Laut rief ich: ›Ich komme!‹ Aber ich wußte nicht, wohin ich gehen
sollte. Doch ich holte Eva, und wir packten ein paar Köfferchen mit
fliegenden Händen, und mein Herz wußte nicht, ob es vor Glück oder vor
Leid so rasend schlug. – Aber nach einer Stunde war Baron Leo bei
mir, und seine große Ruhe teilte sich mir mit. Er hieß die Köfferchen
forttragen und sagte mir, daß Clemens Lage seit ein paar Tagen wieder
im Bildhauertempel wohne und wir nur durch den Lager Forst zu schreiten
hätten. – Viel Seltsames, schier Bedrängendes erzählte mir noch der
liebe Freund von der schweren Krankheit des Ritters Lage, und seine
Blicke ruhten voll Erbarmen auf mir. Aber in mir lebte nur der eine
Gedanke des Wiedersehens mit dem liebsten Manne, der meiner bedurfte.
Der mich brauchte und meine Kraft. –
Wieder nach einer Stunde brachen wir auf. Der Diener Ludwig schritt mit
einer hellen Laterne vor uns her. Baron Leo und Clemens-Hartmut nahmen
mich in die Mitte, und staunend betraten die beiden den Märchenwald
in seiner seltsamen Schönheit und schönen Seltsamkeit. Keines von
uns sprach ein Wort. Was in uns vorging, war Schweigen gebietend.
Clemens-Hartmut schaute aus verträumten Augen, und hie und da drückte
er meine Hand fester. Ich hatte ihm gesagt, daß es zu meinem liebsten
Freunde ginge, und dieser Freund sei sterbenskrank …
In der Clemenskapelle brannte die ewige Lampe.
Mein Herz grüßte sie. Dann war es plötzlich hell am Tempel, und ein
fremder alter Wärter in Dienerkleidung steckte eine Fackel in einen
Eisenknauf. Er verbeugte sich tief, als ich an ihm vorbeischritt. Baron
Leo gab ihm die Hand. »Dies ist Jan Ulles, der dem Clemens vor vielen
Jahren von Lage nach München und von dort nach Holland gefolgt ist«,
stellte er ihn vor. Da reichte ich ihm rasch auch meine Rechte. »Guten
Abend, Jan Ulles«, rief die weiche, liebe Stimme von Clemens-Hartmut. –
Nun stand ich in der Werkstatt an jener Stelle, wo ehedem die ~Pietà~
stand. Und drüben war eine Tür … Mir war’s, als töne es hinter jener
Tür: »Komm, Gitti!« Und da klopfte ich leise. »Ja,« klang es von
drinnen, »_ja_!«
Ich ging hinein.
Oh, ich weiß es, daß ich erschrak. Und doch war meine Liebe so
unsäglich groß. Ich hätte alles Leuchten der Welt haben mögen, um es in
meine Augen zu legen. Aber sie brannten nur wie Feuer, und da weinte
ich, um das Feuer zu löschen. Und stürzte hin an sein Lager, auf beide
Knie ließ ich mich nieder vor ihm und umschlang ihn: »Ritter Lage, wie
hab’ ich mich nach Dir gesehnt!«
Sein tiefes, schönes Lachen klang. Dem hatte der tückische Feind nichts
anhaben können. »Sie ist dieselbe noch! Gott Lob und Dank. Es fehlt nur
der rote Regenschirm.«
Und dann mit tiefem Ernst und hinreißender Zärtlichkeit: »Du
Ewig-Geliebte! Du bist bei mir! Gitti! Mein Licht!«
Ich kniete näher zu ihm heran und richtete mich auf. Und sah sein
völlig entfärbtes Gesicht mit den scharfen Falten, welche die Krankheit
gegraben, die erschreckende Hagerkeit, die wachsgelben Hände, die tief
liegenden Augen, die blasse, hohe Stirn. Und ich küßte ihn innig, da er
es nicht zu wagen schien.
»Wer ist draußen?« fragte er endlich leise. »Leo? Und der Junge? Laß
sie noch eine Weile warten. Mir ist jetzt, als hätte ich doch nur
_dich_ sehen wollen. – Aber nein, – es ist ja richtig. Wir haben
viel zu sprechen über Clemens-Hartmut. – Der Arzt hat mich gehörig
präpariert, damit mich die Schmerzen nicht heimsuchen, solange du
hier bist. Aber sie kommen oft plötzlich und verspotten uns. Rufe den
Jungen, Gitti!«
Clemens-Hartmut kam. Und er sah meine brennenden Tränen und mein tiefes
Leid.
»Weine doch nicht, Gittimuhm,« rief seine weiche, gute Stimme, »ich
habe dich noch nie weinen sehen.« Und sich zu Ritter Lage wendend,
legte er seine warme, feine Kinderhand auf die des Kranken. »Ich werde
bestimmt Arzt,« meinte er beruhigend, »es dauert nicht mehr lange, dann
sind Sie gesund.«
Ritter Lage lächelte. »Das hoffe ich«, sagte er bedeutungsvoll. »Und
nun laß dich einmal recht betrachten, Clemens-Hartmut.«
Vater und Sohn sahen sich schweigend in die Augen.
Dann winkte Clemens, daß sich der Knabe wieder entfernen solle. Er
gehorchte schweigend, und die Tür schloß sich hinter ihm. –
Ich zog mir einen niedrigen Hocker zu dem Ruhebett hin und saß nun ganz
nahe bei dem Geliebten.
»Wie gut sieht der Bub aus!« sagte Clemens leise. »Das schönste Kind
unter all den Lageschen Ahnenbildern … Du wirst ihn recht erziehen,
meine Gitti.« –
»Das will ich, Clemens. Und du wirst mir helfen, ja, Geliebter?«
»Nein, das kann ich nicht«, entgegnete er schroff. »Dies Kind braucht
deine _Liebe_ und gutes, wohlerwogenes Manneswort des Erziehers Oswald.
Ich hab’ genugsam am eigenen Leibe gespürt, was für Gifte sich in eine
Erziehung mischen lassen. Und so soll Clemens-Hartmut niemals Spott
und Ironie zu spüren bekommen, diese Register auf der Dissonanzenorgel,
die man _mir_ zog, und die ich nun am besten meistere.«
»Clemens! Mich hast du nur Liebe spüren lassen.«
»Du echtes Kind!« lachte er. »Mit deiner Verklärungskraft! Ist alles
Weh schon vergessen, das dir von mir kam? Wie gut wäre ich bei dir
aufgehoben gewesen! Und nun sag’ mir, Gitti, – und sieh mich an dabei,
hörst du … wie ein plaudernder Knabe will ich dich fragen –: Was hat
dir den tiefsten Eindruck gemacht in unserm gemeinsamen Erleben? Gelt:
die geheimnisvollen Büttenpapiere? … Oder die ~Pietà~? Über deren Wert
du das für mich feinste Urteil faßtest, indem du Blumen küßtest und
Bäume umarmtest. Oder …?«
»Dein Kuß war es!« rief ich ungestüm. »Ach, du weißt nicht, wie es ist,
wenn man sich nach etwas sehnt und innewird, daß man es nie in seinem
Leben erfahren kann … Da hast _du_ es mir gegeben!« Und ich barg mein
Gesicht in seine Hände und küßte sie.
»Du Seltsames«, sagte Ritter Lage. »Dafür dankst du mir? Für neue
Welten und herb-süße Seligkeiten, die du mich kennen lehrtest, dankst
du mir?«
»Immer, allezeit! Du hast mich aufgeweckt! Es ist so trostlos, sein
Leben zu verschlafen. – Wie sollt’ ich dir nicht danken? Ich bin nun
auch gar nicht scheu mehr, bin recht aufdringlich. Gelt? Findest du
nicht?«
»Erschrecklich.« Und er lachte wieder. »Sieh, – wie wir beide
schulmeistern. Ich lehre dich küssen, und du lehrst mich lachen.
_Wieder_ lachen, meine Gitti. Ah, das ist ungewohnt und tut wohl und
weh.« – Er lehnte sich matt zurück. –
»Nun muß ich gewiß gehen, Liebster«, rief ich erschrocken und richtete
mich auf.
»Ein Weilchen noch,« – bat er, »eine kurze, wichtige Frage lang. Sag’
mir, meine Gitti, was dein höchster Wunsch ist. Du bist noch so jung.
Ich weiß, du liebst Lage und alles, was damit zusammenhängt, – dein
Dorf, deine Leute, die Kapelle, den Märchenwald. Was davon mein ist,
möchte ich _dir_ schenken, möchte dich restlos glücklich sehen, Gitti …
wunschlos … Sprich – Liebste …«
Da nahm ich mein Herz in beide Hände.
Und alle Scheu wich von mir, nur ganz Bitte war ich.
»Laß mich immer bei dir bleiben,« bat ich, – »schick’ mich nicht
fort! Ich mißgönne jedem, selbst deinem alten, treuen Diener, die
Handreichungen bei dir. – Ich darf dich krank und am Boden liegen
sehen, denn ich bin ja dein Kamerad, einen bessern findst du nit!
Ritter Lage! Laß mich bei dir bleiben!«
»Du! Du einzige!« Wie ein Aufschluchzen klang es. Er zog meine Hand an
seine Lippen. Dann rief ich seinen Diener, und ihm folgte Baron Leo auf
dem Fuße. Der Diener gab dem Kranken Wein und ordnete die Kissen, dann
ging er in den Vorraum zu Clemens-Hartmut zurück. Währenddem sprachen
Leo ter Mählen und ich leise miteinander. Bis uns Ritter Lages Stimme
ganz lebhaft rief: »Sie hat entschieden, Freund Leo. Was ich nicht
fassen konnte und wollte, – sie bringt das ungeheure Opfer freiwillig
… Leo, sie bittet mich darum, – Leo, sieh dir dies tapfere Kind an,
– mit Lachen kommt Gitti zum Zornebock … Küsse ihr die Hand, Leo, und
neige dich tief vor der jetzigen und künftigen Herrin von Lage …«
Noch eine Stunde durfte ich bei ihm bleiben. Ritter Lage fühlte sich
wohler denn je. Nur etwas rasch und fieberhaft sprach er. – Er
wollte mich in alles einführen, in seine Pläne über die holländischen
Besitzungen, in das Wohl und Wehe seiner Arbeiter.
Wie war sein Denken scharf, logisch, großzügig und weitsehend! Oft
mußte ich ihn bitten, langsamer vorzugehen, weil ich ihm nicht zu
folgen vermochte.
Dann lachte er herzerquickend musikalisch.
Und wir beide vergaßen in dieser angeregten Stunde die ganze Not, die
sonst so lastend lag. –
45.
Am 1. Advent.
Der Morgen wachte weh herauf.
Der Wind trieb peitschend Staub zuhauf,
Und wirbelnd warf er ihn an meine Wange.
Ich quälte keuchend mich bergan.
Es wehte wild durch Tal und Tann,
Und stöhnend stand ich still, gebeugt und bange.
* * *
Da stach blitzender Sonnenstrahl
Durch Wolkenberge hin zu Tal
Und legte leuchtend sich als Aureole
Um Büsche, Bäume, Wiese, Wald,
Und meine Unrast wurde bald
Im Aufruhr der Natur zum ruhnden Pole.
So kam das Glück mir über Nacht …
Es schlief bei Gott und ist erwacht,
Und siegend bricht es durch die Wolkenberge.
Herrgott, hab’ Dank! Von dir gesandt,
Nehm’ ich’s geweiht aus deiner Hand,
Und über aller Zweifel Meer holt mich der Ferge.
Ein Tannenbäumchen steht vor mir mit einem Wachslicht.
In acht Tagen, wenn ich die zweite Kerze aufstecke, dann zündet
auch der Küster nebenan in der alten Kirche die zwei hohen Lichte
an, und ich werde dem Ritter Lage angetraut. Alle, denen wir unser
Verlöbnis mitgeteilt haben, sahen mich lieb und seltsam an. Und ich
kann diese Blicke nur mit Erstaunen sehen. – Wenn sie mir alle voll
Neid begegneten, so würde ich sie verstehen; ihr Mitleid aber muß ich
zurückweisen. Keiner sieht in mein Herz, keiner weiß, wie es darinnen
ausschaut. Nur Gott und ich.