_Im Anschluß an diese im Vordergrund stehenden Persönlichkeiten
des Pflanzengartens sind nun noch einige ihrer Mitarbeiter und
Nachfolger zu nennen: +P. A. Latreille+ (1762-1833, seit 1799 am
Museum angestellt), der neben den Würmern und Krebsen besonders
die Insekten pflegte und zum eigentlichen Begründer der modernen
Entomologie geworden ist. Ferner seine Nachfolger +J. V. Audouin+
(1797-1841) und +E. Blanchard+ (1820-1889), die beide wesentlich
zur Kenntnis des Baues und der Physiologie der Insekten und Spinnen
beitrugen. +Ducrotay de Blainville+ (1777-1850) begann seine
naturwissenschaftlichen Studien unter Cuvier, wurde 1812 Professor
an der ~Faculté des Sciences~, erhielt 1830 Lamarcks und von 1832 an
Cuviers Professur. Trotz des Zerwürfnisses mit dem Meister ist er
der echteste Schüler und Nachfolger Cuviers gewesen. Er lehnt wieder
mehr an Geoffroy an durch Berücksichtigung der Physiologie. Bei der
Klassifikation stellt er die Gesamtgestalt des Bauplans mehr in den
Vordergrund und führt den Begriff Typus für die höheren, auf Baupläne
begründeten Abteilungen ein. Sein verdienstvollstes Werk ist die
Osteographie der Wirbeltiere (1839). Lacepèdes Bearbeitung der Fische
wurde weit überholt durch das von Cuvier mit einer historischen und
anatomischen Einleitung ausgerüstete Werk von +Valenciennes+ (1828-49)
über die Knochenfische. +A. Dumérils+ (1812-1870) Bearbeitung der
Knorpelfische erschien erst 1865. Der Vater +Duméril+ (geb. 1774,
der erste Professor für die drei unteren Wirbeltierklassen am Museum
1825, gest. 1860) und +Bibron+ bearbeiteten im Sinne Cuviers die
Amphibien und Reptilien (~Herpétologie générale~ 1835-50). Die
Ornithologie war seit Buffons Zeiten in Frankreich heimisch und fand
hauptsächlich Vertreter in +Levaillant+, +Veillot+ und +Des Murs+,
später besonders im jüngeren +A. Milne-Edwards+ (geb. 1834, 1876
Nachfolger seines Vaters, 1891 Direktor des Museums, starb 1900),
der der fossilen Avifauna Frankreichs und derjenigen Madagaskars und
der Maskarenen besondere Werke widmete. Unter den um die Anatomie
der Wirbellosen verdienten französischen Forschern sind besonders
hervorzuheben: +H. Milne-Edwards+, der mehrere Gruppen der Wirbellosen,
insbesondere die Krustazeen, aufs eingehendste bearbeitete, ferner +H.
de Lacaze-Duthiers+ und +de Quatrefages+, +F. Dujardin+ (Protozoen),
+Savigny+ (Anneliden). Von großer Bedeutung sind die Arbeiten der
Reisenden von Anfang des 19. Jahrhunderts geworden (s. S. 148). Durch
sie wurden die reichen Materialien für die Arbeiten der Gelehrten am
Museum zusammengetragen. Im ganzen bewegte sich aber die französische
Biologie in gewiesenen Bahnen vorwärts, und nur wenige Namen bezeichnen
Forscher von hervorragender Bedeutung in der geschichtlichen
Entwicklung unserer Wissenschaft. Unter denen der letzten Dezennien
seien genannt: +E. Blanchard+, der die Typen der Würmer und
Arthropoden, insbesondere auch in anatomischer Richtung, untersuchte,
aber sich auch um die landwirtschaftliche Zoologie verdient machte.
+A. de Quatrefages+ (1810-1892) unternahm faunistische Studien an den
französischen Küsten gemeinsam mit +H. Milne-Edwards+, wurde 1855
Professor der Anatomie und Ethnologie, und hat als solcher gegen
Darwins Abstammungslehre Stellung genommen. Praktisch förderte er die
Fischzucht in hohem Maße. +H. de Lacaze-Duthiers+ (1821-1901, Schüler
von +H. Milne-Edwards+, von 1865 Professor am Museum und von 1868 an
der Universität) wandte zuerst in ausgedehnterem Maße die verfeinerte
Experimentalphysiologie auf die niedere Tierwelt an. 1873 gründete er
die zoologische Station Roscoff, später die in Banyuls, und erwarb
sich damit nicht nur für Frankreich ein hervorragendes Verdienst. Ein
Nachfolger Cuviers in mancherlei Hinsicht ist +Louis Agassiz+. Geboren
1807 zu Motier in der Schweiz, studierte er zuletzt in München und
gab 1829 die Beschreibung der Ausbeute an Fischen Brasiliens von Spix
und Martius heraus. 1833-42 erschien sein Hauptwerk, „Die fossilen
Fische“, welches nach einer Seite, die Cuvier offen gelassen hatte, die
Paläontologie der Wirbeltiere erweiterte. 1833 Professor in Neuchâtel,
siedelte Agassiz 1846 nach Nordamerika über, wo er der eigentliche
Popularisator der Naturgeschichte wurde. Mit erstaunlichem Geschick
pflanzte er dort die Tradition, große Summen für naturgeschichtliche
Zwecke flüssig zu machen. Er gründete nach dem Muster des Pariser
Museums das ~Museum of Comparative Zoology~ an der Harvard-Universität,
organisierte Unterricht und wissenschaftliche Arbeit. Seine allgemeinen
Ansichten legte er im ~Essay on Classification~ nieder, sowie in
zahlreichen populären Darstellungen. Er starb 1873. Im wesentlichen
unterscheidet er sich von Cuvier durch eine noch stärker theosophische
Färbung seiner Fassung der Konstanztheorie. Jede Art ist konstant
und der Ausfluß einer Idee des Schöpfers. Der Urzweck des Schöpfers
bei Schöpfung der Tier- und Pflanzenarten war die beharrliche
Erhaltung seiner eigenen Gedanken. Mehr als Cuvier nimmt Agassiz
auf die Embryologie Rücksicht; er betont den Parallelismus zwischen
geologischer und embryologischer Reihenfolge der höheren Tiere, ohne
einen realen Zusammenhang beider Parallelen zuzugeben. Ein heftiger
Gegner des Darwinismus, trug er lange dazu bei, den Widerstand gegen
die Entwicklungslehre zu verstärken._ Anderer Art ist das Bild von
+Henri Milne-Edwards+.
(_Geboren 1800 zu Bruges, wurde er 1823 Doktor der Medizin, folgte
Friedrich Cuvier 1838 als Mitglied der Akademie, wurde 1841 Professor
der Entomologie am Museum, übernahm 1861 nach Et. Geoffroys Tode die
höheren Wirbeltiere, von 1843 an las er an der ~Faculté des Sciences~
vergleichende Anatomie und Physiologie, starb 1886._) Anfänglich an
Cuvier anlehnend, übertrug er die Homologisierung der Mundteile,
wie sie Savigny für die Insekten gegeben hatte, auf die Krustazeen.
Er entwickelte namentlich die Ansicht von der Vervollkommnung der
Organismen durch Arbeitsteilung, wobei er den anatomisch erkennbaren
Teilen eine gewisse Selbständigkeit der Funktion zuerkannte. In
höherem Alter (1879) trennte er sich vollständig von den Anhängern
der Konstanztheorie. Das Hauptwerk von +H. Milne-Edwards+ bleiben die
~Leçons de physiologie et d’anatomie comparée~ (1857-83), worin nicht
nur die Erfahrungen der gesamten Zootomie sorgfältig und kritisch
abgestuft vor uns treten, sondern auch die Verbindung mit der während
eines Jahrhunderts nicht minder blühenden Physiologie Frankreichs und
des Auslandes zu voller Entfaltung kommt. Unsere Wissenschaft hat
seither kein besseres in dieser Richtung liegendes Werk erlebt. Ein
Hauptverdienst von H. Milne-Edwards endlich besteht darin, daß er ein
ausgezeichnetes für die französischen Schulen bestimmtes Lehrbuch
verfaßt hat. In ähnlicher Richtung verdient auch +Ach. Comte+ einen
Ehrenplatz neben ihm. Überhaupt ist zu betonen, daß die französischen
Zoologen allezeit sich in den Dienst der Verbreitung des Wissens und
der praktischen Anwendung der Zoologie gestellt haben.