2. Hohes Mittelalter.

Die Zeitströmungen, die das +hohe Mittelalter+ bewegt haben, sind in

ihrem Wert für das Wiedererwachen der Zoologie außerordentlich schwer

abzuschätzen. Ein beschränkter und vielfach zerfabelter Bestand an

zoologischem Wissen ist nie ganz untergegangen, schon rein praktische

Interessen der Ernährung, der Jagd und der Heilkunst hielten ihn wach.

Sollen wir aber die wissenschaftliche Neugestaltung und Mehrung dieses

Wissens erleben, so muß eine gründliche Veränderung in der Stellung

des Menschen zur Natur voraufgehen. Diese Veränderung erscheint als

Folge weit auseinanderliegender historischer Ereignisse, die hier

kaum mehr als gestreift werden können. Dahin gehört das Erwachen des

Naturgefühls, wie es der Tradition zufolge in einem +Franz von Assisi+

und seinen Tausenden von Nachfolgern Platz griff. In der Kreatur waltet

Gott. Umbrien erscheint ihm als ein Paradies, dessen Tiere er als

Brüder verehrt, den Regenwurm rettet er vor dem Zertreten und stellt

für die hungrigen Bienen im Winter Honiggefäße hin. Die Unterhaltung

mit der Lebewelt ist ein Teil nur seines liebevollen Überschwanges,

den er in die gesamte Natur hineinträgt. Ihm folgt das gerettete

Häslein auf Schritt und Tritt, die Zikade läßt sich vom Baum herab

auf seine Hand, um mit ihm den Schöpfer zu preisen, und die Schwalben

verstummen, um das Wort Gottes aus seinem Munde anzuhören. Neben der

akademisch-dialektischen, aber der Beobachtung fremden arabischen und

der volkstümlich mystischen, aber unwissenschaftlichen Linie geht

eine dritte, die durch eine der mächtigsten Persönlichkeiten des

Mittelalters bezeichnet wird, durch +Friedrich+ II. von Hohenstaufen,

den mystisch beanlagten, wissensdurstigen, unter arabischem Einfluß

gereiften Zweifler und Philosophen auf dem Kaiserthrone. Unter ihm

erblüht aufs neue die medizinische Schule von Salerno. Er ordnet ihren

Lehrgang und den der Universität zu Neapel und verlangt menschliche

Anatomie als Vorbereitungsfach für Mediziner (1240). Er wirft die

Probleme auf, ob Aristoteles die Ewigkeit der Welt bewiesen habe,

was die Ziele und Wege der Theologie und der Wissenschaft überhaupt

seien. Für ihn muß Michael Scotus die Tiergeschichte von Aristoteles

übersetzen. Auf seinen Befehl müssen seltene Tiere aus Asien und

Afrika herbeigeschafft, die Untiefen der Meerenge von Messina durch

Taucher untersucht werden. Ja, harmlose Gemüter, denen all solche

Neugier verhaßt war, beschuldigten ihn begreiflicherweise der

Vivisektion von Menschen. Seine Schöpferkraft kommt in der Zoologie

am schönsten zur Geltung durch sein Buch über die Kunst, mit Falken

zu jagen. Das Thema war nicht neu und wurde schon von byzantinischen

Schriftstellern behandelt. Im Werke des Kaisers aber spricht zu uns

eine ausgedehnte Kenntnis nicht nur des angezeigten Gegenstandes,

sondern der Ornithologie im allgemeinen, der der erste Teil gewidmet

ist. Reiche Erfahrungen des Vogellebens, der Anatomie und Physiologie

der Vögel finden hier eine planmäßige Darstellung; das Skelett wird

genau beschrieben und entgegen Aristoteles die Extremitätenknochen

richtig gedeutet, wie denn auch Friedrich vielfach seine von

Aristoteles abweichende Meinung ausdrückt; der Mechanismus des Fluges,

die Wanderungen der Zugvögel, ja auch die Anatomie der Eingeweide

werden abgehandelt. Durch das ganze Werk erhebt sich Friedrich zum

ersten Male auf eine Stufe der Zoographie, wie sie eigentlich erst drei

Jahrhunderte nach ihm wieder zu vollem Bewußtsein erwachte. Mochte er

auch immerhin selbst die Anleitung zu seinen Beschreibungen aus der

Anatomie des Menschen und der Haustiere, wie sie zu Salerno gepflegt

wurde, geschöpft haben.

Geschichte der Zoologie · 第 33 / 75 题