Neben dem wenig erfreulichen Bild der absterbenden wissenschaftlichen
Zoologie bietet Alexandria aber auch dasjenige gewaltigen
+Aufschwunges der Anatomie+. Wenn nun auch dieser Aufschwung nicht
auf die Zoologie unmittelbar zurückwirkte, so tat er es doch
mittelbar. Denn in Alexandria wurde der Grund für die pergamenische
Anatomie gelegt, die selbst wiederum im ausgehenden Mittelalter und
im Beginn der Neuzeit zum Wiederaufleben der Zootomie führte. Zu den
wissenschaftlichen Instituten Alexandrias gehörte u. a. eine Anatomie,
wo sicher tierische und menschliche Leichen seziert, vielleicht auch
Vivisektionen von Verbrechern ausgeführt wurden. Unter einer großen
Anzahl wissenschaftlicher Ärzte ragen hervor +Herophilos+ (unter
Ptolemäus I. und II.) und +Erasistratos+ (geb. ca. 325). +Herophilos+
vertiefte die anatomische Beobachtung in vorher ungewohnter Weise.
Er erkannte in den Nerven besondere Organe, deren Ursprung auf die
Zentren zurückführe und die der Empfindung und Willensäußerung dienen;
er beschrieb die Adergeflechte und Hirnhöhlen, Auge und Sehnerv, die
Chylusgefäße, den Zwölffingerdarm; er begründete die Pulslehre in
einer besonderen Schrift und führte aus, daß das Herz den Arterienpuls
veranlasse. +Erasistratos+ erkannte den Unterschied von Empfindungs-
und Bewegungsnerven, verglich die Windungen des Hirns bei Tieren und
Menschen, beschrieb die Herzklappen und die Sehnenfäden, korrigierte
vielfach im einzelnen die Ansichten von Herophilos. Von hier wurde die
Anatomie später nach Pergamon übertragen.
Die wissenschaftliche Gesamtleistung der antiken Biologie und Medizin,
soweit sie in Einklang mit den damaligen Allgemeinanschauungen
möglich war, faßte zusammen und formulierte für die Zukunft +Galenos+
von Pergamon (geb. 131 n. Chr.). Tiergeschichte im Sinne der
Aristotelischen enthalten seine Werke nicht mehr. Im Vordergrund
stehen der Mensch, die Anatomie und die Physiologie. Denn anschließend
an Aristoteles sieht Galen in der Seele die oberste Einheit des
Organismus, die sich der einzelnen Organe nur bedient, um ihre Ziele
zu erreichen. Die Organe sind die Instrumente; Aufgabe der Anatomie
ist, festzustellen, wozu jedes diene. Damit wird Galen der Begründer
der Teleologie auf dem Gebiet der organischen Naturforschung und
daher der Physiologie. Tieranatomie, Experiment und Vivisektion
sind in seiner Hand wichtige, von ihm ausführlich beschriebene
und ausgiebig verwendete Hilfsmittel zur Forschung und im Dienste
des Unterrichts. Mit seiner Erfahrung knüpft er vorwiegend an die
voraufgehenden Alexandriner an; literarisch sucht er den Anschluß in
erster Linie an Hippokrates. Die Tierwelt zieht er da in den Kreis
seiner Betrachtungen, wo sie zur Erläuterung des Menschen dient. Dabei
gibt er vielfach interessante und lebensvolle Schilderungen derselben.
Seine Einteilung des menschlichen Körpers nach den Hauptorgansystemen
ist die Grundlage für die spätere Mondinos und Vesals geworden. Von
den einzelnen Teilen der Seele, den Lebensgeistern, hat der psychische
seinen Sitz im Gehirn, der vitale im Herzen, der physische in der
Leber. Endlich sei nicht vergessen, daß er die epikureischen Lehren
von der Rolle des Zufalls bei der Entstehung der Organismen eingehend
und mit Argumenten bekämpft hat, die auch gegen den Darwinismus wieder
geltend gemacht wurden.