Meine Frau liebte mich nicht mehr. Und wenn ich es nicht fassen wollte,
›daß Liebe brechen kann‹, wie es im Volksliede heißt, so gellte mir
ihr Haß, ihre tiefe, kränkende Abneigung in die Ohren. Dann wurde ich
plötzlich krank, Gitti, – lächerlich krank, – ich bekam die Masern.
Lach’ doch, Gitti. Denn man brachte mich, den Freiherrn von Lage, ins
Spital, weil meine Frau mich nicht pflegen wollte. – Und die Masern
waren schwer. Vielleicht hätte ein Kind sie überwunden. Aber der
_Freiherr_ von Lage war seitdem ein _gebundener_ Mann. Ich erstand
aus der Krankheit, so wie du mich siehst. Nicht gleich so schlimm. Es
kam nach und nach. Und das Schicksal bejahte den Widerwillen meiner
Lebensgefährtin. Die Tragik meiner Ehe kannte nur ein Mensch außer mir,
Leo von ter Mählen in München. – Ihm hatte ich meine Frau gezeigt,
als er noch in Holland wohnte. Kleine Gitti, diesen Freund müßtest du
kennenlernen … Aber vielleicht könnte ich’s noch gar nicht ertragen,
daß du ihn kennenlerntest …«
»Ich habe ihn kennengelernt.«
Er fuhr auf aus seiner bequemen Stellung.
»Gitti! Wie kam das?«
»Durch die Heidkamper.«
»Nun, – und?«
»Ich habe ihn sehr liebgewonnen.«
Clemens Lage lachte leise. »Ich gönne ihm das. Es klang anders, als du
_mir_ dies Wort sagtest …«
»Ohhh …«
»Quäle ich dich schon wieder, Gitti? Ändert sich Zornebock nie? – Was
sprachst du mit Leo?«
»Nur von dir. Er erzählte mir von einer Tonfigur, die du geformt …«
Wieder richtete sich Ritter Lage lebhaft auf. »Hat er den Tag und die
Episode behalten? Das ist Freund Leo, wie er leibt und lebt. Knüpfte er
keine Bemerkung daran?« Er sah mich forschend an.
»O doch. Er sagte, daß – ich diesem Figürlein aufs Haar gliche … Und
– er fragte mich …«
»Du brauchst es nicht zu sagen. Ja, ich hab’ dich all mein Leben lang
gesucht. – Geh fort, Gitti, du kamst zu spät …«
Da wollte ich wirklich gehen, aber er hielt mich in raschem Griff
zurück. Es tat weh, so fest griff er zu.
»Willst du wohl, Wilde«, zürnte er. »Du sollst nicht immer gehorchen …
Sieh, ich möchte zu Ende kommen mit meinem Märchen aus tausendundeiner
– Wahrheit. – Wenn ich zu Ende bin, lasse ich dich sicher
heimgeleiten. –
Gitti, – Freund Leo und ein anderer Freund, ein Arzt in München,
hielten mich aufrecht. Sie sagten mir, daß ich mich mit Gespenstern
plage, daß ich innerlich gesund sei, sie forschten und brachten
gute Kunde … Ich wurde ruhig, wurde gesammelt und froh, trotz meines
Leidens, das niemals Fortschritte machte, mich nicht ernstlich an
ernster Arbeit hinderte. So wurde, wie allen echten Lages, die Arbeit
meine Lebensgefährtin. Die andre – versagte ganz, sie steigerte sich
in furchtbare Reizbarkeit und den berüchtigten Lageschen Jähzorn hinein
… bis ihre Nerven zerrissen.