Liebe, Leid und Dank wohnen darin. –

Der andern Blick erfaßt nur den gebeugten, kranken Menschen, der ein

junges, kraftvolles Weib freien will. – Ich sehe in ihm den großen

Künstler, der eine ~Pietà~ schuf, den rastlosen Arbeiter, als der er

mir von Leo ter Mählen geschildert wurde, den großzügigen Gutsherrn,

der auch _nicht einen_ seiner Insten vergißt, sondern ihnen _der_

Helfer schlechthin bedeutet. Ich sehe ihn somit in vielerlei Gestalt,

und in jeder einzelnen groß und bedeutend, immer imstande, mich zu

lehren.

Die großen Schlagetots ringsum, die ich kennenlernte, sie haben alle

nicht die feine Seele meines Ritter Lage. Wenn er diese auch oft unter

messerscharfem Spott verbirgt.

Am herbsten verspottet er ja sich selbst, seine Flügellahmheit, sein

Gebundensein an den forthelfenden Stock. –

Wenn ich diesen Spott aus seiner Seele nehmen, wenn ich selbst sein

Stab sein könnte durch Jahrzehnte hindurch!

Meine Jugend und meine Kraft gehört ihm. Und jeder Atemzug, jedes Wort,

jeder Blick, vor allem aber jede _Tat_ soll ihm sagen: »_Ich diene

dir._ Zu allem, was ich tue, gibst du mir die Stärke durch deine Liebe.«

* * * * *

Jeden Tag gehe ich zum Liebsten durch unsern Märchenwald. Hie und da

finde ich im Schnee eine Heideblüte, deren sattes Rot sich unter der

weißen, kalten Decke frisch erhielt. Die bring’ ich dem Ritter Lage,

und dann lächelt er. – Lacht über seine dumme Gitti, die in Eiseskälte

nach einer so schlichten Blume sucht. Aber ich weiß doch, daß er sich

darüber mehr als über all meine prangenden Gewächshausblüten freut. Und

wenn er dann meine erstarrten Finger einzeln nacheinander zum Leben

küßt, – es sind zärtliche Glücksstunden.

Clemens-Hartmut geht jetzt etwas einsame Wege. Die Eifersucht auf

den fremden Mann kämpft mit seinem Mitleid. Oft kann er mich trotzig

ansehen. Meine Nichtbeachtung dieses Zustandes hilft ihm am besten.

Er sagt jetzt »Pflegevater« zu meinem Clemens, und dieser hat ihm das

»Du« angeboten. Clemens-Hartmut empfängt jetzt schon alles aus der

Hand seines Vaters, – die Annahme an Kindes Statt ist vorbereitet und

wird vollzogen, wenn ich Ritter Lages Ehefrau bin. Die volle Wahrheit

erfährt mein Junge erst, wenn er reif genug ist, sie zu erfassen. Bis

dahin fülle ich sein Herz mit Liebe zu meinem einzigen.

Meine Dörfler sind wunschlos glücklich, daß ich Freifrau Lage werden

will. Die Alten kommen und erzählen mir Geschichten aus den Jugendtagen

meines Verlobten, sie loben den Schelm, der er damals war, über den

Schellenkönig, und aus allem klingt es wie rührendes Erbarmen und

Trostbringen zu mir hin.

Clemens macht meinem Dorf große, geldliche Zuwendungen, jede einzelne

Haushaltung bekam am Verlobungstage eine ansehnliche Beisteuer. Und

sie tragen allsonntäglich ihre Wünsche für den »guten, gnädigen Herrn«

in die Kirche, das weiß ich. Und ich drücke alte und junge, runzlige

und schwielige Hände und danke ihnen, daß sie sich für ihn im Gebet

falten. – Viel Besuche habe ich empfangen, die ganze Nachbarschaft

bis weit nach Holland hinein kam angefahren. Bei allen sah ich das

herzliche Bestreben, über die ungewöhnliche Sachlage hinwegzukommen.

Daß die Braut ohne den Verlobten empfängt. Tante Fernande, meine

mütterliche Freundin, ist bemüht, mich wacker zu unterstützen. Sie

hat in den letzten Monaten viel im »Gotha« gelesen und möchte dadurch

ihre Spitalzeit selbst vergessen. Aber sie weiß nicht, wie sie

sich gehaben soll, wenn plötzlich in ihre tadellose Rangliste eine

Almosenempfängerin hineinfällt, die ihrer Herrin mit dem Herzen, ohne

die nötige Besuchskarte Glück wünschen möchte. Auch Gese Nordstamm geb.

Tönnings paßte nicht in Tante Fernandes Festfolge. Und doch war es für

mich solche Freude, die schöne, stattliche Frau Förster zu sehen, die

sich als Mutter ihrer Zwei so recht zu ihrem Vorteil verändert hat.

Sie vertritt mich sehr würdig im Dorf bei Krankenbesuchen, da Maria

Oswald die weitesten Wege nicht mehr zu schaffen vermag und mich mein

geliebter Kranker in Anspruch nimmt. –

Geh’ ich ins Siechenheim, das einzige, dem Ritter Lage mich selbstlos

abgibt –, dann schicke ich Clemens-Hartmut und Pieter Dinkel

zu ihm. Sie sind zuerst Zauberkünstler und Akrobaten, und dann

seine Bildhauerlehrlinge. Alles läßt er ihnen herbeischaffen, was

Jungenherzen erfreut, und dem krummen Pieter Dinkel geht eine ganz neue

Welt auf. Kommen sie zurück, so bringen sie mir vorsichtig kleine, von

Ritter Lage und ihnen selbst geformte Figürchen mit, es sind aber immer

nur »Gittis«, und die drei scheinen nichts dazuzulernen. –

So stellen sich die Sonnenblicke für mich dar, denen sich die reichen

Stunden anreihen, da ich am Lager des Kranken sitze, mit ihm plaudere,

ihm vorlese, oder mit ihm Schach spiele. Heute sagte er mir plötzlich:

»Du siehst so schön aus, Gitti. Täglich erlebe ich dich schöner. Du

mußt immer Weiß tragen, Winter und Sommer. Auch wenn ich tot bin. Aber

dann löscht ja auch dein Leuchten, und es wird dunkel. – Gut, kleine

Regenschirmbase, ich gestatte dir dann ein schwarzes Kleid …«

Ich muß mich dann fest in der Gewalt haben. Das lehrt mich unsägliche

Liebe. Ich kann jetzt fröhlich lachen mit sieben Schwertern im Herzen.

Clemens sagt jetzt oft »Regenschirmbase« zu mir, es ist, als ob mit

diesem Wort die ganze liebe, hoffnungsfrohe Vergangenheit lebendig

würde und ihn hinübertrüge über die schmerzreiche Gegenwart.

Etwas ist noch vorhanden, was viel Kraft von mir fordert. Das sind die

Stunden, da die Ärzte die Krankheit günstiger ansehen und ihm leichte

Besserung in Aussicht stellen. Dann tritt ein gequälter Ausdruck

in sein sonst so männlich beherrschtes Antlitz, und Zorn und Angst

wechseln ständig miteinander ab. Einmal formte es sich sogar zu den

marternden Worten: »Brigitte, bereust du? Brigitte, sei ehrlich!«

Dann aber freue ich mich meiner Liebe, die stärker ist als der Tod;

und ich kann ihn lesen lassen auf dem Grund meiner Seele, darinnen

nichts ist, was nicht dem Ritter Lage gehört. Hörst du mich, Ritter

Lage? Nichts, nichts gibt es an mir und in mir, das nicht dein wäre!

– – – Es gibt Stunden, da ich die Krankheit segne, wenn sie nicht

Schmerzen bringt. – Denn ich darf stundenlang bei ihm sein, weil keine

strenge Pflicht ihn von meiner Seite ruft. Und bin ich erst sein Weib,

dann trennt uns auch kein Abend und keine Nacht mehr.

Baron Leo ist fast täglich bei mir, bei uns. Er hat sich zu den

Heidkampern einquartiert. Die Heidkamperin möchte mir so viel sein in

dieser Zeit, aber mein Leid, das ich mit Aufbietung all meiner Kraft

unter meine Füße zwinge, das überwältigt die liebe Freundin. Wie Bäche

rinnen ihre Tränen, sobald sie meiner ansichtig wird, ganz ohne Fassung

ist die gutmütige, weiche Seele. Deshalb kann ich auch nicht ihren

Wunsch erfüllen, sie ein einzigmal mit zu Ritter Lage zu nehmen. Er

würde sich in vernichtendem Spott dagegen wehren, denn Beherrschung

gilt ihm alles. –

Baron Leo vermag es, stundenlang mit mir bei dem Kranken zu sein und

ganz frohmütig zu scherzen. –

Nur Zukunftspläne formen wir nicht. Ritter Lage haßt Schonung.

Der graue Alltag und sein Licht · 第 60 / 71 题