2. Blütezeit der Zoographie.

So beginnt denn die Zeit größter Fruchtbarkeit für die Zoologie

der Renaissance sehr spät, erst mit den fünfziger Jahren des 16.

Jahrhunderts. Obenan stehen drei Forscher, die sich fast ausschließlich

der +Darstellung der marinen Fauna+ widmeten: +Belon+, +Rondelet+,

+Salviani+; der erstgenannte verdient außerdem als Ornithologe

geschätzt zu werden. Alle ihre Werke erschienen 1551-1555 reichlich

illustriert, das Salvianis sogar mit vorzüglichen Kupferstichen; sie

enthalten Beschreibungen der marinen Tierwelt, die damit zuerst den

binnenländischen Forschern vermittelt wurde. Andererseits blieben

diese Autoren in ihren allgemeinen Anschauungen auf einem nicht

sehr hohen Standpunkt, indem sie nicht einmal den von Aristoteles

gegebenen Begriff „Fisch“ genau nahmen. Noch Salviani gab ausführliche

synonymische Tabellen, in denen er die Meertiere der antiken Autoren

zu identifizieren suchte. Rondelet zog wenigstens schon anatomische

Unterscheidungsmerkmale für die Ordnung seines Fischbestandes bei. Er

wird von Cuvier als bester Kenner der Mittelmeerfischwelt beurteilt.

Die Zahl der von ihm beschriebenen Fische beläuft sich bereits auf

264 (wovon 239 abgebildet). Zu gleicher Zeit erschien das Werk des

Engländers +E. Wotton+ (1492-1555): Über die Unterschiede der Tiere,

eine theoretisch gehaltene und an Aristoteles’ und Galens Methode

anschließende Zoologie, die vom Gesichtspunkt aus geschrieben ist,

ordnende Hand an die Mannigfaltigkeit der Tierwelt und ihres Baues zu

legen.

Alle diese Richtungen wurden zusammengebogen und zu dem Typus der

Renaissancezoologie verschmolzen durch +Konrad Gesner+ (_geb. 1516

in Zürich, studiert in Frankreich, Straßburg, Basel Medizin und

Philologie, erst Lehrer der Naturgeschichte, später Arzt in Zürich,

stirbt 1565 an der Pest_). Gesners Plan war auf eine allumfassende

Kenntnis der Tierwelt angelegt, wobei er die kritische Kompilation

aus anderen Schriftstellern als selbständige Kunst spielen ließ und

sich zur Aufgabe machte, alles Berücksichtigenswerte zu vereinigen

und womöglich durch eigne Anschauung zu prüfen. Übersichtlichkeit

geht ihm über innere Gliederung des Stoffes. Die oberste Einteilung

seines Hauptwerkes, das nach Tausenden von Seiten zählt, der ~Historia

animalium~ (1551-1558), wird nach Aristoteles durchgeführt und folgt

den Klassen der Wirbeltiere. Innerhalb dieser Abteilungen werden

die einzelnen Tiere alphabetisch abgehandelt und geschildert nach

Namen, Vorkommen, Habitus, Ortsbewegung, Krankheiten, Geistesleben,

Nutzen und Haltung, Symbolik, Fabeln, Sprichwörtern. Dabei herrscht

das literarische Interesse vor, die Anatomie fehlt. Die reichlichen

Holzschnitte, wofern sie auf Beobachtung begründet waren, stammten

von guten Meistern (das Nashorn z. B. von Albr. Dürer) und verdienen

noch heute Anerkennung. Von besonderem Wert für Gesner waren die

obenerwähnten Werke der südländischen Ichthyologen, deren Inhalt er

unbedenklich seinem Rahmen einspannte. Auch stand ihm bereits ein Teil

der Reiseliteratur zur Verfügung, außerdem zahlreiche Beobachtungen

befreundeter Forscher in allen Teilen Europas. Als umfassendes

Sammelwerk ist Gesners Tiergeschichte von grundlegender Bedeutung

für alle späteren Beschreiber bis auf Buffon geworden. Es wurde als

Gesamtwerk oder in einzelnen Teilen bis 1621 vielfach mit Ergänzungen

herausgegeben. Der Mensch war von dieser Naturchronik ausgeschlossen

und blieb es bis auf Linné.

Gesner folgte ein Mann nach, der sich mit ihm in den Ruhm teilt, der

bedeutendste Zoologe des 16. Jahrhunderts gewesen zu sein: +Ulysses

Aldrovandi+ von Bologna (_geb. 1522, studiert von 1539 ab in Bologna

und Padua, wird 1549 als Gefangener der Inquisition nach Rom gebracht,

empfängt dort von Rondelet Anregungen zur Zoologie, lehrt von 1554 in

Bologna Logik und Arzneimittellehre, setzt 1568 die Gründung eines

botanischen Gartens durch, legt 1600 sein Amt als Professor nieder und

stirbt 1605_). Wie in ihrer Gesamtheit die Zoologie der Neuzeit eine

Frucht der Anatomie und Botanik ist, so auch im Leben Aldrovandis, das

lange genug dauerte, um ein viel breiter als bei Gesner angelegtes

Unternehmen wenigstens zu einem großen Teile zur Vollendung zu bringen.

Erst 1599 erschien der erste von den drei Bänden, die ~Ornithologia~,

dem die weiteren Folianten über die Vierfüßer, die Schlangen und

Drachen, die Fische, die Wirbellosen und die Monstra (von Uterverius

und Dempster besorgt) bis 1642 folgten. Aldrovandi bemüht sich, alles

Wissenswerte über jedes einzelne Tier mit einem außerordentlichen

Apparat von Gelehrsamkeit zusammenzutragen. Er verarbeitet in reicherem

Maße schon die fremden Faunen, stellt nicht mehr nach dem Alphabet,

sondern nach natürlichen Gruppen zusammen. Merkwürdig wenig kommt bei

ihm, trotz seiner Abkunft von Bologna, wo damals noch die Anatomie

in hoher Blüte stand und sich die Entdeckung des Blutkreislaufs

vorbereitete, die Anatomie zur Geltung, kaum mehr als etwa bei

Friedrich II. oder Belon. Bei jedem einzelnen Tier wird nicht nur

eine zoologische Beschreibung gegeben, sondern womöglich ausführlich

abgehandelt: verschiedene Bedeutung des Namens, Synonyme, Habitus,

Sinne, Geschlechtsverschiedenheit, Aufenthalt, Fundort, Sitten,

Gelehrigkeit, Stimme, Nahrung, Begattung, Jagd, Kämpfe, Antipathien,

Krankheiten, Geschichte, Mystik, Moral, Hieroglyphik, Heraldik,

Fabeln, Sprichwörter, medizinischer Nutzen, Verwendung im Haushalt des

Menschen. Diese schwerfällige Art der Behandlung ließ keine genauere

Ordnung der also beschriebenen Tierwelt zu. Immerhin ist ein Vorzug,

daß sozusagen alle ältere Literatur, sofern sie sich auf Einzelheiten

der Tiere bezieht, in Aldrovandis Werken verarbeitet ist. Insofern hat

er etwas Vollständigeres, im einzelnen wohl aber weniger Gesichtetes

als Gesner geleistet. Aldrovandis zoologische Sammlung gehört zu den

ältesten und verdient als solche erwähnt zu werden. Im Anschluß an

ihn mag +Jonstonus+ mit seinen fünf der organischen Natur gewidmeten

Büchern der Thaumatographie (1633) genannt werden, sowie mit einem in

der Form an Gesner und Aldrovandi anschließenden großen Sammelwerk,

das von 1650-1773 erschienen, vielfach herausgegeben und sogar zum

Teil übersetzt worden ist. Jonston beschränkt den Text mehr aufs rein

Zoologische, erhebt sich aber im prinzipiellen Standpunkt nicht über

seine Vorgänger und hält sich auch der Anatomie völlig fern.

Geschichte der Zoologie · 第 37 / 75 题