4. G. Cuvier.

Gleichzeitig und neben, später in sich steigerndem Gegensatz zu Et.

Geoffroy wirkte am Pflanzengarten +Georges Cuvier+.

Geboren zu Mömpelgardt als Angehöriger einer aus dem Jura stammenden

Familie, genoß er seine Erziehung hauptsächlich an der Karlsschule

in Ludwigsburg, zu deren ausgezeichnetsten Schülern er gehörte. Im

Hinblick auf seine naturwissenschaftlichen Neigungen ergriff er

das Studium der Kameralwissenschaften, wurde dann 1788 Erzieher

des Grafen d’Héricy in Fiquainville bei Caen, begann hier an der

Meeresküste mit den bescheidensten Hilfsmitteln Studien über

Pflanzen, Insekten und Anatomie der Meerestiere; letzteres namentlich

im Anschluß an die Lektüre von Aristoteles, in dem er auch später

den Meister der Zoologie für alle Zeiten verehrte. Nach Proben

großen Lehrtalents ging er 1794 auf Veranlassung von Et. Geoffroy

nach Paris, wurde daselbst 1795 Professor der Naturgeschichte

an der ~Ecole centrale~, nach Daubentons Tode von 1800 an auch

am ~Collège de France~, 1802 nach Mertruds Tode Professor der

vergleichenden Anatomie am Pflanzengarten. Von da an stieg er in

der Restaurationszeit in die höchsten Stellen der Kultus- und

Unterrichtsverwaltung und benützte seinen Einfluß zur staatlichen

Organisation der französischen Zoologie. 1831 Pair von Frankreich,

starb er 1832. Sein Bruder Friedrich Cuvier (1773-1838) sowie ein

ganzer Stab von Schülern und Mitarbeitern standen ihm während eines

großen Teiles seiner Tätigkeit zur Seite und unterstützten ihn durch

Einzeluntersuchungen und Ausarbeitung seiner Pläne.

Cuviers Entwicklung stand unter ähnlichen Einflüssen wie die

Et. Geoffroys. Buffon und Linné, ferner sein Lehrer Kielmeyer

wirkten mächtig auf ihn ein. Deutsche Schulung, ein griechisches

Vorbild, mit dem er sich gern parallelisierte, ein hervorragendes

Organisationstalent, das eine einzigartige Gelegenheit zur Entfaltung

fand, über Hilfsmittel und Hilfskräfte souverän verfügte, der denkbar

größte äußere Erfolg, das sind die wesentlichen Bedingungen, die

Cuviers Namen zum glänzendsten der Zoologie machten.

In die neunziger Jahre fallen hauptsächlich Cuviers Arbeiten über

die Insekten im Sinne Linnéscher Systematik und die Anatomie der

Wirbellosen, insbesondere der Mollusken. Mit Veränderung seiner

Stellung und zunächst in Anschluß an Et. Geoffroy wendet er sich aber

auch den Wirbeltieren, speziell den Säugetieren zu. In Ausführung

seiner Vorlesungen läßt er die vergleichende Anatomie von +Duméril+

und +Duvernoy+ zuerst zusammenfassen. Dabei nimmt er keinen eigenen

Standpunkt ein, sondern arbeitet die Organsysteme nach der Vesalschen

Systematik unter Benützung des ganzen voraufgehenden literarischen

Materials über die Wirbeltiere in vollem Umfange auf. Im weiteren hat

er diese Wissenschaft nicht ihrer Struktur nach ausgebaut, sondern

besonders in den Dienst der zoologischen Systematik lebender und

ausgestorbener Tiere gestellt, und damit die Arbeit Linnés in einem

Zeitpunkte und auf einer Linie fortgesetzt, wo sie dringend neuer

Stützen bedurfte. Seine Leistungen finden also da ihre Grenze, wo die

Beziehungen zwischen der vergleichenden Anatomie und der Physiologie

anfangen und wo Et. Geoffroy weitergebaut hat. In steigendem

Widerspruch zu ihm wird Cuvier zum Vertreter eines reinen Empirismus,

der unermeßliche Materialien sammelt, beschreibt, ordnet, aber nicht

mehr die Einzelerscheinung als Teil im stetigen Werden der Natur

erfaßt. Da liegt Cuviers Stärke und Schwäche zugleich, die Ursache

auch seines Gegensatzes zu Et. Geoffroy und noch mehr zu Lamarck. Mit

zunehmendem Alter klammert sich Cuvier immer stärker an die Linnésche

Systematik und wird dadurch zum Hauptvertreter der Artkonstanz, zum

Hauptgegner des Transformismus. Die Gebiete, auf denen uns seine Arbeit

am meisten vorwärts gebracht hat, sind die Wirbeltierpaläontologie,

die Klassifikation des lebenden Tierreichs, die Geschichte der

Naturwissenschaft. Ihnen entsprechen die drei vorzüglichsten Werke

Cuviers: 1. die ~Recherches sur les ossements fossiles~ (1. Aufl.

1812, 4. Aufl. 1834-36); 2. das ~Règne animal distribué d’après son

organisation~ (1. Aufl. 1817, 2. Aufl. 1829/30); 3. die ~Histoire

des sciences naturelles~ 1841-45, herausgegeben von Magdeleine de

Saint-Agy. Hatte Linné es verstanden, der Naturgeschichte allgemeine

Achtung zu erkämpfen, so gehört es zu den persönlichsten Verdiensten

Cuviers, Napoleon sowohl wie den revolutionären Regierungen Förderung

und staatlich unterstützte Organisation der Naturgeschichte und der

Zoologie im besonderen abgerungen und die Museen zu Heimstätten der

Forschung auch für fremde Gelehrte gemacht zu haben.

Cuviers Wissen war von einer erstaunlichen Breite, seine Fähigkeit,

zu beobachten und charakterisierend zu beschreiben, unübertroffen,

seine Energie, stets neue Gestalten in den Bereich seiner Forschung

zu ziehen, den Stoff theoretisch durch Verallgemeinerung aus den

Einzelerfahrungen zu gestalten, praktisch zu Museumszwecken zu

verwerten, unermüdlich. Den prächtigsten Beweis hierfür liefert das

~Règne animal~, das die vollendetste Heerschau über das gesamte

Tierreich vorstellt, soweit es in Wort und Bild festzuhalten war. Aber

immer mehr, wieweit im Zusammenhang mit ähnlichen philosophischen

Richtungen, muß dahingestellt bleiben, erblickte er die Aufgabe

der Zoologie in der Artbeschreibung und Präzision der Charaktere,

überhaupt in der Ansammlung von Tatsachen (Positivismus) mehr als

in der Entwicklung einheitlicher Gedanken. Damit wurde er der

eifrigste Vorkämpfer der Artkonstanz, kam immer mehr vom Plane einer

Einheit der Organismen ab und endete dabei, daß er im Tierreich vier

völlig voneinander geschiedene Stämme (Wirbeltiere, Gliedertiere,

Weichtiere, Strahltiere) unterschied. Die Varietäten galten ihm als

nebensächliche Abänderungen der Art. Für die Arten hielt er an einer

Schöpfung fest; die Übereinstimmung der ägyptischen Mumien mit den

heute lebenden Individuen derselben Art schien ihm ein besonderes

Zeugnis der Artkonstanz. Bestärkt wurde er in dieser Auffassung durch

seine Studien an den ausgestorbenen Wirbeltieren, namentlich den

Säugetieren. Dadurch, daß er diese in größerer Menge zur Verfügung

hatte und nach seinen Prinzipien der Systematik darstellte, wurde er

zum eigentlichen Schöpfer der Wirbeltierpaläontologie und legte den

Grund zu jeglicher weiteren Arbeit auf diesem Gebiet, solange sie im

Beginn ihrer Entwicklung ein rein beschreibendes Stadium durchmachen

mußte. Ihm blieb nicht verborgen, daß die Faunen älterer Erdschichten

sich in ihrem Gepräge immer mehr von den heutigen entfernten, und

da er sich mit dem Gedanken an eine sukzessive Verwandlung nicht

vertraut machen konnte, griff er zu der Theorie, wonach die Erde eine

Reihe von Revolutionen erlebt habe, deren jede an der Erdoberfläche

einer neuen Fauna Existenzbedingungen besonderer Art geschaffen habe

(Kataklysmentheorie). Erst mit der letzten dieser Katastrophen sei der

Mensch auf den Plan getreten. Es existierte also ein Schöpfungsplan,

den Gott allmählich realisiert hat. Ihm nachzudenken, ist Aufgabe

einer natürlichen Systematik im Gegensatz zu der künstlichen Linnés.

Mit dieser ganzen Auffassung wird das Wesentliche des Tieres in dessen

ausgebildeten Zustand verlegt. Die umwandelnden Einflüsse und die

Entwicklungsgeschichte haben für Cuvier gar keine Bedeutung; ja, die

letztere wird von ihm geflissentlich ignoriert.

Nicht alle Merkmale sind ihm von gleichem Wert. Die, welche den

größten Einfluß auf die anderen ausüben (früher nahm er dafür die

Zirkulations-, später die Zeugungsorgane, zuletzt das Nervensystem),

dominieren und sind daher die entscheidenden (Prinzip der Unterordnung

der Organe), denen sich die übrigen sukzessive unterordnen. Nach dem

Nervensystem und dessen Lage teilt er daher auch das Tierreich ein.

Jedes Tier besitzt, was es zur Existenz braucht, und nicht mehr, als

es braucht (Prinzip der Zweckursachen). Die Teile der Tiere sind unter

sich so eng verbunden, daß, wenn eines sich ändert, alle anderen sich

auch ändern, daß man daher aus einem bestimmten Organ auf die anderen

schließen kann (Prinzip der Korrelation der Organe nach Aristoteles).

So kommt bei Cuvier eine Gesamtauffassung der organischen Natur

zustande, die der von Et. Geoffroy und Buffon direkt zuwiderläuft, und

die auch von der nachfolgenden Entwicklung der Zoologie Schritt für

Schritt weichen mußte.

Die verschiedene Geistesart von Et. Geoffroy und Cuvier verschärfte

die Gegensätze zwischen beiden mit zunehmendem Alter. So kam es

denn zu dem berühmten, von Goethe mit lebhaftestem Interesse als

europäischem Ereignis beurteilten Streite im Schoße der Akademie

zu Paris im Frühjahr 1830. Die innerlich wahre, philosophisch

orientierte Umwandlungslehre war -- vielleicht nicht mit voller

Geschicklichkeit -- durch Et. Geoffroy vertreten, die innerlich

widerspruchsvolle, mittelalterlichen Traditionen entsprungene

und Vorschub leistende Konstanzlehre mit aller äußerlichen Macht

einer glänzenden Persönlichkeit durch Cuvier in Szene gesetzt. Der

Gegensatz zwischen beiden Männern hatte sich schon seit Beginn

des Jahrhunderts ausgebildet. Damals brach Geoffroy mit den

klassifikatorischen Arbeiten ab und überließ sie Cuvier, da nach

seiner Überzeugung eine natürliche Methode der Klassifikation gar

nicht existieren könne. Cuvier hinwiederum sah in einer vollkommenen

Klassifikation das Ideal der Wissenschaft und in deren Resultat den

vollendeten Ausdruck der Natur selbst. Geoffroy schaute immer mehr

und deutlicher das Leben in seiner Bewegung mit rastlos verwegenem

Hochflug der Gedanken; doch stets an strenge Beobachtung gebunden,

überschaute er die Lebewelt aus der Vogelperspektive. Cuvier sah

das Sein der Lebenserscheinungen, vertiefte und verlor sich in der

Einzelbeobachtung, förderte unermeßliche Reichtümer an Tatsachen

zutage, verfiel aber einer gewissen Enge der Auffassung des Ganzen.

So bedurfte es denn nur eines verhältnismäßig geringen Anlasses, um

den Streit zu entfachen. Et. Geoffroy legte der Akademie die Arbeit

zweier junger Gelehrter vor, die die Übereinstimmung zwischen dem Bau

der Tintenfische und der Wirbeltiere dadurch erweisen wollten, daß

erstere gewissermaßen in der Bauchlinie geknickte Wirbeltiere seien.

Zwar ist diese Hypothese irrig, doch nicht gewagter als manche, die uns

über Verwandtschaftsverhältnisse anderer Tiere aufgeklärt hat. Jetzt

schlug das schon lange glimmende und aus früheren Beurteilungen der

Arbeiten Geoffroys hervorleuchtende Feuer Cuviers empor, und mit einer

Erörterung über Einheit des Bauplanes und Einheit der Zusammensetzung

erklärte er, Et. Geoffroy sehe für neue Prinzipien das an, was

Aristoteles der Zoologie schon längst als Basis gegeben habe. Schon

zuvor hatte Cuvier mehrfach die Ansicht vertreten, der Naturforscher

habe sich nur an die Beobachtung der Tatsachen zu halten. Hatte er in

diesem speziellen Falle mit seinem Widerspruch auch recht, so schnitt

er doch mit der nun monatelang andauernden Polemik gegen Geoffroy der

Entwicklungslehre den Faden ab. An dem Streit in der Akademie nahm

Presse und Publikum Anteil, und, wenn auch Cuvier als Sekretär der

Akademie Sieger blieb und der Streit sich allmählich in Nichtigkeiten

auflöste, so kamen dadurch doch Geoffroys Ideen hinaus und fanden

vielfach Verständnis. Indessen führte die praktische Präponderanz

Cuviers zu häßlichen Nachspielen auch nach seinem Tode. Sinnlosen

Angriffen auf Geoffroy in der Akademie folgte eine Intrige Friedrich

Cuviers, der, von Et. Geoffroy Georges Cuvier zuliebe dem Dunkel des

Uhrmacherberufs entrissen und an der Menagerie des Museums angestellt,

seinen alternden Gönner von der Mitleitung dieser seiner eigenen

Gründung verdrängte. Nach dem wenige Monate später erfolgten Tode Fr.

Cuviers wurde freilich Et. Geoffroy wieder in seine Rechte eingesetzt.

Geschichte der Zoologie · 第 53 / 75 题