Einen entscheidenden Wendepunkt für die Zoologie (und die Botanik)
bildete die Formulierung der +Zellenlehre+. Die Gewebe galten seit
dem Altertum als Elementarbestandteile. Einen neuen Aufschwung hatte
die Gewebelehre durch +X. Bichat+ (1771-1802) erhalten, für die
Zoologie war sie indes bisher wenig fruchtbar geblieben. Anderseits
kannte man Zellen, seit Hooke in seiner Monographie (1667) die des
Korkes beschrieben hatte, aber man verstand nicht ihre grundsätzliche
Bedeutung. Sodann existierte in der Naturphilosophie schon längst
theoretisch das Postulat, es müßten kleinste Lebenseinheiten
existieren, ob man sie sich nun als organische Moleküle (Buffon) oder
als Bläschen (Oken) dachte. Der Botaniker +Schleiden+ (1804-1881),
der eine gesunde, auf Induktion begründete Empirie vertrat, und
der belgische Zoologe +Schwann+ (1810-1882), letzterer in seinen
„Mikroskopischen Untersuchungen über die Übereinstimmung in der
Struktur und dem Wachstum der Tiere und Pflanzen“ (Berlin 1839), sind
als die Begründer der Zellenlehre zu bezeichnen. Sie wurde später
durch die Protoplasmatheorie +M. Schultzes+ (1860) ersetzt, welcher im
Anschluß an +F. Dujardin+ im Urschleim oder Protoplasma den Träger des
Lebens erkannte. Hauptsächlich +R. Remak+ (1815-1865) suchte mit Hilfe
der neuen Lehre die embryonale Entwicklung zu durchleuchten und ist
als eigentlicher Begründer der Histogenie zu betrachten. Auch gebührt
ihm das Verdienst, in ausgiebiger Weise die Hilfsmittel der Chemie in
den Dienst der Entwicklungsgeschichte gestellt zu haben. So erfuhr
denn die Lehre von den Geweben, die Histologie (die Bezeichnung stammt
von +F. J. R. Mayer+, 1819), eine Erweiterung zur Lehre von den Zellen
(Zytologie). Dadurch aber wurde die Einheit von Bau und Entwicklung
der Organismen mit einer realen Unterlage versehen, wo früher die
Spekulation allein nach ihr gesucht hatte. Ein großer Teil der
Bemühungen der späteren Zoologie, insbesondere in Deutschland, war nun
darauf gerichtet, den Nachweis dieser Einheit von Bau und Entwicklung
durch das ganze Tierreich durchzuführen. Der Ausbildung dieses Zweiges
der Zoologie entsprach die Vermehrung und Bereicherung der technischen
Hilfsmittel: des Mikroskops, der Härtung, des Färbens, des Schneidens,
der Rekonstruktion.
Die hauptsächlichsten Etappen des Entwicklungsganges sind durch
folgende Punkte bezeichnet:
1. +Mikroskop+: +G. B. Amici+ (Professor der Physik in Florenz)
erfindet das aplanatische Mikroskop (1827), nachdem die Gebrüder
Chevalier in Paris bereits achromatische Objektivsysteme hergestellt
hatten. Derselbe Amici erfindet 1850 die Immersion. Die 1846
gegründete Firma Zeiß in Jena beginnt mit Hilfe eines theoretisch
vorgebildeten Physikers, E. Abbes, 1866 das Mikroskop auf die
gegenwärtig erreichte Höhe zu bringen. 2. +Härtung+: Chromsäure wurde
seit Anfang des Jahrhunderts verwendet, um Härtung des Nervensystems
zu erzielen. Die eigentliche Härtungstechnik ist wohl hauptsächlich
+R. Remak+ zu verdanken. Von den späteren Entwicklungsmomenten
derselben ist wohl der wichtigste die Einführung der Osmiumsäure
durch +Fr. E. Schulze+ 1865. 3. +Färbung+: 1849 begann +Hartig+
karminsaures Ammoniak anzuwenden, 1863 führte +Waldeyer+ das
Hämatoxylin ein, 1862 +Benecke+ die Anilinfarben, 1881 +Ehrlich+
die vitale Färbung mit Methylenblau. 4. Während schon die älteren
Autoren Einzelabschnitte zarter Gewebe nach Härtung anfertigten, war
es 1842 +Stilling+, der die Vorteile der Schnittserien erkannte; an
Stelle des früher üblichen +Valentin+schen Doppelmessers empfahl
V. Hensen 1866 einen Querschnitter und 1870 +His+ das +Mikrotom+.
5. Von demselben Anatomen wurde schon in den 70er Jahren die
+Plattenrekonstruktionstechnik+ erfunden, deren Verbesserung in den
80er Jahren das Verdienst von +G. Born+ und +H. Strasser+ ist.
Die zootomische Richtung Deutschlands in dieser Periode besaß einen
Prototypus, der auch noch die ganze letzte Periode miterlebte,
in +Albert von Koelliker+ (1817-1906, geb. in Zürich, von 1846
an Professor in Würzburg für Anatomie). Kaum war die Zellenlehre
durch Schleiden und Schwann begründet worden, so vertrat Koelliker
schon 1844 die Lehre von der Zellnatur des Eies und trat mit in die
erste Reihe der vergleichend arbeitenden Histologen, ohne indes
den Zusammenhang mit der Anatomie und Physiologie zu verlieren. Er
suchte tatsächlich sich die Gewebe des ganzen Tierreichs durch eigene
Anschauung zugänglich zu machen, ebenso die Entwicklungsgeschichte und
bereicherte dabei diese Disziplinen nicht nur durch eine Überfülle
von Spezialarbeiten, sondern auch durch lange Zeit mustergültige
Lehrbücher (Entwicklungsgeschichte des Menschen und der Tiere 1861
und Gewebelehre, 1. Aufl. 1852, 4. Aufl. 1889 begonnen). Mit v.
Siebold schuf er die Zeitschrift für wissenschaftliche Zoologie
1847 und betätigte sich überhaupt in hervorragender Weise an der
Organisation und öffentlichen Vertretung unserer Wissenschaft. Seine
erstaunliche Frische ließ ihn noch in hohem Alter einem Gebiete,
das der histologischen Behandlung am längsten Widerstand geleistet
hatte, der Histologie des Nervensystems, seine Gestalt geben
helfen. Von hoher theoretischer Bedeutung ist seine Deutung der
Deszendenzlehre geworden, wonach wir die Entstehung der Arten uns
durch „sprungweise Entwicklung“, etwa analog den Formverwandlungen
beim Generationswechsel, zu denken hätten, womit er an Et. Geoffroy
anschließt.
So hatte sich also allmählich nach dem gewaltigen Aufschwung der
Spekulation und der Bildung allgemeiner, meist jedoch nicht dem
Studium der belebten Natur selbst entwachsener Systeme wieder eine
streng zootomische Richtung mit starkem Akzent auf der physiologischen
Deutung ausgebildet. Die mikroskopische Anatomie zerlegte sich in
Entwicklungsgeschichte und Histologie und erstreckte sich auch immer
mehr auf die Wirbellosen. Cuviersche Traditionen wirkten mächtig
ein und trugen den Sieg auch über die jüngeren naturphilosophischen
Bestrebungen davon, die sich später als fruchtbar erwiesen. Die
gesamte Zootomie löste sich entsprechend dem Charakter des deutschen
Wissenschaftsbetriebes und der mangelnden Zentralisation ab von der
Zoographie. Verbanden auch viele Autoren beides, so konzentrierte
sich bei dem Mangel an universal bedeutenden Museen die Wissenschaft
immer mehr in die zahlreicher werdenden Laboratorien. Der von Albr.
von Haller inaugurierte Laboratoriumsunterricht hatte reichliche
Gelegenheit zur Entfaltung auch bei bescheidenen Mitteln, solange
Histologie und Entwicklungsgeschichte an den zugänglichsten Objekten
betätigt werden konnten. Im Jahre 1826 erstattet Heusinger Bericht über
seine zootomische Anstalt, 1837 besaß bereits Rostock ein Laboratorium
unter Stannius. Vielfach kam auch die Personalunion von Anatomie,
Physiologie und Zoologie in der Hand eines Lehrers dem Blühen des
zoologischen Unterrichts und der Forschung zugute.