Heute ist Silvester. So einsam habe ich es wohl noch nie erlebt.
Daheim bei den Eltern pflegten wir aufzubleiben bei Kartenorakel
und Bleigießen, und in der Neujahrsnacht wurden dann noch einmal
die unvergeßlichen Weihnachtslieder unter der brennenden Thüringer
Edeltanne gesungen, bis Licht um Lichtchen knisternd erlosch. – Und
dann saß man still plaudernd noch ein Stündchen zusammen, und ich
nahm goldene Vater- und Mutterworte in jedes neue Jahr mit hinüber
und baute auf ihnen mein Leben weiter auf. Gesegneter Untergrund!
Gesegnet Silvester! Heute bin ich allein. Tante Fernande ist zu Pastors
gegangen. Sie hat im Spital eine Menge fröhlicher, lebenbejahender
Altjahrsabendscherze kennengelernt, sogar Mummenschanz haben die
verhutzelten Weiblein getrieben, und ich konnte Tante Fernande nur mit
Mühe zurückhalten, als Knecht Ruprecht verkleidet ins Pfarrhaus zu
stapfen. Ordentlich alt kam ich mir neben ihr vor, als sie kichernd mit
ihrem Laternchen abzog, in ihrem Pompadour Kartenspiele und Scherze
bergend, als Überraschung für das biedere, pfarrherrliche Paar.
Die alte Eva habe ich zu Bett geschickt, – mir selbst wollte ich die
Novellen von Wilhelm Raabe auf meinen Schreibtisch legen …
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