenteraten absonderten.

Sodann sei hier der Synopsis von +Leunis+ (1802-73) gedacht,

eines höchst zweckmäßigen Bestimmungs- und Nachschlagebuches für

klassifikatorische Zwecke.

Dieser Periode gehört auch vor allem als der beste Popularisator

der Zoologie an +Alfred Brehm+ (1829-84). Als Sohn eines bereits

um die Ornithologie hochverdienten Mannes (C. L. Brehm aus Schönau

bei Gotha, 1787-1864) unternahm er wiederholt Reisen in Oberägypten

und Abessinien, deren Resultate er auch in besonderen Schilderungen

niederlegte. 1876-79 erschien sein Tierleben, womit er in den

weitesten Kreisen Sinn für die ökologische Seite der Tierwelt

verbreitete.

Eine durchaus selbständige Stellung nimmt +Ludwig Rütimeyer+ ein.

Geboren 1825 im Kanton Bern, widmete er sich theologischen und

später medizinischen Studien, nach deren Abschluß er Studienreisen

nach Frankreich, England und Italien antrat; von 1855 ab Professor

der Zoologie in Basel, starb er daselbst 1895. Rütimeyer wandte die

Schulung des Pariser Pflanzengartens und der englischen Museen auf

Stoffe an, die ihm teils diese stets wieder von ihm besuchten Stätten,

teils sein Heimatland darbot. Lange Zeit geologische, anthropologische,

geographische Studien neben den zoologischen betreibend, besaß er

die Vorbedingungen zu klassischer Bearbeitung der Grenzgebiete.

1861 erschien seine Fauna der Pfahlbauten, über 20 Jahre dehnt

sich die Veröffentlichung seiner umfangreichen Studien über die

Naturgeschichte der lebenden und fossilen Huftiere aus, die zu den

sorgfältigsten und überzeugendsten phylogenetischen Spezialarbeiten

über große Formenreihen von Wirbeltieren gehören. Die geschichtlich

bedeutungsvollste Schrift Rütimeyers (Die Herkunft unserer Tierwelt

1867) verknüpft die Stammesgeschichte der höheren Landtiere und

Verbreitungsgeschichte derselben zu einem einheitlichen Gesamtbild,

das für die Verbindung und Wertung der verschiedenen Urkunden der

Tiergeschichte vorbildlich ist. Gegenüber dem Darwinismus hat Rütimeyer

einem vorsichtigen, die Unvollkommenheit der einschlägigen Materialen

kritisch beurteilenden, evolutionistischen Standpunkt gehuldigt, der am

meisten an denjenigen C. E. von Baers erinnert und wie er selbst ihn

schon im Anschluß an Is. Geoffroy vor dem Erscheinen der „Entstehung

der Arten“ eingenommen hatte.

Die vergleichende Anatomie vertrat in der darwinistischen Periode in

Deutschland besonders +Karl Gegenbaur+ (_1826 bis 1903, ein Schüler der

Würzburger medizinischen Schule in ihrer Glanzzeit, doktoriert 1851,

nach mehrfachen Studienreisen an die Meeresküste 1854 Privatdozent,

von 1855-73 Professor in Jena, dann in Heidelberg_). Gegenbaur ist,

auf streng empirischer Grundlage bleibend, im Anschluß an Joh. Müller

und H. Rathke als Fortsetzer der vergleichenden Anatomie in einer Zeit

zu bezeichnen, die dieser Wissenschaft nicht mehr günstig war. Seine

Arbeiten erstrecken sich über die Wirbellosen, namentlich die niederen

marinen Metazoen, sowie über die meisten Gebiete der Wirbeltieranatomie

mit Einschluß des Menschen. 1859 erschienen seine Grundzüge der

vergleichenden Anatomie, aus denen sich allmählich immer umfangreichere

Gesamtdarstellungen entwickelten. In zahlreichen Aufsätzen,

insbesondere in dem von ihm 1876 begründeten „Morphologischen

Jahrbuch“ behandelte er einzelne Probleme der Morphologie. Auf dem

Gebiet der Wirbeltiere beschäftigten ihn zunächst histogenetische

Fragen, bald aber wandte er sich dem Problem des Wirbeltierkopfes und

der Schädeltheorie zu, der er im Anschluß an R. Owen und Huxley und

insbesondere auf Grund der Studien über das Kopfskelett der Selachier

neue, der Entwicklungslehre entsprechende Formen zu geben anfing.

Seine umfassendste Untersuchungsreihe betraf das Extremitätenskelett.

Außer auf diesen Arbeitsgebieten nahm er jedoch an allen Punkten die

vergleichende Anatomie in Angriff. Als Begründer der größten Schule

auf dem Gebiete der Morphologie und in lebhaftem Gedankenaustausch

mit seinen Schülern gewann er die ausgedehnteste Übersicht über das

Gesamtgebiet dieser Wissenschaft, wie er sie in seiner 1898-1901

erschienenen „Vergleichenden Anatomie“ im Geiste der Entwicklungslehre

mit mächtiger Hand zusammenfaßte.

Als Zoologen der darwinistischen Periode sind ferner zu erwähnen:

+Oskar Schmidt+ (geb. 1823, doktorierte er 1846 zu Berlin, 1857

Professor in Graz, 1872 in Straßburg, starb 1886). Er veröffentlichte

1849 ein Handbuch der vergleichenden Anatomie, das in mehrfachen

Auflagen erschien, schrieb eine große Anzahl von Schriften über

Anatomie, Entwicklung, Verbreitung der Wirbellosen, insbesondere

der Spongien. An den politischen und sozialen Kämpfen seiner Zeit

nahm er regen Anteil und betätigte sich auf vielen Berührungspunkten

seiner Wissenschaft mit Fragen allgemeinerer Art im Sinne des

deutschen Darwinismus. +C. Claus+ (1835-1899, von 1860 ab Professor

der Zoologie in Würzburg, Marburg, Göttingen, Wien) machte sich

durch Spezialarbeiten über Zölenteraten und Krustazeen verdient.

Seinen Grundzügen der Zoologie (1866) und dem Lehrbuch der Zoologie

(1880) folgten weitere Auflagen, die sich namentlich durch

ebenmäßige Beherrschung des Stoffes und große Vorsicht gegenüber

den unabgeklärten Situationen der damaligen Naturphilosophie

auszeichneten.

+K. Semper+ (1832-93) bereiste nach Absolvierung zoologischer Studien

1859-64 die Philippinen, versah von 1868 an die Professur der

Zoologie in Würzburg. Die Resultate seiner Reisen veröffentlichte er

in groß angelegten Reisewerken, auf theoretischem Gebiete machte er

sich in einer nicht eben glücklichen Polemik gegen Haeckel Luft.

Ein Ehrenplatz in der Geschichte der neueren deutschen Zoologie gebührt

+K. A. von Zittel+, obschon sein Schwergewicht an das Grenzgebiet

nach der Geologie hin fällt. Er wurde geboren 1839 zu Bahlingen im

Kaiserstuhl, war Schüler Bronns und doktorierte in Heidelberg 1860,

nach Studien in Wien Professor der Geologie und Mineralogie am

Karlsruher Polytechnikum, kam als Oppels Nachfolger 1866 nach München,

wo er Paläontologie lehrte und das Museum zu einem der ersten in Europa

umgestaltete und mehrte, starb daselbst 1904. Von 1876 an begann von

Zittel mit der Publikation seines Handbuchs der Paläontologie, das,

1893 in fünf Bänden abgeschlossen, den ersten umfassenden Versuch einer

systematischen Bearbeitung des paläontologischen Stoffes vorstellt.

Die Paläontologie der Spongien hat er geradezu geschaffen. Er stand

auf deszendenztheoretischem Standpunkt, ohne indes die Lücken der

Paläontologie bedeutungslos erscheinen zu lassen. Zu seinem weiten

Schülerkreise zählen die hervorragendsten Paläontologen des Auslandes,

namentlich Nordamerikas in der Gegenwart. v. Zittel hat auch in seiner

musterhaften Art die Geschichte der Geologie und Paläontologie bis Ende

des 19. Jahrhunderts behandelt (1899) und damit vielfach einen Teil der

Geschichte der Zoologie berührt.

Geschichte der Zoologie · 第 63 / 75 题