Und gewann auch wieder eigene Freude, weil ich hoffte …

Abends hatte ich dann noch die näher am Bau Beteiligten bei mir zu

Gast. Baron Leo wurde sehr vermißt. Frau von Heidkamp legte mir

Daumschrauben an, sie wollte wissen, was wir damals »in der Nacht«, wie

sie sich ausdrückte, zu schwatzen gehabt hätten, und was in aller Welt

der Baron in Holland wolle.

»So ein Schatullchen!« meinte sie ärgerlich, als ganz und gar nichts

aus mir herauszubekommen war. »Wer hat den Schlüssel zu Ihnen?«

* * * * *

In diesen ernsten Tagen des Harrens, und wiederum der Erfüllung, da

doch mein Bau zu Ende gekommen war und alles Notleidende in meinem Dorf

eine liebe, umhütende Heimat gefunden hatte, war mir mein köstliches

Instrument ein wahrer Sorgenbrecher und ein schönes Erleben. Ich hätte

wohl der Heidkamperin sagen können, daß Beethoven den Schlüssel zu

meinem Herzen habe, aber das wäre ihr doch nicht die rechte Antwort

gewesen. –

Als ich neulich am Flügel saß und fantasierte, kam mir ein liebes

Thüringer Volkslied nach dem andern unter die Finger, und da setzte

mit einem Male eine Flöte ein und begleitete mich zart und fein recht

aus einem musikalischen Empfinden heraus. Ich sah auf. Mein Bub stand

an den Flügel gelehnt, und ich sah, wie er die kleine Blechflöte

meisterte, die er wohl irgendwann auf dem Jahrmarkt erstanden hatte.

»Das tönt gut, Gittimuhm«, sagte er, als ich die Hände von den Tasten

sinken ließ.

»Und seit wann spielt mein Junge die Flöte?«

»Ohh! Seit ich von Großmutter Sina ein so schönes Buch bekam: ›Der

große König und sein Rekrut.‹ Da wollt’ ich Flöte blasen und schnitt

mir erst eine aus Weiden, und die nahm mir Fräulein Herwardson fort.

Dann kaufte ich mir diese hier für 40 Pfennige und blies nur draußen

auf der Wiese darauf, und im Winter im Hühnerstall. Da hat mich mal

der Flötist von der Stadtkapelle gehört, der kaufte Eier von Fräulein

Herwardson. Und da hat er mir ganz umsonst Stunde gegeben, so ein

guter Mann. Denn er war arm. Deshalb suchte ich ihm im Frühjahr und

Sommer Kräuter zum Tee. Er hatte es auf der Brust. Und der Tee tat ihm

so gut. Schafgarbe und Quendelchen, Tausendgüldenkraut, Königskerze,

Huflattich, Beifuß und Kamille …«

»Und war denn der Flötist zufrieden mit deinen Leistungen?«

»Oh, der wollte mich schon mit in die Kapelle nehmen. Da hätte ich

Geld verdienen können. Aber – nicht mit einer Blechflöte … Und eine

richtige Flöte kostet 20 Mark! Denk’ nur, Gittimuhm, zwan–zig –

Mark!!!«

»Es ist erstaunlich!« –

Seit jenem Tage musiziere ich mit meinem Jungen, aber nur zur Belohnung

fantasieren wir zum Schluß zweistimmig, denn er lernt ganz planvoll

von mir das Klavierspiel, und wir sind fiebereifrig auf die Erledigung

der Aufgabe. So versüße ich mir das Bangen, das Harren, das Warten …

Diese drei Dinge hat der Böse erfunden, und jeder Heilige soll machtlos

dagegen sein. –

Auch das Rennen hinein in den Lager Wald trägt nicht mehr die Heilkraft

von ehedem in sich. –

Freilich hat es einen Reiz mehr bekommen durch meinen lieben, kleinen

Wanderkameraden, der sich mir sofort anschließt, sobald mein Fuß den

Park betritt. So köstlich war es, ihm alle meine Stätten zu zeigen, den

Märchenwald, den Ilexpfad, Joochen Lages Grab, die Clemenskapelle und

den verschlossenen Tempel. Die vielen, mich überstürzenden Knabenfragen

hatten nichts Quälendes für mich, ich mußte ja unablässig daran denken,

daß es ein Lage ist, dem ich Rede und Antwort stehe. –

Und wundergut war das Wandern zu zweien, dies Austauschen der Gedanken

über alles, was zwischen Himmel und Erde einem zehnjährigen Prinzen und

einer Prinzessin, die alle Möglichkeiten verschlafen hat, verständlich

und unverständlich ist.

Was ich mir in stillen Stunden erhofft und ersehnt, solch ein Wandern

mit dem geliebtesten Menschen auf dem Erdenrund, – – nun gab es mir

das Geschick in diesem Knaben, Ritter Lages Sohn. –

Bei ihm lerne ich das rechte _Schauen_. »Wenn ihr nicht werdet wie die

Kinder.« Und ich lernte das herzliche Lachen über harmlose Dinge und

Begegnungen. Häßlichkeiten verklärt mir der sonnige Bursch durch sein

liebes Lachen. –

[Illustration]

Eine »wüste Insel« haben wir entdeckt. So nennt sie der Schelm. Sie

liegt im großen Lager See, und man muß 30 Schläge rudern, dann kann

der Kahn anlegen. Es ist wohl seit undenklichen Zeiten kein Lage

drauf gewesen, ein kleiner Urwald erwartete uns. Aber mein Diener hat

Clemens-Hartmut versprochen, daß er roden wolle, und da ihm bereits die

Wünsche meines Jungen Befehl sind, so hat Ludwig schon Hofarbeiter von

mir erbeten, die ihm bei dem Gröbsten helfen sollen. Ein Tau haben wir

bereits über die Mitte der Insel gespannt, das ist die Grenze zwischen

Siribisi und Satafuna, unsern beiderseitigen Reichen. Am äußersten

Ende eines jeden Besitztumes werden dann zwei Hütten gebaut, so hat es

sich Clemens-Hartmut ausgedacht. Und sie heißen Blauaug und Schwarzaug

und sollen uns beiden zur Wohnstätte dienen. – Bis jetzt ist also die

Insel gar nicht »wüst«, d. h. _einsam_, sondern sie wird von einer

Kolonne fleißiger Arbeiter und Holzfäller belebt, und mein Junge geht

wichtig zwischen ihnen einher, oder »rodet« mit ihnen, ganz stolz, daß

ihm der Schweiß ebenso rinnt, wie den Großen. Abends sehen wir dann

am Seegestade dem Sonnenuntergang zu und genießen den köstlich warmen

Herbst. Eng aneinandergeschmiegt machen wir unsere Beobachtungen.

Wir träumen uns hinein, daß alles lebt und alles fühlt.

Daß alles in der Natur ein lustiges, oder ein ernstes Frage- und

Antwortspiel ist, und daß der See sich kräuselt und Wellen schlägt, und

dadurch dem Wind und dem Sturm Antwort gibt.

Aus den in unendlichen Mengen herumliegenden, wunderlich geformten

Steinen haben wir uns ein Alphabet gemacht und lernen jetzt lesen. Wir

kennen die Buchstaben schon leidlich auseinander. Wo meine Blauaughütte

hinkommen soll, liegen preislich davor 9 Riesensteine aus unserm

Alphabet, die heißen »Zornebock«, und in Siribisi liegen 5 solcher

Ungetüme, die besagen: »Gitti«.

Der graue Alltag und sein Licht · 第 51 / 71 题