Die +Naturphilosophie+ beruht auf der Voraussetzung: Natur und
Geist sind identisch, sie sind nur die beiden Pole des Absoluten.
Der negative Pol ist die Natur, welche anorganische und organische
Erscheinungen zu einem Gesamtorganismus verknüpft, wobei die Kräfte der
organischen Natur sich in höherer Potenz in der organischen vorfinden.
Der positive Pol ist der Geist in drei Stufen seines Verhaltens, dem
theoretischen, praktischen, künstlerischen. Das auf diesen Prinzipien
beruhende philosophische System, verbunden mit religiösen Dogmen und
kabbalistischem Einschlag, enthielt ein in dieser Stärke neues Element:
die Entwicklungsidee, die besonders auf die organische Naturforschung
überaus befruchtend wirkte, so schwer die ganze Geistesrichtung
zeitweise und in gewissen Köpfen der Naturforschung gefährlich wurde.
Jedenfalls wirkte sie in einem Sinne vorteilhaft: man begann die großen
Linien der Biologie aufs neue zu ziehen, und zunehmende Erfahrung
mußte schon die vorschnellen Verallgemeinerungen auf ein richtiges Maß
zurückführen. Wenn wir nicht +Schellings+ Naturphilosophie als Urbild
wählen, sondern die +Okens+, so geschieht dies, weil doch Oken auch
die ausgedehnteste Sachkenntnis zur Verfügung stand. Das Tierreich ist
ein großes Tier, die Tiere nur Teile desselben, das Tierreich nur das
zerstückelte höchste Tier, der Mensch. Wie dieser vom ersten Keim an in
der Befruchtung entsteht und allmählich Bläschen, Darm, Kieme, Leber,
Geschlechtsteil, Kopf wird, so auch das Tierreich. Es gibt Tiere,
welche dem Menschen während der Schwangerschaft, dem Embryo, dem Fötus
entsprechen. Eine Blüte, welche, vom Stamme getrennt, durch eigene
Bewegung sich selbst den galvanischen Prozeß oder das Leben erhält, die
ihren Polarisationsprozeß nicht von einem außer ihr liegenden oder mit
ihr zusammenhängenden Körper hat, sondern nur von sich selbst -- solche
Blüte ist ein Tier. Die Pflanze ist in die Erde, das Wasser, die Luft
eingetaucht, dagegen sind diese drei Elemente in das Tier eingetaucht.
Der Urschleim ist der Meerschleim, der in ihm ursprünglich ist. Alles
Leben stammt aus dem Meere. Die höheren organischen Formen sind an den
seichten Stellen des Meeres entstanden. Die Gestalt des Urorganischen
ist die der Kugel, die ersten organischen Punkte sind Bläschen, die
organische Welt ist eine Unendlichkeit solcher Bläschen. Besteht die
organische Grundmasse aus Infusorien, so muß auch die organische
Welt sich aus Infusorien entwickeln. Pflanzen und Tiere können nur
Metamorphosen aus Infusorien sein. Das Verfaulen ist eine Reduktion
des höheren Lebens auf das Urleben. Der Mensch ist nicht erschaffen,
sondern entwickelt. Die naturphilosophische Methode ist nicht die
wahrhaft ableitende, sondern die gewissermaßen diktatorische, aus der
die Folgen herausspringen, ohne daß man weiß, wie. Die Naturphilosophie
ist die Wissenschaft von der ewigen Verwandlung Gottes in die Welt.
Solche Sätze aus Okens Naturphilosophie (1809) mögen einen Begriff
von dem Vorstellungskreis geben, der dieser Richtung zu eigen ist;
aber auch von der Fruchtbarkeit des Entwicklungsgedankens, aus dem die
Zellenlehre, das biogenetische Grundgesetz u. a. m. hervorsprangen,
ehe die Empirie imstande war, der Philosophie zu folgen.
+Lorenz Oken+ (_geb. 1779 bei Offenburg, 1807 aus Göttingen nach
Jena berufen, 1827 nach München, 1833 nach Zürich, gest. daselbst
1851_) entwickelte eine reiche literarische Tätigkeit, die zugleich
auf Popularisierung der Wissenschaft zielte; er hat eine große Zahl
der heute gebräuchlichen Bezeichnungen für die höheren Gruppen des
Tierreiches gebildet, war um die Durchführung rationeller Grundsätze
des Naturgeschichtsunterrichts bemüht, begründete die Versammlung der
deutschen Naturforscher und bot in seiner „Isis“ einen Tummelplatz der
Meinungen, auf dem alle regen Gelehrten seiner Zeit sich betätigten.
Untersuchungen hat er selbst wenige angestellt, wohl aber durch
seine Polemik höchst wertvoll gewirkt. Noch sei erwähnt, daß er auf
dem Gebiet der vergleichenden Anatomie mit der Wirbeltheorie einer
einheitlichen Betrachtung des Wirbeltierkopfes ebensowohl wie Goethe
vorgearbeitet hat.
An +Oken+ schließen sich neben Phantasten auch Forscher von bleibendem
Verdienst an oder gehen parallel zu ihm die Wege der Naturphilosophie.
Die umfassendste und reichste Natur unter ihnen war +C. G. Carus+
(_geb. 1789 in Leipzig, 1811 daselbst Professor der vergleichenden
Anatomie, der erste selbständige Vertreter dieses Faches in
Deutschland, 1814 Professor der Geburtshilfe an der Medizinischen
Akademie Dresden, 1827 Leibarzt des Königs, gestorben 1869_).
Die empirische wie die literarische Tätigkeit von Carus erstreckte
sich fast über alle Gebiete der Biologie. Außer den Lehrbüchern über
Geburtshilfe, Chirurgie und Tierpsychologie, Zootomie (1818) und
vergleichende Anatomie, seinen Atlanten über die Proportionenlehre
des menschlichen Körpers und vergleichende Anatomie besitzen wir von
ihm eine Reihe von empirisch wohlbegründeten Arbeiten über Aszidien,
Kreislauf der Insekten, vergleichende Anatomie des Nervensystems;
daneben beschäftigte er sich im Anschluß an die Oken-Goethesche
Schädeltheorie in mehr phantastischer Weise mit der Homologie der
Skeletteile, wobei er, im Gegensatz zu Geoffroy, der sich an die
Knochenfische hielt, die Bedeutung des Schädels der Knorpelfische
für die vergleichende Anatomie besonders hervorhob. Sein System
der Tierwelt, das prinzipiell dem Okenschen verwandt, aber besser
durchgeführt war, mag hier als Typus eines solchen wiedergegeben werden: