Da war sie schon entwichen. –

Aber meine Füße wollten mich kaum weitertragen. Ich sah ihr lange nach.

_Dir_ gibt sie die Schuld, daß das einzige, was diese verachtete Frau

besitzt, fern von ihr und der Heimat leben muß …

Wie stark muß ich werden, um auch ungerechte Vorwürfe klaglos zu

ertragen. Und wie abgeklärt, gerecht und verzeihend, um über allem zu

stehen und – »wohlzutun denen, die dich beleidigen oder verfolgen«.

Still war mein Heimweg, nachdenklich trat ich ins Haus. – Hier

fand ich Tante Fernande meiner wartend. Mit heißen roten Bäckchen

trippelte sie in ihrem Sonntagsstaatsgewand im langgestreckten Zimmer

auf und nieder, ungeduldig zusehend, wie ich die Garderobe ab- und

zusammenlegte. Bis Eva kam, um alles in den Schrank zu hängen. Die

Krinoline, welche Tante Fernande unter den Kleidern von Muhme Jesuliebe

trägt, wippte auf und nieder, und sämtliche Falbeln rund um den weiten

Rock schienen in derselben Aufregung wie die Trägerin selbst zu sein.

Als ich dann endlich äußerlich geruhig neben ihr saß, packte sie die

Nöte ihres alten Herzens aus.

Haus Lage sei ein kaltes Grab, sie aber nicht gewillt, sich in ein

solches schon mit siebenzig Lenzen hineinzulegen, da die deutschen

Lages doch allesamt 90 Jahre und mehr erreichten. So sie aber dieses

Leben in Langeweile weiterführen müsse, würde ihr mattglimmender Docht

unweigerlich verlöschen.

Also gewählt drückte sich Tante Fernande aus, denn das Idiom des

Altenfrauenhospitals war ihr nie recht geläufig gewesen, und das wenige

davon hatte sie schnell in Haus Lage vergessen.

»Ei«, entgegnete ich ihr. »Da ist rasch abzuhelfen. Langeweile soll

der widerlichste Gast sein, den man sich denken kann. Gottlob, daß

ich ihn in meinem ganzen Leben nicht kennenlernte. Tante Fernande,

ich habe keine Kindergärtnerin, seit Maria Oswald fort ist, und die

neue Pfarrfrau ist kränklich. Willst du dies Amt übernehmen in deiner

frischen Rüstigkeit?«

Das letzte war allerdings etwas stark aufgetragen, aber ihr ganzes

Persönchen verjüngte sich unter meinen Worten, und lebhaft erwog sie

alle Vorteile dieser neuen Tätigkeit. Zuletzt kam freilich noch ein

tiefer Stoßseufzer als Frage, wer ihr den Ohm Matthias ersetzen

könne, der zwar ein ungehobelter Patron und Barbar, doch ein Meister

im Schachspiel gewesen sei, und dieses entbehre sie ungeheuerlich. So

versprach ich ihr denn als Partner den Baron von ter Mählen, und sie

lächelte sofort versöhnt.

Dann wurde sie elegisch. »Ich hatte es mir anders gedacht, Nichte

Brigitte. An den ersten Besuch von Baron _Clemens_ Lage hatte ich

Hoffnungen geknüpft …«

Da geleitete ich sie sacht zur Tür hinaus. Sie ist ja wie ein Kind und

wird sich rasch beruhigt haben. Ich aber nicht. Ich kann noch nicht von

Möglichkeiten reden hören, welche die Prinzessin Ohnearg und Weißnichts

verschlafen hat …

Der graue Alltag und sein Licht · 第 41 / 71 题