2. Naturphilosophie.

Die +Naturphilosophie+ beruht auf der Voraussetzung: Natur und

Geist sind identisch, sie sind nur die beiden Pole des Absoluten.

Der negative Pol ist die Natur, welche anorganische und organische

Erscheinungen zu einem Gesamtorganismus verknüpft, wobei die Kräfte der

organischen Natur sich in höherer Potenz in der organischen vorfinden.

Der positive Pol ist der Geist in drei Stufen seines Verhaltens, dem

theoretischen, praktischen, künstlerischen. Das auf diesen Prinzipien

beruhende philosophische System, verbunden mit religiösen Dogmen und

kabbalistischem Einschlag, enthielt ein in dieser Stärke neues Element:

die Entwicklungsidee, die besonders auf die organische Naturforschung

überaus befruchtend wirkte, so schwer die ganze Geistesrichtung

zeitweise und in gewissen Köpfen der Naturforschung gefährlich wurde.

Jedenfalls wirkte sie in einem Sinne vorteilhaft: man begann die großen

Linien der Biologie aufs neue zu ziehen, und zunehmende Erfahrung

mußte schon die vorschnellen Verallgemeinerungen auf ein richtiges Maß

zurückführen. Wenn wir nicht +Schellings+ Naturphilosophie als Urbild

wählen, sondern die +Okens+, so geschieht dies, weil doch Oken auch

die ausgedehnteste Sachkenntnis zur Verfügung stand. Das Tierreich ist

ein großes Tier, die Tiere nur Teile desselben, das Tierreich nur das

zerstückelte höchste Tier, der Mensch. Wie dieser vom ersten Keim an in

der Befruchtung entsteht und allmählich Bläschen, Darm, Kieme, Leber,

Geschlechtsteil, Kopf wird, so auch das Tierreich. Es gibt Tiere,

welche dem Menschen während der Schwangerschaft, dem Embryo, dem Fötus

entsprechen. Eine Blüte, welche, vom Stamme getrennt, durch eigene

Bewegung sich selbst den galvanischen Prozeß oder das Leben erhält, die

ihren Polarisationsprozeß nicht von einem außer ihr liegenden oder mit

ihr zusammenhängenden Körper hat, sondern nur von sich selbst -- solche

Blüte ist ein Tier. Die Pflanze ist in die Erde, das Wasser, die Luft

eingetaucht, dagegen sind diese drei Elemente in das Tier eingetaucht.

Der Urschleim ist der Meerschleim, der in ihm ursprünglich ist. Alles

Leben stammt aus dem Meere. Die höheren organischen Formen sind an den

seichten Stellen des Meeres entstanden. Die Gestalt des Urorganischen

ist die der Kugel, die ersten organischen Punkte sind Bläschen, die

organische Welt ist eine Unendlichkeit solcher Bläschen. Besteht die

organische Grundmasse aus Infusorien, so muß auch die organische

Welt sich aus Infusorien entwickeln. Pflanzen und Tiere können nur

Metamorphosen aus Infusorien sein. Das Verfaulen ist eine Reduktion

des höheren Lebens auf das Urleben. Der Mensch ist nicht erschaffen,

sondern entwickelt. Die naturphilosophische Methode ist nicht die

wahrhaft ableitende, sondern die gewissermaßen diktatorische, aus der

die Folgen herausspringen, ohne daß man weiß, wie. Die Naturphilosophie

ist die Wissenschaft von der ewigen Verwandlung Gottes in die Welt.

Solche Sätze aus Okens Naturphilosophie (1809) mögen einen Begriff

von dem Vorstellungskreis geben, der dieser Richtung zu eigen ist;

aber auch von der Fruchtbarkeit des Entwicklungsgedankens, aus dem die

Zellenlehre, das biogenetische Grundgesetz u. a. m. hervorsprangen,

ehe die Empirie imstande war, der Philosophie zu folgen.

+Lorenz Oken+ (_geb. 1779 bei Offenburg, 1807 aus Göttingen nach

Jena berufen, 1827 nach München, 1833 nach Zürich, gest. daselbst

1851_) entwickelte eine reiche literarische Tätigkeit, die zugleich

auf Popularisierung der Wissenschaft zielte; er hat eine große Zahl

der heute gebräuchlichen Bezeichnungen für die höheren Gruppen des

Tierreiches gebildet, war um die Durchführung rationeller Grundsätze

des Naturgeschichtsunterrichts bemüht, begründete die Versammlung der

deutschen Naturforscher und bot in seiner „Isis“ einen Tummelplatz der

Meinungen, auf dem alle regen Gelehrten seiner Zeit sich betätigten.

Untersuchungen hat er selbst wenige angestellt, wohl aber durch

seine Polemik höchst wertvoll gewirkt. Noch sei erwähnt, daß er auf

dem Gebiet der vergleichenden Anatomie mit der Wirbeltheorie einer

einheitlichen Betrachtung des Wirbeltierkopfes ebensowohl wie Goethe

vorgearbeitet hat.

An +Oken+ schließen sich neben Phantasten auch Forscher von bleibendem

Verdienst an oder gehen parallel zu ihm die Wege der Naturphilosophie.

Die umfassendste und reichste Natur unter ihnen war +C. G. Carus+

(_geb. 1789 in Leipzig, 1811 daselbst Professor der vergleichenden

Anatomie, der erste selbständige Vertreter dieses Faches in

Deutschland, 1814 Professor der Geburtshilfe an der Medizinischen

Akademie Dresden, 1827 Leibarzt des Königs, gestorben 1869_).

Die empirische wie die literarische Tätigkeit von Carus erstreckte

sich fast über alle Gebiete der Biologie. Außer den Lehrbüchern über

Geburtshilfe, Chirurgie und Tierpsychologie, Zootomie (1818) und

vergleichende Anatomie, seinen Atlanten über die Proportionenlehre

des menschlichen Körpers und vergleichende Anatomie besitzen wir von

ihm eine Reihe von empirisch wohlbegründeten Arbeiten über Aszidien,

Kreislauf der Insekten, vergleichende Anatomie des Nervensystems;

daneben beschäftigte er sich im Anschluß an die Oken-Goethesche

Schädeltheorie in mehr phantastischer Weise mit der Homologie der

Skeletteile, wobei er, im Gegensatz zu Geoffroy, der sich an die

Knochenfische hielt, die Bedeutung des Schädels der Knorpelfische

für die vergleichende Anatomie besonders hervorhob. Sein System

der Tierwelt, das prinzipiell dem Okenschen verwandt, aber besser

durchgeführt war, mag hier als Typus eines solchen wiedergegeben werden:

Geschichte der Zoologie · 第 59 / 75 题