Die Zoologie des +ausgehenden Mittelalters+ erhält ihre Physiognomie
durch folgende Erscheinungen: Durch die Wiederbelebung der
Wissenschaft im Anschluß an die Schriftwerke von Aristoteles wurde
eine philosophische Richtung erzeugt, die man als Scholastik
bezeichnet, und damit werden sowohl die Aristotelischen Prinzipien der
Naturbetrachtung, wie auch deren Resultate aufs neue Gegenstand der
Literatur. +Wilhelm von Moerbecke+ übersetzte 1260 die Tiergeschichte
von Aristoteles ins Lateinische und erschloß sie damit der
scholastischen Literatur. Unter Benützung von Aristoteles suchten das
Wissen ihrer Zeit in umfassender Form drei Dominikaner darzustellen:
+Thomas von Cantimpré+ (1186-1263), +Albert von Bollstädt, der Große+
(1193-1280) und +Vincent de Beauvais+. Von diesen hat jedoch nur der
zweite auf Grund eigener Kenntnisse im wesentlichen Aristoteles’
Tierkenntnis von der Vorherrschaft des Bestandes an Tierfabeln etwas
geläutert. Der erste ist von Bedeutung dadurch geworden, daß er die
Anregung zu +Konrad von Megenbergs+ Buch der Natur gab, einem der
wertvollsten Vorboten neuzeitlicher Naturbeobachtung. Dieses Werk,
zunächst als Übersetzung kritisch ausgewählter Abschnitte aus Thomas
ca. 1350 entstanden, war bis zum 16. Jahrhundert ungemein verbreitet
und wurde vor 1500 schon sechsmal, zum Teil illustriert gedruckt.
Ähnlich, aber älter ist „Der Naturen Bloeme“ von +Jakob van Maerlandt+.
Von Salerno aus hatten sich unterdessen die medizinischen Studien
unter starker Betonung der Anatomie über ganz Italien verbreitet.
Zum intensivsten und vielseitigsten Herd derselben wurde +Bologna+
gegen Ende des 13. Jahrhunderts, nachweisbar unter dem Einfluß der
Verordnungen Friedrichs II. und des Studiums von Galens Schriften und
Aristoteles’ Schrift über die Teile der Tiere. +Alderotto+, +Saliceto+
und +Varignana+ gingen voraus. +Mondino+ (1315) folgte und schuf die
bis auf Vesal maßgebende Anatomie, deren besonderes Verdienst es war,
wenigstens in die Beschreibung Ordnung zu bringen. Verwendung von
Spiritus, Injektion der Blutgefäße, Mazeration, Trocknung, Abbildung
und wohl noch andere technische Vervollkommnungen nahmen von hier
aus ihren Weg allmählich über ganz Europa. Neben dem Menschen wurden
vielfach Tiere zergliedert.
Nur kurz ist zu erwähnen, daß +Marco Polo+ unter den Resultaten seiner
Reisen (1275-1292) eine Reihe von Schilderungen exotischer Tiere
gegeben hat, die den Kreis der vorder- und zentralasiatischen Fauna
bedeutend erweiterten. Die Wissenschaft war aus den Klostermauern
heraus, an die Höfe, an die hohen Schulen, ja ins Volk getreten. Nach
Naturbetrachtung und Naturbeobachtung sehnten sich gleicherweise
der Arzt wie der Künstler. Und wie der Beginn der großen Seefahrten
eine unendliche Erweiterung des Materialzuwachses brachte, so mußte
die Wiederbelebung der antiken Literatur zu erneuter Ordnung des
neuentdeckten Reichtums der Natur führen.
So leiten denn manche Erscheinungen des 15. Jahrhunderts zu einer neuen
Periode hinüber, die auch für die Geschichte unserer Wissenschaft mit
der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts anhebt. Als wichtige Ereignisse
auf dieser letzten Staffel vor der Neuzeit sind hervorzuheben der
Beginn von mehr oder weniger naturgetreuen Darstellungen der Tiere,
wie z. B. +P. Giovios+ Fische des römischen Marktes (1524), oder der
Pflanzen, wie bei der ganzen Reihe zisalpiner, zum Teil in Italien
geschulter Botaniker, die auch die Tierwelt nicht ganz unberücksichtigt
ließen, wie der „Gart der Gesundheit“, +Bock+, +Brunfels+, +Fuchs+
u. a., die unter allen Umständen mit dem Sinn für die Pflanzen auch
den für die Mannigfaltigkeit des Tierreichs weckten. Ein mächtiger
Vorstoß zur bildlichen Erfassung der Natur geschah durch +Leonardo
da Vinci+ (1452-1519), dessen künstlerische Vielseitigkeit sich auch
die Naturgeschichte des Menschen, der Haustiere und der Pflanzen
untertan machte. Mit der Buchdruckerkunst beginnt die Reproduktion und
Verbreitung der antiken Literatur, wobei Hippokrates, Aristoteles,
Plinius, Galen ein mächtiges Kontingent stellten und zur Kritik ihrer
Angaben herausforderten. Anderseits schädigt die Buchdruckerkunst
noch auf lange Zeit hinaus unsere Wissenschaft durch zahlreiche
Auflagen von Konrad von Megenberg, Bartholomäus Anglicus und dem
sog. Elucidarius, welche den Physiologus als Wunderbücher abgelöst
hatten. Den von Äneas Sylvius eröffneten kosmographischen Interessen
kam Johannes Leo Africanus mit seiner Schilderung nordafrikanischer
Tiere nach. So reifte denn jene Zeit der Ernte heran, die, von den
1550er Jahren beginnend, auf einige Zeit einen großen, aber kurzen
Aufschwung naturhistorischer Studien und Publikationen und damit eine
schärfere Umgrenzung der Zoologie als einer selbständigen Wissenschaft
herbeiführte.