1. Aufklärungsperiode.

An der Schwelle dieser Periode treffen wir +A. von Haller+, der seinem

geistigen Gepräge nach weit eher ein Endglied der vorangehenden

genannt zu werden verdient, und dessen Verdienste vorwiegend auf das

Gebiet der menschlichen Physiologie fallen. Der durch seine Autorität

zur absoluten Herrschaft gelangten Lehre von der Präformation trat

+C. Fr. Wolff+ (1735-1794) entgegen, ohne indes von seiner Zeit

gewürdigt zu werden. In seiner ~Theoria generationis~ (1759) wahrt

er die Rechte der Beobachtung gegenüber der Spekulation, schildert

kurz die Geschichte der Entwicklungstheorien bis auf seine Zeit

und stellt den Satz auf, daß der lebende Organismus nicht im Keime

vorgebildet ist, sondern erst in der Embryonalentwicklung entsteht

(Epigenesis). Seine Schrift ist voll von reicher Einzelbeobachtung

und geschickter Verallgemeinerung, wie er denn z. B. die Bildung

von Darm und Nervenrohr bereits als Faltungsprozeß der Keimblätter

auffaßt. Im allgemeinen steht er auf dem Boden des von +Stahl+

begründeten Vitalismus, der Lehre von der Eigenart der organischen

Erscheinungen. Außer +C. Fr. Wolff+ war es besonders +Blumenbach+, der

in Aristotelischem Sinne und mit viel Geist die Präformationslehre

bekämpfte. Neben diesem Kampf um die Zeugungsphysiologie war es eine

andere Linie, auf der sich die deutsche Zoologie bewegte. Die Probleme

der geographischen Verbreitung, die Buffon aufgestellt hatte, fanden

Widerhall in +Kants+ physischer Geographie, die für die Zoologie

weniger bedeutete, als seine scharfe Scheidung zwischen organischer

und anorganischer Natur und die deszendenz-theoretisch interessanten

Gedanken in seiner „Kritik der Urteilskraft“ (1790). Mehr noch in

den Werken von +E. A. W. Zimmermann+ (Versuch einer Anwendung der

zoologischen Geographie auf die Geschichte der Erde 1783) und +J. G.

Herder+ (Ideen zur Philosophie der Geschichte der Menschheit 1784).

Beide sind von höchster Poesie getragene Ausblicke auf den Reichtum

der Tierwelt zu Land und Meer, beide Versuche, die Mannigfaltigkeit

des Lebens als Teil im Gesamtwesen des Kosmos zu erfassen und die

zahlreichen Beziehungen der Kreatur unter sich und auf dem Schauplatz

der Erde darzustellen. Zimmermann legt dabei den Hauptakzent auf die

Tierwelt und wagt namentlich zum ersten Male, ein Gesamtbild vom Leben

der Meeresfauna zu entwerfen. Bei ihm finden sich die schönsten Ansätze

zur Lehre vom Haushalt der Natur (Ökologie). Die Gedanken an Einfluß

des Klimas, Breite der Anpassung, Verbreitungsgeschichte finden hier

schon Verwendung. Zimmermann polemisiert gegen die naive Linnésche

Erklärung der Tierverbreitung und weist entgegen Buffons Theorie von

der äquatorial gerichteten Wanderung der Tiere infolge von Abkühlung

der Pole auf die Unterschiede der südlich-hemisphärischen Landfauna

von der nördlichen hin. Zimmermann ist der erste kritisch arbeitende

Geist in der Tiergeographie und +Alexander von Humboldts+ direkter

Vorgänger. Hatte Linné den Menschen den Säugetieren eingeordnet, ohne

sich darüber weiter auszusprechen, so sucht +Herder+ ihn der Lebewelt

auf Grund seiner körperlichen Eigenschaften einzuordnen, ihn als das

vollkommene, zur Vernunfttätigkeit bestimmte Lebewesen zu schildern,

und doch die bedeutungsvollen Übereinstimmungen mit den anthropomorphen

Affen nicht zu unterdrücken. Wie mächtig die Anregungen Herders

wirkten, erhellt wohl mit am besten aus +Goethes+ Beschäftigung mit der

organischen Natur, die ihn freilich das übernommene Gut selbständig

weiterbilden ließ. Tiefstes Naturempfinden, ein rastloser Trieb, die

Natur kennen zu lernen, lebhafteste Teilnahme an den Fortschritten

der Naturforschung, ein überlegenes Urteil über den historischen

und kulturellen Wert derselben und ihrer Vertreter, eine Abneigung

gegen alles Spezialistisch-Kleinliche und ein untrüglicher Sinn

für das Ewig-Große in der Natur und ihrer Wissenschaft -- das sind

die Züge, die Goethe eine große Bedeutung für die Geschichte der

Zoologie verleihen. An seinem Genius haben sich nicht nur zahlreiche

Zeitgenossen gesonnt, sondern er ist auch später namentlich als

Panazee Haeckels geschichtlich von größter Bedeutung geworden. Die von

Buffon ausgesprochenen Gedanken der Einheit der organischen Natur,

E. Geoffroys Geistesrichtung, die ganze vergleichende Anatomie des

18. Jahrhunderts fanden in ihm einen begeisterten und weitblickenden

Herold. „Dieses also hätten wir gewonnen, ungescheut behaupten zu

dürfen: daß alle vollkommeneren organischen Naturen, worunter wir

Fische, Vögel, Säugetiere und an der Spitze der letzteren den Menschen

sehen, alle nach einem Urbild geformt seien, das nur in seinen sehr

beständigen Teilen mehr oder weniger hin und her weicht und sich noch

täglich durch Fortpflanzung aus- und umbildet.“ „Das Gesetz der inneren

Natur, wodurch sie konstituiert werden, und das Gesetz der äußeren

Umstände, wodurch sie modifiziert werden,“ sind für ihn bei der Bildung

der Formen wirksam. Seine Deduktionen des Zwischenkiefers beim Menschen

(1784), der Lehre vom Wirbelbau des Schädels und der Metamorphose der

Pflanze (1790) dürfen wahrlich nicht als einziger Maßstab für seine

Verdienste um die Zoologie und vergleichende Anatomie (der er den Namen

Morphologie beilegte) genommen werden. Wenn Goethes Entwicklungspoesie

in späteren Jahren einen Zug annimmt, der uns wenig verständlich ist,

so ist zu bedenken, daß er mit seinem Vorstellungskreis bereits in die

Höheperiode der Naturphilosophie hineinreicht.

Geschichte der Zoologie · 第 58 / 75 题