Die +römische Zoologie+ steht bei weitem nicht auf der Höhe der
griechischen. Schon hatten die spätesten Produkte der letzteren einen
Zug angenommen, der sie weit von Naturbeobachtung und Wahrheit der
Darstellung weggeführt hatte und der auch nicht mehr zur Kritik der
mündlichen und schriftlichen Überlieferung befähigte. An diesem Punkte
tritt Rom die Erbschaft an. Noch am ehesten ist es Plinius, der unsere
Beachtung verdient und wäre es auch nur um der geschichtlichen Wirkung
willen, die seine Naturgeschichte getan hat.
Die umfangreichste naturwissenschaftliche Leistung älteren Datums
ist das Lehrgedicht „Über die Natur der Dinge“ von +T. Lucretius
Carus+. Römertum und epikureische Philosophie wirken in ihm ein
Naturgemälde von großem Wurf und einheitlicher Stimmung. Doch zeigt
dieses Bild mehr die Sehnsucht nach Befreiung von den Banden des
Aberglaubens und Ausdeutung eines naturwissenschaftlichen Inhaltes
von einer biologisch sehr eng begrenzten Fassung nach den Schemata
der materialistischen Mystik. In Beobachtung und theoretischer
Deutung geht Lucrez indes nicht über seine griechischen Vorbilder
hinaus. Der verarbeitete Tierbestand ist ein dürftig zu nennender.
Einheit der Schöpfung kommt nur insofern zur Geltung, als für Lucrez
die Erde die Allmutter ist, die jedwede Art entsprießen ließ. Einst
erzeugte sie Riesengeschlechter, heute bringt sie nur noch kleines
Getier hervor. Unter dem Atomismus, der im Vordergrund steht,
verwischt sich die Grenze zwischen anorganischer und organischer Natur
vollständig; so kommen Samen auch den anorganischen Naturkörpern, ja
sogar den Grundkräften zu. Auch die Anatomie entspricht nicht mehr
den alexandrinischen Erfahrungen. Das Herz ist Sitz der nervösen
Erregungen. Obschon die Gewebe der Tiere gleich zu sein scheinen, sind
sie doch bei jeder Art verschieden. Diese Verschiedenheit ist lediglich
eine solche der Verbindung der Stoffe, nicht ihrer Beschaffenheit.
Anregungen für die Zoologie konnten aus diesem Werke ebenso wenig
hervorgehen, wie etwa aus Schillers „Spaziergang“, trotz dem hohen
poetischen Gehalt dieser Dichtung, die zu den besten auf römischem
Boden gewachsenen gehört.
Unter den römischen Schriftstellern nimmt für die Zoologie an
geschichtlicher Bedeutung +Plinius d. Ä.+ (_geb. 23 n. Chr. zu
Verona, gest. 79 beim Ausbruch des Vesuv_) den ersten Rang ein. Von
seiner enzyklopädischen Vielschreiberei geht uns nur der auf die
Naturgeschichte bezügliche Teil an, die 37 Bücher der Naturgeschichte,
die auch wieder nur zum Teil die Zoologie betreffen. Nach Plinius
eignen Angaben stellt dieses Werk den Auszug von 20000 Tatsachen aus
2000 Bänden anderer Schriftsteller vor. Mit der Natur verband ihn kaum
eigene Berührung, ja auch die Schriftsteller, die er exzerpierte, waren
nicht in erster Linie die selbständigen Forscher, sondern selbst
schon Kompilatoren dritten und vierten Ranges. So kam denn dieses
„Studierlampenbuch“ (Mommsen) zustande, das als Quelle für zoologisches
Wissen sozusagen wertlos ist, aber auf Jahrhunderte hinaus eine
unverdiente Geltung behauptete.
Plinius hat einige Tiere mehr als Aristoteles aufgeführt. Eine logische
Ordnung der Tierwelt ist bei ihm nicht durchgeführt. Dazu fehlte vor
allem das Ordnungsprinzip der Anatomie. Mit dem Menschen, den Plinius
im Gegensatz zu Aristoteles aus dem Tierreich heraushebt, wird der
Anfang gemacht. „Des Menschen wegen scheint die Natur alles erzeugt
zu haben, oft um hohen Preis für ihre zahlreichen Geschenke, so daß
sich kaum unterscheiden läßt, ob sie dem Menschen eine bessere Mutter
oder schlimmere Stiefmutter sei.“ Dann folgen die Säuger, untermischt
mit den Reptilien; ferner die Wassertiere, die Vögel, die Insekten
und die niederen Tiere. Innerhalb der einzelnen Abteilungen, die
lediglich der literarischen Einteilung zuliebe gemacht sind, werden die
Tiere nach ihrer Größe abgehandelt. Der Elefant steht an der Spitze
der Säugetiere, die Wale an der der Wassertiere, der Strauß an der
der Vögel. Über die Dimensionen einzelner Tiere, über Lebensweise,
Beziehungen zum Menschen werden die unvernünftigsten und kritiklosesten
Angaben gemacht. Eine geordnete Beschreibung auch einfachster Formen
fehlt. Trotz all dieser Mängel und der Abwesenheit jedes Vorzuges hat
die Naturgeschichte von Plinius eine gewaltige historische Wirkung
getan. Der naiven Neugier des Mittelalters und eines guten Teiles der
Neuzeit genügte sie und ließ Aristoteles in den Hintergrund treten, der
Unwissenden viel schwerer verständlich war. Der Wundersucht bot Plinius
reichere Nahrung als Aristoteles. Seine Darstellung des Menschen und
die Annäherung der Tierfolge an die der Bibel, sowie die nachfolgende
Wunderliteratur, die sich ihm anschloß oder annäherte, machte ihn
zum Beherrscher der zoologischen Literatur für die Folgezeit. Noch
Buffon steht ganz unter dem Banne von Plinius, und Cuvier nennt ihn auf
gleicher Höhe mit Aristoteles!
Fast märchenhaft lauten die Berichte über +Veranstaltungen von
Tierhaltung und Tierzucht+ bei den reichen Römern. Schon zur Zeit
des zweiten Punischen Krieges begann Fulvius Hirpinus Tierzwinger
(Leporarien) anzulegen, mit Hasen, Kaninchen, Rehen, Hirschen und
Wildziegen. Acht ganze Eber zierten einst die Tafel des Antonius.
Lemnius Strabo legte große Vogelbehälter an (Aviarien), und
die Pfauenzucht wurde industriell ausgebeutet. Neben seltenen
Taubenvarietäten, Gänseleber, Krammetsvögeln und Störchen zierten
Flamingozungen und Straußgehirne die Tafel. Zum größten Luxus gedieh
die Fischzucht, wovon noch die großen Fischbehälter (Piscinen) in
Puzzuoli (der sogen. Serapistempel) aufs beredteste Zeugnis ablegen.
Einzelne große Exemplare von Fischen wurden mit Gold aufgewogen. Nicht
minder reich war die Tierwelt, die zu den Gladiatorenkämpfen aufgeboten
wurde. Elefant, Rhinozeros, Giraffe, Hippopotamus, Auerochs, Löwe,
Tiger, Panther, Krokodil wurden zu Dutzenden und Hunderten vorgeführt.
Kunststücke durch Zähmung standen hinter den heutigen Leistungen nicht
zurück. Und all dieser Aufwand an Tieren führte doch weder zu tieferer
Kenntnis, noch vermochte er wissenschaftliche Interessen zu wecken.
Die ganze spätrömische +Literatur+ ist durch Aufzählungen mediterraner
und fremdländischer Tiere charakterisiert, deren Identität vielfach
kaum mehr festzustellen ist; insbesondere grassieren in ihr Fabelwesen,
wie Martichoras, Greif, Phönix, Chimära, Einhorn usw., und fabulöse
Darstellungen bekannter Tiere. Das Tier selbst verliert seinen Wert
als Glied im wissenschaftlichen System; es interessiert nur noch
Liebhaber und Schaulustige und wird daher entweder wie ein Stück
Hausrat oder Schmuck der Natur, oder als gastronomische und dekorative
Staffage einer ohnehin raffinierten Lebenshaltung, als Kuriosität, als
Zucht- und Jagdobjekt, als außermenschlicher Träger von menschlichen
Eigenschaften, die ihm angedichtet werden, behandelt. Die schon bei
den alexandrinischen Schriftstellern und Plinius aufgelöste Ordnung
des Tierreichs zerfällt weiter und weicht später einer alphabetischen.
Die Anatomie macht nicht nur keine Fortschritte, sondern schon das
längst Bekannte fällt weg, und das wirklichkeitsfremde Naturbild der
Literatur wird immer mehr dazu angetan, allem Wunderglauben Tür und
Tor zu öffnen, Zauberei und Magie aufleben zu lassen. Auch in der
literarischen Form beruht die spätrömische Zoologie meist nur auf
Nachahmung griechischer Vorbilder.
+Ovids+ Halieutika sind ein Fragment, das in trockener Aufzählung vom
Fischfang im Schwarzen Meere berichtet. Ein Wundergeschichten- und
Fabelbuch, worin etwa 130 meist verloren gegangene Autoren ausgezogen
werden, ist uns von +Älian+ erhalten. Sein Inhalt geht meist auf
entsprechende Berichte alexandrinischer Autoren zurück und zeigt
eine ganz erstaunliche Unordnung des Stoffes. Auf weitaus höherem
Standpunkt stehen die dem +Oppian+ zugeschriebenen Gedichte über Jagd
der Landtiere und Seetiere. Insbesondere dieses gibt eine lebensvolle
und bunte Darstellung der marinen Fauna und ihrer Lebensweise, die
neben eingestreuten Mythen und moralischen Reflexionen ein gutes Stück
frischer Naturbeobachtung enthält. Ähnlich gehalten sind das Buch des
+Marcellus+ von den Fischen, die Paraphrase zu +Dionysos+ von den
Vögeln und zahlreiche ähnliche Lehrgedichte.