3. Etienne Geoffroy St. Hilaire.

In die geistige Führung am Pflanzengarten teilten sich +Cuvier+

und +Etienne Geoffroy Saint-Hilaire+, ein Mann, der nicht nur als

Forscher, sondern auch als Mensch an erster Stelle steht und stehen

wird. _Geboren 1772, begab er sich, nachdem er die juristischen

Studien aufgegeben, nach Paris, um unter Brisson, Haüy, Daubenton

sich naturhistorischen Studien zu widmen. Nach Lacepèdes Rücktritt

wurde er Assistent, 1793, erhielt im gleichen Jahre einen Lehrstuhl

für Zoologie der Wirbeltiere und hielt die ersten Vorlesungen in

Frankreich über dieses Gebiet, 1793 organisierte er die „Menagerie“

des Pflanzengartens, rief 1795 Cuvier an dasselbe Institut, begleitete

1798-1804 die Expedition Napoleons nach Ägypten, ging 1808 als

wissenschaftlicher Kommissar auf die Pyrenäenhalbinsel. Ins Jahr

1830 und folgende fällt der epochemachende Streit mit Cuvier, 1838

legte er die Leitung der Menagerie nieder, trat 1840 zurück und starb

1844._ Etienne Geoffroy hat während der Dauer seines ganzen Lebens

die Zoologie nach all ihren Seiten mit einer großen Fülle von streng

wissenschaftlich gehaltenen Monographien beschenkt. Wo es immer die

Gelegenheit ergab, gewann er dem Stoffe besonders durch anatomische

Vergleichung neue Seiten ab. Er legte den Grund zur Anatomie der

Säugetiere, deren seltenere Formen damals dem Pflanzengarten zuflossen,

er erschloß die Fauna Ägyptens, wo er Polypterus entdeckte, was nach

Cuviers Urteil allein eine ägyptische Expedition gerechtfertigt hätte;

neben Cuviers nehmen auch Geoffroys paläontologische Arbeiten einen

hohen Rang ein. Die Vergleichung des Schädels, der Gehörknöchelchen,

des Kiemenskeletts durch die Reihe der Wirbeltiere, aber auch anderer

Organsysteme bildet einen großen Teil seiner Spezialarbeiten. Die

Anatomie führte ihn zur Entwicklungsgeschichte und zu der Lehre von

den Mißbildungen, die ihn zu ihren Neubegründern zählt. Ferner kam er

nach der Richtung der vergleichenden Physiologie auf die Einwirkung

der Außenwelt auf den Organismus, die Lehre von der Tierzüchtung.

Außer diesen Hunderten von Monographien sind als Hauptwerke besonders

hervorzuheben: ~Philosophie anatomique~ 1818, ~Principes de Philosophie

zoologique~ 1830, sowie sein Anteil an den Publikationen der

ägyptischen Expedition.

Et. Geoffroys allgemeine Ansichten lehnen sich zumeist an die

Buffons an. In der Verwendung der Spekulation geht er weniger weit

ins Unbekannte der Weltschöpfung hinaus als Buffon und Lamarck;

er beschränkt sich auf die Organismenwelt. Hier schwebt ihm eine

allgemeine Gesetzmäßigkeit von Sein und Werden vor, eine Art

einheitliches Gesetz der organischen Natur, das in verschiedenen

Prinzipien zum Ausdruck kommt. Dadurch berührt er sich mit der

deutschen Naturphilosophie. Anders als die Analytiker Linné und

Cuvier, ist er synthetisch gerichtet und sucht überall die Einheit,

sowohl in der Organisation selbst wie in den Einflüssen der Außenwelt.

Die Gleichmäßigkeit, womit Geoffroy alle Beziehungen der von ihm

geschilderten Organismen untersucht, womit er die Logik auf alle

Erscheinungen anwendet, verleiht seinen Arbeiten etwas Unvergängliches.

Mit Lamarck nimmt Geoffroy die Veränderlichkeit der Organismen an,

aber nicht eine unbegrenzte. Er verlegt nicht mit Lamarck die Ursache

der Veränderung in Gebrauch und Nichtgebrauch, sondern in den Einfluß

des umgebenden Mediums. Im Gegensatz zu Cuvier ist ihm die Form das

Bestimmende für die Funktion und Lebensweise; so allein erhalten

die rudimentären Organe einen Sinn. Demgemäß hält Geoffroy die

Umwandlung der Art für möglich, den Transformismus für eine zulässige

Hypothese. Die individuelle Entwicklungsgeschichte zieht er zunächst

für die vergleichende Anatomie des Schädels bei. Auch ihm ist die

Embryonalentwicklung ein Auszug des Weges, den die Arten bis zu ihrem

heutigen Zustand zurückgelegt haben. 1820, ein Jahr vor J. F. Meckel,

tritt er mit seiner Lehre von den Mißbildungen hervor, die er in

vollem Umfange als Entwicklungsstörungen, Verzögerung und Stillstand,

betrachtet, während noch Winslöw und Haller diese Erklärungen nur

zum Teil zugelassen, zum Teil aber Präformation mißbildeter Keime

angenommen hatten. Aber er begnügt sich nicht mit Beschreibung und

Klassifikation der Mißbildungen, sondern da er sie durch Einflüsse der

Umgebung erklärt, sucht er durch ebensolche Einflüsse auf künstlichem

Wege Mißbildungen hervorzurufen (Schüttelversuche, Luftabschluß

usw.). Als Epigenetiker hat er die Präformation auch der mißbildeten

Keime endgültig beseitigt und die Teratologie den organischen

Naturwissenschaften eingereiht. Aus der ungemein breiten Erfahrung und

der Einheit der Betrachtungsweise ergaben sich für Et. Geoffroy einige

Erfahrungssätze allgemeiner Art, deren Anwendung nur deswegen oft etwas

Künstliches oder Gewaltsames an sich hatte, weil die Klassifikation

der lebenden Tiere noch zu sehr als eine natürliche Reihenfolge

aufgefaßt wurde. Nach dem Prinzip der Analogie sollten sich die Teile

bei verschiedenen Tieren entsprechen, nach dem des Gleichgewichts der

Organe bei Zunahme der einen Teile andere zurücktreten (Extremitäten

des Straußes). Sein Ideal ist, es sollten Tiere unter ganz veränderte

Lebensbedingungen gebracht und dadurch konstante Varietäten erzeugt

werden, da der Einfluß der Umgebung ein geradezu allmächtiger sei.

So ließ er denn auch bereits einen seiner Schüler permanente Larven

der Wassersalamander auf experimentellem Wege darstellen. Mit alledem

ist Etienne Geoffroy der vielseitigste und innerlich freieste dieser

Forscher gewesen, dessen Arbeiten auch heute noch in jeder Hinsicht

belehrend wirken.

Geschichte der Zoologie · 第 52 / 75 题