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Heilig war die Stunde. – Und so viel Gotteskraft gab sie mir, daß ich
mich sacht aus seinen Armen lösen konnte. »Du!« sagte ich zitternd vor
Scheu und vor Liebe, »du! Leb’ wohl! Hab’ Dank!« Und ich legte meine
kühle Hand auf seine heißen Augen. Da schwieg sein Begehren; und der
köstliche Zug des humorvollen Spottes, den ich so gern sehe, legte sich
um seinen vornehmen Mund. –
Er nickte nach der Seite hin, als spräche er zu jemand anderem: »So
echt die Gitti! Sie dankt _mir_ für eine Stunde namenlosen Glückes, die
_sie_ mir schenkte …«
Er ging nach der Wand hin und drückte auf einen Elfenbeinknopf.
Nicht lange, da stand die alte Eva auf der Schwelle einer verborgen
sich öffnenden Tür. Und sie hielt einen hohen silbernen Leuchter mit
brennender Kerze in der Hand. »Liebe Eva,« sagte Ritter Lage mit
fester Stimme, »führe unsere junge Königin zurück in ihr Schloß.« Er
entnahm ihrer Hand den schweren Leuchter und hielt ihn mit seiner
kraftvollen Linken über meinem Haupte und folgte uns durch den schmalen
unterirdischen Gang, den ich zum erstenmal betrat.
Der Schatten lief über die weißen Wände, – sein Schatten … An einer
uralten Bronzetür mit wuchtigen Beschlägen endete der Gang.
Die alte Eva nestelte an umfangreichem Schlüsselbund und schloß auf.
»Leb’ wohl, Glück!« sagte leise seine dunkle Stimme hinter mir.
Da wendete ich mich und sah lange abschiednehmend in das liebste
Antlitz auf der ganzen Welt. Und reichte ihm meine Hand, die er
ehrfurchtsvoll an seine Lippen zog.
Dann blies mein Mund in die flackernde Kerze. – Und so löschte ich mit
eigenem Willen das Licht aus, das mein Glück im grauen Alltag war. –
40.
An einem Sonntagmorgen.
Ich komme eben von meinen Dorfgängen zurück. War auch vorher in der
Kirche. Und ganz früh schon im Märchenwald … Der keine Wunder mehr
birgt.
Meine Mutter sang früher ein uralt Lied:
»Die Sunn scheint nit mehr wie eh’.
Der Tag ist nimmer heiter,
So liebreich gar nit meh’.
Mein Herz ist nimmer mein.
Ich hab’s an dich gehangen,
Doch bist du von mir gangen,
Herzallerliebster mein!«
»So liebreich gar nit meh.«
Ein liebreicher Tag! Der war einst mein. Meine ganze Jugend war solch
liebreicher Tag. Und dann jener heilige Christabend! Da _seine_
Liebe mich weckte. Wie könnt’ ich sonst ganz in anderen aufgehen?
Nächstenliebe üben? Opfer bringen, Christ sein, mich selbst verleugnen
um der mühseligen Brüder und Schwestern willen? Mit seinem Bekenntnis
hat er mich geadelt, hat mir Gesundheit, Kraft und Güte verliehen und
sich selbst gut und gütig gezeigt. Denn Ritter Lage ist verschlossen.
Er weiß, was für Aufgaben meiner harren. Er weiß, wieviel Sonne ich
abgeben muß. So senkte er mit seinem Bekenntnis eine Fülle von Sonne
in mich hinein, die sich niemals erschöpfen kann. – Aber vielleicht
fühlte er auch erst, als er mich küßte, wie gut er mir war. »Du
Scheue!« »Meine Königin!« hat er mich genannt. Und einmal strich es an
meinem Ohr hin: »Liebste!« Kann eine Frau wohl je vergessen, wenn der
einzige Mann, den sie im Herzen trägt, Liebste zu ihr sagt? – Nun bin
ich Frau Liebe, Frau Treue, Frau Güte. Wenn ich mit umflortem Blick die
Wunderwelt Gottes streife, die bereiften Bäume, die schneeglitzernde
Heide, die Abendsonne über dem tiefdunkeln Weiher … dann rufe ich wohl
zugleich:
»Ich sollte in Freuden vor euch stehen und meine Augen strahlen lassen:
ihr seid so schön. – Habt Geduld! Ich will es wieder lernen, das
heilige Lachen.« Und so sage ich auch den kranken Menschen, die nach
meinen frohen Augen verlangen, weil sie meinen, diese zwei Sonnen
ständen ihnen wohl zu, da sie doch von Gottes Sonne in ihrem Siechtum
nichts sehen.
Du Ritter Lage! Das war deine Mission. Was ich jetzt tue an
Heilkräftigem und Gutem, du hast es ausgelöst für immer durch dein
Bekenntnis. Und wenn ein Segen von mir ausgehen wird, – _du bist sein
Urquell_. – –
Montag.
Der liebe Freund war gestern bei mir. Leo von ter Mählen. Ritter Lage
hatte ihn geschickt. Wie arbeitete es in seinem Antlitz, als er vor mir
stand! Er hielt eine lange Weile wortlos meine Hände, und dann klang es
nur: »Freiin Brigitte! Sie armes, tapferes Mädchen …«
»Wer tapfer ist, ist niemals arm«, entgegnete ich ihm leidlich fest.
Dann saßen wir erst lange schweigend.
»_Das_ hatte ich nicht vermutet«, sagte er endlich. »_Das nicht._ –
Das reichste Glück hätte mir gerade eben getaugt für Clemens Lage.
Diese düsteren, zwanzig Jahre, die hinter ihm liegen, hätten verklärt
werden müssen durch ein Meer von Licht, das durch Sie zu ihm gekommen
wäre, Freiin Brigitte. Könnt’ ich’s dem Clemens schaffen … was setzte
ich _nicht_ dafür ein? Glauben Sie mir, Brigitte?«
»Ich glaube es Ihnen. Und der Gedanke, daß Sie, sein bester und
liebster Freund, in meiner Nähe bleiben, das macht meinen Weg so viel
sonniger.«
»Sie sind bescheiden, Baronin. Aber daß Sie nur über mich zu befehlen
brauchen, das soll Ihnen immer gegenwärtig sein. Ich will Ihnen die
Hände unter die Füße breiten, genügt Ihnen das?«
»Es ist viel zu viel«, wandte ich ein. »Ich bin Ilexwege gewohnt, bin
auch nicht wehleidig. – Hat Ihnen Clemens Lage erzählt, daß wir uns
restlos ausgesprochen haben?«
»Menschen wie ihr können sich niemals restlos aussprechen«, meinte er
ernst. »Ihr seid dazu geschaffen, ein ganzes Dasein lang euch immer neu
zu sehen und zu erleben.«
»Immer neu zu sehen und zu erleben«, wiederholte ich. »Das habe ich mir
ersehnt mein ganzes, junges Leben lang …« Und ich wehrte meinen Tränen
nicht, die plötzlich hervorbrachen.
Da sprang Baron ter Mählen auf. »Nicht so, nicht so, teure Brigitte,«
rief er, »ich kann Sie nicht leiden sehen …«
Er lief im Zimmer umher, wie ein Tiger im Käfig. Der Schmerz, zwei
liebe Freunde im aussichtslosen Kampfe zu sehen, hob ihn aus dem
Gleichgewicht.
»Haben Sie Clemens Trost gebracht?« fragte ich endlich leise.
»Meinen Sie, Baronin, daß solches Geschehen irgendeinen Trost in sich
birgt? Oder daß unser Freund aufnahmefähig gewesen wäre? Überdies
bedürfen Clemens und ich niemals vieler Worte. Ich sagte ihm nur: ›Es
ist mir leid um dich, mein Bruder Jonathan.‹« – –
Ich wand meine Hände in bitterm Schmerz ineinander.
»Wäre es nicht besser gewesen, Brigitte, Ritter Lage hätte Sie
unwissend gelassen? Er hat Sie aufgestört durch das Bekenntnis seiner
Liebe …«
»Wagen Sie es, dies auszusprechen?« rief ich außer mir. »Hätte er
geschwiegen, so hätte er einen Verschmachtenden ohne Wegzehrung auf
eine Wüstenwanderung geschickt. Dessen ist ein Ritter nicht fähig. Oder
bereut er jene Stunde im dorischen Tempel?«
»Sieh, sieh, was der Lagesche Jähzorn für Blüten treibt«, sagte
Baron Leo beruhigend. »Clemens denkt genau wie Sie. Sogar das Wort
›Wegzehrung‹ gebrauchte er.«
»Ich segne jene Stunde«, sagte ich fest. »Und ich werde immer so mein
Leben formen, als sei ich seine Gattin und hätte die Ehre seines Namens
zu hüten.«
Ter Mählen sah mich erschrocken an. »Das ist ein vorschnelles Wort, das
Sie sich geben, Brigitte Lage. Ihr Leben liegt noch unausgefüllt in
langer Strecke vor Ihnen …«
»Es ist randvoll ausgefüllt!« rief ich. »Vom ersten Augenblicke an
wußte ich, daß Ritter Lage mein Schicksal war. So lächerlich es Ihnen
klingen mag, Baron, – die wunderlichen Berichte, die Clemens auf das
dicke gelbe Büttenpapier schrieb, gaben mir all das, was Vaters früher
Tod an meiner Erziehung zum Menschen übrigließ. Ich verdanke Ritter
Lage mein Selbst.«
»Und Ihr Glück, Brigitte? Ihre volle Entfaltung? Ihre Erfüllung?«
»Ich bin nicht unglücklich«, wehrte ich ab. »Ich habe Clemens Lage
reiner, fester und größer zu eigen, als ihn je ein Weib besitzen
könnte. Aber meine Jugend und mein Begehren hat er mit sich genommen,
die gab ich ihm als Geschenk in jener Stunde. Und er gab mir dafür sein
Vertrauen …«
Baron von ter Mählen streckte mir beide Hände hin. »Sie haben sich das
Größeste vorgenommen, Freiin Brigitte. Sie wollen aufgehen in andern.
Doppelt schwer das Wagnis, weil Sie aus sich, und _nur_ aus sich selbst
Liebe schürfen wollen, ohne selbst erneut zu werden. Aber wenn ein
Mensch auf Gottes Erde dies Wagnis unternehmen kann, so sind _Sie_ es.
Werden Sie mich rufen, Baronin, wenn Sie meiner bedürfen?«
Er stand auf, und ich gab ihm meine Hand, die er ehrerbietig küßte.
Ich bejahte seine Frage. Dann war er gegangen, und meine einsame
Wanderung begann. – – –
41.
Die alte Eva kommt mir von Kräften. Freilich ist sie weit über die
Siebenzig hinaus. Aber sie konnte doch noch huschen und schleppt sich
jetzt am Stock. Den verbirgt sie vor mir. Wie töricht! Sie soll ein
gutes Ausruhen und meine töchterliche Pflege in Haus Lage haben. Es ist
mir ein lieber Gedanke, daß ich selbst älter werde bei diesem alten
Inventar und … Nein. Wenn ich diesen Satz zu Ende schreibe, so klingt
aus ihm müde Entsagung und Verzicht. Das soll nicht sein. Wenn ich
untapfer an meine Mission herangehe, so kann Ritter Lage keine Freude
an Gitti haben. Seinen Stolz auf mich, den will ich mir verdienen.
Seit ich weiß, wie hoch er mich wertet, seitdem will ich diese Höhe
erreichen … Auch nicht wegmüde und wund auf dem Gipfel niederfallen.
Weiterschreiten. – Hie und da rückschauend rasten, aber nicht rosten.
In der Dämmerung.
Eben ging die alte Eva aus meinem Zimmer. Sie hatte lange bei mir
gesessen, nachdem sie um mein Vertrauen gebeten. – Da hab’ ich es ihr
geschenkt, der alten Dienerin des Hauses Lage, und habe sie dadurch
zur Freundin emporgehoben. Viel Wirrnis hat außerdem diese Aussprache
geklärt. Eva hat sehr unter unserm Mißtrauen gelitten. Ihre Berichte
an den im Ruhestand lebenden Pfarrer waren gut gemeint und sind böse
entstellt worden. Nun wird auch dieser Stein des Anstoßes weggeräumt,
denn der alte Pfarrer verläßt Lage. Das ist gut für den jungen, und
auch für das Dorf, und nicht zuletzt für mich, die Schutzherrin. –
Der Nachfolger Oswalds ist ein ruhiger Gelehrter. Kein Feuerkopf, wie
ihn wohl Lage brauchen könnte, wenigstens die Jugend, die schon gleich
am ersten Sonntag nach seiner Predigt Gesichter aufsteckte, die besagen
sollten: »Der Mann tut uns nichts.«
Und seine Frau scheint kränklich zu sein. Immer etwas stöhnend und
Klageweibchen. Pastoren und Lehrer sollten gesunde Frauen heiraten,
– wer sollte es _nicht_? Aber es steckt ja auch viel Grausamkeit
in dem Verlangen. Ich hatte mich darauf gefreut, mit der Pastorin
die praktische Leibsorge auszuüben, während dem Pfarrherrn das
Seelenheil der Dörfler verbleiben sollte. Damit ist es nun nichts.
Zu allererst muß ich immer die Pfarrfrau betreuen, die mir immerhin
ein gutes Vertrauen entgegenbringt. – Aber mehr als 365 Krankheiten
erlaube ich ihr nicht. Heute hielt sie mich und sich auch mit viel
Schreckhaftem auf, bis ich ihr den guten Rat gab, mich zu begleiten
und über dem wirklichen Leid und der Not ihrer Pfarrkinder die eigenen
Schwierigkeiten zu vergessen. Und nun haben die 3 Wanderstunden,
die wir heute von Haus zu Haus unternahmen, hoffentlich Gutes
ausgewirkt. – Die Pfarrfrau sah mit großen, erstaunten Augen auf
all die Bresthaftigkeit ringsumher, sah auch leuchtende Augen über
eingefallenen Wangen und hörte den dankerfüllten Bericht einer
Mutter, daß sie nach monatelangem Wachen am Bett ihres kranken
Kindes nun wieder ein Stündchen hätte ruhen können, weil es so
herrlich vorwärtsginge. – Und sah dann auch den erbärmlichen kleinen
Krüppel, um den diese Nächte durchwacht wurden. Das »Nichtsehen« und
»Dochglauben« wird allen Menschen so schwer. Auch meiner Pfarrerin von
Lage muß man mit Beweisen kommen. –
Die Sonntagmorgen sind mir meine liebsten Stunden. Wenn ich von
meinen Samaritergängen zurückkehre, wie Ritter Lage meine Dorfbesuche
nannte, dann kann ich nicht sofort in das Gleichgewicht kommen. Ich
muß erst mit Bäumen, Sträuchern, Wiesen, Wald und Feldern Zwiesprache
halten. Heute suchte ich meine Birke; ich rieb mir die Augen, weil ihr
kraftvoller Stamm mir sonst immer schon von weitem leuchtete in seinem
scharf umrissenen Schwarzweiß. Dann fand ich sie am Boden liegend. Mein
Ausruf mag wohl wie ein Stöhnen geklungen haben, denn der Förster ging
von den Holzfällern fort und trat mit der Entschuldigung zu mir heran:
»Die Birke hatte den Wurm in sich.« Den Wurm in sich – mein Kleinod,
mein prächtigster Baum …
Ich schaute auf den Gefällten nieder und dachte daran, daß hundert
Frühlinge ihn in Liebe zum Licht emporgetragen hatten … Ein Wurm schlug
ihn zu Boden und nichtige Menschenhand. – Der Förster sah befremdet
nach mir hin, als ich antwort- und grußlos weiterschritt. Mir galt
der Wald nichts mehr, da der eine Baum fehlte. Wie schwer wird meine
Erziehung zum Verzicht sein! Vor wieviel Lücken soll ich noch stehen
und tatlos warten, bis sie sich schließen, oder bis sich mein Empfinden
vor ihnen verschließt?
Auf diesem ernsten Heimwege begegnete mir die Korb-Sina. Mir war sie
wie ein Gruß, wie der winzige Teil eines Glückes, das verschollen war
und vergessen sein sollte. Ich hätte sie mit beiden Händen festhalten
und an mich ziehen mögen. Um leise eifrig an ihrem Ohr hin zu sprechen:
»Wie geht es _ihm_? Wo weilt er? Betreust du ihn? Hängt mein Name noch
in seinen Räumen? Spricht er von mir?«
Aber als ich hastig ihren Namen rief, sah sie mich mit bösen Augen
an und stieß nur hervor: »Maria ist fort!« Da war ein Klang drin,
erschütternder als der Fall der Birke. –
»Was soll das, Sina?« rief ich noch. –