Mir aber war’s, als hätte ich gelesen: »_Zünd_ an, Brigitte, zünd an!«

Mitte August.

Nun jährt sich auch schon wieder das Blühen der Heide. Ob es mich

jemals alt und schon vielmal erlebt dünken wird? Nein, immer wieder

grüßt es mich als Offenbarung. Du, meine rote Heide! Grenzenlos ist

deine Schönheit, die leuchtende; grenzenlos deine Macht, die siegende;

grenzenlos deine Stille, die träumende; grenzenlos, wie meine Liebe,

die sehnende, zu dir, du meine rote Heide! – Aber war sie je so

leuchtend, so siegend, so still, so liebevoll wie diesmal? Da zwei

verträumte, wunderschöne Kinderaugen in all das Blühen schauen und eine

seltsam weiche, tiefe Knabenstimme mich fragt: »So also schaut sie aus,

deine Heide, Gittimuhm’?«

Wo ich das Licht dieser Kinderaugen fand, soll der ehrenfeste Foliant

erfahren. –

Zünd an, Brigitte, zünd an!

Mit dem Zettel aus dem Bibelbuch der Korb-Sina kam ich nach Haus. Und

ich spürte ihn immer zwischen meinen Fingern und fühlte, daß ich nicht

loskam von ihm. Wohl erschrak Eva sehr, als ich sie einen Koffer rüsten

hieß, und sie wehrte sich tapfer und packte mit Sorgfalt, und diese

Zwiespältigkeit brachte sie wieder in huschende Unrast. Meinen braven

Diener hieß ich auch, sich bereitmachen, und er las sich im Fahrplan

zurecht und legte mir die fertigen Auszüge vor. So fand mich der Abend

meines Geburtstages im Eilzuge und der leuchtende, helle Augustmorgen

schon in K. Das Städtchen lag altmodisch zwischen Wiesen und Wäldern

eingebettet, die Fenster der kleinen, seltsam bunten Häuser blinzelten

verträumt. – Der Diener brachte mich in einen sauberen Gasthof, wo

man mir so rasch einen duftenden Kaffee vorsetzte, als habe man mich

als lieben Gast erwartet. Dann gab man uns einen knappen, von jeder

Neugier baren Bescheid über das letzte Haus in K., und nach dem Imbiß

wanderten wir hin. Ich hieß den Diener, sich in das Gärtchen zu setzen,

das in allen Farben spielte von den gelben Sonnenblumen an über bunte

Malven und leuchtend roten Mohn zum braunen Frauenschühlein und lila

Heliotrop, dessen Duft uns schon auf der Landstraße begrüßt und umweht

hatte. Einen altmodischen Klopfer setzte ich in Bewegung, da kamen auch

schon flinke Füße, und es wurde geöffnet. Zum erstenmal tauchten meine

Blicke wieder in Lager Augen.

»Fräulein Herwardson ist verreist«, berichtete die tiefe, ruhige

Knabenstimme.

»Clemens-Hartmut Lage!« sagte ich – und dann stieg ein heißes Rot in

mein Gesicht.

»Ja, – Clemens-Hartmut bin ich,« meinte er erstaunt, »aber ich heiße

Dörping.«

So hatte ich ihn gefunden. Und ich war des Glückes voll, wie nie in

meinem Leben. Alle Bitterkeit war ausgelöscht, alles Häßliche in ein

verklärendes Licht getaucht, – ich fühlte, wie schwer mein Kampf

gewesen war und restlos nun mein Sieg. Voll Entzücken sah ich in das

schöne, reine Antlitz des Knaben, sah die schlanke, biegsame, gesunde

Gestalt, der auch der von ungeschickten Dorfschneiderhänden angepaßte

grobe Anzug nichts anhaben konnte.

»Du lieber Junge, ich bin die Freiin Brigitte Lage, und ich stand

jemand sehr nahe, der – – –«

»Gewiß der lieben Großmutter Sina«, entgegnete er lebhaft. »Sie hat mir

Ihren Namen genannt. Sie können eintreten, Fräulein von Lage, – meine

Pflegemutter kommt nicht vor morgen zurück. Ich muß das Haus bewachen«,

setzte er mit leichtem Stolz hinzu. Sein ganzes Gebaren war köstlich

altväterisch, ritterlich, weit über seine zehn Jahre hinaus bedächtig.

Er öffnete mir eine weiße Flügeltür, die in ein Biedermeierzimmer

führte, und hier rückte er mir einen Sessel und ein Fußbänkchen

zurecht, alles mit der Grandezza eines geschulten Pagen. In straffer

Haltung blieb er vor mir stehen, bis ich ihm bedeutete, sich neben mich

zu setzen. –

›Du lieber, feiner Junge!‹ mußte ich nur immer denken. Und mein Herz

war gar nicht bei mir, sondern bei dem Knaben, der schon nach kurzer

Zeit zutraulich seine Hand auf die meine gelegt hatte.

»Ich liebe Lage so sehr«, sagte er mit tiefstem Aufseufzen.

»Kennst du es denn, Clemens-Hartmut?«

»O so _gut_! Aber nicht wirklich, nur aus Großmutter Sinas Erzählungen.

Sie war eine sehr edle Frau, nicht wahr, Fräulein von Lage? Sie hat mir

so viel Gutes getan, wie nirgend ein Mensch.«

Ich strich ihm über den dunklen Lockenkopf. »Sie hat dich und deine

Mutter sehr geliebt, mein Junge«, sagte ich warm. Da nickte er ernst.

»Nun kommen bald die Herbstferien«, meinte er sinnend. »Wie gern

möcht’ ich sie einmal bei Großmutter verbringen! Warum kenne ich Lage

gar nicht? Vielleicht kann man das teure Fahren sparen und zu Fuß

hinwandern. Solche Sehnsucht hab’ ich nach Großmutter Sina …«

Er sah mich vertrauensvoll an, und ich zermarterte mir Herz und

Kopf, wie ich wohl diesem Kind zart genug den Tod dieser Großmutter

übermitteln könnte. Ich meinte, ich könne es nicht ertragen, diese

Augen, in denen schon ein frühes Weh stand, noch mehr verdunkelt, und

die feinen, schmalen Lippen in Schmerz verzogen zu sehen. –

»Soll ich dir von Lage erzählen?« fragte ich auswegsuchend.

»Wie schön!« Er strahlte. »Ich gehe heute erst um zehn Uhr in die

Schule. Aber ich sehe durch das Fenster einen fremden Mann in unserm

Garten, ich muß fragen, was er will, und ihm verbieten, irgendeine

Blume abzureißen, sonst wird Fräulein Herwardson rasend …«

Ich lachte herzlich. »Meinst du, Clemens-Hartmut, daß meine Gegenwart

nicht etwas heilsamen Zwang auferlegt?«

»Ich glaube nicht«, meinte er altklug. »Sie sieht dann gar nicht, wer

dabei ist, und schlägt nur so drauflos …«

»Du sagst doch nicht, daß sie dich schlägt, – _dich_«, rief ich

hastig, und eine tiefe Abneigung gegen die Person stieg in mir hoch.

Der Junge legte einen Augenblick sein Gesicht auf seine Arme, aber dann

schaute er mit zusammengepreßten Lippen mir gerade ins Gesicht. »Sie

ist nicht gut«, sagte er leise.

»Mein Junge, mein ganz lieber Junge!« konnte ich nur sagen und legte

den Arm um seine schlanke, leichte Gestalt, und er schmiegte sich

für die Dauer eines Augenblickes an mich an, und ich fühlte, daß ein

trockenes Schluchzen ihn überkam.

»Es ist nicht männlich, ich weiß es,« sagte er leise, »aber Sie sind

gut mit mir, das kann ich beinahe nicht ertragen. Wenn die Großmutter

Sina kam, war ich auch immer so elend … Wir wollen hinaus in den Garten

gehen, – bei den Blumen bin ich immer am liebsten, und ich sehe es

jetzt, Ihr Diener hat ein gutes Gesicht, Fräulein von Lage.«

»Könnten wir nicht doch noch ein Weilchen hier allein bleiben,

Clemens-Hartmut? Ich möchte dir so gern etwas von Lage erzählen, –

etwas Ernstes …«

»Ja, Lage ist sehr ernst«, sagte er ruhig. »Großmutter Sina meinte,

es lache kein Mensch in Lage, und es gäbe auch gar nichts zu lachen.

Deshalb war ich ja so froh, als Sie vorhin eine so lustige Bemerkung

machten. Beinahe hätte ich auch gelacht, aber ich bin es so gar nicht

gewohnt.«

Ich sah voll tiefen Erbarmens auf den lieben Burschen hin und war in

großer Not. Denn ich wußte nicht, wie ich zu dem Schweren überleiten

sollte. – Und auch er sah mich an, und eine Menge wichtiger Fragen

schienen ihm durch Kopf und Herz zu gehen. Sein ausdrucksvolles Gesicht

verriet es. –

»Was dünkt dich, mein kleiner Clemens, soll ich dich gleich heute mit

nach Lage nehmen?«

Die Frage sprang ihn förmlich an, und weil ich dazu lachte, denn dies

Seelchen brauchte ja Lachen und Freude, so glaubte er wohl, es sei ein

fröhlicher Scherz von mir. Wie Sonnenschein ging’s über sein beredtes

Mienenspiel, und nun sah ich auch, daß der Junge den Lageschen Humor

besaß.

»Der Clemens kann gleich mit Ihnen gehen, Fräulein von Lage, aber der

Hartmut muß warten, bis Fräulein Herwardson zurückkommt.«

»Was fange ich mit einem halben Jungen an?« scherzte ich weiter, »und

was soll ich von ihm mitnehmen, den Kopf oder die Füße?« –

»_Alles!_« rief er plötzlich ungestüm und schmiegte sich an mich. »Wir

wollen gleich jetzt fortgehen und nie wiederkommen, ja? Weiß es die

Großmutter? Oder ist alles nur ein Spaß?«

»Das wäre ein schlechter Spaß, wenn du doch solche Sehnsucht nach Lage

hast … Aber die Großmutter Sina weiß nichts, – sie war sehr krank,

mein lieber Junge, und liegt immer noch fest im Bett.«

»Krank war sie? Dann erschrickt sie am Ende, wenn ich sie so überfalle.

Aber vielleicht kann ich dann erst ein paar Wochen bei _Ihnen_ wohnen,

Fräulein von Lage …«

»Wäre dir das lieb, mein Junge? Du kennst mich noch so wenig.«

»Oh, ich kenne Sie gut«, meinte er ernsthaft. »Ich habe Sie schon oft

geträumt, da sahen Sie genau so aus, wie Sie da sitzen. Sie hatten ein

weiches, weißes, seidenes Kleid an, ganz licht waren Sie …«

»Du närrischer Schwärmer,« lachte ich, »du liest gewiß viel Märchen.«

Und setzte leise an seinem Ohr fragend hinzu: »Kennst du das Märchen

von Gitti und dem Zornebock?«

Er schüttelte die dunklen Locken. »Ist es schön?« fragte er.

»Ja, sehr schön, aber sehr traurig.«

Da streichelte er mich. Und wie ich die warme, schmale Kinderhand auf

meinem Gesicht fühlte, da zog ich das Kind an mich und küßte es, und

dann sagte ich ihm, daß seine Großmutter heimgegangen sei.

»Heimgegangen?« wiederholte er ernst, und mit den tränenlosen Augen sah

er trostlos wie in Fernen hinein. »Wohin ist sie gegangen?«

»Zu Gott, Clemens-Hartmut.«

Er schüttelte langsam den Kopf. »Fräulein Herwardson sagt, das wäre

_auch_ ein Märchen …«

Da sprang ich rasch auf, und ein fester Entschluß nahm Besitz von mir.

»Du lieber Junge,« rief ich, »du wirst jetzt dein Köfferchen packen,

und ich rufe meinen braven, zuverlässigen Diener da draußen. Der wird

hier in K. bleiben und unermüdlich aufpassen, wann deine Pflegerin

wiederkommt. Er soll ihr sagen, daß ich dich mit mir nahm, – – und

daß du nicht wieder zurückkehrst – – –.«

»Wohin? Großmutter Sina ist tot«, sagte er tonlos.

»_Mein_ Junge! _Mein_ Junge!«

Das stammelte und lachte und weinte ich so ein Weilchen vor mich hin.

Bis es in dem kleinen, verstörten Jungskopf zu dämmern anfing und er

forschend, ungebärdig fragte: »Ihr Junge? Ich soll Ihr Junge in Lage

sein?«

»Ja! ja! ja! _Mein_ Lager Junge!«

»Und wie soll ich dich nennen, Fräulein von Lage?«

»Gittimuhm! Sag’ Gittimuhm!!!!«

Ende August.

So ist es geschehen, daß mein Herzensjunge neben mir in der blühenden

Heide sitzt, daß ich in die Klarheit seiner Kinderaugen schauen darf,

und alles, was ich an Bitterem erlebt, liegt weit hinter mir. Wir

haben uns köstlich traut in Lage eingerichtet. Mein Junge hat das

große, sonnige Zimmer bekommen, das einst Ohm Matthias bewohnte, wir

machen nun Pläne, wie wir es im Winter ausstatten. Diese unverwöhnten

Kinderhände füllen zu können, ist ein Glück ohnmaßen. Wie bescheiden

sind seine Wünsche! Wie köstlich sein Erstaunen, wenn sie gewährt

werden.

Wir haben uns selbst Ferien gegeben. Ich schrieb an den Direktor des

Gymnasiums in K., und er bestätigte mir, was ich ahnte und immer aufs

neue erlebe, daß ich ein seltenes Kräutlein in meinen Hausgarten

gepflanzt habe,

»ich grub’s mit allen Würzlein aus …«

Die hafteten nicht fest in der ehemaligen Heimat, der man wohl gar

nicht diesen trauten Namen geben darf. Clemens-Hartmut blüht auf in

Lage. Ich habe dem Direktor meine Pläne unterbreitet, und er ist

mit allem einverstanden. Konrad Oswald, unser alter, neugewählter

Pfarrer, übernimmt den Unterricht des Knaben, – alljährlich wird

Clemens-Hartmut in K. geprüft, ob er Schritt hält mit der Klasse,

die seinem Alter angemessen ist. Die Stunde, da ich mit Konrad Oswald

über Clemens-Hartmut sprach, war schwer und wunderlich. Oswald weiß

jetzt, daß mein Junge Urenkel der Korb-Sina ist, und will es auch Maria

mitteilen. Er hält sein Weib für großdenkend genug, daß sie restlos

ihre verwandtschaftliche Liebe dem Knaben entgegenbringen wird. Ich

denke nicht engherzig, daß Clemens nur _meine_ Liebe braucht und der

anderen gar nicht bedarf, – ich will ihm die gleiche liebereiche

Kindheit und Jugend schaffen, wie auch ich sie einst mein nannte.

Da soll jeder gesegnet sein, der mir Herz und Hände füllt. Auch

vom Klassenlehrer meines Jungen erhielt ich einen lieben, wahrhaft

väterlichen Brief, trotzdem der Herr noch jung und stürmend ist. Er

bittet um die Erlaubnis, Clemens-Hartmut öfters besuchen zu dürfen,

um seinen Werdegang noch unmittelbarer verfolgen zu können, denn er

erwartet etwas »Besonderes von dem ›schwarzen Burschen‹«. Wie mich das

stolz macht!

Daß Clemens-Hartmut Ritter Lages Sohn ist, habe ich Oswald nicht

erzählt …

Ich warte auf Baron Leo, das zweite Ich des Ritter Lage.

Dieser abgeklärte, reife Mann wird mein bester Berater sein. Ich sehne

die Stunde herbei, da ich ihm alles sagen kann, was mich zutiefst

bewegt. Und ich weiß, in jener Stunde wird Baron Leo ganz sachlich

urteilen, – er wird unser beider Glück im Auge haben, Clemens’ Glück

und das meine, und _nur diesen_ einen Punkt. – Deshalb lege ich alles

in seine verläßlichen Hände. –

In mir selbst aber ist wieder die Sehnsucht aufgewacht und sieht mich

mit großen, erwartungsvollen Augen an. Darf ich sie grüßen? Wenn

Clemens-Hartmut gesund, feingliedrig und wohlgebaut ist … Ist damit

nicht der Fluch von den Lages genommen? Wenn _doch_ das Glück in mein

Leben träte, und nicht das Entsagen? Herrgott, du weißt es! Ich selbst

wollte nie etwas anderes begehren, als in heiliger Liebe, die zugleich

edelste Freundschaft wäre, neben Ritter Lage zu wandern, ungezählte

Jahre hindurch. Nur sein liebes, kluges Antlitz immer und immer wieder

anschauen dürfen, seine Augen vertrauend, liebevoll auf mich gerichtet

zu wissen, seine feste männliche Hand in der meinen zu halten, – es

würde mir wahrlich nicht nur Genügen bedeuten, sondern Überfluß.

Wie aber sollte ich den Reichtum ertragen, wenn ich wirklich sein Weib

sein dürfte? Ganz eins mit dem Geliebtesten?

Dies Glück zu fassen, müßte ich wohl erst lernen. Herzliebster Lehrer,

glückselige Schülerin!

In der Nacht vom Sonntag zum Montag.

Heute hatte ich Gäste.

Es war ein angeregter Kreis meiner nächststehenden Freunde, und

zugleich ein Einstandsfest für meinen Pflegesohn, – eine Feier

für den neuen Pfarrer Konrad Oswald und ein Begrüßungsfest für den

heimgekehrten Freund Leo von ter Mählen. Es waren nur die Heidkamper

da, der geistvolle katholische Pfarrer Trewes, beide Oswalds, sowie

unsere guten Pastorsleute Hansen. Morgen ziehen sie an den sonnigen

Rhein, glückselig, dies dunkle Heideland verlassen zu dürfen. In ihrer

Freude wurden sie ganz geistvoll-strahlend beredt und machten einen so

gewinnenden Eindruck, daß Oswald mir scherzend zuraunte: »Gestehen Sie

es nur, verehrte Baronin, es tut Ihnen schon leid, mich hergeholt zu

haben …«

Da konnten wir beide uns freilich fröhlich-verständnisvoll zunicken.

Nach dem Abendbrot kam Clemens-Hartmut auf ein Stündchen zu uns herein.

Als er mich in meinem weichen, weißseidenen Gesellschaftskleide sah,

das sich in reichen Falten um mich und den alten, geschnitzten, grünen

Sessel legte, – da leuchteten seine dunklen Augen auf. Ohne auf die

fremden Menschen zu achten, lief er zu mir hin und rief mit seiner

weichen, schönen Stimme: »Siehst du, wie du leuchtest, du Lichtchen?«

Dann küßte er mir etwas verwirrt die Hand, weil mein Gesicht ihm wohl

blaß und ungewöhnlich ernst erschien. Ich hatte ihn in einen schwarzen

Samtanzug getan, seine dunkeln Locken wurden köstlich von einem

schweren Brüsseler Kragen eingerahmt, wie man sie auf van Dycks Bildern

sieht. Ich fand ihn in einer der Lageschen Truhen. Die schlanken

Beinchen, an welche sich enge Kniehosen anlegten, steckten in seidenen

Strümpfen und Schnallenschuhen.

Ein schönes Bild war mein Junge. Ich erhob mich an seiner Hand und

stellte ihn ganz feierlich als meinen Pflegesohn vor. –

Frau von Heidkamp liefen die hellen Tränen über das Gesicht. Sie ist

so rasch und warm empfindend, man las ihre Gedanken beinahe schon

vom Gesicht ab, ehe sie sich ungestüm äußerte: »Was gebt ihr für ein

entzückendes Bild ab, ihr beiden Schwarzweißen!« Dann küßte sie mich

und den Jungen, der es sich mit einem leichten Trotz, den sie reizend

fand, gefallen ließ. –

Erst als alle andern uns beglückwünscht hatten, kam langsam Baron Leo

aus seiner entfernten Ecke auf uns zu. Sein vornehmes, leicht erblaßtes

Gesicht mit den ausdrucksvollen ernst-frohen Augen war in befremdetem

Erstaunen auf den Knaben gerichtet.

»Wie heißest du???« fragte er mit nicht ganz fester Stimme.

»Clemens-Hartmut Dörping.«

Baron Leo legte einen Augenblick die Hand über die Augen. Als er sie

sinken ließ, war sein Gesicht völlig entfärbt.

»Was ficht Sie an, Baron Leo?« fragte ich leise.

»Eine Erinnerung«, war die ebenso leise Antwort. »Ich habe nur ein

einzig Mal den Ritter Lage als Kind gesehen, er sah aus wie dieser –

Ihr Junge.«

* * * * *

Dann wurde es noch recht lustig an jenem Abend. Es wurden Reden auf

Haus Lage und die »junge Mutter« gehalten; die geistreichste in sehr

flüssigen Versen gab uns der katholische Pfarrer. Voll Humor war sie

außerdem, und gleich darauf dankte Clemens-Hartmut überraschend nett,

in kindlichen, feinen Reimen, in meinem und seinem Namen. Dann nahm er

auf einen Wink von mir bescheiden Abschied und zog sich zurück. Und in

all der fröhlichen Lautheit, die nun folgte, und in der die berühmten

schweren Weine des Lager Kellers nicht geschont wurden, dachten Baron

Leo und ich unablässig das Gleiche: »Wären doch alle erst fort! Wir

haben uns soviel zu sagen.«

Und es wurde wirklich einmal Mitternacht, die Gäste fuhren und gingen

fort, und ich weiß nicht, auf welche Weise es Baron Leo fertigbrachte,

sich nicht von den Heidkamps in ihren Wagen zwingen zu lassen. Auch

die leise neckenden und erstaunten Zurufe der Heidkamperin ließen

ihn völlig kalt, er tat, als sei er der Gebieter »von’t Lager Huus«.

Mit lauter Stimme verkündete er, daß Wichtiges mit der Baronin Lage

er zu besprechen habe und deshalb dankbar die gütige Einladung des

Pfarrhauses Oswald annähme, um dort zu übernachten. Er würde auch den

verehrten Herrschaften so rasch als irgend möglich dorthin nachfolgen.

– Dann gab er noch allen das Geleit, während ich drinnen am großen,

runden Tisch stand und die Papiere meines Jungen aus einer grauen,

unscheinbaren Mappe nahm und vor mich hinbreitete. Mit raschem Ruck

wurde dann von Baron Leo die Tür geöffnet, ohne daß er vorher noch

einmal geklopft hätte.

»Wer ist der Junge, Freiin Brigitte? Ist er Lages Sohn?«

»Ja.«

Dann erzählte ich ihm alles. Und sah, wie es in dem Freunde arbeitete,

und sah, daß er heute noch nicht als »alter, verständiger Mann« zu mir

gekommen war, sondern daß er erst während meiner Erzählung seine eigene

Hoffnung für immer begrub. Ich hatte wohl nicht hindern können, daß

_meine_ Hoffnung mich durchleuchtete.

Noch lange, nachdem ich geendet, saß er mir schweigend gegenüber. Dann

stand er langsam auf und nahm meine beiden Hände. »Sie sollen Ihre

Mission keinem Unwürdigen anvertraut haben, Freiin Brigitte, ich hafte

Ihnen für die sorgsamste Ausführung. Noch in dieser Nacht fahre ich mit

dem Kraftwagen nach Holland. Was soll ich Ritter Lage sagen?«

»_Daß ihm die Gitti gehört für Zeit und Ewigkeit in Lager Treue!_«

September.

Heute ist mein Krankenhaus und mein Kinderheim geweiht worden.

Welch schöner Tag! Wenn er auch seltsam für mich war, da ich nichts vom

Ritter Lage und nichts von Baron Leo gehört habe. Wenigstens nichts,

was von Belang für mich ist. Clemens Lage hat für das Krankenhaus eine

große Summe an Oswald überwiesen, die dieser mir heute überreichte.

Er tat es in Feierlichkeit, und ich dankte mit wohlgesetzten Worten.

Neben mir stand mein Junge, und die Dörfler alle schauten neugierig,

aber doch freundlich in sein schönes, feines Gesicht. Die wenigsten

haben den Ritter Lage von Angesicht gesehen, so fällt ihnen auch keine

Ähnlichkeit auf. Pastor Oswald und Pfarrer Trewes hielten je eine

Ansprache an die protestantischen und katholischen Dorfbewohner; der

sympathische Baumeister überreichte mir ein Bund, und ich erschloß

das Haupttor mit einem besonders kunstreich geschmiedeten Schlüssel.

Dann folgten mir alle durch die schönen, großen Zimmer und lichten,

kleinen Nebenräume. Im Saal war eine lange, blumengeschmückte Tafel

aufgestellt, geblümte Kannen, Tassen und Teller und Berge von Kuchen

standen darauf. –

Clemens-Hartmut war überall.

Wo es etwas zu helfen gab, besonders bei den uralten Weiberchen und

bresthaften Mannsen sah ich das schöne, in Mitleid und Liebe leuchtende

Knabenantlitz.

Und wo er sprach und half, da streckten sich auch mir runzlige Hände

voll Dank entgegen: »Was ist er doch für ein lieber Bub!«

An den Kinderbettchen stand er und machte den Kleinsten Schattenspiele

mit seinen gelenkigen Fingern, und den Größeren erzählte er Märchen.

Und war doch bei mir, just wenn ich ihn brauchte, und fragte zärtlich:

»Ist meine Gittimuhm fröhlich?« Und jedesmal nickte ich, nur um die

sonnigen Augen nicht zu trüben.

Der graue Alltag und sein Licht · 第 50 / 71 题