»Warum sagtest du mir nichts, Clemens? – Gleich, – als wir uns das
erstemal sahen? – Oder warum schriebst du mir nicht, – daß – – sie
lange, lange tot sei?« fragte ich langsam und leise, und meine Augen
funkelten ihn durch Tränen an. –
Er verstand mich sofort und erschrak.
»O Gitti«, sagte er weich. »Auch _diesen_ Kelch hab’ ich dich trinken
lassen? Und konnte doch wissen, daß eine Gitti darunter leiden _mußte_,
einen Mann zu lieben, der nicht frei war. – Erlaß mir die Antwort! –
Es ist die eine so weh tuend für dich, wie die andere. Aber nun höre,
wie _du_ in mein Herz kamst, Gitti, – willst du es hören?«
»Ja, Ritter Lage.«
»Die Base Jesuliebe erzählte mir von dir. Erzählte von Erfurt und
deinem Elternhause. Und ich öffnete mein einsames Herz, das all
sein Lebtag von der Jungszeit an gedarbt, gehungert und gefroren
beim harten Vater, fern der toten Mutter – bis Base Jesuliebe kam,
die Wunderliche, Unvergleichliche. Und wie ich mein Herz weit ihren
Erzählungen auftat, da schlüpftest du mit hinein, du geschmeidige
Schmerle aus dem Thüringer Waldbach – – und bliebst darinnen.«
»Ja«, bestätigte ich glücklich.
»Sie lacht schon wieder, die veränderliche kleine Regenschirmbase«,
spottete Ritter Lage; »sie trägt Sonne und Tränen in _einem_ Säckchen
mit sich herum.«
»Warum sollt’ ich nicht, Clemens Lage? Du brauchst beides.«
»Ich brauche nichts von dir, Gitti«, sagte er herb. »Herrgott, was rede
ich da? – – Gleichviel. Ich nehme nichts von dir an, du bist ganz
frei, Gitti.« Und nun überstürzten sich seine Worte, als rede er im
Fieber. Er tat’s wohl auch. – »Damals, als ich spürte, daß ich dir mit
Haut und Haar verfallen war, Gitti, und doch auch glaubte, innerlich
gesund zu sein, da tat ich auch heilig Gelöbnis, daß ich um dich werben
wollte in Ehrfurcht. Um die Mutter meiner Kinder, Gitti, hörst du, mein
scheues Kind? Gott, Gott! Wenn ich dran denke, was Jesuliebe Lage mir
von dir erzählte! Von deinen närrischen – anspruchsvollen Wünschen,
Gitti … Trunken war ich vor Glück. – Dich zu nehmen, dich zu lehren,
dich aufzuwecken … Und da nahm ich das Ringlein vom Topasenschmuck
und band es mit einem Myrtenzweig und goldenem Bande an meiner Mutter
Gebetbuch. Dort hängt es an dem Tannenbäumchen, Gitti. – Aber du wirst
es nie bekommen und tragen … Denn – ich reiste landauf landab, die
Kreuz, die Quer in jede große oder kleine Stadt, darinnen kluge Ärzte
lebten, und eröffnete mich ihnen … Und es hat mir jeder versichert
– – – Gitti – Liebes – – _daß ich entsagen müsse_.« –
[Illustration]
Als Ritter Lage mir dies Schwere aufzuheben gegeben, – da bin ich
wohl sehend geworden und um Jahre gereift. Ich erhob mich von meinem
Platze und ging festen Schrittes zum Tannenbäumchen, nahm das »vierte
Päckchen« von seinen Zweigen und öffnete es. Ein rotes Gebetbüchlein
mit goldenem Schloß lag darin, daran hing an goldenem Kettchen der
Topasenring. Ich steckte ihn an meinen Finger und trat zum Ritter Lage.
»Hier steht deine Braut, Clemens Lage«, sagte ich schlicht. »Was ist’s,
dem wir entsagen müssen? Denk’ nicht daran, Ritter Lage. Wenn wir
beisammen sind, – _das_ ist Glück. Wenn ich mit dir zu Tisch sitze,
dich pflegen darf in Krankheit, die Gott verhüten möge, _das_ ist
Glück. Dein Leiden, das ist wohl traurig – – könnt’ ich’s für dich
tragen. Ich wollt’ dich dann wahrlich nicht fortschicken, sondern dich
bitten, mich zu stützen, Ritter Lage. Und – wenn wir kein Kindchen
haben dürfen, – – hab’ ich nicht drunten ein ganzes Waisenhaus voll?
Und darf ich nicht deine Schwester sein?«
[Illustration]
»Gitti, du marterst mich unsäglich«, stöhnte er auf. »Mit deiner holden
Güte marterst du mich. – Willst du mich durchaus ganz klein sehen?
Soll ich dir bekennen, daß ich zu solchem zahmen Glück nicht tauge? Daß
ich dich in derselben Stunde, da der Priester uns verbunden, in meine
Arme reiße, meine stolze, scheue Gitti? Und daß ich es doch nicht zum
zweiten Male ertragen würde, mich geschmäht und verachtet zu sehen von
einem Weibe, weil der Sieche, der Krüppel nach Menschenglück und Lust
verlangt hatte? Geh, Gitti, – ich _bitte_ dich, geh.«
Da löste ich meine Füße von der Stelle, wo ich stand. Und sah ihn an,
der mich fortwies. Und schritt zum Tisch und mußte mich an diesen
klammern, weil sich der Raum rings um mich drehte. Muß wohl sehr weiß
und krank ausgesehen haben, denn Ritter Lage stand plötzlich neben mir.
Aufrecht, nur leicht auf den Stock gestützt. Den linken Arm legte er
um mich. Tief und gut sah er mir in die Augen. »Was bin ich für ein
Barbar! Darf ich verlangen, daß dies kleine Mädchen stärker sei als
ich? Soll ich dich küssen, Gitti? Darf ich? Wirst du dann wieder mein
tapferes Lieb? Wirst du dann wieder rote Wangen haben und strahlende
Augen? Darf ich dir zeigen, wie unsäglich lieb ich dich habe? Und daß
du dich doch nicht zu fürchten brauchst vor dem bösen Zornebock? Hast
du Vertrauen zu mir?«
Ich nickte stumm.
Da nahm er mich an sein Herz. Ritter Lage lehrte mich den ersten Kuß.
– Sonne war ringsum. Sonne. Ich lebte, ich ward. Ich ward gut und
fromm. Und erhielt die Kraft, einen Schattenweg zu durchwandern durch
Kälte, Einsamkeit und Not. –
Wir standen Hand in Hand und Mund an Mund.
Lange, lange.
Die Uhr auf dem Simse tickte.
Die Buchenscheite loderten und fielen zusammen.
Baumzweige, schwer von der Schneelast, schüttelten sich im Wind an den
Fenstern.