Aus den Experimenten und Entdeckungen über niedere Tiere sowie
über Eier und Spermatozoen, aus den mechanistischen Tendenzen der
Physiologie und aus der Herrschaft der materialistischen Richtung
in der Philosophie bildete sich zu Beginn des 18. Jahrhunderts eine
bis in die zweite Hälfte desselben hineinreichende theoretisierende
Biologie heraus, die mit scholastischer Dialektik die Probleme vom
Ursprung des organischen Lebens, von der Vererbung, von den Beziehungen
zwischen organischer und anorganischer Welt fortspann und das von der
Stellung des Menschen wenigstens streifte. Sie ist als die +biologische
Dogmatik+ zu bezeichnen. Die von +Malebranche+ behauptete Präformation
der Keime, wonach bereits entweder im Samentier oder im Ei der fertige
Organismus mit all seinen Teilen nebst zukünftigen Generationen sollte
eingeschachtelt sein, fand infolge der Kombination von Beobachtungen
an Insekten und des Glaubens an die Artkonstanz unerschütterliche
Anhänger in +Ch. Bonnet+ (1720-1793) und +Albr. von Haller+, bis
+C. Fr. Wolff+ (1759) mit seiner ~Theoria generationis~ an Stelle
der Präformationslehre, die sich außerdem mit dem Augustinismus
deckte, wieder die von Aristoteles und Malpighi vertretene Epigenese
setzte. Nach dieser Theorie entstehen die Organe erst innerhalb des
Embryonallebens. Der Streit, ob das Ei oder das Samentierchen den
eigentlichen Keim enthalte, welcher die Theoretiker in das Lager
der +Ovulisten+ (Malpighi, Swammerdam, Vallisneri, Bonnet, Haller,
Spallanzani) und das der +Animalkulisten+ trennte (Leeuwenhoeck,
Leibniz, Boerhave), wurde scheinbar zugunsten der ersteren entschieden,
als +Bonnet+ die Parthenogenese der Blattläuse entdeckte. Der
endgültige Abschluß dieses Streites erfolgte aber erst in der zweiten
Hälfte des 19. Jahrhunderts. Über die Beziehungen zwischen organischer
und anorganischer Natur dachte man sehr verschieden. +Buffon+ nahm
keine solche Beziehungen an, wohl aber winzige Elementarorganismen,
organische Partikeln, welche sich zusammentun und neue Organismen
bilden sollten, da Buffon nach ungenauen Versuchen Needhams an die
Urzeugung glaubte, die einwandfrei erst von Spallanzani (1786)
endgültig widerlegt wurde. Andererseits leugnete z. B. +Maupertuis+
die prinzipielle Verschiedenheit der organischen und der anorganischen
Natur. Die Theorie der Pangenesis fand für diesen Zeitraum die meisten
Anhänger (Maupertuis, Buffon, später auch Oken); nach ihr sollten
in die Zeugungsstoffe kleinste Teile aus allen Organen des Körpers
eingehen und auf diese Weise die elterlichen Eigenschaften übertragen,
wie dies schon Hippokrates ausgesprochen hatte. Aus alledem ist
ersichtlich, daß durch die Kombination der tierischen Mechanik und
der mikroskopischen Anatomie die Postulate des Neuplatonismus einen
breiten Tummelplatz fanden, der, außerdem durch den Kampf zwischen
den christlichen Dogmen und der modernen Skepsis durchfurcht, ein bis
heute ertragreiches und namentlich in den letzten zwei Dezennien wieder
viel kultiviertes Saatfeld gab. „Das Tier, ein System verschiedener
organischer Moleküle, welche den Anstoß eines dumpfen Empfindens, das
der Schöpfer der Materie ihnen erteilt hat, sich kombiniert haben, bis
daß jedes seinen geeigneten Platz für seine Form und sein Gleichgewicht
gefunden hat“ (+Diderot+ 1751). Über das Verhältnis der Tierwelt zur
Erdgeschichte wurden die verschiedensten Hypothesen laut. +Bonnet+
sah die seit der Schöpfung vorhandenen Keime für alle Wesen vom Atom
zum Cherubim sich allmählich zu einer Stufenleiter der Lebewesen
auswachsen, die sich in drei großen Etappen folgen sollten. Wie er an
das Gesetz der Kontinuität von Leibniz anknüpfte, so auch +Robinet+
(1768), ein moderner Vertreter des Hylozoismus, der eine sukzessive
Vervollkommnung der Schöpfung annimmt, die Arten verwirft, nur durch
unmerkliche Übergänge miteinander verbundene Individuen annimmt und dem
Menschen eine große Zukunft in Aussicht stellt. Mehr an die Tatsachen,
namentlich der Paläontologie, hielt sich +de Maillet+ (1748), der einer
Entwicklung des Planeten und seiner Organismen, namentlich aber der
Umbildung der letzteren aus primitiven Meerbewohnern das Wort redet.