Im Oktober.
Unsere beiden Blockhütten sind fertig und sollen morgen eingeweiht
werden. Clemens-Hartmut »hängt nur noch in den Gräten«, so unendlich
wichtig hat er den Fall genommen, und es bedurfte schon seiner großen
Verehrung für Konrad Oswald, daß er das Lernen nicht vergaß. Oswald
besitzt mein ganzes Vertrauen. Wie ruhig und sicher er den Knaben
leitet! Wie er das reiche, überquellende Gefühlsleben vor dem Uferlosen
zu bewahren sucht und eindämmt! Und wie er brachliegendes, schönes
Erdreich bepflanzt und betreut mit der Menschenliebe des echten
Erziehers.
Er hat auch seine Geige wieder hervorgesucht und übt mit meinem Jungen
kleine, schöne Zwiegesänge ein, die ich dann begleite. Hie und da hört
das Personal unsern Konzerten zu, und Eva behauptet, Lage würde »ganz
neu«.
Morgen mit dem frühesten wollen Clemens-Hartmut und ich in die
Blockhütten siedeln und unsere Monarchien ausrufen. Mit köstlicher,
geheimnisvoller Wichtigtuerei deutete mir mein Junge heute zart an, es
sei durchaus nicht ausgeschlossen, daß Prinz Schwarzaug die Prinzessin
Blauaug im Laufe der Jahrhunderte heimführe …
Und ich gab ihm mit gebührendem Ernste zu bedenken, daß Prinzessin
Blauaug niemals heiraten, sondern sich zu gegebener Zeit lieber in eine
Birke verwandeln wolle. In deren Schatten solle dann Prinz Schwarzaug
jeden Sommertag sitzen. Das fand mein Junge auch viel romantischer und
der wüsten Insel angemessener, als eine gewöhnliche Heirat. –
In diesen Tagen wird Baron Leo zurückerwartet.
Ich schreibe dies so nüchtern und ruhig hin, als berge diese Tatsache
nichts Aufregendes in ihrem Schoß. Denn wenn ich je meine Kräfte
zusammenhalten mußte, so ist es jetzt geboten. Auch nicht das geringste
darf absplittern … Ich spüre es, daß ich an einer großen Wende stehe. –
In der Blauaughütte des Reiches Satafuna.
Der ehrenfeste Foliant, den ich im Nachen auf unsere wüste Insel
mit hinübernahm, liegt vor mir und soll erfahren, was in dem gelben
Büttenpapier steht, das ich in der Blauaughütte fand:
»_Meine_ Gitti! Ich muß Dich so nennen, wenn Du Dich auch vielleicht
innerlich ganz gegen mich verschlossen hast. –
Deine Tat, Gitti, – diese hochherzige, stille Tat ist das größte
Erleben, das mir widerfuhr.
Und kein Schmerz und kein Glück meines Lebens, ja selbst nicht jener
Weihnachtsabend im Tempel, reicht an diese Deine Tat heran. –
Ihr Wert liegt in der Stille, mit der Du sie ausführtest.
_Wie danke ich Dir?_
Über die Möglichkeit einer Dankabtragung gegen Dich sinne ich seit
jenem Tage nach, da Leo mir von meinem Sohn erzählte. Er war nicht so
zartfühlend wie Du, – er hat mir nichts erlassen, nicht einmal Deine
schwere Erkrankung, den ›Wirbelsturm‹, der über Dich gegangen ist,
meine blasse, weiße Rose. –
Und so habe ich ihn auch über mich ergehen lassen.
Dein schweigendes Dulden war ja härter für mich, als jeder Vorwurf.
Aber für einen Vorwurf wiederum ist mein herbes Mädchen zu scheu. Und
die einzige Entschuldigung, die es für mich gibt, hast Du, meine Gitti,
in Deinem Gerechtigkeitssinn gewiß gleich selbst angenommen: Ich war
jung, war völlig frei, und – ich kannte _Dich_ nicht.
Natürlich habe ich nicht die Belohnung für mein Verhalten verdient, daß
_Du_ die Mutter meines Knaben geworden bist in Deiner aufopfernden,
holden Güte. Der Gedanke, daß Gitti Lage meinen Sohn erzieht, an ihrem
reinen Herzen, ist beinahe unfaßbar. Ich nehme das Geschenk stolz und
demütig zugleich aus Deiner Hand.
Ich weiß auch, daß Du, mein verehrungswürdiges Kind, längst gut von mir
denkst. In Deiner Seele hat überhaupt kein häßlicher, herabsetzender
Gedanke Raum. Aber daß Du Dich vor mir erschreckt hast, Du Feine, –
der Gedanke kann mich jetzt noch rasend machen. –
Meine Gitti, wie danke ich Dir recht?
Alles, was ich an äußeren Gütern besitze, gehört Dir und meinen beiden
Söhnen. Das ist alles inzwischen schon notariell festgesetzt. Mein
Wunsch ist, daß mein Kind bei Dir bleibt und Dich auf Händen trägt,
weil dies der Vater nicht vermag …
Meine Gitti, weißt Du auch, was das furchtbarste ist für einen
aufrechten Mann? Du mußt die beiden letzten Worte streng geistig
nehmen, damit Du nicht laut lachst über den ›Aufrechten‹. Das
furchtbarste also ist, dem Weibe seiner einzigen Liebe zu gestehen,
daß man am Boden liegt, – – körperlich zerschmettert von grausamer
Schicksalshand.
So, – ich habe es Dir gesagt. Aber _das_ verlange nicht von mir –
trotzdem ich Dir ja nach Deiner Tat _jedes_ Opfer bringen müßte, – daß
ich Dich, Du gesundes, kraftvolles Geschöpf, meine Niederlage _sehen_
lasse. –
Gott segne Dich tausendfach! Hab’ Dank und lebe wohl!