So schlägt uns keine Stunde. Genau wie den Glücklichen. –

Über den neuen Namen, der den »grauen Alltag« verdrängen soll, spricht

Clemens des öfteren mit uns, aber wir finden keinen Ersatz. Ganz hitzig

können wir bei dem Suchen werden, und einig sind wir uns nur darin, daß

der »graue Alltag« verschwinden muß. –

»Öde und langweilig ist’s eigentlich nie bei den Lages gewesen«,

erzählte Clemens; »ich habe in vielen der alten Folianten geblättert.

Vielleicht war die Sippe zu gescheit dazu. Also hat der ›Alltag‹ keine

Berechtigung. Aber das ›Graue‹, das Unheimliche und Düstere –, das

haben wir kennengelernt, bei Gott!« Er war blaß, als er dies sagte,

und seine Zähne knirschten leicht. »Soll nicht doch der Name bestehen

bleiben, Gitti?«

»Nein, Clemens!«

»Wie zart und leise sie diesen kleinen Widerspruch wagt, – hörst

du, Leo? Und könnte doch zornig sein, daß ich dem garstigen Namen

Berechtigung zuweise, da das Lichtchen von Lage längst alle Winkel

erhellt hat.«

»_Du_ bist das Licht von Lage«, sagte ich an seinem Ohr. »Ich habe es

vom ersten Sehen an gewußt.«

»Der Leuchter taugt nichts«, rief er schroff, und warf plötzlich die

Schachfiguren durcheinander. –

In solchen Augenblicken vermag ich es, lachend mit ihm zu schelten

und an seinen dunklen Locken zu zausen. Würde ich schweigen zu seinem

Zornanfall, so würde sofort das Mißtrauen in ihm aufstehen. Daß ich

Mitleid haben könnte …

Und so muß ich in angespannter Selbstzucht alles niederzwingen, was

sonst ein junges Menschenkind sich zur Hilfe heranholt in seiner

seelischen Not.

Oft verläßt Baron Leo brüsk das Zimmer, dann legt sich eine tiefe

Zornesfalte zwischen Ritter Lages Augen, und ich muß rasch mein eigenes

Antlitz an seiner Brust bergen, damit er nicht gewahr wird, daß ich

mich fürchte. Schreckhaft bin ich geworden. Das hätte ich nie von der

mutigen Gitti gedacht. –

Am 2. Advent.

Eben habe ich das zweite Lichtchen entzündet.

Ich bin schon im Brautkleid. Aber mein Liebster ist heute recht

schwach nach einer schlaflosen Nacht. Die Ärzte sind bei ihm und

haben angeordnet, daß die Trauung nicht in unserer Kirche, sondern im

Tempel stattfindet. Die Stätte, da wir uns fanden, soll uns auch ewig

binden. –

Pfarrer Trewes und Konrad Oswald sollen uns nach protestantischem und

katholischem Ritus zusammengeben, gleich nachdem der Ortsvorsteher uns

standesamtlich verbunden hat.

Leo von ter Mählen geleitet mich durch den unterirdischen Gang zu

meinem Liebsten.

Tante Fernande als stellvertretende Brautmutter weint unablässig und

ist kaum zu gebrauchen.

Eva sieht grau und verfallen aus.

So läßt mich alles allein.

Denn Baron Leo kann auch nur die nötige Haltung bewahren, indem er sich

mit ungewohnter Strenge panzert.

Wie bin ich einsam in der heiligen Stunde, da sonst eine Braut

am Mutterherzen ruht und sich alle Bangigkeit von treuen Lippen

hinwegscheuchen läßt. Selbst Clemens-Hartmut muß der Feier fernbleiben.

Was soll dies liebe, ernste, heißempfindende Kind bei solch seltsamem

Fest?

Am nächsten Morgen.

Diese Zeilen trage ich nun in den ehrenfesten Folianten mit meinem

neuen Namen ein. Ich heiße Brigitte Freifrau von Lage geborene Freiin

von Lage. Gott segne meinen Ausgang und Eingang in das neue Leben! –

Unsere beiden Diener Jan Ulles und Ludwig geleiteten gestern unsern

kleinen Zug mit Lichtern durch den Gang. Es durchschauerte mich

seltsam … Einen Augenblick faßte Leo von ter Mählen meinen Arm

fester. Wollte er mich zurückhalten? Oder glaubte er, ich würde die

Besinnung verlieren? Groß und stolz sah ich ihn an, da murmelte er eine

Entschuldigung. –

Vor der Tür zu Ritter Lages Zimmer ließ man mich allein. Wieder klopfte

ich leise und öffnete sacht die Tür nur eine kleine Spalte. Denn ich

hörte meinen Geliebten leise sprechen. War es ein Gebet? Ich faltete

auch meine Hände.

… »schreibe mir meine Bitte vor, du, die ganze Weisheit und die volle

Güte. Und der du mich von Ewigkeit an geliebt hast. Ja, deine große

Sorge ist meine letzte Stunde. Du willst, daß sie glücklich sei, und um

sie so zu machen, bereitetest du alles vor, vom Anbeginn des Lichtes …

Lichtchen, bist du es?«

»Ja, Ritter Lage.«

»So komm doch herein, du Schönes, du Scheues, du ganz Liebes! Wärest du

eher gekommen, hätten wir miteinander beten können. Alle Lages fangen

ihren Ehestand mit Gebet an. Selbst so wilde, rastlose Gesellen, wie

ich einer bin. Gott grüß’ dich, Gitti!«

»Gott grüß’ dich, Liebster!«

[Illustration]

Dann war die schöne Feier. Und dann gingen die andern alle fort. Nur

wir beide saßen Hand in Hand und Mund an Mund. Und er umschlang mich

mit seinem gesunden Arm, während ich vor ihm kniete, und sagte mir

aberhundert Liebesworte ins Ohr. – Die ich nimmer vergessen werde.

Eva kam, und ich folgte ihr und legte ein weites, weißes, weiches

Hausgewand an, das mit einem feinen goldenen Gürtel von seltsamer Form,

Ritter Lages Brautgeschenk, zusammengehalten wurde. In diesem Kleide

durchwachte ich meine Brautnacht. Mein liebster Mann schlummerte bald

ein, und heute morgen schaute er ganz hell aus den Augen und grüßte

mich froh: ›Guten Morgen, Freifrau von Lage!‹ Und jagte mich dann heim

in den grauen Alltag, auf daß auch ich mich ausruhen solle. Dafür

begehrte er unsern Sohn, Clemens-Hartmut Lage. – Der Junge ist baß

erstaunt, daß aus ihm schier über Nacht ein Freiherr Lage geworden ist.

Er ist zärtlich-gut zu seinem Vater und betreut ihn wie ein gelernter

Krankenwärter. – Auch ich habe fest und traumlos ein paar Stunden

geschlafen. –

Am heiligen Abend.

O du fröhliche, selige Weihnachtszeit!

Nie habe ich dies alte, erinnerunggesättigte Lied so innig gesungen

wie diesmal. – Fröhlich und selig sind die Tage bis heute verlaufen.

Ritter Lage, wie liebt dich dein Weib! Daß ich bei dir sein, daß ich

dich pflegen darf! Daß ich jeden Tag und beinahe jede Stunde hören

darf: ›Meine Gitti, sei gesegnet!‹ Nun hat mein einziger doch heute zum

erstenmal Pläne geschmiedet, und ich habe ihm jauchzend zugestimmt.

Gleich nach dem Fest wollen wir mit dem Reise-Kraftwagen in ein

milderes Klima fahren. Der graue Alltag drückt zu sehr die Stimmung

herunter, – – der Name tut es, und auch die graue, dicke Nebelluft.

– Baron Leo und Ludwig wollen uns als Kuriere begleiten. Mein Tag war

heute schon reich und ausgefüllt. Denn ich brachte die erlesenen Gaben,

die mein Liebster mir für unser Dorf gespendet, in die Häuser, und

überall leuchteten Lichter im grauen Alltag, das waren die dankbaren

Augen meiner Pflegebefohlenen.

Wie gern hätte ich auch im Krankenhaus und Siechenheim und besonders

in meinem eigenen ›Lager Huus‹ ein besonderes Licht angezündet, indem

ich ihm einen lichten Namen gab. – Aber mein Suchen war immer noch

ergebnislos.

Mein Leben ist jetzt so licht. Mich stört der »graue Alltag« nicht.

Mein Glück durchleuchtet ihn.

Mein Glück???

Der graue Alltag und sein Licht · 第 61 / 71 题