Man würde nach heutigen Begriffen glauben, die Entwicklung der Anatomie
vom 13. Jahrhundert ab, die Herbeiziehung von Tieren zu anatomischen
und vivisektorischen Zwecken, die Bereicherung der Kenntnis von
Tierarten, die nicht mehr nach Hunderten, sondern nach Tausenden
zählten, hätten die +Zootomie+ im Sinne der Aristotelischen früh zum
Durchbruch bringen müssen. Das geschah nicht. Wenn wir daher von
einer Zootomie der Neuzeit reden, so ist dabei zu berücksichtigen,
daß sie noch durchaus im Sinne Galens zum Zwecke der Medizin und der
menschlichen Anatomie betrieben wurde, ausnahmsweise im Anschluß an die
Zoologie und da erst, nachdem die äußere Form der Tiere den „kuriösen“
Neigungen der Neugier nicht mehr genügte. Auf diesem voraristotelischen
Standpunkt beharrt sie bis ans Ende des 18. Jahrhunderts.
Die oben gekennzeichnete reformatorische Tätigkeit Vesals mußte auch
mit der Zeit der Zootomie zugute kommen. Doch blieb ihr die volle
Wirkung versagt, weil Vesal nur mit dem Inhalt, nicht mit der Form
des Galenismus brach, was bei seiner Jugend und den nach Erscheinen
seines Werkes über ihn hereinbrechenden Verpflichtungen auch nicht
wohl zu erwarten war. Erst spät nach ihm konnte der Geist, in dem er
gewirkt hatte, aufwachen und weiter wirken. Die an ihn anschließenden
oder wenigstens zeitlich ihm folgenden Anatomen haben nicht nur
das von ihm gegebene Bild vom Bau des Menschen ergänzt, sondern
wesentliche Beiträge zur Zootomie geleistet. Da sind zu nennen:
+Eustachio+ (_Rom, gest. 1574_), dem wir eine vorzügliche Schilderung
des Gebisses beim Menschen und seiner Entwicklung verdanken, +R.
Colombo+ (_Vesals Nachfolger in Padua, gest. 1559_), der bereits den
kleinen Blutkreislauf kannte, +C. Varolius+, der die Organsysteme des
menschlichen Körpers zuerst nach ihren Funktionen, nicht nach der
Leichenzergliederung und der medizinischen Propädeutik ordnete, +Phil.
Ingrassias+ (1510-1580), der zu Neapel Tierarzneikunde lehrte und die
Osteologie aufs sorgfältigste ausbaute; dessen Schüler +Jasolini+
aus Epirus, der Lehrer Severinos, +G. Fabrizio ab Aquapendente+
(_Padua, 1537-1619_), der erste Embryologe der Neuzeit, der auch die
einzelnen Funktionen zuerst durch eine Reihenfolge tierischer Formen
hindurch verfolgt, +G. Casserio+ (1561-1616), der die Sinnesorgane
in aufsteigender Reihenfolge und vergleichend bearbeitete, +Adrian
Spigelius+ (_Brüssel 1578-1625_), der den Zwischenkiefer des Menschen
entdeckte. +Volcher Coiter+ (_1535-1600, geb. in Groningen studiert an
den oberitalienischen Universitäten_) gibt nicht nur Abbildungen des
Affenskeletts, sondern von etwa zwei Dutzend Skeletten der Warmblüter
und Reptilien, ohne indes die Vergleichung eingehender durchzuführen.
Die erste ausschließlich der Zootomie gewidmete Schrift stammt von
+Marco Aurelio Severino+, einem Kalabresen (_1580-1656 Professor der
Anatomie in Neapel_). Er wagte es, in der ~Zootomia democritaea~ (erst
1645 erschienen) für die Zootomie eine selbständige Stellung im Kreise
der der Medizin nützlichen Fächer zu erkämpfen. Die Zootomie sei
nötig I. nicht nur 1) für Psychologie und Technik, 2) für Ethik und
Religion, sondern auch II. für sämtliche Zweige der Medizin und zwar
sowohl 1. den der allgemeinen Biologie (Lehre von den Temperamenten,
Säften, Funktionen, Organen), mit Einschluß der Anthropotomie, als
auch 2. zur Verteidigung von Hippokrates und Galen, wie 3. wegen der
praktischen Medizin. Die tiefe Abneigung gegen Aristoteles, die er aus
der philosophischen Schule von Telesius und Campanella mitbrachte und
der Severino auch durch ein besonderes Werk (~Antiperipatias~) Ausdruck
verlieh, beraubte ihn leider der Basis für seine eigenen zootomischen
Studien, wie er sie in den Aristotelischen Schriften gefunden hätte.
Im Tone scholastischer Disputationen geschrieben, enthält dieses
Buch manche gute Beobachtungen und noch bessere Urteile, z. B.: man
beginne das Studium der Anatomie besser mit einfacheren Körpern, als
dem des Menschen, der den kompliziertesten, übrigens den Tieren sehr
ähnlichen Bau besitze. Severino verwendet den Begriff des Architypus
oder Bauplans. Im Bau der niederen Wirbellosen steckten noch größere
Geheimnisse, als man glaube. Er gibt Zusammenfassungen der anatomischen
Merkmale der Säugetiere, der Vögel, der Fische, sodann von zahlreichen,
wenn auch primitiven Skizzen begleitete anatomische Befunde, die sich
über etwa 80 Tiere erstrecken. Als technisches Hilfsmittel empfiehlt
Severino die Hand an erster Stelle, dann aber auch das neuerfundene
Mikroskop. Severino ist ein Spätling der ganzen Renaissancezoologie,
sein Werk zu spät erschienen, um zu einer Wirkung zu gelangen, wie sie
unter günstigeren äußeren Verhältnissen notwendig hätte erfolgen müssen.