Deine Brigitte.«

Im Januar.

Wie öde ist dieser Monat. So lastend der Schnee. Und wenn er vertaut,

wie tief und zäh dann der Schmutz in der Dorfstraße. Ich muß dann

plötzlich an mein liebliches, reinliches, blühendes Erfurt denken,

darinnen ich nie einen so dichten, nimmer sich hebenden, nassen Nebel

erlebte. Oder sind das nur Stimmungen? Ist alle Verklärungskraft von

mir gewichen? Dünkte mich nicht einst auch der Nebel schön? Weil ich

durch ihn hindurch in die Waldkapelle schreiten durfte, in der mein

Licht glühte? Und lachte ich nicht früher hellauf, wenn ich mit meinen

festen Rindsledernen im Schlamm steckenblieb, nur weil es Lager Erde

war, die sich an meine Sohlen heftete und mich festhielt im Lager Grund?

Aus der Tiefe schmerzlicher Stunden, des Heimwehs, der Vereinsamung

hilft mir jetzt oft Beethoven, der Schutzherr der deutschen Lages.

Wenn ich nicht allzuoft an meinen Flügel komme, so liegt es an der

großen Arbeitslast, die auf mir ruht, und die Baron von ter Mählen

»ungeheuerlich für ein kleines Mädchen« findet. Er ahnt doch wohl nicht

so recht, daß diese Arbeit meinen einzigen Gesundbrunnen bildet, in den

ich niedertauche, wie in ein Kohlensäurebad. Und dann die Musik, –

Beethoven! Die Töne dünken mich Eimerchen, die sich in mich versenken

und dann wieder emporsteigen, randvoll gefüllt mit guten Gedanken und

Vorsätzen, die sich nun verteilen lassen auf ödes Brachland rings

um mich her. Musik ist Religion, sie hebt meine Seele zu Gott. Die

Holländer Lages waren nicht ausübend musikalisch, sie sind allezeit nur

»musikhungrig« gewesen, wie mir einmal Baron ter Mählen andeutete. Und

dies Innerliche ist oft mehr als protzendes Künstlertum.

Mein köstlicher Bechsteinflügel ist recht mein treuer Freund. Er

muß mir ja auch alles ersetzen, was sonst in junge Herzen Glück

hineinbringt. Und ich kann ihm weit mehr anvertrauen als irgendeinem

lebendigen Menschen. Und wenn er es weit hallend ausplaudert bis in

den Winterwald hinein oder es flüsternd an das leuchtende Kaminfeuer

hinsagt, so tut er mir nicht weh, sondern wohl. – –

Am Siechenheim und Krankenhaus wird bienenfleißig gebaut, soweit es

wechselnde Witterung zuläßt. Der junge Baumeister verehrt den Ritter

Lage sehr und hat diese Verehrung auf mich übertragen. Er geht ganz

in unsern Gedanken und Anregungen auf, und jedesmal, wenn ich den Bau

besichtige, finde ich wieder etwas Neues. Etwas noch Schöneres und

Zweckmäßigeres, als ich es mir vorgestellt hatte. Das ist ein köstlich

Miteinanderarbeiten. Wenn der Frühling kommt, dann wird wohl das Haus

fertig stehen, und ich will ihm und zugleich meinem Haus und Dorf einen

neuen Namen geben. Das »Lager Huus« soll freilich bestehen bleiben,

aber »der graue Alltag …« Könnt’ ich dies Wort verschwinden lassen!

Könnt’ ich’s mit hartem Meißel ausmerzen bei den Leuten und in meinem

eigenen Innern. Noch bin ich nicht so weit. An jenem Tage freilich,

jenem unvergeßlichen, da der Topasenring im Tannenbäumchen hing, da mir

Ritter Lage sagte: »Ich habe dich lieb, Gitti …«, da hätte ich jubelnd

rufen mögen: »Ist irgendwo auf dieser gesegneten Gotteswelt noch grauer

Alltag?« Und hätte Kraft und Willen gehabt, ihn mit meinem Überfluß an

Liebe zu durchsonnen. Das ist vorbei. Ein Abglanz jenes Geständnisses

aber blieb als stilles Leuchten in mir. Es kann nie wieder ganz dunkel

werden in Lage. Aber grau ist es noch ringsumher, und wie soll ich

einen leuchtenden Namen finden, wenn er nicht aus Licht und Helle

herausgeboren wird? Warten muß ich. In Gehorsam gegen Gott warten.

Mich strebend weiter mühen.

Zünd an, Brigitte, zünd an!

42.

Im Februar.

Wie schrieb ich so treibend fröhlich in den ehrenfesten Folianten

hinein, als noch eine treibende Fröhlichkeit in mir selbst schaffte.

Jetzt nehme ich immer nur Anläufe, aber es kommt nicht zum sicheren

Sprunge über die Hemmungen hinweg. Die lieben Nachbarn, das Pfarrhaus,

die Lehrersleutlein, die Heidkamper und Baron Leo sorgen sich um mich.

Man sagt mir, daß ich schlecht aussähe, große, bange Augen bekommen

hätte und Anlage zur Einsiedelei in mir trüge, der ich um die Welt

nicht nachgeben dürfe. Man schlägt mir eine große, zerstreuende Reise

vor, und jeder einzelne dieser treuen, besorgten Freunde hat mir einen

andern Fahrplan ausgearbeitet. Zerstreuung erhoffen sie für mich! –

Und ich brauche Sammlung. Niemals habe ich in Lager Abgeschlossenheit

Theater und Konzerte so sehr entbehrt, wie ich in der lauten Stadt die

Natur entbehrte. Und jetzt soll ich schon fahnenflüchtig werden? Meinen

Vorsätzen? Muhme Jesuliebes Mahnungen? Meinem Dorfe? Meinem Hause?

Meinem Lager Wald? Wie wenig kennt ihr doch alle die Gitti. Die Ehre

des Namens Lage gebietet, da ich hier bleibe. So sei es. –

Heute, nach so langen Wochen, kam ein guter, treuer Brief des Pastors

Konrad Oswald aus Berlin. – Maria kann sich in der Großstadt nicht

eingewöhnen, so schreibt er, aber er selbst fühlt sich ganz auf dem

rechten Posten. Er muß noch Petrus, der Fischer sein, seine Kirche

ist noch vielfach leer, aber auf die Hilfe und Treue der wenigen,

die ihm allsonntäglich zuhören, baut er fest. Von der Seelsorge

außerhalb der Kirche spricht er überaus fesselnd und rühmt Maria, die

eine vorbildliche Pfarrfrau sei und mit den elendesten Kranken und

verkommensten »Gesunden« in seinem Sprengel Fühlung habe. Aber alle

seine werbenden Berichte über Marias Eigenschaften vermöchten kein Echo

im Herzen seiner Mutter zu wecken, die mit verstockter Starrheit an

ihrem Eigensinn festhalte. Nicht mit Bitterkeit schreibt er davon, aber

tieftraurig. Es muß sehr schmerzen, wenn man in einem nahestehenden

Menschen echte Liebe vermutete und erfindet ihn als klingende Schelle

und tönendes Erz. –

Ich aber will es noch nicht wahr haben, daß diese feine, alte Frau

nur verstockt ist. Wer will ein Mutterherz und seine vielfarbigen

Schwingungen ergründen, oder sie gar mit kurzen Worten abtun?

Jedenfalls bin ich sehr glücklich, daß Pfarrer Oswald mir endlich

geschrieben hat, und daß ich auf diese Weise Bindeglied bleibe. Denn

ich hörte von Frau von Heidkamp, daß Oswalds Mutter herzensgut von mir

gesprochen habe. – So wird sie mich auch eines Tages wieder in ihre

Freundschaft rufen und wird bei mir anfragen, wie es ihrem Sohne gehe.

Dann kann ich ihr antworten, daß er die rechte Gattin fand, die seinen

Beruf ideal erfaßt und in ihm aufgeht, und daß es töricht von der

Mutter sei, sich nicht in seinem Glücke mit zu sonnen.

Grauer Alltag im Mai.

Heute jährt es sich, daß ich ins Lager Huus einzog. Aber ich muß

erzählen, was mir geschah, als ich das letztemal den ehrenfesten

Folianten aus der Hand legte. –

Es war an einem lenzigen Februartag, da ich zum erstenmal wieder leise

singend in den Wald schritt. Ein altes Lied aus Kindertagen fiel mir

ein. Und mir wurde frühlingsfroh zu Sinn, und kindhaft war mein Fühlen

und nicht ahnend, daß der Abend dieses vorlenzigen Tages ein weher,

herbstlicher, ein brutal zerstörender sein sollte.

»Nun fangen die Weiden zu blühen an,

Die Vögelein zwitschern schon dann und wann;

Und lieget auch noch in Furchen der Schnee,

Und täte der Reif auch dem Frühling weh – –

Wer weiß, über Nacht …

Da kommt er mit Macht!

_Nun jauchze, mein Herz!_«

Wirblig war’s mir in Kopf und Herz von den aberhundert Erinnerungen,

die durch dieses Lied geweckt wurden. An köstliche, unvergeßliche

Stunden, da wir es einst im Thüringer Walde sangen. Ich lehnte mich

sinnend an den Stamm einer der Weiden, die den Lager Weiher umstehen.

Und die schier rot wie Blut leuchteten von warmer, treibender

Vorfrühlingskraft. – Da sagte eine mißtönende Stimme irgendwoher:

»_Sie kann singen – – sie kann es schon wieder._« Dann folgte ein

schrilles Lachen.

Die Korb-Sina hatte sich schier in die Höhlung der Weide verkrochen,

ein Korb mit Baumerde stand neben ihr. Das Weib sah mich böse an, und

doch auch abwesenden Blickes, als sei sie sich nicht völlig bewußt, mit

wem sie spreche.

Und da ich in ihre gramvollen Züge sah und die Anklage, die in den

Augen stand, nicht ertragen konnte, fragte ich eindringlich: »Sina, was

habe ich dir getan?«

Die Alte kreischte auf. »Sie fragt! Sie untersteht sich zu fragen!

Die reiche Baronin fragt, was sie dem ärmsten Weib im Dorf gestohlen

hat.« – –

Nun hätte ich wohl weit fortlaufen mögen, aber Sina hielt mich mit

harten, knochigen Fingern fest.

»Laß mein Kleid und meine Hand los,« gebot ich ruhig, »ich setze mich

neben dich auf den andern Stamm, wenn du mir Wichtiges zu sagen hast.«

»Wichtiges?« wiederholte sie spöttisch. »Ich glaube wohl. Wichtiges! Je

nun, wie man es nimmt! Wichtiger für Sie, gnädige Baronin, als für die

verachtete Korb-Sina. Wenn Sie mir nicht meine Maria genommen hätten,

behielte ich’s für mich, was ich weiß …«

»Ich habe dir nicht deine Maria genommen«, rief ich ungestüm, aber sie

fuhr fort, als hätte ich sie nicht unterbrochen.

»So aber bin ich für Gerechtigkeit. Warum sollen Sie, die Fremde, die

eigentlich gar nicht hierher gehört, die Lager Luft riechen, die Lager

Milch trinken und das rote Lager Gold besitzen und meine Maria da in

der stickigen, wilden Stadt hocken, allein, mit einem Mann, der _dich_

liebt, jawohl _dich_, _dich_!« Und sie schüttelte mich.

Ich riß mich los. Mein Herz schlug laut, aber ich war doch ruhig, oder

ich konnte es scheinen. »So wirst du mich nie wieder berühren, Sina!«

gebot ich fest. »Das schickt sich nicht für dich und nicht für mich.

Und das weißt du wohl. Und nur, weil du Sehnsucht nach deiner Enkelin

hast, antworte ich dir. –

Konrad Oswald liebt seine Maria«, fuhr ich fort. »Wer in so warmen

Worten sein Weib preist, wie es Marias Gatte tut, der gehört ihr auch …«

Sina machte eine wegwerfende Handbewegung.

»Ehren muß er sie, aber das andre, das andre … Warum sind Sie hier?«

fuhr sie mich an. »Meinen Sie, weil ich die verachtete Korb-Sina bin,

ich merke nichts? Ich spüre die Motten nicht, die ums Helle flattern?

Bis sie sich verbrannt haben? – Ich hab’ den Herrn Baron Ellers

gefunden, _ich_ hab’ ihn zuerst gesehen«, trumpfte sie auf. – Mir

war jetzt sehr bang geworden. Sinas Augen sahen nicht aus, als ob die

Besitzerin völlig klar sei. – Und es war auch empfindlich kalt auf

dem feuchten Weidenstamm. Mich fröstelte. »Ja, und dann ist da der

Baron von ter Mählen, ist Mitte 50 und macht noch schöne Augen. Und

der Heidkamper. Und der Baumeister! Und der neue Pfarrer! Alles, alles

Motten …«

»Sie ist verrückt,« sagte ich mir, »sie sieht entsetzlich aus, und du

mußt rasch fort von ihr.« Aber ich blieb doch ruhig sitzen, um sie

nicht zu reizen. Und plötzlich bog sie sich zu mir herüber, daß ein

widerlicher Atem meine Wange streifte; er kam wie aus einer Gruft. »Ja,

und dann ist da noch der Baron Clemens Lage …«

Kerzengerade fuhr ich in die Höhe. »Was unterstehst du dich??!« –

»Hab’ ich’s getroffen?« zischte sie frohlockend. »Ahhhh! Aber den, –

den bekommen Sie nicht! Der ist gezeichnet. Gott sei Lob und Dank! Den

hält sein Schicksal von Ihnen weg und – – –«

»Seine Ehrenhaftigkeit«, sagte ich laut und wußte nicht, warum ich es

sagte, und warum ich diesem schrecklichen Weibe Rede und Antwort stand.

»Seine Ehrenhaftigkeit!« kreischte sie toll auflachend. »Ahhh, nennt

man das so bei den Vornehmen??? Also aus Ehrenhaftigkeit nahm er Sie

nicht am Weihnachtsabend und verdarb Sie? Da Ihnen die Liebe aus den

Augen sprang, als ob Sie ein Bauernkind wären, Sie gnädige Baronin?«

Mir war’s, als erstarrte ich in eisiger Kälte körperlich und seelisch

vom Kopf an bis zu den Füßen. »Ich weiß nicht, wo du gelauscht haben

magst, Sina,« entgegnete ich tonlos, »ich weiß auch nicht, warum du mir

all dies Entsetzliche sagst … auch nicht, warum du den Baron Lage so

schmähst, der dir nur Gutes getan hat und noch tut …«

Wieder lachte sie schrill. »Ich weiß es«, sagte sie dann böse. »Und

ich weiß auch, warum Sie nicht aufstehen und weglaufen. Weil Sie Angst

vor der Korb-Sina haben. Die könnte Sie hinterrücks überfallen, weil

sie durchaus will, daß Sie alles bis zuletzt anhören. Sie sind jung

und gesund, gnädige Baronin, Ihnen macht das bißchen Kälte nichts aus,

mir gibt es vielleicht den Rest. Gleichviel, ich muß Ihnen noch eine

Geschichte erzählen.«

Da setzte ich wirklich zum Fortlaufen an, aber ein so unheimlicher

Blick traf mich, daß ich mich frierend wieder auf dem Weidenstamm

zusammenduckte. Jetzt redete sie mit einer eintönig marternden Stimme,

die nur hie und da von einem haßerfüllten Ausruf durchzischt wurde:

»Wenn eine alte Dienerin schlecht von ihrem Herrn denken muß, den

sie von seinen Bubenjahren an vergöttert hat, – dann ist es ebenso

ein fressend Leid, als wenn jemand seine Liebste verliert, – ja, so

denk’ ich. Und wenn die zimperliche Eva den ›Ritter Lage‹ fatschte und

hätschelte und sich einbildete, all seine Klugheit hätte er von ihr,

seiner Amme, in sich hineingetrunken, und wenn sie ihm später all seine

dummen Streiche nachsah und ihn vor Strafen schützte: so hat sie es

vielfältig von ihm wiederbekommen. Er hat sie, als er noch Kind war,

gestreichelt und geküßt und nach ihr verlangt; und als er Jüngling war,

hat er sie angelacht und ihr zugejubelt, wenn er in die Ferien kam.

Wo ich aber seinen Weg kreuzte, da hat er mich verächtlich aus seinen

schwarzen Augen angeguckt, und seine Mundwinkel hat er herabgezogen, ja

einmal, als ich ihn lachend festhalten wollte, zog seine Peitsche einen

roten Striemen über meinen Hals. Da sollt’ er abbitten, – das gnädige

Fräulein Jesuliebe verlangte es von ihm. Denn sie war gerecht. Aber der

Junker demütigte sich nicht vor mir, denn er war stolz. Da ließ ihn das

gnädige Fräulein hungern, denn sie wollte ihn _recht_ erziehen, aber

er hungerte lieber, als daß er sich mit mir abgab. – Dann ist er mir

immer aus dem Wege gegangen. Aber ich liebte so sehr seine Schönheit

und Sauberkeit und Vornehmheit und stand von weitem und hatte nur den

einen Wunsch, ihm Handreichungen tun zu dürfen, ihm zu dienen, wie die

alte Eva. Aber er hatte einmal scharf und abschließend geäußert: ›Nicht

mit der Feuerzange möcht’ ich die anrühren.‹ Bei jedem andern hätte ich

gelacht, denn ich war schön, und alle liefen mir nach, aber bei diesem

Dreikäshoch, der er damals war, schmerzte es mich zum Schreien. Dann

vergingen die Jahre, er kam auf die Universität und auf die Akademie

nach München, und dann heiratete er nach Holland. Erst als Witwer ging

er ›in’t Lager Huus‹ und begegnete mir und sprach mit mir, denn ich

war ja nun eine alte, verwitterte Frau geworden. Und da er unerkannt

in Lage wohnen wollte, unerkannt auch von Eva, so bat er mich, seine

Zimmer und den Tempel in Ordnung zu halten, und sah wohl, daß ich

verschwiegen war wie das Grab, verschwiegener als Eva, die allgemein

Geachtete, die deshalb mit jedermann plauderte. Und ich meinte, es gebe

in der ganzen Welt keinen Ritter, denn den Ritter Lage.«

In diesem Augenblick schob ich ganz mechanisch in ihre lange Rede

hinein: »Es gibt in der ganzen Welt keinen Ritter, denn den Ritter

Lage!«

Sie schien es diesmal nicht zu hören, denn sie fuhr gleich fort zu

erzählen. Aber sie richtete sich steil auf dabei, während sie vorher

ganz zusammengesunken war. »Gnädige Baronin, Sie wissen, daß ich ein

heißes Geschöpf war. Aber ich war eine gute Mutter. Von meinen Kindern

hat keins zu darben brauchen, ich hab’ auch keines fortgegeben, sie

fanden alle Unterschlupf bei der Korb-Sina, die für alle Brot schaffte.

Daß sie dann doch auch alle verdarben, das machen Sie mit den Vornehmen

aus, mit Ihresgleichen, gnädige Baronin, denen ein Mensch nichts gilt,

nur ihr tierisches Gelüst. Aber meine beiden Enkelinnen, die Maria und

die Martha, die sollten was Gutes werden. Das gelobte ich mir! Und ich

dachte: ›Sind die Zweige heilig, so ist es auch die Wurzel.‹ Sie kennen

die Maria, gnädige Baronin. Die hat die verfemte Großmutter wieder zu

Ehren gebracht durch ihre Reinheit. Die Martha war auch rein. War ein

siebzehnjähriges Kind. Und so schön, daß sie jeden Thron geziert hätte.

Und ich, die verachtete Korb-Sina, die einst jedem gehört hatte, der

ihr anstand, die sagte zu ihrem Enkelkind: ›Martha, halt dich rein!

Gib dich nur dem, den du liebst, bewahr’ dich ihm auf, er wird es dir

danken!‹ Wie konnt’ ich auch mir einbilden, just _meine_ Enkelin werde

den lieben, der sie auch heiratet.« – Wieder lachte die Korb-Sina

schrill. »Auf guten Boden fielen meine Ermahnungen. Die Martha hielt

sich rein und brav, bis sie liebte. Und da lief sie dem einen Manne

nach wie ein Hündlein. ›Jag’ mich fort und tritt mich, aber dann nimm

mich!‹ Er soll sich ihrer erwehrt haben, sie hat es mir hundertmal

beteuert. Aber was beteuert ein Weib nicht, wenn sie liebt und auf dem

Mann keinen Makel lassen will! Und ein so Starkes und Reines und Feines

war meine Martha, daß sie den Namen jenes Mannes, der sie verdarb, mit

ins Grab genommen hat. _Jawohl, ins Grab!_« schrie Sina sinnlos hinaus.

»Gestorben ist sie in Not und Schande. Einen Knaben hat sie geboren.

Und jener verruchte Mensch weiß nicht, daß er einen zweiten Sohn

besitzt. – Gnädige Baronin, ich habe geforscht, gesucht, zehn lange

Jahre hindurch. Auch der Pfarrer Oswald hat mir geholfen, aber wie soll

man einen Namen ausfindig machen, der in einem Grab aufgehoben ist? Das

Kind hab’ ich erhalten mit meinem Verdienst durch Körbeflechten. Und

Pfarrer Oswald hat auch von seinem Reichtum gegeben, damit der Knabe

eine gute Schule besuchen konnte. Aber was nützt die beste Schule,

wenn er doch nur einen Mutternamen trägt! Hartmut Dörping. _Hartmut!_

Glaub’ es schon, daß die Martha auf diesen Namen verfiel. Denn einen

harten Mut kann dieser Jung brauchen all seiner Lebtage. Bei einem

verbitterten, alten Fräulein ist er in Pflege, die benötigt die paar

Groschen des Jungen blutsauer und gibt ihm doch nur harte Worte dafür.«

Korb-Sina sah mir jetzt starr ins Gesicht. Wie versteint in Haß und

Grimm waren ihre Züge. »Gnädige Baronin,« sagte sie heiser, – »da

komme ich neulich einmal zu ihm und finde den Hartmut weinend und die

Nährmutter keifend, und er bittet: ›Großmutter, nimm mich doch mit in

den grauen Alltag! Laß mich lieber dort die Dorfschule besuchen, als

hier das Gymnasium. Ich kann doch auch in Lage ein Ehrenmann werden.‹

Denn das ist das einzige, was ihm die Martha hinterlassen hat, ein

Zettelchen, drauf hat sie geschrieben: ›Was mein Jung mal werden

soll? Ein Ehrenmann, wie es sein Vater war.‹ – Hätt’ ich den Zettel

gefunden, ehe der Hartmut ihn fand, dann hätte mein Haß ihm erzählt,

was sein Vater in _Wahrheit_ ist. Aber nun konnt’ es die Großmutter

nicht übers Herz bringen, und ich hab’ gelogen, – gelogen … Weil die

Kinderaugen mich so anschauten: ›Tu mir nichts zuleid!‹ Aber dann

wollt’ ich sein Köfferchen auf dem Oberboden suchen und fand es auch

und habe das alte Schloß erbrochen und fand – – ein uralt Medaillon

von meiner eigenen Großmutter, die eine sittenstrenge, hochangesehene

Frau war. Den Schmuck hatt’ ich der Martha als Amulett mitgegeben. Und

nicht mehr dran gedacht. Und drinnen im Medaillon fand ich _auch_ ein

Erbe, – einen Zettel, der war wie ein Blitz in der Nacht … Jesus!

mir wird sehr ungut!« unterbrach sich die Alte, die zuletzt nur ganz

heiser gesprochen hatte. Und sie griff nach ihrem Herzen. Da umschlang

ich sie mit meinen Armen. »Komm, Sina, ich führe dich heim.« Aber sie

wehrte mich ab. Mit blauen, zitternden Lippen und fahlem Gesicht fragte

sie heiser: »Wissen Sie, was drauf stand? Ich las es mit diesen meinen

alten Augen: ›_Clemens-Hartmut von Lage!_‹«

»_Nein!_« sagte ich laut. Und erschrak vor meiner eigenen Stimme.

»Ja!« schrie sie mich an. »Den ich als etwas Höheres geliebt und

geschätzt hatte, der hat mir meine junge Enkelin geschändet …

Inzwischen ist längst die Wahrheit erwiesen worden … Nicht wahr,

das ist _nicht_ schön? He? Das tut weh? Und ich sag’s noch einmal:

_Clemens-Hartmut Lage!_ Und sag’ auch noch einmal: Es ist ebenso

schlimm für einen treuen Diener, wenn er seinen Herrn als schlecht

erkennt, als wenn ein Mädchen seinen Liebsten verliert. Und nun …«

Aber ich hörte nicht mehr, was sie weiter sprach, – ich war an

ihr vorbeigegangen, wie im Schlafwandel, dachte nur: dort in der

Richtung muß wohl dein Haus liegen, und auf diesen Weg steuerte ich

mechanisch zu. Einmal war’s mir, als schlüge ein Laut, wie von einem

verwundeten Tier an mein Ohr, aber ich wandte mich nicht. Ich hörte

mich hie und da laut »nein« sagen, es brannte sich dies eingelernte

Wort in mein Gedächtnis. In der Halle von Haus Lage schrie ich dies

»Nein« dem eisernen Ritter in das offene Visier und taumelte die

eichengeschnitzte Treppe hinauf. Und rief das »Nein« zur Horchbucht

hin, und dann hat mich die alte Eva gefunden …

Nach langer Zeit.

… Nun greift das graue Entsagen hinein in meine Not …

Drinnen zu Grab meine Liebe läutet Gevatter Tod.

»Vogel über der Heide,

Der klagend die Heimat mied,

Ich glaube, wir beide, wir beide

Haben dasselbe Lied –«

Dies alles ist heute ein Vierteljahr her. Dreizehn Wochen.

Dreizehn soll ein böse Zahl sein.

Aber ich habe sie doch überstanden.

Ich lebe, ich kann stehen und gehen und ja und nein sagen und »Händchen

geben«, und sogar hintereinander fort plaudern, wie eine sehr gut

aufgezogene Puppe, mit der man aber nur Sonntags spielen darf.

Sogar das Denken hat mir der Arzt schon wieder erlaubt, aber ich

mache noch nicht allzuviel Gebrauch davon. Vorhin hielt mir Eva zum

erstenmal einen Spiegel vor, ich schaute lange verwundert hinein, ehe

ich begriff, daß das wunderliche Geschöpf mit den hageren Wangen, dem

ungeschickt kurz abgeschnittenen Ringelhaar und den großen dunkel

umränderten Augen die Brigitte sein sollte. Nicht Gitti, nein, –

Gitti ist am Typhus gestorben. Es lebt nur Brigitte Lage, d. h. sie

vegetiert, wie Baron Leo behauptet. Als der mich das erstemal nach

meiner überstandenen Krankheit sah, erschrak er so heftig, daß ich

lächeln mußte. Gewiß ein trauriges Lächeln. –

»Welches Wetter ist über Sie gegangen, Freiin Brigitte?« fragte er

heiser vor Erregung.

»Nur ein Wirbelsturm, Baron Leo«, entgegnete ich matt.

»Und ich darf nicht wissen, von wannen er kam?«

»Nein.«

Er saß nun eine ganze Weile schweigend neben mir. Und dann kam etwas

sehr Verwunderliches. Er erzählte mir, daß er eine große Reise nach dem

Süden vorhabe und – und – nun er mich so ganz zerbrochen da vor sich

sähe, – so krank …

»Ich bin weder zerbrochen, noch krank«, wehrte ich entrüstet.

»Also so stark und lebensbejahend und gesund,« verbesserte er sich

rasch und leicht gereizt, – – »so meine ich, eine große, anstrengende

Reise ist für Sie ein Kinderspiel, Brigitte. Daß Sie mir das Teuerste

sind, wissen Sie, und – ich bitte Sie inständig aus ehrlichem Herzen

heraus, seien Sie mein, gehen Sie mit mir! Gewiß, ich bin ein alter

Mann gegen Sie, fünfundfünfzig vorbei, – aber ich will Sie auf Händen

tragen, will Sie vor jeder Unbill schützen, – – –«

Einen Augenblick war’s mir, als müßte ich meine eiskalte Hand in

die seine legen. Mich fror so erbärmlich. So sehr sehnte ich mich

nach Schutz und Wärme. Aber als ich in seinen Augen eine verlangende

Zärtlichkeit las, da erschrak ich bis ins Herz hinein und bin wohl

furchtsam in mich zusammengekrochen, denn er stand langsam auf, strich

sacht über mein Haar und sagte müde: »Ich gehe schon, Freiin Brigitte.

Aber, – darf der alte Mann nach seiner Reise – recht verständig

geworden, wiederkommen? Mit Ihnen würde ja alles Licht aus meinem Leben

gehen, das möcht’ ich mir nicht leichtsinnig verscherzen.«

»Ja, kommen Sie«, rief ich. Und ich hielt einen Augenblick seine

verläßliche warme Hand fest, denn mir brannte die Frage auf der Seele:

»Glaubst du, daß dein liebster Freund, der Ritter Lage, etwas Niedriges

tun kann? Etwas ganz Unverzeihliches? Etwas, das ihn weltenweit mir

entfremdet, der er das Liebste war?« Aber ich vermochte die Frage nicht

zu formen …

Baron Leo sah mich kopfschüttelnd an, und mit ernstem Antlitz war er

gegangen. –

Seitdem sitzt jeden Tag mein Arbeitszimmer voll Besuch.

Man »zerstreut« mich.

O du liebes, heiliges Alleinsein wann werde ich dich wieder zu eigen

haben???

Ende Mai.

Der Abschied von Baron Leo und seine wunderliche Frage hatten mich

wieder eine Wegstrecke zurückgebracht; nun muß ich sie noch einmal

durchwandern. Ich lag wieder 8 Tage fest. Aber heute hat man mich in

einen Liegestuhl gebettet und in die Sonne hinausgetragen. Sie liegt

warm und leuchtend vor dem Platz an der Ruine, und ich schaue von

dem Schreibpult, das man meinem Lager sinnreich angeschraubt hat,

oft hinauf in die Fensterhöhlen und träume mich in jene glückliche

Zeit zurück, da die Fledermäuse dort so harmlos und so … beglückend

herumflatterten. Da ich noch die Prinzessin Weißnichts aus dem Hause

Ohnearg war. Wieviel Jahre liegt das zurück?

O du Frühling in Lage! In deiner herben Schönheit! Ich tausche dich mit

keinem Land der Welt. Ich erlebe den Lenz zutiefst in meiner Brust.

Lenzseelchen hebt das feine, duft’ge

Flaumfedergleiche Erstgefieder

Und fliegt durch Hecke, Hag und Heide,

Und jeder Flug bedeutet Lieder.

Und wo es rastet auf dem Fluge,

Ob es nun Baum, ob Blatt, ob Blüte,

Da ist’s, als ob auf dieser Ruhstatt

Ein Gottesflämmchen flimmernd glühte.

Und wo es schläft in einer Dornheck’,

Die Händlein flicht in einer Rose,

Da ist’s, als ob die Gottesmutter

Das Jesuskindlein hält im Schoße.

O Lenzesseelchen! Weich und linde

Bereit’ ich dir ein heil’ges Stellchen

In meines Herzens stillster Kammer.

Sitz nieder! Sei mein Treugesellchen!

Wieder wurde mir heut ein Brief von Pastor Oswald gebracht, darin er

klagt, daß ich schweige und sein erster Brief kein Echo fand. »Habe

ich Sie verloren, teure, verehrte Freiin Brigitte?« fragt er. »Hat

meine kopflose Fahnenflucht mich Ihre Freundschaft gekostet? Und ich

wollte doch mit einer fast unmöglich großen Bitte zu Ihnen kommen.

Wollte fragen, ob Sie und Lage mich wieder aufnehmen wollen als reuigen

Sünder. Der nicht wußte, wie hart es ist, _nicht_ im ›grauen Alltag‹ zu

leben. Freiin Brigitte, meine Maria hat mir anvertraut, daß sie sich

Mutter fühlt, und nun will ich, daß unser Kind in Lage geboren wird,

daß es im Lager Wald, in Lager Luft atmen, spielen, schlafen soll, und

dann wachsen, gedeihen, arbeiten unter Ihren Augen, Freiin Brigitte. –

In Marias Blick trat ein eigenes, schönes Leuchten, als ich ihr davon

sprach, – so fröhlich hat sie noch nie ausgesehen, seit sie mein Weib

wurde. Eine herbe Anklage für mich. – – Wird die liebe, gütige Herrin

von Lage, die wir nie aufgehört haben, unsere Schutzherrin zu nennen,

nein sagen? Oder uns helfen, die Wege zu ebnen, die dem Treulosen die

verlassene Kanzel wieder freigeben? Mein Leben lang will ich’s Ihnen

danken. – Von Großmutter Sina hörten wir aus einem ihrer knappen

Schreiben, daß es bergab mit ihr geht. Vor einem Vierteljahr erkrankte

sie schwer. Aber das werden Sie, barmherzige Samariterin, besser

wissen, als ich.« –

›Barmherzige Samariterin!‹

Wie ein Schlag traf mich dieses Wort. »Zünd an, Brigitte, zünd an«,

hatte Muhme Jesuliebe mich ermahnt …

Und ich war nichts, als der Levit, der _den_ unbarmherzig liegen ließ,

der unter die Räuber gefallen war …

Erkenntnisse kamen mir unter den Augen der alten Ruine, inmitten der

leuchtenden Sonne …

An einem Sonntage im Juni.

Heute durfte ich zum ersten Male ausgehen.

Müßig habe ich nicht gesessen während der Zeit der völligen Genesung,

ich mußte »Wege ebnen«. Und es ist mir gelungen. – Nicht zu sagen,

wie mich das freut. Zu Hilfe kam mir bei meinen Bemühungen die große

Beliebtheit, deren sich Konrad Oswald erfreut. Jung und alt machten

runde, frohe Augen, als ich ihnen die Möglichkeit in Aussicht stellte,

den ehemaligen Seelsorger wieder nach Lage zu bekommen. Am frohsten

war der »Neue«. »Haben Sie es denn geahnt, verehrte Baronin,« fragte

er immer wieder, »geahnt, daß meine Eheliebste und ich uns von hier

fortsehnten? Ach, und es nicht zu sagen vermochten …«

Und ich lachte, und wurde ordentlich ein wenig rot. Denn es ist so

wunderlich, wie mir alles zum Glücke ausschlägt. Nun brauche ich nicht

einmal traurig zu sein in dem Gedanken, daß Oswald und ich einen

treuen Hirten von seiner Herde fortjagen, um uns und unsere Wünsche

an seine Stelle zu setzen. Denn es ist des Hirten eigener Wunsch und

Wille. Und die Hirtin schmiegte sich an ihren Gatten und meinte:

»Dies Lage ist so erdrückend!« Und schämte sich dann doch etwas ihres

Ausspruches. »Können Sie mir sagen, was Sie mit ›erdrückend‹ meinen?«

fragte ich forschend. »Ja, das kann ich«, war die rasche Antwort.

»Die Lager verlangen zuviel von einem Sterblichen, und besonders von

ihrem Pastor; ich glaube nicht, daß _wir_ das schaffen können. Die

Menschen sind hier alle so besitzergreifend. Man ist gar nicht mehr

›manselbst‹.« Also die Pastorin. »Nein, manselbst darf man freilich

nicht sein«, meinte ich zustimmend und zugleich nachsinnend, denn mich

dünkte, es war arg lange her, daß ich einmal die Gitti Lage vorgestellt

hatte. Und wer bin ich jetzt? Ich gehöre dem grauen Alltag … Wie ist

mein Name?

* * * * *

In vier Wochen kann vielleicht schon die Vorstellung von Konrad Oswald

stattfinden, – – ich freue mich wie ein Kind auf unser Wiedersehen. –

Ein paar Stunden später.

Eben komme ich von der Korb-Sina. Sie ist sehr verändert. Wie erloschen

die Lichter der scharfen, stechenden Augen. –

Wir waren uns lange forschend gegenüber. Sie lag in ihrem Bett, und ich

stand über sie gebeugt und sah in ihr fahles, eingefallenes Gesicht.

Und sie blickte mich an, als sähe sie mich zum erstenmal: »Sie kommen

zu _mir_? gnädige Baronin!« kam es endlich langsam von ihren welken

Lippen.

Und da erzählte ich von Konrad und Maria Oswald, von allen

Möglichkeiten, die sich ihnen und uns böten, und nicht zuletzt von dem

heiligen Glück, das der jungen Frau bevorstünde. Da weinte die Greisin,

und es sah erschütternd aus, weil die Tränen ihr nicht mehr leicht

flossen. –

»Jesus! Daß ich’s erlebe!« rief sie leise, und faltete ihre Hände.

Und dann versuchte sie, sich aufzurichten, und fiel doch immer wieder

kraftlos zurück, so daß ich sie in meinen Armen stützen mußte. Und

plötzlich packte sie meine Hände beschwörend: »Nicht der Maria sagen,

daß die Martha verdorben ist,« flehte sie, »nicht der Maria sagen!«

»Die Martha ist _gestorben_, aber doch nicht verdorben!« Ich

streichelte ihre welken Hände. Da horchte die Greisin auf. Und ich

sprach eindringlich weiter, weil mich mein Herz dazu trieb. »Wenn die

Martha ihr alles hingab, so tat sie es doch aus großer Liebe, – und

Liebe adelt doch das, was sie tut … Und sagt nicht irgendein Großer:

›Die Mutterschaft tilgt jede Schuld am Weib?‹ Warum willst du dein Herz

zermartern, Sina, und hassen, du, die Großmutter … Wir wollen nicht

richten, Sina …«

»Jesus, was habe ich getan!« weinte die wilde Alte und rang die Hände;

»_Ihnen_ wollt’ ich Leid zufügen, und Sie bringen mir Trost. Ach, wie

das brennt! Aber nun kann ich wohl noch wieder gesund werden! Und wenn

dann erst einmal die Maria da ist …«

Am nächsten Tage.

Ja, wenn erst einmal die Maria da ist!

Sie kommt vielleicht heute noch, aber sie kommt zu spät. Man holte mich

noch gestern am Abend zur sterbenden Sina. Sie hatte allein nach _mir_

verlangt, und so wehrte ich der bekümmerten Eva, die meinte, es sei für

mich kaum Genesene ein zu großes Wagnis, zur Nacht noch einmal ins Dorf

zu wandern.

»Eva, wenn du mich hinderst, im grauen Alltag meine Pflicht zu tun,

dann gehe ich in mein Thüringen zurück und suche mir dort ein Feld …«

Da sah sie mich erschrocken an und ließ mich gewähren. Zwei Stunden

weilte ich bei der Korb-Sina.

Es war ein ruhiges Sterben nach der Unrast ihres Lebens.

Fünf Worte wiederholte sie unablässig. Sie waren wohl das einzige

Gebet, das in ihrem Herzen gelebt. Zwei Stunden lang fünf Worte! So

prägten sie sich mir ein. _Martha! Maria! Clemens-Hartmut Lage!_

Am übernächsten Abend.

Eben ging Konrad Oswald von mir. Er war auf meine Drahtung hin gleich

von Berlin abgereist, aber allein. Da die Greisin heimgegangen, sollten

seiner Maria zwecklose Anstrengungen und Aufregungen erspart werden.

Nun bereitet er alles für die Beerdigung vor, und jeder rüstige Dörfler

hat sich ihm zur Verfügung gestellt. Daß er nur wieder da ist! So meint

jeder in Lage, und die Gesichter sind alle aufgehellt.

Über mich aber war Konrad Oswald sehr bekümmert.

»Ich glaubte, der Lager Boden wäre die rechte Erde für das seltene

Kräutlein,« meinte er liebreich, »und nun? Soll der alte Joochen Lage

und sein elendes Pergament recht behalten?«

»Lager Luft verwirret Kopf und Herz«, spann ich seine Worte weiter.

»Ei, lieber Freund, das _war_ einmal. Jetzt sind wir alle klarsehende

Leute geworden, aber Gott bewahre uns vor Ernüchterung!«

»Mit dem letzteren braucht man bei Ihnen wohl keine Sorge zu haben«,

scherzte er und setzte bekümmert hinzu: »Aber sonst gefallen Sie mir

gar nicht, Baronin.«

»Gefalle ich etwa mir selbst?« rief ich ungestüm. »Ich bin ein ganz

anderes Lebewesen geworden, das sich selbst erst kennenlernen muß. Und

dazu fehlt mir die Zeit …«

* * * * *

Auch Konrad Oswald ist kopfschüttelnd von mir gegangen, ebenso wie

damals Baron Leo.

Ich möchte eine hohe Mauer um Lage bauen. Möchte dahinter

einsiedlerisch hausen. – Bis ich hellsehe, was ich will.

Im Juli.

Der graue Alltag und sein Licht · 第 46 / 71 题