31. Dezember.

Heute ist Silvester. So einsam habe ich es wohl noch nie erlebt.

Daheim bei den Eltern pflegten wir aufzubleiben bei Kartenorakel

und Bleigießen, und in der Neujahrsnacht wurden dann noch einmal

die unvergeßlichen Weihnachtslieder unter der brennenden Thüringer

Edeltanne gesungen, bis Licht um Lichtchen knisternd erlosch. – Und

dann saß man still plaudernd noch ein Stündchen zusammen, und ich

nahm goldene Vater- und Mutterworte in jedes neue Jahr mit hinüber

und baute auf ihnen mein Leben weiter auf. Gesegneter Untergrund!

Gesegnet Silvester! Heute bin ich allein. Tante Fernande ist zu Pastors

gegangen. Sie hat im Spital eine Menge fröhlicher, lebenbejahender

Altjahrsabendscherze kennengelernt, sogar Mummenschanz haben die

verhutzelten Weiblein getrieben, und ich konnte Tante Fernande nur mit

Mühe zurückhalten, als Knecht Ruprecht verkleidet ins Pfarrhaus zu

stapfen. Ordentlich alt kam ich mir neben ihr vor, als sie kichernd mit

ihrem Laternchen abzog, in ihrem Pompadour Kartenspiele und Scherze

bergend, als Überraschung für das biedere, pfarrherrliche Paar.

Die alte Eva habe ich zu Bett geschickt, – mir selbst wollte ich die

Novellen von Wilhelm Raabe auf meinen Schreibtisch legen …

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Der graue Alltag und sein Licht · 第 42 / 71 题