Zu welchem Mißbrauch systematische Versuche führen konnten, wenn
sie ohne tieferes Eindringen in die Wirklichkeit, rein auf logische
Schemata hin unternommen wurden, das bewiesen aufs schlagendste die von
einem hohlen und oberflächlichen Dilettantismus getragenen Arbeiten
des Stadtsekretärs von Danzig, +J. Th. Kleins+ (1685-1759). Würden sie
nicht eine vollkommene Analogie zu den dichotomistischen Spielereien
in der Schule Platos bilden, so wären sie höchstens noch als
Zeugnisse eines ungebrochenen, aber seinen Anhängern verhängnisvollen
vielseitigen Eifers für die Tiere erwähnenswert. Sie stehen weit hinter
der von Ray glücklich eingeleiteten Entwicklung der Klassifikation
zurück, halten sich lediglich an Äußerliches unter Verachtung der
Anatomie und konnten höchstens dazu beitragen, das Ansehen von Linné,
dem sich +Klein+ in beständiger Feindseligkeit entgegenwarf, zu
erhöhen.
Die von Ray gebrochene Bahn betrat als eigentlicher Vollender und
Gesetzgeber +Carl von Linné+. (_1707 in Rashult als Sohn eines
Predigers geboren, besuchte er ohne Erfolg die Schule von Wexiö,
studierte zu Lund Medizin, siedelte 1728 nach Upsala über, wo er als
Schüler Rudbecks für diesen von 1730 ab Vorlesung hielt und sich mit
+Peter Artedi+ [1705-1735] aufs innigste befreundete. 1732 trat er
eine Reise nach Lappland und 1735 nach Holland an, wo er promovierte.
In demselben Jahre veranlaßte Gronov in Amsterdam den erstmaligen
Druck des ~Systema naturae~, das bis 1758 zehn Auflagen erlebte.
1738 gab er das Werk des inzwischen verstorbenen Artedi über die
Fische heraus, reiste nach Paris und kehrte alsdann nach Schweden
zurück. 1741 Professor der Medizin in Upsala, errichtete er 1745 ein
naturhistorisches Museum, von 1747 sandte er mehrere Schüler auf
Forschungsreisen, 1750 erschien die ~Philosophia botanica~. 1764 zog er
sich nach Hammarby zurück und starb daselbst 1778._)
Linnés größtes Verdienst beruht in der Präzision, die er erst
der naturgeschichtlichen Sprache verliehen hat. Damit hat er
Schwierigkeiten beseitigt, die für die ganze Biologie ein Hindernis
waren. Seine scharfe und klar gefaßte Kunstsprache sucht einen für
jede Beobachtung adäquaten Ausdruck. Dadurch wurde man erst fähig, mit
kurzen Diagnosen ein Tier, eine Pflanze zu kennzeichnen. Nicht minder
bedeutungsvoll war die Abstufung der Gruppen (Gattungen Rays und der
Alten) des Systems in Reiche, Klassen, Ordnungen, Gattungen, Arten und
Varietäten, Bezeichnungen, deren höhere er dem Zivilstand entnahm.
Mit diktatorischer Gewalt stellte Linné den Begriff der Art fest: Es
gibt so viele Arten, als ursprünglich erschaffen worden sind, nach den
Gesetzen der Vererbung bringen sie stets Ähnliches hervor. Es sind
ihrer heute also so viele, als sich der Form nach unterscheiden lassen.
Die Art ist ein Produkt der Natur, ebenso die Gattung; die Varietät ein
solches der Kultur; Klasse und Ordnung ein solches der Kunst. Linné
glaubte indes, daß Bastardzeugung neue Arten zu bilden imstande sei,
wie er denn überhaupt in späteren Jahren annahm, die verschiedenen
Arten seien aus gemeinsamen Grundformen entstanden (1763). Er führte
als Bezeichnung für jede Art die binäre Nomenklatur (doppelte
Namengebung) durch, die seit ihm Gemeingut geblieben ist. In der Natur
unterscheidet er drei Reiche, die er, Aristotelischen Prinzipien
folgend, also begrenzt: „Die Steine wachsen, die Pflanzen wachsen und
leben, die Tiere wachsen, leben und empfinden.“
Hatte Linné in den neun ersten Auflagen die sechs von ihm
unterschiedenen Tierklassen mehr nach äußeren Merkmalen eingeteilt,
so legte er später den Hauptakzent auf die Merkmale der Kreislaufs-
und Atmungsorgane. So erhält er denn die sechs Klassen: Vierfüßer,
Vögel, Amphibien, Fische, Insekten, Würmer. Mit dieser obersten
Gliederung weniger glücklich als Ray, tat er den ungeheuer folgereichen
Schritt über ihn hinaus, den Menschen wiederum zum ersten Male seit
dem Altertum dem Tierreich und zwar bei den Säugetieren den Affen
einzureihen mit der lakonischen Bemerkung: ~Nosce te ipsum.~ Die
Einzelheiten seines Systems zu erläutern, würde uns bei dem Wechsel,
dem es von Auflage zu Auflage unterlag, zu weit führen. Mehr als
Ray legte er bei der Anordnung der Säugetiere auf die Merkmale des
Gehirns Gewicht, reihte die Wale den Säugern endgültig ein; beging
aber in der zehnten Auflage den unbegreiflichen Mißgriff, daß er die
Knorpelfische den Amphibien einreihte, zu denen er daneben Frosch,
Eidechse, Schlange, Schildkröte und Blindwühle zählte. Gehen auf Artedi
auch die wichtigsten Unterscheidungen von Ordnungen der Fische zurück,
wie sie bis in die neueste Zeit maßgebend sind, so bleibt von ihnen
doch nur das eine bemerkenswert, daß sie auf anatomischen Bau gegründet
waren, wie die Bezeichnungen (~Branchiostegii~, ~Malacopterygii~,
~Acanthopterygii~, ~apodes~, ~jugulares~, ~thoracici~, ~abdominales~)
verraten. Als Insekten werden, wie bei Ray, die ~Entoma~ von
Aristoteles festgehalten, denen er die Spinnen und Myriapoden
einverleibt und die Krebse zuweist. Dadurch, daß er als weitere Klasse
die Würmer unterscheidet, tritt er entsprechend seiner binnenländischen
Herkunft hinter Aristoteles und Ray zurück. Die Zoophyten sind ihm wohl
Übergangsformen von den Pflanzen zu den Tieren, deren Polypen er mit
Blüten vergleicht, aber es fehlt an jeder genügenden Beobachtung zur
Beurteilung des Gesehenen.
Man sieht schon daraus, daß Linné vielleicht weniger methodisch
beanlagt war und weniger systematischen Spürsinn gehabt hat, als
Ray, ja, daß das Schwergewicht seiner Verdienste mehr auf die
Nomenklatur als auf die Systematik fällt, auch wenn er zuerst mit
Hilfe der Systematik die gesamte Lebewelt in einen wohlgeordneten und
übersichtlichen Zusammenhang gebracht hat. Mit seinem Natursystem
schuf er ein praktisches Hilfsmittel, das ermöglichte und die Lust
weckte, neuen Zuwachs an Arten beizubringen. Glückliche, praktische
Folgen davon waren die allgemeine Beschäftigung Gebildeter mit
Naturgeschichte, Abtrennung des naturgeschichtlichen Studiums vom
medizinischen, Aussendung von Expeditionen zum Zwecke der Erforschung
von Flora und Fauna, endlich ein durch gemeinsame Namengebung
erleichterter Verkehr der Gelehrten untereinander. Die theoretischen
Folgen machten sich schon darin geltend, daß man an der Spezies
eine Norm zu haben vermeinte und daß der Begriff daher um so mehr
der Erstarrung ausgesetzt war, als sich in den anorganischen
Naturwissenschaften die Präzision immer mehr verlohnte, die hier der
Natur Gewalt antat. Fernerhin entnahm von jetzt an die Systematik
der Zootomie denjenigen Teil, der sich ihren Zwecken unterordnete;
die intime Fühlung mit der Physiologie aber, die durch die Zootomie
vermittelt worden war, ging um so mehr verloren, als auch die
Physiologie selbst sich der Hilfsmittel der Physik bediente und sich
nicht mehr mit Schlußfolgerungen aus anatomischen Befunden begnügte.
Endlich wurde durch die Systematik mehr als durch irgend eine andere
Richtung in der Zoologie selbst der Boden vorbereitet, auf dem der ganz
spezifisch moderne Gedanke der realen Einheit der Organismenwelt durch
Blutsverwandtschaft, der Entwicklungslehre, wachsen sollte.