Mitte August.
Nun jährt sich auch schon wieder das Blühen der Heide. Ob es mich
jemals alt und schon vielmal erlebt dünken wird? Nein, immer wieder
grüßt es mich als Offenbarung. Du, meine rote Heide! Grenzenlos ist
deine Schönheit, die leuchtende; grenzenlos deine Macht, die siegende;
grenzenlos deine Stille, die träumende; grenzenlos, wie meine Liebe,
die sehnende, zu dir, du meine rote Heide! – Aber war sie je so
leuchtend, so siegend, so still, so liebevoll wie diesmal? Da zwei
verträumte, wunderschöne Kinderaugen in all das Blühen schauen und eine
seltsam weiche, tiefe Knabenstimme mich fragt: »So also schaut sie aus,
deine Heide, Gittimuhm’?«
Wo ich das Licht dieser Kinderaugen fand, soll der ehrenfeste Foliant
erfahren. –
Zünd an, Brigitte, zünd an!
Mit dem Zettel aus dem Bibelbuch der Korb-Sina kam ich nach Haus. Und
ich spürte ihn immer zwischen meinen Fingern und fühlte, daß ich nicht
loskam von ihm. Wohl erschrak Eva sehr, als ich sie einen Koffer rüsten
hieß, und sie wehrte sich tapfer und packte mit Sorgfalt, und diese
Zwiespältigkeit brachte sie wieder in huschende Unrast. Meinen braven
Diener hieß ich auch, sich bereitmachen, und er las sich im Fahrplan
zurecht und legte mir die fertigen Auszüge vor. So fand mich der Abend
meines Geburtstages im Eilzuge und der leuchtende, helle Augustmorgen
schon in K. Das Städtchen lag altmodisch zwischen Wiesen und Wäldern
eingebettet, die Fenster der kleinen, seltsam bunten Häuser blinzelten
verträumt. – Der Diener brachte mich in einen sauberen Gasthof, wo
man mir so rasch einen duftenden Kaffee vorsetzte, als habe man mich
als lieben Gast erwartet. Dann gab man uns einen knappen, von jeder
Neugier baren Bescheid über das letzte Haus in K., und nach dem Imbiß
wanderten wir hin. Ich hieß den Diener, sich in das Gärtchen zu setzen,
das in allen Farben spielte von den gelben Sonnenblumen an über bunte
Malven und leuchtend roten Mohn zum braunen Frauenschühlein und lila
Heliotrop, dessen Duft uns schon auf der Landstraße begrüßt und umweht
hatte. Einen altmodischen Klopfer setzte ich in Bewegung, da kamen auch
schon flinke Füße, und es wurde geöffnet. Zum erstenmal tauchten meine
Blicke wieder in Lager Augen.
»Fräulein Herwardson ist verreist«, berichtete die tiefe, ruhige
Knabenstimme.
»Clemens-Hartmut Lage!« sagte ich – und dann stieg ein heißes Rot in
mein Gesicht.
»Ja, – Clemens-Hartmut bin ich,« meinte er erstaunt, »aber ich heiße
Dörping.«
So hatte ich ihn gefunden. Und ich war des Glückes voll, wie nie in
meinem Leben. Alle Bitterkeit war ausgelöscht, alles Häßliche in ein
verklärendes Licht getaucht, – ich fühlte, wie schwer mein Kampf
gewesen war und restlos nun mein Sieg. Voll Entzücken sah ich in das
schöne, reine Antlitz des Knaben, sah die schlanke, biegsame, gesunde
Gestalt, der auch der von ungeschickten Dorfschneiderhänden angepaßte
grobe Anzug nichts anhaben konnte.
»Du lieber Junge, ich bin die Freiin Brigitte Lage, und ich stand
jemand sehr nahe, der – – –«
»Gewiß der lieben Großmutter Sina«, entgegnete er lebhaft. »Sie hat mir
Ihren Namen genannt. Sie können eintreten, Fräulein von Lage, – meine
Pflegemutter kommt nicht vor morgen zurück. Ich muß das Haus bewachen«,
setzte er mit leichtem Stolz hinzu. Sein ganzes Gebaren war köstlich
altväterisch, ritterlich, weit über seine zehn Jahre hinaus bedächtig.
Er öffnete mir eine weiße Flügeltür, die in ein Biedermeierzimmer
führte, und hier rückte er mir einen Sessel und ein Fußbänkchen
zurecht, alles mit der Grandezza eines geschulten Pagen. In straffer
Haltung blieb er vor mir stehen, bis ich ihm bedeutete, sich neben mich
zu setzen. –
›Du lieber, feiner Junge!‹ mußte ich nur immer denken. Und mein Herz
war gar nicht bei mir, sondern bei dem Knaben, der schon nach kurzer
Zeit zutraulich seine Hand auf die meine gelegt hatte.
»Ich liebe Lage so sehr«, sagte er mit tiefstem Aufseufzen.
»Kennst du es denn, Clemens-Hartmut?«
»O so _gut_! Aber nicht wirklich, nur aus Großmutter Sinas Erzählungen.
Sie war eine sehr edle Frau, nicht wahr, Fräulein von Lage? Sie hat mir
so viel Gutes getan, wie nirgend ein Mensch.«
Ich strich ihm über den dunklen Lockenkopf. »Sie hat dich und deine
Mutter sehr geliebt, mein Junge«, sagte ich warm. Da nickte er ernst.
»Nun kommen bald die Herbstferien«, meinte er sinnend. »Wie gern
möcht’ ich sie einmal bei Großmutter verbringen! Warum kenne ich Lage
gar nicht? Vielleicht kann man das teure Fahren sparen und zu Fuß
hinwandern. Solche Sehnsucht hab’ ich nach Großmutter Sina …«
Er sah mich vertrauensvoll an, und ich zermarterte mir Herz und
Kopf, wie ich wohl diesem Kind zart genug den Tod dieser Großmutter
übermitteln könnte. Ich meinte, ich könne es nicht ertragen, diese
Augen, in denen schon ein frühes Weh stand, noch mehr verdunkelt, und
die feinen, schmalen Lippen in Schmerz verzogen zu sehen. –
»Soll ich dir von Lage erzählen?« fragte ich auswegsuchend.
»Wie schön!« Er strahlte. »Ich gehe heute erst um zehn Uhr in die
Schule. Aber ich sehe durch das Fenster einen fremden Mann in unserm
Garten, ich muß fragen, was er will, und ihm verbieten, irgendeine
Blume abzureißen, sonst wird Fräulein Herwardson rasend …«
Ich lachte herzlich. »Meinst du, Clemens-Hartmut, daß meine Gegenwart
nicht etwas heilsamen Zwang auferlegt?«
»Ich glaube nicht«, meinte er altklug. »Sie sieht dann gar nicht, wer
dabei ist, und schlägt nur so drauflos …«
»Du sagst doch nicht, daß sie dich schlägt, – _dich_«, rief ich
hastig, und eine tiefe Abneigung gegen die Person stieg in mir hoch.
Der Junge legte einen Augenblick sein Gesicht auf seine Arme, aber dann
schaute er mit zusammengepreßten Lippen mir gerade ins Gesicht. »Sie
ist nicht gut«, sagte er leise.
»Mein Junge, mein ganz lieber Junge!« konnte ich nur sagen und legte
den Arm um seine schlanke, leichte Gestalt, und er schmiegte sich
für die Dauer eines Augenblickes an mich an, und ich fühlte, daß ein
trockenes Schluchzen ihn überkam.
»Es ist nicht männlich, ich weiß es,« sagte er leise, »aber Sie sind
gut mit mir, das kann ich beinahe nicht ertragen. Wenn die Großmutter
Sina kam, war ich auch immer so elend … Wir wollen hinaus in den Garten
gehen, – bei den Blumen bin ich immer am liebsten, und ich sehe es
jetzt, Ihr Diener hat ein gutes Gesicht, Fräulein von Lage.«
»Könnten wir nicht doch noch ein Weilchen hier allein bleiben,
Clemens-Hartmut? Ich möchte dir so gern etwas von Lage erzählen, –
etwas Ernstes …«
»Ja, Lage ist sehr ernst«, sagte er ruhig. »Großmutter Sina meinte,
es lache kein Mensch in Lage, und es gäbe auch gar nichts zu lachen.
Deshalb war ich ja so froh, als Sie vorhin eine so lustige Bemerkung
machten. Beinahe hätte ich auch gelacht, aber ich bin es so gar nicht
gewohnt.«
Ich sah voll tiefen Erbarmens auf den lieben Burschen hin und war in
großer Not. Denn ich wußte nicht, wie ich zu dem Schweren überleiten
sollte. – Und auch er sah mich an, und eine Menge wichtiger Fragen
schienen ihm durch Kopf und Herz zu gehen. Sein ausdrucksvolles Gesicht
verriet es. –
»Was dünkt dich, mein kleiner Clemens, soll ich dich gleich heute mit
nach Lage nehmen?«
Die Frage sprang ihn förmlich an, und weil ich dazu lachte, denn dies
Seelchen brauchte ja Lachen und Freude, so glaubte er wohl, es sei ein
fröhlicher Scherz von mir. Wie Sonnenschein ging’s über sein beredtes
Mienenspiel, und nun sah ich auch, daß der Junge den Lageschen Humor
besaß.
»Der Clemens kann gleich mit Ihnen gehen, Fräulein von Lage, aber der
Hartmut muß warten, bis Fräulein Herwardson zurückkommt.«
»Was fange ich mit einem halben Jungen an?« scherzte ich weiter, »und
was soll ich von ihm mitnehmen, den Kopf oder die Füße?« –
»_Alles!_« rief er plötzlich ungestüm und schmiegte sich an mich. »Wir
wollen gleich jetzt fortgehen und nie wiederkommen, ja? Weiß es die
Großmutter? Oder ist alles nur ein Spaß?«
»Das wäre ein schlechter Spaß, wenn du doch solche Sehnsucht nach Lage
hast … Aber die Großmutter Sina weiß nichts, – sie war sehr krank,
mein lieber Junge, und liegt immer noch fest im Bett.«
»Krank war sie? Dann erschrickt sie am Ende, wenn ich sie so überfalle.
Aber vielleicht kann ich dann erst ein paar Wochen bei _Ihnen_ wohnen,
Fräulein von Lage …«
»Wäre dir das lieb, mein Junge? Du kennst mich noch so wenig.«
»Oh, ich kenne Sie gut«, meinte er ernsthaft. »Ich habe Sie schon oft
geträumt, da sahen Sie genau so aus, wie Sie da sitzen. Sie hatten ein
weiches, weißes, seidenes Kleid an, ganz licht waren Sie …«
»Du närrischer Schwärmer,« lachte ich, »du liest gewiß viel Märchen.«
Und setzte leise an seinem Ohr fragend hinzu: »Kennst du das Märchen
von Gitti und dem Zornebock?«
Er schüttelte die dunklen Locken. »Ist es schön?« fragte er.
»Ja, sehr schön, aber sehr traurig.«
Da streichelte er mich. Und wie ich die warme, schmale Kinderhand auf
meinem Gesicht fühlte, da zog ich das Kind an mich und küßte es, und
dann sagte ich ihm, daß seine Großmutter heimgegangen sei.
»Heimgegangen?« wiederholte er ernst, und mit den tränenlosen Augen sah
er trostlos wie in Fernen hinein. »Wohin ist sie gegangen?«
»Zu Gott, Clemens-Hartmut.«
Er schüttelte langsam den Kopf. »Fräulein Herwardson sagt, das wäre
_auch_ ein Märchen …«
Da sprang ich rasch auf, und ein fester Entschluß nahm Besitz von mir.
»Du lieber Junge,« rief ich, »du wirst jetzt dein Köfferchen packen,
und ich rufe meinen braven, zuverlässigen Diener da draußen. Der wird
hier in K. bleiben und unermüdlich aufpassen, wann deine Pflegerin
wiederkommt. Er soll ihr sagen, daß ich dich mit mir nahm, – – und
daß du nicht wieder zurückkehrst – – –.«
»Wohin? Großmutter Sina ist tot«, sagte er tonlos.
»_Mein_ Junge! _Mein_ Junge!«
Das stammelte und lachte und weinte ich so ein Weilchen vor mich hin.
Bis es in dem kleinen, verstörten Jungskopf zu dämmern anfing und er
forschend, ungebärdig fragte: »Ihr Junge? Ich soll Ihr Junge in Lage
sein?«
»Ja! ja! ja! _Mein_ Lager Junge!«
»Und wie soll ich dich nennen, Fräulein von Lage?«
»Gittimuhm! Sag’ Gittimuhm!!!!«
Ende August.
So ist es geschehen, daß mein Herzensjunge neben mir in der blühenden
Heide sitzt, daß ich in die Klarheit seiner Kinderaugen schauen darf,
und alles, was ich an Bitterem erlebt, liegt weit hinter mir. Wir
haben uns köstlich traut in Lage eingerichtet. Mein Junge hat das
große, sonnige Zimmer bekommen, das einst Ohm Matthias bewohnte, wir
machen nun Pläne, wie wir es im Winter ausstatten. Diese unverwöhnten
Kinderhände füllen zu können, ist ein Glück ohnmaßen. Wie bescheiden
sind seine Wünsche! Wie köstlich sein Erstaunen, wenn sie gewährt
werden.
Wir haben uns selbst Ferien gegeben. Ich schrieb an den Direktor des
Gymnasiums in K., und er bestätigte mir, was ich ahnte und immer aufs
neue erlebe, daß ich ein seltenes Kräutlein in meinen Hausgarten
gepflanzt habe,
»ich grub’s mit allen Würzlein aus …«
Die hafteten nicht fest in der ehemaligen Heimat, der man wohl gar
nicht diesen trauten Namen geben darf. Clemens-Hartmut blüht auf in
Lage. Ich habe dem Direktor meine Pläne unterbreitet, und er ist
mit allem einverstanden. Konrad Oswald, unser alter, neugewählter
Pfarrer, übernimmt den Unterricht des Knaben, – alljährlich wird
Clemens-Hartmut in K. geprüft, ob er Schritt hält mit der Klasse,
die seinem Alter angemessen ist. Die Stunde, da ich mit Konrad Oswald
über Clemens-Hartmut sprach, war schwer und wunderlich. Oswald weiß
jetzt, daß mein Junge Urenkel der Korb-Sina ist, und will es auch Maria
mitteilen. Er hält sein Weib für großdenkend genug, daß sie restlos
ihre verwandtschaftliche Liebe dem Knaben entgegenbringen wird. Ich
denke nicht engherzig, daß Clemens nur _meine_ Liebe braucht und der
anderen gar nicht bedarf, – ich will ihm die gleiche liebereiche
Kindheit und Jugend schaffen, wie auch ich sie einst mein nannte.
Da soll jeder gesegnet sein, der mir Herz und Hände füllt. Auch
vom Klassenlehrer meines Jungen erhielt ich einen lieben, wahrhaft
väterlichen Brief, trotzdem der Herr noch jung und stürmend ist. Er
bittet um die Erlaubnis, Clemens-Hartmut öfters besuchen zu dürfen,
um seinen Werdegang noch unmittelbarer verfolgen zu können, denn er
erwartet etwas »Besonderes von dem ›schwarzen Burschen‹«. Wie mich das
stolz macht!
Daß Clemens-Hartmut Ritter Lages Sohn ist, habe ich Oswald nicht
erzählt …
Ich warte auf Baron Leo, das zweite Ich des Ritter Lage.
Dieser abgeklärte, reife Mann wird mein bester Berater sein. Ich sehne
die Stunde herbei, da ich ihm alles sagen kann, was mich zutiefst
bewegt. Und ich weiß, in jener Stunde wird Baron Leo ganz sachlich
urteilen, – er wird unser beider Glück im Auge haben, Clemens’ Glück
und das meine, und _nur diesen_ einen Punkt. – Deshalb lege ich alles
in seine verläßlichen Hände. –
In mir selbst aber ist wieder die Sehnsucht aufgewacht und sieht mich
mit großen, erwartungsvollen Augen an. Darf ich sie grüßen? Wenn
Clemens-Hartmut gesund, feingliedrig und wohlgebaut ist … Ist damit
nicht der Fluch von den Lages genommen? Wenn _doch_ das Glück in mein
Leben träte, und nicht das Entsagen? Herrgott, du weißt es! Ich selbst
wollte nie etwas anderes begehren, als in heiliger Liebe, die zugleich
edelste Freundschaft wäre, neben Ritter Lage zu wandern, ungezählte
Jahre hindurch. Nur sein liebes, kluges Antlitz immer und immer wieder
anschauen dürfen, seine Augen vertrauend, liebevoll auf mich gerichtet
zu wissen, seine feste männliche Hand in der meinen zu halten, – es
würde mir wahrlich nicht nur Genügen bedeuten, sondern Überfluß.
Wie aber sollte ich den Reichtum ertragen, wenn ich wirklich sein Weib
sein dürfte? Ganz eins mit dem Geliebtesten?
Dies Glück zu fassen, müßte ich wohl erst lernen. Herzliebster Lehrer,
glückselige Schülerin!
In der Nacht vom Sonntag zum Montag.
Heute hatte ich Gäste.
Es war ein angeregter Kreis meiner nächststehenden Freunde, und
zugleich ein Einstandsfest für meinen Pflegesohn, – eine Feier
für den neuen Pfarrer Konrad Oswald und ein Begrüßungsfest für den
heimgekehrten Freund Leo von ter Mählen. Es waren nur die Heidkamper
da, der geistvolle katholische Pfarrer Trewes, beide Oswalds, sowie
unsere guten Pastorsleute Hansen. Morgen ziehen sie an den sonnigen
Rhein, glückselig, dies dunkle Heideland verlassen zu dürfen. In ihrer
Freude wurden sie ganz geistvoll-strahlend beredt und machten einen so
gewinnenden Eindruck, daß Oswald mir scherzend zuraunte: »Gestehen Sie
es nur, verehrte Baronin, es tut Ihnen schon leid, mich hergeholt zu
haben …«
Da konnten wir beide uns freilich fröhlich-verständnisvoll zunicken.
Nach dem Abendbrot kam Clemens-Hartmut auf ein Stündchen zu uns herein.
Als er mich in meinem weichen, weißseidenen Gesellschaftskleide sah,
das sich in reichen Falten um mich und den alten, geschnitzten, grünen
Sessel legte, – da leuchteten seine dunklen Augen auf. Ohne auf die
fremden Menschen zu achten, lief er zu mir hin und rief mit seiner
weichen, schönen Stimme: »Siehst du, wie du leuchtest, du Lichtchen?«
Dann küßte er mir etwas verwirrt die Hand, weil mein Gesicht ihm wohl
blaß und ungewöhnlich ernst erschien. Ich hatte ihn in einen schwarzen
Samtanzug getan, seine dunkeln Locken wurden köstlich von einem
schweren Brüsseler Kragen eingerahmt, wie man sie auf van Dycks Bildern
sieht. Ich fand ihn in einer der Lageschen Truhen. Die schlanken
Beinchen, an welche sich enge Kniehosen anlegten, steckten in seidenen
Strümpfen und Schnallenschuhen.
Ein schönes Bild war mein Junge. Ich erhob mich an seiner Hand und
stellte ihn ganz feierlich als meinen Pflegesohn vor. –
Frau von Heidkamp liefen die hellen Tränen über das Gesicht. Sie ist
so rasch und warm empfindend, man las ihre Gedanken beinahe schon
vom Gesicht ab, ehe sie sich ungestüm äußerte: »Was gebt ihr für ein
entzückendes Bild ab, ihr beiden Schwarzweißen!« Dann küßte sie mich
und den Jungen, der es sich mit einem leichten Trotz, den sie reizend
fand, gefallen ließ. –
Erst als alle andern uns beglückwünscht hatten, kam langsam Baron Leo
aus seiner entfernten Ecke auf uns zu. Sein vornehmes, leicht erblaßtes
Gesicht mit den ausdrucksvollen ernst-frohen Augen war in befremdetem
Erstaunen auf den Knaben gerichtet.
»Wie heißest du???« fragte er mit nicht ganz fester Stimme.
»Clemens-Hartmut Dörping.«
Baron Leo legte einen Augenblick die Hand über die Augen. Als er sie
sinken ließ, war sein Gesicht völlig entfärbt.
»Was ficht Sie an, Baron Leo?« fragte ich leise.
»Eine Erinnerung«, war die ebenso leise Antwort. »Ich habe nur ein
einzig Mal den Ritter Lage als Kind gesehen, er sah aus wie dieser –
Ihr Junge.«
* * * * *
Dann wurde es noch recht lustig an jenem Abend. Es wurden Reden auf
Haus Lage und die »junge Mutter« gehalten; die geistreichste in sehr
flüssigen Versen gab uns der katholische Pfarrer. Voll Humor war sie
außerdem, und gleich darauf dankte Clemens-Hartmut überraschend nett,
in kindlichen, feinen Reimen, in meinem und seinem Namen. Dann nahm er
auf einen Wink von mir bescheiden Abschied und zog sich zurück. Und in
all der fröhlichen Lautheit, die nun folgte, und in der die berühmten
schweren Weine des Lager Kellers nicht geschont wurden, dachten Baron
Leo und ich unablässig das Gleiche: »Wären doch alle erst fort! Wir
haben uns soviel zu sagen.«
Und es wurde wirklich einmal Mitternacht, die Gäste fuhren und gingen
fort, und ich weiß nicht, auf welche Weise es Baron Leo fertigbrachte,
sich nicht von den Heidkamps in ihren Wagen zwingen zu lassen. Auch
die leise neckenden und erstaunten Zurufe der Heidkamperin ließen
ihn völlig kalt, er tat, als sei er der Gebieter »von’t Lager Huus«.
Mit lauter Stimme verkündete er, daß Wichtiges mit der Baronin Lage
er zu besprechen habe und deshalb dankbar die gütige Einladung des
Pfarrhauses Oswald annähme, um dort zu übernachten. Er würde auch den
verehrten Herrschaften so rasch als irgend möglich dorthin nachfolgen.
– Dann gab er noch allen das Geleit, während ich drinnen am großen,
runden Tisch stand und die Papiere meines Jungen aus einer grauen,
unscheinbaren Mappe nahm und vor mich hinbreitete. Mit raschem Ruck
wurde dann von Baron Leo die Tür geöffnet, ohne daß er vorher noch
einmal geklopft hätte.
»Wer ist der Junge, Freiin Brigitte? Ist er Lages Sohn?«
»Ja.«
Dann erzählte ich ihm alles. Und sah, wie es in dem Freunde arbeitete,
und sah, daß er heute noch nicht als »alter, verständiger Mann« zu mir
gekommen war, sondern daß er erst während meiner Erzählung seine eigene
Hoffnung für immer begrub. Ich hatte wohl nicht hindern können, daß
_meine_ Hoffnung mich durchleuchtete.
Noch lange, nachdem ich geendet, saß er mir schweigend gegenüber. Dann
stand er langsam auf und nahm meine beiden Hände. »Sie sollen Ihre
Mission keinem Unwürdigen anvertraut haben, Freiin Brigitte, ich hafte
Ihnen für die sorgsamste Ausführung. Noch in dieser Nacht fahre ich mit
dem Kraftwagen nach Holland. Was soll ich Ritter Lage sagen?«
»_Daß ihm die Gitti gehört für Zeit und Ewigkeit in Lager Treue!_«
September.
Heute ist mein Krankenhaus und mein Kinderheim geweiht worden.
Welch schöner Tag! Wenn er auch seltsam für mich war, da ich nichts vom
Ritter Lage und nichts von Baron Leo gehört habe. Wenigstens nichts,
was von Belang für mich ist. Clemens Lage hat für das Krankenhaus eine
große Summe an Oswald überwiesen, die dieser mir heute überreichte.
Er tat es in Feierlichkeit, und ich dankte mit wohlgesetzten Worten.
Neben mir stand mein Junge, und die Dörfler alle schauten neugierig,
aber doch freundlich in sein schönes, feines Gesicht. Die wenigsten
haben den Ritter Lage von Angesicht gesehen, so fällt ihnen auch keine
Ähnlichkeit auf. Pastor Oswald und Pfarrer Trewes hielten je eine
Ansprache an die protestantischen und katholischen Dorfbewohner; der
sympathische Baumeister überreichte mir ein Bund, und ich erschloß
das Haupttor mit einem besonders kunstreich geschmiedeten Schlüssel.
Dann folgten mir alle durch die schönen, großen Zimmer und lichten,
kleinen Nebenräume. Im Saal war eine lange, blumengeschmückte Tafel
aufgestellt, geblümte Kannen, Tassen und Teller und Berge von Kuchen
standen darauf. –
Clemens-Hartmut war überall.
Wo es etwas zu helfen gab, besonders bei den uralten Weiberchen und
bresthaften Mannsen sah ich das schöne, in Mitleid und Liebe leuchtende
Knabenantlitz.
Und wo er sprach und half, da streckten sich auch mir runzlige Hände
voll Dank entgegen: »Was ist er doch für ein lieber Bub!«
An den Kinderbettchen stand er und machte den Kleinsten Schattenspiele
mit seinen gelenkigen Fingern, und den Größeren erzählte er Märchen.
Und war doch bei mir, just wenn ich ihn brauchte, und fragte zärtlich:
»Ist meine Gittimuhm fröhlich?« Und jedesmal nickte ich, nur um die
sonnigen Augen nicht zu trüben.