1. Patristik.

Im +frühen Mittelalter+, das mit der Patristik einsetzt, finden sich

zunächst noch kaum erhebliche Unterschiede von der voraufgehenden

Zeit. Die größte Schicht zoologischer Literatur besteht aus jenen

Wunderbüchern des ausgehenden Altertums. Die Zoologie lag so sehr

danieder, daß das erwachende Christentum in ihr keine feindliche

Macht erblickte. Und doch bedeutet die Organisation der christlichen

Wissenschaft zugleich die Organisation mächtiger Widerstände, die

sich dem später aufwachenden Trieb nach Naturkenntnis mit dem

ganzen Rüstzeug einer scharfen Gelehrsamkeit widersetzten, während

hinwiederum die Kirche die Tradition des Wissens vom Altertum in die

Neuzeit rettete. Die bewußte Abkehr von dieser Welt ließ alsbald

im menschlichen Körper und im Tier etwas Niedriges empfinden. Die

Polemik gegen die antiken Naturphilosophen und der Assimilationsprozeß

der heidnischen Ethik durch die christliche konzentrierte den Rest

naturhistorischer Interessen auf wenige Punkte, für deren theoretische

Betrachtung jetzt die Richtlinien vorgezeichnet wurden, die bis

heute für alle vulgär oder neuplatonisch philosophierende Zoologie

die maßgebenden geblieben sind. Es erhielten ihre Formulierung die

Probleme der Schöpfung, des Ursprunges des Lebens, der Vererbung, der

Individualität, der Entstehung des Menschen, des Zusammenhanges von

Leib und Seele. Während also zu dieser Zeit die zoologische Forschung

ruht, gestalteten sich die Punkte aus, die stets zu brennenden

werden, sowie die zoologische Wissenschaft mit dem christlichen

Glauben sich freundlich oder feindlich auseinandersetzt. Mehr als

andere altchristliche Schriftsteller, die sich mit der Naturforschung

beschäftigten, gehen auf die menschliche Anatomie und Physiologie

ein: Tertullian, Lactantius, Nemesius von Emesa; doch ist das

Verhältnis zur Mannigfaltigkeit der organischen Natur ein ähnliches,

wie wir es etwa bei Lucrez oder Galen antreffen, es bewegt sich im

Rahmen der stoischen Philosophie. Den Charakter eines großartigen

naturphilosophischen Systems hat erst die Lehre +Augustins+ (354-430),

die einen Ausgleich zwischen der Platonischen Philosophie und der

mosaischen Schöpfungsgeschichte herstellt, der, für alle Zeiten

maßgebend, auch heute noch den Kern der christlichen Naturphilosophie

bildet. Seinem Grundsatze entsprechend, daß Naturphilosophie auf

Naturwissenschaft zu fußen habe, rückt er in den Vordergrund seine

Lehre von der Entstehung der Organismen, die Seminaltheorie. Nach

dieser sind die Samen erstens ewig als Ideen im Logos Gottes, sodann

vorgebildet als Ursamen in den Elementen der Welt vor ihrer Entfaltung,

drittens in den ersten Individuen jeder Art, viertens in allen wirklich

existierenden Individuen. Die zweite Form der Samen ist es, die durch

Gottes Schöpferwort ins Dasein gelangen, oder mit Thomas von Aquino

zu reden: die aktiven und passiven Kräfte, welche die Prinzipien des

Werdens und der Bewegung in der Natur sind. Entsprechend damaligem

Wissen behandelte Augustin die ~Generatio aequivoca~ (Entstehung von

Organismen aus dem Anorganischen) und erblickt in ihr ein reales

Analogon zu der idealen Darstellung des mosaischen Schöpfungsberichtes.

In bezug auf den Menschen sucht er den spezifischen Unterschied in der

Seele des Menschen, der in körperlicher Hinsicht nichts vor dem Tiere

voraushabe. „Denn wie Gott über jedes Geschöpf, so ist die Seele durch

die Würde ihrer Natur über jedes körperliche Geschöpf erhaben.“

Ein Werk von bedeutendem Einfluß auf die Zoologie des Mittelalters

hat +Isidor von Sevilla+ (Anfang des 7. Jahrhunderts) verfaßt. Sonst

aber fand das Bedürfnis nach Zoologie Genüge in dem als +Physiologus+

bekannten, im frühen Mittelalter entstandenen, bis ins 14. Jahrhundert

maßgebenden, in die meisten Sprachen der damaligen Kulturwelt

übersetzten Werke. Ursprünglich enthielt es wahrscheinlich nur ein

Verzeichnis der biblischen Tiere nebst deren Beschreibung. Allmählich

aber schlichen sich fabelhafte Erzählungen aus der antiken Literatur

ein, wurden mit christlicher und kabbalistischer Symbolik verbrämt und

beliebig ausgeschmückt oder erweitert.

Ein hervorragender literarischer Anteil an der Zoologie des

Mittelalters kommt den Arabern zu. Zwar sind bis jetzt aus ihren

Schriftwerken keine Ansätze zu selbständiger Erfassung des Stoffes

nachgewiesen; wohl aber gebührt ihnen das Verdienst, die Werke

Aristoteles’ und Galens berücksichtigt, unter sich überliefert und

der wiedererwachenden Wissenschaft des Abendlandes vornehmlich

durch Übersetzungen und durch den Unterricht an ihren hohen Schulen

übermittelt zu haben. Ferner hat in ihnen der Gedanke an Einheit

des Weltalls, die Einsicht in die Materie als eine letzte Ursache

natürlichen Geschehens lebhafte und scharfsinnige Verteidiger gefunden

(Avicenna, Averrhoës). Endlich ist der europäischen Zoologie durch

+Abu Soleimans+ Reisen nach Indien und China, durch +Edrisis+ an

die Ostküste von Afrika (im 12. Jahrhundert), durch +Kaswinis+ nach

Südasien neue Kenntnis von fremden Tierwelten zugeflossen.

Geschichte der Zoologie · 第 32 / 75 题