5. Zootomie des 17. Jahrhunderts.

Die nachfolgende zweite Periode der Neuzeit, die wir etwa vom Jahre

1625 an datieren können, zeigt einen wesentlich anderen Charakter als

die vorangehende. Die weltgeschichtlichen Bedingungen, unter denen sie

einsetzt, sind einmal die Verwüstung Mittel- und Nordeuropas durch

den Dreißigjährigen Krieg, wodurch die wissenschaftliche Produktion

auf Jahrzehnte stillgelegt war, sodann der mächtige Einfluß, den

die exakten Naturwissenschaften, besonders die Physik, nach +Baco+,

+Galilei+ und +Kepler+ auf die organischen Naturwissenschaften gewannen

und zwar auf zweierlei Wegen: 1. durch Erfinden von Technizismen

zur Untersuchung der vorher unbekannten winzigen Organismen und

der Struktur der Gewebe (Mikroskop ca. 1590, Thermometer ca. 1600,

Anwendung der Injektion), 2. durch Vergleichung organischer

Verrichtungen mit Mechanismen, aus der man wiederum für die Technik

Nutzen zog. In dieser mechanistischen Tendenz der Biologie kommt aber

derselbe Gedanke zum Ausdruck, der sich auch in der Organisation des

Wissenschaftsbetriebes durch Sammlungen und gelehrte Gesellschaften,

sowie durch das Emporblühen der Systematik ausspricht, der Gedanke

nach praktischer und theoretischer Beherrschung der nach und nach

schon durch die voraufgehende Zeit ausgebreiteten Mannigfaltigkeit

der Natur durch die Macht menschlichen Geistes. Bestrebungen, wie die

+F. Bacos+ um die Erneuerung der Wissenschaften durch Beobachtung und

Experiment (schlug er doch schon vor, man sollte die Bildung der Arten

in besonderen Tiergärten experimentell nachzuweisen versuchen), konnten

nicht ohne Einwirkung auf die Zoologie bleiben. Bezeichnenderweise ist

indes der Weg unserer Wissenschaft während des 17. Jahrhunderts ein

zweispuriger. Am meisten gedeiht die zootomische und allmählich in ihr

dominierend die mikroskopische Richtung. Mit dem steigenden Einfluß

der exakten Wissenschaften nimmt die erstere, philosophisch durch

+Descartes+ bestimmt, vorwiegend einen physiologischen Charakter an,

wogegen die letztere die deskriptiven Traditionen der Zoologie des 16.

Jahrhunderts weiter kultiviert. Aus diesen wachsen dann mit infolge der

Zunahme der Tierkenntnis die systematischen Versuche heraus.

An der Schwelle dieser Zeit begegnet uns der Engländer und

Aristoteliker mit Bologneser Schulung, +William Harvey+, der die von

ihm festgestellte Lehre vom Blutkreislauf seit 1619 vortrug und 1628

publizierte. Wenn seiner Entdeckung auch für Physiologie und Pathologie

eine ungemein große Bedeutung zukommt und sie, besonders nachdem

auch +Aselli+ 1622 die Chylusgefäße und 1647 +Pecquet+ den ~Ductus

thoracicus~ zufällig entdeckt hatten, den wesentlichsten Zuwachs zur

Physiologie der Menschen in der Neuzeit bildete, so war sie doch auf

die Zoologie nicht von unmittelbarer Wirkung. Viel bedeutungsvoller

waren in dieser Richtung Harveys embryologische Untersuchungen, die

sich über die Klassen der Wirbeltiere, aber auch über Krustazeen,

Insekten, Mollusken ausdehnten und die Harvey zur Verallgemeinerung

führten, daß alles Leben, auch das des Menschen, einem Ei entstamme.

Auch er ließ die höheren Organismen Stufen durchlaufen, welche den

niederen entsprechen sollten. In dieselbe Zeit fällt die erste

methodische Verwendung des Mikroskops in der Biologie durch +Fr.

Stelluti+ (1625), welcher mit Hilfe dieses Instrumentes den Bau der

Biene untersuchte.

Im ganzen Laufe des 17. Jahrhunderts vollzog sich die Ausbreitung und

Festsetzung der Zootomie in den nordischen Ländern. Außer England, wo

wir nach Harvey zunächst +Glisson+ und +Grew+ aufzuführen haben, sind

Holland, Dänemark (die Dynastie der +Bartholine+), Schweden hieran

am meisten und wirkungsvollsten beteiligt. Nachdem um die Mitte des

Jahrhunderts die Produktion beinahe den Nullpunkt erreicht hatte,

bricht sie sich in überraschender Breite von den sechziger Jahren ab

neue Bahn in einer bedeutenden und fast ein Jahrhundert beherrschenden

Literatur.

Die Maschinentheorie des Lebens, wie sie in klassischer Weise von

Descartes vertreten wurde, reifte die ersten biomechanischen Schriften

eines +Steno+ (1669), eines +Borelli+ (1680), eines +Claude Perrault+

(1680), worin einmal die Prinzipien der Statik und Mechanik im Sinne

der modernen Physik auf den Menschen und die übrigen Lebewesen

angewandt sind. Perrault ließ es sich besonders angelegen sein, die

zahlreichen an Technizismen erinnernden Einrichtungen der Tiere

darzustellen und zu vergleichen. In der mechanischen Erklärung der

Funktionen erblickt Perrault geradezu die Hauptaufgabe der Biologie.

Die Gliederung der Funktionen in seiner ~Mécanique des animaux~ folgt,

entsprechend der selbständigen Gestaltung der Chemie durch Boyle und

Mayow und in Anlehnung an Aristoteles, dem Schema: Stoffwechsel und

Kraftwechsel; dabei läßt Perrault die Funktionen des Formwechsels oder

die Entwicklungsmechanik außer Spiel. Eine Parallele dazu bildet der

Vorstoß auf biochemischem Gebiete, den +Mayow+ (1674) unternahm und

der besonders dem Chemismus der Zirkulation galt. Auch eröffnete die

Untersuchung des Zitterrochens durch +Redi+ (1671) und +Lorenzini+

(1678) die Bahn für die Anschauungen über tierische Elektrizität.

Aber auch abgesehen von diesen an die Zootomie anknüpfenden

Erklärungsversuchen, sammelt sich allmählich ein reicher Bestand an

zootomischem Wissen an, das in mannigfacher Weise bald mehr an die

menschliche Anatomie, bald mehr an die der niederen Tiere anlehnte. Vor

allem traten jetzt diejenigen Lebewesen in den Kreis der zootomischen

Beschreibung, deren Bau in seiner reichen Mannigfaltigkeit dem Altertum

gänzlich unbekannt geblieben war, und die nun erst mit Hilfe des

Mikroskops erobert wurden, die Insekten und die verwandten Stämme. Sie

wurden auf einige Zeit hinaus das Lieblingsobjekt all derer, die in der

Zootomie „Augen- und Gemütsergötzung“ suchten. Mit ihrer Bearbeitung

war die Zoologie der Wirbellosen nicht mehr auf die Meeresufer

beschränkt und erfuhr zugleich mit der deskriptiven Zoologie eine

beispiellose Erweiterung.

Durch ihre zootomischen Leistungen zeichnen sich abgesehen von den

obengenannten Mechanisten aus die +Bartholine+, die die Anatomie auf

allen Gebieten gleichmäßig bereicherten: +N. Steno+ durch anatomische

Untersuchungen über die Fische, +N. Grew+ durch die vergleichende

Anatomie der Verdauungsorgane. +Caldesis+ Anatomie der Schildkröte

(1687) so gut wie +Redis+ Untersuchungen über die Viper (1664) und

+Lorenzinis+ (1678) über den Zitterrochen verraten einen mächtigen

Fortschritt der Zootomie. Zu den bedeutendsten Leistungen auf diesem

Gebiet gehören auch die Arbeiten von +Thomas Willis+ (1622-1675). In

seinen Hauptschriften (~Cerebri anatome~ 1666 und ~De anima brutorum~

1674) hat er nicht nur zuerst in ausgiebigerem Maße die vergleichende

Anatomie des Nervensystems gepflegt. (Den Namen ~Anatomia comparata~

hat er in Abänderung des von Baco ihm ursprünglich beigelegten Sinnes

für die Morphologie eingeführt.) Er will mit dieser Methode nicht

nur die Funktionen ergründen, sondern auch die tierische Psychologie

pflegen. Dabei entging ihm die Verschiedenheit der psychischen Begabung

der Tiere nicht; aber im Zeichen Harveys stehend, teilt er nach den

Respirationsorganen ein: Insekten, Fische, Vögel, Vierfüßer, Mensch.

Seine Beschreibungen (Regenwurm, Krebs, Auster) und Vergleichungen

gehören zu den methodisch bestdurchgeführten, ganz abgesehen davon,

daß er den ersten großen Schritt in der Neurologie über Galen hinaus

getan hat. In diese Phalanx nordischer Anatomen reiht sich auch +Olaf

Rudbeck+ ein, der an der Seite der Bartholine den neuen Anschauungen

über die Zirkulation Geltung erkämpfte. Auch seien die zootomischen

Studien an der neugegründeten Akademie in Paris namentlich von +J. G.

Duverney+ (Abhandlungen 1676 und 1732 erschienen) nicht vergessen,

ebenso die Anatomien von +E. Tyson+ (Beuteltier, Delphin, Schimpanse),

deren letztere 1699 kulturhistorische Bedeutung erlangte. So ist

denn dieser Zeitraum geradezu eine Blütezeit der Zootomie zu nennen,

und demgemäß fehlte es in ihm auch nicht an zusammenfassenden

Darstellungen. Eine solche, die wesentlich in einer Kompilation der

voraufgehenden Zootomen bestand, gab +G. Blasius+ (~Anatome animalium~,

Amsterdam 1681). Umfangreicher und in eingehendstem Zusammenhange mit

der menschlichen behandelte +S. Collins+ (1685) die tierische Anatomie.

Als drittes Sammelwerk ist endlich das viel jüngere ~Amphitheatrum

zootomicum~ von +B. Valentini+ (1720) schon an dieser Stelle

aufzuführen.

Als ein Resultat gesteigerter Kritik infolge der Zootomie darf wohl

auch betrachtet werden, daß man begann, Fossilien mit lebenden

Organismen zu vergleichen. Der obengenannte +Steno+ erklärte die

Glossopetren (1669) für versteinerte Zähne von Haifischen und sah

auch in den fossilen Resten von Muscheln und Schnecken Überbleibsel

einstiger Faunen, aber nicht mehr „Naturspiele“ oder Niederschläge des

gesteinbildenden Saftes der Erde. Lebhafte Unterstützung fand er darin

von +A. Scilla+ 1670. Namentlich waren es Engländer, worunter besonders

+J. Woodward+, die um die Wende des Jahrhunderts für eine vernünftige

Auffassung der Fossilien eintraten.

Wie oben erwähnt, verfolgen die +Mikroskopiker+ von allen Zootomen den

selbständigsten und eigenartigsten Weg. Auch ihre Leistungen fallen

der Hauptsache nach ins letzte Drittel des 17. Jahrhunderts. Allen

voran leuchtet das Dreigestirn +M. Malpighi+ (1628-1694, Bologna), +J.

Swammerdam+ (1637-1680, Leiden) und +A. van Leeuwenhoeck+ (1632-1723,

Delft). +Malpighi+ (~Opera omnia~ 1687) war einer der ersten, die es

verstanden, zootomische Studien zu einer selbständigen, nicht von der

medizinischen Praxis abhängigen Beschäftigung zu erheben. Insbesondere

wandte er sich dem Studium menschlicher und tierischer Gewebe zu. Die

Entdeckung des Baues vieler Drüsen führte ihn dazu, die Allgemeinheit

drüsiger Struktur zu überschätzen, z. B. auch dem Gehirn drüsigen

Bau zuzuschreiben. Von großer Bedeutung wurde für die Zoologie

seine Monographie des Seidenwurms, da sie die erste anatomische und

embryologische eines Insektes war. Die eingehende Schilderung der

Tracheen der Insekten ist sein Verdienst. Dann aber wandte er auch

zuerst das Mikroskop auf die Entwicklungsgeschichte, speziell des

Hühnchens an. Obschon Malpighi vielfach auch die Injektionstechnik

zu Hilfe nahm, so wurde er in der Ausführung derselben von +Ruysch+

(1638-1731, Haag) übertroffen, der durch den Verkauf geschickt

injizierter und sorgfältig präparierter Sammlungen viel zur Verbreitung

feinerer anatomischer Technik beitrug. Ihm auch gelang es zuerst, die

Klappen in den Lymphgefäßen nachzuweisen (1665). Eine höchst sonderbare

Persönlichkeit, das Vorbild aller derer, die in der Hingabe an die Welt

des Mikroskopischen zu allen Zeiten Glück und Erlösung von irdischen

Mühsalen suchten, ist +J. Swammerdam+. Seine Biographie, die +Boerhave+

dem erst nach Swammerdams Tode erschienenen Hauptwerke (Bybel der

Nature, Leiden 1737) voraussetzte, verrät ein Leben voll Schwärmerei,

Polemik und Enttäuschungen. Er arbeitete mit dem subtilsten Rüstzeug

an selbstverfertigten Instrumenten und stellte das Gesehene in

wunderbar künstlerischer, auch heute noch mustergültiger Weise dar. Die

Zergliederungen von Mollusken (Sepia und Helix) blieben bis auf Cuvier

unübertroffen. Mit besonderer Liebe und Andacht sind die Insekten

nach Bau und Entwicklung dargestellt, deren Unterscheidung nach dem

Grade der Vollkommenheit ihrer Entwicklung von ihm herrührt. Erfahrung

durch Beobachtung und Experiment sind auch ihm die Grundlage seiner

unvergänglichen Arbeit, doch durchzieht sie ein mystischer Faden, der,

an die obengeschilderte biblische Zoologie anknüpfend, ihn sein letztes

Genügen in der Bewunderung von Gottes Güte und in der Versenkung in sie

suchen läßt. Die Zeugungs- und Entwicklungsgeschichte hat Swammerdam

namentlich durch seine Studien über das Urogenitalsystem der Frösche

und seine Befruchtungsexperimente an Amphibien gefördert.

Eine Parallele zu ihm bildet +A. v. Leeuwenhoeck+, der, zum Kaufmann

bestimmt, sich der Liebhaberei, starkvergrößernde Linsen herzustellen,

hingab und nun, ohne besonderen Plan, als Dilettant mikroskopische

Studien betrieb. Trotz seiner mangelhaften Vorbildung ist die Zahl

seiner Entdeckungen nicht unbedeutend; so sah er die Blutkörperchen,

den Kapillarkreislauf des Froschlarvenschwanzes, die Querstreifung des

Muskels u. a. m. Unter seiner Leitung arbeitete der Student Ludwig von

Ham, der 1677 die Samentierchen (Spermatozoen) entdeckte, in denen nun

+Leeuwenhoeck+ den wesentlichen Bestandteil bei der Befruchtung zu

erkennen glaubte, womit er zum Haupt der sog. Schule der Animalkulisten

wurde. Von größter Wichtigkeit für die Zoologie wurde die Entdeckung

der Protozoen durch ihn, die von nun an ein Lieblingsobjekt der

mikroskopierenden Dilettanten waren.

Durch all diese Untersuchungen und Entdeckungen war eine Basis gegeben,

auf der für die alten Probleme von der Zeugung und Vererbung neue

und, wie man glaubte, abschließende Tatsachen gediehen. +G. Needham+

schrieb 1667 seine berühmte Schrift über die Entstehung des Fötus,

worin er besondere Sorgfalt den Eihäuten zuwandte. +Redi+ erbrachte

1668 den Beweis auf experimentellem Wege dafür, daß die Tiere nicht

aus den Stoffen, worin sie leben, entstünden, sondern, wie +Harvey+

behauptet hatte, nur aus Eiern. Daraus erwuchsen wiederum die größten

Schwierigkeiten, die Übereinstimmung mit der unantastbaren biblischen

Tradition herzustellen. Was Wunder, wenn +Malebranche+ (1688) auf den

Gedanken der Präformation, der Vorbildung des fertigen Wesens im Keime,

verfiel, der nun für die Folgezeit zur Herrschaft gelangte?

Mit alledem hatte die Zootomie ihre Grenzen ausgedehnt, Wirbellose

und die Entwicklung aufs neue in den Kreis ihrer durch zweckmäßige

Instrumente unterstützten Tätigkeit gezogen und war zu ungeahnter

Breite ausgewachsen. Nebenher ging die Erweiterung des Tierbestandes

im Sinne der Beschreiber des 16. Jahrhunderts durch Reisende oder

Forscher, die sich die Fauna ihrer Heimat zum Vorwurf nahmen.

~B.~ Periode der Systematik.

Geschichte der Zoologie · 第 40 / 75 题